Heidelberg Liebling der Touristen

Fünf Amerikanerinnen singen "Happy Birthday". Ein Teelicht brennt, und Mr. Bob DeBoo sitzt gerührt vor einer mehrere Schichten dicken Schokoladentorte. An den Wänden hängen Schwarz-Weiß-Fotos der Studenten von anno dazumal, wohlige Wärme füllt das "Café Knösel". Draußen wird es langsam dunkel, im ältesten Kaffeehaus von Heidelberg feiert Bob DeBoo aus Atlanta (Georgia) seinen fünfundachtzigsten Geburtstag. Zehn Tage ist die Reisegruppe aus den Vereinigten Staaten in Deutschland unterwegs. Für einen halben Tag ist sie in Heidelberg, dem Epizentrum des "old world Germany".

Das "Café Knösel" bildet den Abschluss der Stadtführung. Bob ist der Älteste, die jüngste Teilnehmerin ist 51 Jahre alt. Die Herrschaften sind erschöpft, aber aufgekratzt. Der Jubilar reicht seine üppige Schokoladentorte in die Runde, die Damen amüsieren sich über komische Worte auf der Speisekarte. "Wonderful day", schallt es durch das überfüllte Kaffeehaus, es war ein wunderbarer Tag. Sie haben hier das gefunden, wofür die englische Sprache einen deutschen Ausdruck übernommen hat. Das Wörterbuch "Merriam-Webster" führt ihn als Eintrag, auch wenn der Umlaut bei der Aussprache stets Schwierigkeiten macht: Für gemütlichkeit gibt es keine Übersetzung.

Mit 24 Prozent stellen Amerikaner die größte Gruppe unter den ausländischen Heidelberg-Besuchern. Im Schnitt bleiben sie 1,7 Tage. Das städtische Touristenbüro hält 56 englischsprachige Führer bereit. Der Altstadtrundgang mit Schlossführung ist der Renner im Angebot. Auch die Gruppe aus Atlanta hat diese Tour gebucht.

Die schmalen Straßen der Altstadt sind an diesem Samstagmittag mehrfach überbucht mit Einheimischen auf Einkaufstour und Besuchern aus aller Herren Länder. Es ist nicht ganz einfach, den Erklärungen der Stadtführerin zuzuhören, weil von vielen Seiten, einem Echo gleich, ein ähnlicher Vortrag in Deutsch, Spanisch oder Italienisch ertönt. Die Gruppe folgt sichtlich bemüht den in die kalte Luft geworfenen Stichworten durch die Menschenmenge. "Lion fountain, University Square, Martin Luther memorial plaque, students' prison." Die Reaktionen der Herrschaften aus Atlanta sind hörbar abgestuft. Die Skala reicht von "oh" (knapp, kurz zur Kenntnis nehmend) über "ooohhh" (erstaunt, mittelschwer beeindruckt) und "aaahhh" (erfreut, amüsiert) bis zum ultimativen "wow" (überrascht, begeistert).

Besondere Aufmerksamkeit erhalten alle Geschichten, die etwas mit der Heimat der Gäste zu tun haben. Der frühere amerikanische Botschafter Jacob Gould Schurman ermöglichte durch das Sammeln von Spendengeldern seiner Landsleute 1931 den Bau eines weiteren Universitätsgebäudes ("ooohhh") und hat angeblich die deutsche Sprache in wenigen Wochen erlernt ("wow!"). Auch Mark Twain hat den Studentenkarzer besucht ("oh"), in seinen Aufzeichnungen steht dazu geschrieben: "Es ist fraglich, ob die Kriminalgeschichte der Welt einen kurioseren Brauch als diesen aufzuweisen hat." Studenten legten es darauf an, eine Haftstrafe zu bekommen, indem sie etwa nackt im Neckar badeten, während die höheren Töchter am Ufer spazieren gingen ("aaahhh").

Die schreckliche deutsche Sprache

Es gibt so einiges, was die Stadt Heidelberg mit dem Herkunftsland der amerikanischen Besucher verbindet. Im warmen Innenraum der Jesuitenkirche referiert die Stadtführerin über Anhaltspunkte der besonderen Beziehung. Anlass für den Kurzvortrag auf Kirchenbänken ist eine Frage, die nicht nur viele Amerikaner bewegt. Patricia Griffin hat sie gestellt, eine resolute Lehrerin im Ruhestand, die seit Beginn der Führung mit klammen Fingern Notizen auf einem vielfach gefalteten Zettel macht: "Warum blieb Heidelberg im Zweiten Weltkrieg unversehrt?" Für dieses historische Glück gibt es verschiedene Erklärungsversuche, aber keiner ist wirklich belegbar. Deshalb versucht es die Gästeführerin mit einer besonders gewagten Theorie: "Weil die US-Armee schon damals plante, hier ihr Hauptquartier einzurichten." Die selbstbewussten Besucher aus Atlanta nicken zustimmend. Diese Erklärung erscheint ihnen durchaus plausibel.

