Helsinki Metropole mit Kreativität

Helsinki! Wer je an einem Sommertag mit dem Schiff im Südhafen ankam, ist diesem Bild verfallen: voraus die weißen Türme und die grün leuchtenden Kuppeln des Doms. Rechter Hand die roten, von Gold gekrönten Türme der russischen Kathedrale. Und zu beider Füße der Markt am Hafen mit den orangefarbenen Planen der Stände, an denen frischer, geräucherter und gesalzener Fisch angeboten wird und riesige Mengen roter, blauer und gelber Beeren. Die meisten Besucher erkunden die Stadt von hier aus in einem winzigen Radius, auf der Touristen-Achse vom Marktplatz zum Senatsplatz, die Esplanade hinauf bis zum Glaspalast, dem gegenüber das Kiasma steht, und wieder zurück. Andere Stadtviertel haben kaum eine Chance. Das spröde Studentenviertel Kallio so wenig wie das reiche Töölö mit seinen prächtigen Jugendstilhäusern und auch nicht das kreative Punavuori.

Dabei liegt Punavuori, der rote Hügel, nur ein paar Straßenzüge entfernt vom Zentrum. Es reicht, sich treiben zu lassen, in die Richtung des alten Hietalahti-Hafens, hinauf über holpriges Kopfsteinpflaster, vorbei an Art déco- und Jugendstilhäusern. Dies war ein Arbeiterviertel, Anfang des 20. Jahrhunderts erst gebaut, hier wohnten die Männer, die in den Werften schufteten oder in der Kabelfabrik von Nokia und mittags in schummerigen Eckkneipen Kartoffelauflauf aßen und Milch dazu tranken.

Heta Kuchka, 32 Jahre alt, Foto- und Videokünstlerin, ist in Punavuori geboren und hat ihr ganzes Leben in diesem Viertel gewohnt, weiter als sechs Blocks ist sie nie umgezogen. Heta Kuchka ist ein Shooting-Star. Gerade wurde sie zur "Künstlerin des Jahres" gekürt, ein Titel, mit dem ein Stipendium über 20.000 Euro verbunden ist. Eine bildschöne junge Frau, schlank, blond, mit einem Strahlemund, wie ihn Julia Roberts hat, und wenn sie die übergroße Retro-Brille von Yves-Saint-Laurent absetzt, sieht man ihre leicht schräg stehenden grünen Augen.

Heta Kuchka liebt es, sich selbst zu inszenieren. Beim Kaffeetrinken, im Interview, in ihrer Kunst. Für ihr jüngstes Projekt "Für immer Dein" hat sie acht Mal an einem Tag geheiratet: "Ich wurde verlassen. Von dem Mann, den ich heiraten, mit dem ich Kinder haben wollte." Um den Schmerz zu besiegen, hat sie acht Männer vor einen Kamera-Altar geschleppt. Und mit Hochglanzfotos und einem Video dokumentiert, "dass man sich noch nicht mal kennen muss, um auf Bildern die perfekte Illusion vom Glück zu erzeugen."

Sie hätte sich eine Ehe gewünscht, wie ihre Eltern sie hatten, "bis dass der Tod Euch scheidet". Vor sechs Jahren ist ihr Vater gestorben, ein Amerikaner, der für die Finnin, die er Ende der sechziger Jahre in Ungarn beim Trampen kennen lernte, sein Leben in den Staaten zurückließ. "Mit einem Koffer kam er nach Helsinki. Und ist nie wieder gegangen", seufzt Heta. Sie wollte immer wissen, wie ihr Leben gewesen wäre, wenn stattdessen die Mutter in die USA gezogen wäre. In ihrem viel gerühmten Projekt "Was wäre wenn?" hat sie sich ein Kunstleben in den USA geschaffen. Und war danach heilfroh, wieder in Helsinki zu sein. Auch weil Punavuori, der ehemalige Arbeiterstadtteil, längst zum Trendviertel mutiert ist.

