Hongkong Architektur nach Feng-Shui

Geht es um seine Kleidung, dann trägt Denny Ip in diesem Jahr hauptsächlich weiß und gelb. Auch wenn es nicht immer ganz leicht ist. Für den Rucksack in der richtigen Farbe ist er jüngst tagelang durch die Geschäfte Hongkongs gelaufen. "Warum der Aufwand?", fragt man den 42-jährigen Chinesen. "Because Feng Shui-Master said so" - "Weil es der Feng-Shui-Meister gesagt hat", lautet die knappe Antwort. Und dem Meister sollte man nicht widersprechen.

Während Feng-Shui in Deutschland häufig zwischen Esoterik-Messe und geschäftstüchtiger Innenarchitektur pendelt, findet die daoistische Philosophie in der ehemaligen britischen Kronkolonie in allen Lebenslagen ihre Anwendung. Um das ultimative Ziel, die Harmonisierung des Menschen mit seiner Umgebung zu erreichen, scheuen Hongkongs Bewohner und Unternehmen keine Mühen oder Kosten.

Diese Erfahrung machte auch Stararchitekt Sir Norman Foster. Der Brite wurde 1979 von der Hongkong und Shanghai Bank (HSBC) mit dem Neubau ihres Hauptquartiers im Central-Distrikt beauftragt. Das Projekt verschlang fast 700 Millionen US-Dollar. Als der Wolkenkratzer 1985 eingeweiht wurde, war er das teuerste Gebäude der Welt. Und zwar nicht nur, weil Fosters Ideen vom Feinsten waren, sondern auch, weil der Feng-Shui-Meister immer das letzte Wort bei Planung und Umsetzung hatte.

So verlangte der Feng-Shui-Meister, dass die Rolltreppen in einem bestimmten Winkel zueinander installiert werden. Sir Foster hielt sich nicht an die Vorgaben. Der Feng-Shui-Meister zeigte sich davon nicht sehr begeistert und machte seinen Einfluss beim Bankvorstand geltend. Foster hatte das Nachsehen. Die Rolltreppen wurden versetzt. Die zusätzlichen Kosten waren den Managern egal, Hauptsache das Feng-Shui stimmte.

Trotz solcher kleinen Missverständnisse hat Sir Foster einen mehr als ordentlichen Job in Hongkong abgeliefert. Die Chinesen lieben das Gebäude, das weder besonders imposant noch ansehnlich ist. Das Feng-Shui ist allerdings perfekt und darauf kommt es an.

Der HSBC-Eingangsbereich wurde auf Anraten des Feng-Shui-Meisters einem Strand nachempfunden. Schließlich heißt es, dass Wasser Geld in die Kassen spült. Damit dieses auch ohne Probleme die Bank erreicht beziehungsweise in Sichtweite ist, ließ sich HSBC vertraglich von der Stadt Hongkong zusichern, dass der Blick vom Hauptquartier in Richtung Victoria Harbour auf ewige Zeiten unverbaut bleibt.

Die Bank of China - das meistgehasste Gebäude der Stadt

Vor dem HSBC-Gebäude bewachen seit den 1930er Jahren zwei Bronzelöwen den Eingang. Während des Neubaus mussten diese für zwei Jahre auf den benachbarten Statue Square umziehen. Als es darum ging, für die Statuen einen Platz vor dem Foster-Gebäude zu finden, wurden selbstverständlich zahlreiche Feng-Shui-Spezialisten konsultiert, ehe man die Raubkatzen erneut bewegte. Anscheinend mit großem Erfolg, nicht nur für die Bank. Die beiden Löwen gelten in Hongkong als Glücksbringer. Aus diesem Grund kann man auch täglich junge Paare beobachten, die die Tatzen sowie Köpfe der gewichtigen Tiere streicheln - und sich dadurch eine Wertsteigerung ihrer Beziehung erhoffen.

