Fast Lane Frostschutz auf Finnisch

Auf wenn es nicht im Kalender steht: In dieser Woche begann ganz offiziell die gemütliche Jahreszeit. Der Start am Dienstagmorgen war noch ein wenig rabiat, da ich meine Londoner Wohnung für den Flug nach Helsinki zu einer völlig indiskutablen Uhrzeit verlassen musste. Doch spätestens als ich mich in meinen Finnair-Sitz fallen ließ, mir einen Schal umlegte und in eine Jacke schlüpfte, fühlte ich mich schnell besser und merkte kaum, wie wir über Windsor abhoben.

Zwei Stunden später hatten die leuchtenden Farben der finnischen Wälder die ganze Londoner Tristesse vergessen gemacht. Grüntöne wechselten sich mit Gold, Burgunder und verbranntem Orange ab. Der Himmel über der Stadt war wolkenlos, die Ostsee reflektierte die Sonne und es lag ein Kribbeln in der Luft - das perfekte Wetter für Wanderungen sowie die neue Herbstgarderobe. Kaum etwas schlägt einen makellosen Herbsttag am anderen Ende der Ostsee - vor allem, wenn es sich um ein Hochdruckgebiet handelt, die Sonne immer noch wärmt und die Menschen entsprechend gut gelaunt sind.

Finnland steckt gerade inmitten eines Imagewandels (verkündet wird er nächsten Monat oder so), der das Leitbild und seine Vermittlung sowohl im Inland als auch im Ausland neu definieren wird. Während große Teile des Wandels sich auf Bereiche wie Erziehung und saubere Technologie beziehen, könnte Finnland auch davon profitieren, die Gemütlichkeit zu einer Säule der nationalen Identität zu erklären.

Sicher, die Dänen mit ihren offenen Kaminöfen, den Stuhlgruppen von Mogensen und Wegner sowie ihrer hochentwickelten Kaffeekultur hätten vielleicht das eine oder andere gegen diesen Anspruch einzuwenden, und die Schweden mit ihrer fika-Kultur ("Kaffee und Kuchen"-Pause), Bruno Mathssons Loungestühlen aus Schafsleder und der Liebe zu Teelichten könnten eine diplomatische Protestnote übergeben. Ein bisschen Gemütlichkeit ist aber genau das, wonach Verbraucher im Moment suchen, und praktisch jedes nordische Länder könnte diese Chance ergreifen.

Auf den ersten Blick mag Finnland als offensichtliche Wahl vielleicht verwundern, aber ein unter der Woche im Café Ekberg im Zentrum Helsinkis verbrachter Nachmittag würde selbst den grantigsten Nörgler überzeugen. Nach einer schnellen Tour durch meine liebsten Vintage-Möbel-Geschäfte und Buchläden landete ich am späten Nachmittag vor dem Café. Die Sonne verabschiedete sich langsam und die Einheimischen verließen nach und nach ihre Arbeitsplätze.

Im Café Ekberg drängten sich zwischen Rohrstühlen, Tischplatten aus grünem Marmor und an Holzleisten befestigten Tageszeigungen jede Menge anständiger Damen und Herren in eleganten Blazern und angemessener Kleidung, außerdem Studenten in superengen Jeans und dazwischen gelegentlich ein japanischer Tourist. Natürlich verwöhnt das Café auch mit herzhaftem finnischem Brot, Kaffee und vielen Kuchen. Ich suchte mir einen Tisch weiter hinten, bestellte einen Cappuccino plus einen Berliner und vertiefte mich in eine Tasche mit finnischen Architekturzeitschriften und der Tagespresse. Ehe ich mich versah, war eine Stunde vergangen. Fast hätte ich mir noch einen Berliner bestellt, entschied mich aber dann doch dafür, der Stadt beim kollektiven Runterkommen zuzusehen.

Abgefahren finnisch

Um 18 Uhr waren die Straßen noch vollgestopft (soweit man das über Helsinki überhaupt sagen kann) mit blonden Bankern auf dem Weg zum Fitnessstudio, flippigen Mädchen auf Jopo-Rädern, die mit ihren riesigen Schals, Fahrradhelmen und bauchfreien kleinen Jacken einfach nur abgefahren finnisch aussahen, und wieder japanischen Touristen, die im Gänsemarsch durch den Park liefen und Einkaufstaschen von Marimekko mit sich herumschleppten.

Als die Sonne unterging, wurden in den Bars Kerzen rausgeholt und die Straßen begannen sich zu leeren. Nach einer heftigen E-Mail-Session in meinem Zimmer, wagte ich mich hinaus und machte mich auf den Weg ins "Sea Horse" zum Abendessen. Dabei starrte zu den hell erleuchteten Wohnungen hoch und fragte mich, wie es wohl wäre, in Helsinki zu leben. Ich habe oft gehört, wie sich ausgewanderte Freunde über die grauenhaften Winter beklagten. Es muss aber schon einiges passieren, bis sich jemand, der in Winnipeg aufwuchs, von Kälte und Schnee abschrecken lässt.

Vor meinem geistigen Auge entstand eine Wohnung: lauter Vintage-Lampen von Aalto, eine Kollektion solider Sofas und Sessel von Artek, viele Kissen von Johanna Gullichsen, eine Bibliothek und ein perfektes Audio/Video-Set-up für die langen Nächte zu Hause während der fiesen Januartage. Dazu käme selbstverständlich ein knisternder offener Kamin, die Mitgliedschaft in der Finnischen Sauna Gesellschaft, um am Wochenende oder abends noch schnell ins Meer zu springen, sowie viele, viele in den Gängen des Akademischen Buchladens im Kaufhaus Stockmann verbrachte Stunden.

Wenig später erreichte ich den kleinen Park am Rand des Sea-Horse-Restaurants und betrachtete das perfekte, kleine Stück Stadtplanung. Wenn jemals ein Städteplaner oder Architekt nach dem idealen Verhältnis zwischen Mensch und Stadt suchen sollte, ist er in dieser winzigen Ecke Helsinkis genau richtig. Die Straßen sind weit genug, um selbst in den dunkelsten Monaten hell zu wirken, aber eng genug, um ein Gefühl von Intimität zu produzieren. Die Gebäude sind solide und ziemlich stattlich, aber irgendwie sorgt das dafür, dass der Fußgänger sich umhegt und beschützt fühlt. Es ist viel Grün zu sehen und der kleine Park ist weder zu perfekt noch zu wild.

Und das Wichtigste: Es gibt eine ausgewählte Mischung an Läden, die sich weder permanent wiederholen noch leicht wiederzuerkennen sind - eine beschauliche Bäckerei, ein Tante-Emma-Laden, ein Räucherstäbchen-Laden aus Kyoto und Heerscharen von Cafés, Restaurants und Bars. Wenn Sie auf der Suche nach einer Dosis nach Kardamom duftender, herbstlicher Gemütlichkeit sind, beginnt Helsinki hier zu glühen.

Autor:
Tyler Brûlé