Die Werften wurden geschlossen und aus der alten Kabelfabrik ist "Kaapeli" geworden, ein Kulturzentrum mit Galerien, Bühnen und Cafés. 31.7000 Kubikmeter Raum für die Kunst. Der Manager des Kaapeli, Heavy-Metal-Fan Stuba Nikula, vergleicht seine Kulturfabrik gern mit einem riesigen Schnapsglas: "Könnte man das Gebäude mit Wodka füllen, wären es 1560 Drinks für jeden der fünf Millionen Finnen."

Ein paar der alten Eckkneipen gibt es noch, doch viele sind schicken Bars und Restaurants gewichen, Designshops, Boutiquen, Galerien und Plattenläden. Sie haben sich in einer privaten Initiative zum "Design District" zusammengeschlossen, organisieren Events, verteilen Stadtpläne und geben Tipps. In etlichen dieser Läden kann man die Kreationen von Noora Niinikoski und Piia Rinne kaufen, beide gehören zu den Pionieren der neuen Szene. Die beiden Modekünstlerinnen nähen Stoffcollagen, grienende Katzen, grellbunte Fische und grimassenhafte Totenköpfe auf ihre Kleider, jedes Stück ein Unikat, so schräg, dass es beileibe nicht jedem gefällt, aber immer verspielt und witzig. "Ich will, dass Mode Spaß macht", sagt Noora, "so wie gute Musik Spaß macht oder gutes Essen. In Helsinki haben die Menschen das erst kürzlich gelernt: Mode, Kunst, Musik und Essen machen Spaß und das Leben schöner."

Fragt man nach dem Zeitpunkt der Erkenntnis, wird oft das Jahr 2000 genannt, in dem Helsinki europäische Kulturhauptstadt war. Mindestens genauso wichtig für den Wandel der Stadt war 1998 die Eröffnung des Museums für Moderne Kunst, Kiasma, mit dem der New Yorker Architekt Steven Holl berühmt wurde. Ein Gebäude, das im Inneren zu tanzen scheint, mit sich auf vier Etagen überlappenden, runden Galerien. Die Fassade ist aus handpoliertem Aluminium und Glas, das Dach aus vorpatiniertem Zink, wie ein Leuchtkörper schwebt das Museum nächtens über dem Töölö-See.

Kiasma ist ein Symbol für Helsinkis Aufbruch geworden, undenkbar, dass an seinem Platz jahrzehntelang ein städtebauliches Nichts aus Straßenkreuzungen existierte. Längst haben das auch die Lästerer akzeptiert, die beim Bau noch fragten, ob "so etwas" neben der Statue des Volkshelden Freiherr von Mannerheim stehen darf. Auf dem Platz vor dem Museum treffen sich die Skater, und auf der Wiese dahinter wird im Sommer gepicknickt.

Spannend ist die Mischung: Aus Mode wird Kunst

Das Kiasma-Café ist der Lieblingsort von Liisa Jokinen.Vor knapp einem Jahr hat sie "Hel Looks" gegründet, eine Website, auf der sie Streetfashion-Fotos veröffentlicht. Ihre Kamera trägt Liisa stets bei sich, mehr als 300 Männer und Frauen in lässigen Outfits hat sie auf ihrer Seite im Netz versammelt, jeden Tag klicken fast 6000 Fans www.hel-looks.com an. Ihre anfängliche Angst, schnell alle Fashionistas der Stadt durchfotografiert zu haben, hat sich längst gelegt. "Helsinki hat viel Potential. Die Leute interessieren sich für Stil, sind sehr kreativ und basteln sich ihren eigenen Look." Liisas Leben hat sich dank "Hel Looks" um 180 Grad gewendet. Ihren Job bei der Fachzeitschrift für die Plastikwirtschaft hat sie aufgegeben, schreibt jetzt für das Style-Magazin "Image": "Ständig bekomme ich Anfragen von Ausländern, die wissen wollen, was sie in Helsinki Cooles unternehmen können."