Ihre Truppen sind der erste Anhaltspunkt für die Heidelberg- Faszination der Amerikaner. Mindestens bis 2015 bleiben amerikanische Soldaten noch in der Stadt, leben in ihren Siedlungen, dem "Mark Twain Village" und dem "Patrick Henry Village". Der zweite Namensgeber, ein wichtiger Vertreter der amerikanischen Unabhängigkeitsbewegung, löst eine kleine patriotische Euphorie aus, fast als spürten die Reisenden aus Georgia ein wenig Stolz dabei, der Übermacht der deutschen Geschichte auch mal die eigene entgegenzusetzen: "Give me liberty, or give me death!" haucht Ann Lombardo, die amerikanische Reiseleiterin, in die relative Stille des Kirchenschiffs.

Punkt zwei: Mark Twain. Der amerikanische Schriftsteller verbrachte auf seiner Europareise 1878 einige Monate in Heidelberg und hat seine Betrachtungen zu Stadt, Schloss und schlagenden Verbindungen zu einem Reisebuch verarbeitet, das 1880 erschien: "A Tramp Abroad" - "Bummel durch Europa". Darin befasst er sich auch ausführlich mit "the awful German language", der schrecklichen deutschen Sprache.

Beim dritten Anknüpfungspunkt der Amerikaner handeltes sich um ein kulturell weniger anerkanntes Kuriosum. "The Student Prince", eine Operette nach dem Schauspiel "Alt-Heidelberg", stammt von dem ungarisch-amerikanischen Komponisten Sigmund Romberg. Bis in die 1940er feierte das Stück am Broadway Erfolge und wurde mehrfach verfilmt. Die Geschichte könnte hollywoodesker kaum sein: Ein Prinz soll in Heidelberg als Student inkognito das normaleLeben erfahren, verliebt sich dort in die Tochter eines Gastwirts und wird zum traurigen Ende als Herrscher in sein Königreich und an die Seite der ihm dort anverlobten Prinzessin zurückgerufen.

Der Gruppe lebensweiser Südstaatler entlockt diese Schmonzette keinen Seufzer. "That's how it is", konstatiert die 80-jährige Chemieprofessorin Jean Shadomy kühl, so läuft's nun mal im Leben.

Bratwurst und Studentenküsse

Auch detaillierte Geschichtsbetrachtung ist die Sache der Amerikaner nicht. Zu abstrakt, zu verwirrend sind die Jahrhunderte der Kriege und die Chronologien deutscher Kaiser- und Königreiche. Man spürt bisweilen bei ihnen eine Ungeduld, wie sie einen selbst früher im Geschichtsunterricht befiel.

Es wird Zeit für den größeren Überblick: die Bergbahnfahrt zum Schloss. Bob, der Alterspräsident, tänzelt beschwingt voraus zur Talstation und singt folgerichtig "Funiculì, funiculà" dazu. Oben auf dem Schlossberg scheinen die Proportionen für amerikanisches Empfinden besser zu stimmen. "That's a wine barrel!" - das nenn' ich ein Weinfass! Der riesige Bottich fasst 228 000 Liter und bietet einen weiteren Anknüpfungspunkt an die US-amerikanische Identität. Der spätere Präsident Thomas Jefferson war 1778 amerikanischer Botschafter in Paris und besuchte bei dieser Gelegenheit Heidelberg ("ooohhh"). Schon damals enthielt das gigantische Fass keinen Wein mehr. Enttäuschung bei Bob und seinen Damen.

Die Kleinteiligkeit der Welt zu ihren Füßen bleibt den Besuchern fremd. Von oben auf die Stadt blickend, erkennen sie die Kirchen nicht mehr, die sie eben noch bestaunt haben. Ihre Aufmerksamkeit gilt jetzt dem Boden unter ihren Füßen im Schlosshof. Das Kopfsteinpflaster stellte eine allseits diskutierte, gefährliche Herausforderung dar.

Nur Patricia, die forsche Lehrerin, ist schnell aus dem Schloss verschwunden. Sie folgt einer eigenen Mission: Shopping. Als Einzige war sie schon einmal in Heidelberg, im Rahmen einer Flusskreuzfahrt auf dem Rhein. Dabei war die Besuchszeit noch knapper bemessen, und jeder Einkaufsbummel wurde von der gestrengen Reiseleiterin unterbunden. "Wir haben sie nur die Preußin genannt", sagt Patricia. Sie hat nun einiges nachzuholen.

Der Rest der Gruppe begnügt sich mit spitzen Schreien angesichts eines Trachtenladens am Marktplatz und folgt der Erkenntnis, die Susan Pasquale, eine 51 Jahre alte Wirtschaftsprüferin, auf ihrer Deutschlandreise bereits gewonnen hat: "Das Essen ist so wichtig wie die Sehenswürdigkeiten." Mit Begeisterung fotografiert sie im "Café Knösel" die Bratwurst ihrer Freundin. Die Lehrerin Patricia hat sich mit "Studentenküssen" eingedeckt, der berühmten Praline des Hauses. Gewissenhaft notiert sie den Namen. Jean betrachtet mit Stirnrunzeln die Palette an Gerichten, die ihr Freund Bob vor sich aufgebaut hat: eine Linsensuppe, ein belegtes Riesenbrötchen und den Geburtstagsschokoladenkuchen. Die Reiseleiterin Ann studiert mit sorgenvoller Miene den Fahrplan der Bahn. Die Gruppe übernachtet in einem Hotel im Schwarzwald. Man muss bald aufbrechen, schließlich werden sie dort zum Abendessen erwartet.

Schlagworte:
Autor:
Martina Wimmer