Der Wolkenkratzer der Bank of China ist so etwas wie der böse Bruder des HSBC-Hauptquartiers und eines der meist gehassten Gebäude Hongkongs. Glaubt man den Experten, dann strahlt das Gebäude des chinesischen Stararchitekten I. M. Pei massenhaft schlechtes Feng-Shui aus. Die Fassade des 72 Stockwerke hohen Hauses besteht aus zahlreichen Dreiecken, die laut der fernöstlichen Harmonielehre wie Dolche die Nachbarschaft niederstechen. Die diabolischen Ecken zeigen unter anderem auf den ehemaligen Sitz des britischen Gouverneurs. Der böse Einfluss der Bank of China soll so für die Übergabe der Kronkolonie an die Chinesen gesorgt haben. Die Dolche haben auch das US-amerikanische Konsulat im Visier. Doch dort hat man sich gegen das schlechte Feng-Shui angeblich gewappnet. Die Mitarbeiter stellten Spiegel in die Fenster, um die bösen Kräfte zurück zu schleudern.

Hongkongs Central-Distrikt ist inzwischen voller Wolkenkratzer und Bürogebäude, die sich dem Feng-Shui ihrer Nachbarn erwehren müssen. Und manch ein Architekt zieht dabei den Kürzeren. Bestes Beispiel ist der Stammsitz der Standard Chartered Bank. Als man den Feng-Shui-Meister fragte, auf welcher Seite sich der Haupteingang des Geldinstituts befinden sollte, zuckte der angesichts der bösen Energien aus allen Himmelsrichtungen nur mit den Schultern. Die Bank verzichtete daraufhin auf einen standesgemäßen Eingangsbereich. Ein paar kleine Schwingtüren müssen jetzt als Ersatz dafür herhalten.

Doch das ist in Hongkong nicht die einzige skurrile Baumaßnahme, die dem Feng-Shui geschuldet ist. So wurde das alte Gebäude der AIA-Versicherung, dass sich am Fuße des Peaks befindet, mit Fenstern ausgestattet, die an Särge erinnern. Der Meister hielt das für angebracht. Schließlich gehört der Tod zum Geschäft des Versicherers und nebenan befand sich passender Weise auch ein Friedhof.

Ein Feng-Shui-Klassiker ist das Hopewell Center in Wanchai. Für viele Einwohner sah das kreisrunde Gebäude aus wie eine Zigarette oder ein Schornstein. Ein Alptraum für den Meister. Er befürchtete, dass hier der Bauherr zwangsläufig sein Geld "verbrennen" würde. Der weise Mann wusste jedoch Rat. Auf dem Dach des Wolkenkratzers installierte man zusätzlich einen riesigen Swimmingpool. Das Schwimmen ist dort jedoch verboten, denn das kühle Nass soll lediglich das "Feuer" löschen und so den Reichtum des Besitzers beschützen.

Feng-Shui-Meister kümmern sich in Hongkong nicht nur um die großen Bauprojekte riesiger Unternehmen. Auch die "kleinen Leute" sichern sich deren Beratung bei Hauskauf und Wohnungseinrichtung, denn der Lohn für die Dienstleistung wird nach der Fläche des Objekts berechnet. Ein Quadratfuß kostet in den meisten Fällen ungefähr 50 Cent.

Bei Denny Ip schaut der Feng-Shui-Meister einmal im Jahr vorbei. Beim letzten Mal stellte er fest, dass Ips Nachbar seine Haustür mit einem Löwenkopf verschönert hatte und dieser böse Energien ausstrahlte. Der Meister empfahl entweder eine Schildkröte oder zwei Mäuse am eigenen Eingang, um die negativen Kräfte abzuwehren. Ip klebte zwei Sticker mit Micky und Minnie Maus an seine Pforte. "Mein Nachbar soll schließlich nicht sofort merken, dass ich ihn durchschaut habe", sagt er. "So sieht es aus, als hätten meine Kinder einfach nur ihren Spaß."

Ip bewohnt mit seiner Familie übrigens das allerkleinste Haus in seinem Viertel. Und dass, obwohl er sich locker ein Größeres leisten könnte. "Warum?", fragt man ihn verwundert. "Weil der Feng-Shui-Meister es gesagt hat", lautet die Antwort.

Autor:
Denis Krah