Liisa verweist die Fragenden an "Citysherpa", ein Projekt von Radio Helsinki, in dem Einheimische Besucher kostenlos an ihre Lieblingsplätze führen: Ein Langstreckenläufer nimmt Touristen mit zum Joggen, eine Künstlerin führt durch Off-Galerien, und Antti Virtanen, der gerade über Holzmarketing promoviert, zeigt Musikfans die besten Plattenläden. Nach einem Sommer als Citysherpa hat Antti neue Freunde aus aller Welt. Er weiß, sie werden ihm ihre Städte zeigen, falls er dorthin reisen sollte. Und er hat gelernt, Helsinki mit den begeisterten Augen der Gäste zu sehen: "Nach jeder Tour finde ich die Stadt ein bisschen schöner und interessanter."

Es scheint, als hätten die Touristen die Wandlung Helsinkis von der verschlafenen "Tochter der Ostsee" zur Trendmetropole schneller verstanden als viele Einheimische. Mikko Numminen, Chefredakteur von "Image", erklärt: "Viele Finnen denken, Helsinki sei zu klein, um cool zu sein. Aber das stimmt nicht. Die Szene ist zwar nicht groß, aber eng verwoben, man sieht sich oft, das ist sehr fruchtbar. Künstler arbeiten mit DJs, Restaurants präsentieren Performances und Designer organisieren Projekte mit Galerien - eine wirklich spannende Mischung."

Einer, der fast immer dabei ist, wenn in Helsinki etwas Neues entsteht, ist Jani Leinonen. Der 27-Jährige mit dem wirren Lockenkopf ist Graphiker, Maler und Konzeptkünstler, er hat überall auf der Welt gearbeitet, aber nie daran gedacht, Helsinki zu verlassen: "Die Leute hier sind leicht zu begeistern. Ein oder zwei Anrufe und eine Nacht drüber schlafen - meist habe ich dann schon Partner für ein neues Projekt."

Im Moment bereitet Jani eine Ausstellung für "Ivana Helsinki" vor, ein junges Modelabel, das in Europa und Asien längst Kult ist. Jani bemalt Erotik- Poster aus den Siebzigern mit der neuen Kollektion - er zieht die Porno- Puppen an, mit luftigen Kleidern, bedruckt mit Schmetterlingen, so unschuldig, dass die lasziven Mädchen darin verstörend deplatziert wirken.

Paola Suhonen, der kreative Kopf hinter "Ivana Helsinki", ist begeistert von den Werken. Auch sie, die den Namen ihrer Heimatstadt zur Marke erhoben hat, könnte nirgends anders arbeiten, als hier. Doch ihr geht es nicht um Szene und Urbanität, sondern um die Natur. Sie ist in Paolas Augen Helsinkis größer Trumpf: 98 Kilometer Küstenlinie, 315 Inseln, 164 heimische Vogelarten - aber nur eine halbe Million Menschen. An lauen Juliabenden, wenn das diffuse Licht der Mitternachtssonne über der Stadt liegt, sind alle draußen: In den Parks drängeln sich Picknick-Gesellschaften, an den Stränden feiert die Jugend sich selbst und den Sommer.

Was nicht bedeutet, dass es im Winter und drinnen weniger zu erleben gäbe: Mehr als 900 Restaurants zählt die Stadt, einige sternegekrönt, viele der modernen skandinavischen Küche verpflichtet. An den Wochenenden sind die Straßen morgens um vier voller als wochentags während der Bürostunden und vor den hippen Clubs stehen sich Nachtschwärmer auch bei Minustemperaturen die Beine in den Bauch.

Der große Vorteil: Alle Wege sind kurz. Wo sonst kann man an einem Tag auf einer Insel Beeren und Pilze sammeln, in der Rauchsauna entspannen, im Sternerestaurant speisen, in einer verqualmten Bar Hardrock-Karaoke singen und danach im ultra-gestylten Club tanzen?

Helsinki hat so viel mehr zu bieten als den Blick vom Meer auf Dom und Kathedrale. Aber es ist gut, dass das berühmte Klischee die Sehnsucht weckt: Denn wer es einmal gesehen hat, der wird süchtig nach dieser Stadt. Er wird wieder kommen. Und es dann wagen, den roten Hügel zu stürmen.

Autor:
Anja Haegele