Heidelberg Die Stadt am Rhein-Neckar

Ein üppig grünes Tal, das zur Stadt sich weitet. Die morgendlichen Nebel über dem Fluss. Ein Sonnenstrahl, der durch ein dichtes Laubdach fällt. Ein Brunnen unter Bäumen, aus dessen Tiefe geheimnisvolles Wispern zu dringen scheint. Die Stille in den Gemäuern einer alten Abtei. Das Gewühl in den Gassen um die Heiliggeistkirche. Und über allem die dunkelrot leuchtende Ruine des Schlosses - eigentlich brauchten die Poeten und die Maler zu Beginn des 19. Jahrhunderts nur zu lauschen und zu schauen: In Heidelberg lag das ganze Programm der Romantik ausgebreitet vor ihnen.

Carl Philipp Fohr malte vor dem Hintergrund der geborstenen Türme und Zinnen Hirtenszenen aus den Tiefen einer vermeintlich seligen Zeit. Der Engländer William Turner sah die Festung im diffus gleißenden Licht des Flusstals. Joseph von Eichendorff besang den Burggeist und die Einsamkeit des Waldes. Der Zauber der Landschaft gab den Takt vor, die reiche Natur bestimmte die Pracht der Farben, und raunende Geschichte verlieh den Worten der Dichter Tiefe und Bedeutung. Viele, viele sollten ihren Lockungen folgen.

Vielleicht war es der aus Marburg zugezogene Friedrich Creuzer, Professor für Klassische Philologie an der gerade wiederbelebten Universität, der das Zauberwort traf und das Lied weckte, das da in den Dingen schlief. "Wenn ich jetzt bei meinen einsamen Wanderungen in den mächtigen Ruinen des hiesigen Schlosses unsere neuteutsche Kleinheit fühle", so schrieb er seinem Freund Clemens Brentano im April 1804, "empfinde ich lebhaft, dass diese Stadt ein Ort für Männer sei, die den alten Romantischen Gesang in seiner Tiefe aufzufassen und auf eine würdige Weise wieder zu beleben vermögen." Der so blumig beschmeichelte Poet ließ sich nicht lange bitten.

Nur wenige Monate später kam Brentano nach Heidelberg. Er brachte seine frisch angetraute Frau mit, die Dichterin Sophie Mereau, der ein staunender Friedrich Schiller einige Jahre zuvor in Jena bescheinigt hatte, dass "unsere Weiber jetzt eine gewisse Schreibgeschicklichkeit sich zu verschaffen wissen, die der Kunst nahe kommt". Häufig war Brentanos Freund und späterer Schwager Achim von Arnim zu Gast, später gesellte sich der Privatdozent Joseph von Görres hinzu, Erforscher altdeutscher Volkslieder und Mythen. Die viel bewunderte Karoline von Günderrode gehörte zum Kreis der Literaten, ebenso Brentanos Schwester, die künftige Bettine von Arnim. Creuzers ahnungsvolle Schwärmerei hatte prominentes Personal für den Aufbruch der Romantik nach Heidelberg gelockt. Vielleicht war es so.

Eichendorff hat aufgeschrieben, wie die romantischen Zirkel Anfang des 19. Jahrhunderts ihre Wirkung entfalteten, wie sie debattierten und lachten und ihre Ideen funkeln ließen. 1857, ein halbes Jahrhundert später, schildert er seine Erinnerungen in einer Farbenpracht, als wäre alles gerade gestern geschehen und er selbst sei dabei gewesen. Über Brentano und von Arnim schrieb er: "Sie bewohnten im ›Faulpelz‹, einer ehrbaren aber obskuren Kneipe am Schlossberg, einen großen luftigen Saal, dessen sechs Fenster mit der Aussicht über Stadt und Land die herrlichsten Wandgemälde" darstellten. Und Brentano, klein, schwarz gelockt und temperamentvoll, habe in Görres' Klause aus dem Stegreif Lieder zur Gitarre gesungen.

Doch die Detektive der Geistesgeschichte sind dem Dichter auf die Schliche gekommen. Sein "Triumvirat" der Heidelberger Romantik - Arnim, Brentano und Görres - war nicht einmal zwei Monate lang gleichzeitig dort. Eichendorff selbst ist nach nur einem Jahr in der Stadt zu früh wieder abgereist, um die drei in dieser Konstellation erlebt haben zu können. Und Quartier haben Arnim und Brentano nicht im "Faulen Pelz" genommen, sondern in einem Hause gegenüber; übrigens genau am 12. Mai 1808, dem Tag von Eichendorffs Abreise. Romantik erfindet ihre eigene Wirklichkeit. Romantik ist immer eine Fiktion.

Ein Franzose als Entwicklungshelfer

Vielleicht war es auch der französische Graf Charles de Graimberg, der das romantische Talent der Stadt erspürte und die Knospe zum Erblühen brachte. Gerade in den Trümmern der mittelalterlichen Festung hatte der begabte Zeichner so deutlich die Gesänge aus der Tiefe der Vergangenheit vernommen, dass er sich 1810 in der Ruine niederließ und zu ihrem ersten Denkmalschützer wurde. Taktisch klug sorgte er auch für die Publizität seiner Entdeckung, sicherte und dokumentierte die Ruine, brachte Abbildungen und Bücher in Umlauf, richtete ein Museum in den Mauern ein und öffnete den Schlossberg für einen bald schon üppig blühenden Tourismus. Die verwunschene, verzauberte Schönheit des Tals sprach sich herum. Die Preußen kamen, die Engländer, sogar Amerikaner.

Ein Franzose als Entwicklungshelfer der Heidelberger Romantik - das ist eine Pointe von hübscher Ironie. Denn es waren französische Truppen gewesen, die das Festungswerk im Pfälzischen Erbfolgekrieg zerstört hatten. Zweimal sogar, zuerst 1689 und dann noch einmal, der Gründlichkeit halber, 1693 - Blitzeinschläge und ein tagelang wütender Großbrand gaben 70 Jahre später dem wiederhergestellten Bauwerk den Rest.

Und wäre Graimberg nicht von der Revolution in seinem Land nach Heidelberg gespült worden, hätte nicht Johann Wolfgang Goethe, der ebenfalls ein begabter Zeichner war, schon 1779 den Stumpf des einstigen Pulverturms festgehalten und der Heidelberger Grafiker Johann Georg Primavesi später eine ganze Folge von Radierungen zu diesem "herrlichen Denkmal der Vorzeit" aufgelegt - wer weiß? Die badische Regierung in Karlsruhe hegte den Wunsch, das nichtsnutzige Trumm einfach abzutragen. Und auch für die Heidelberger Bürger war ihr Schloss zu jener Zeit nicht viel mehr als ein Steinbruch gleich vor der Haustür.

Das Spiel mit Mythen gehörte zum Geschäft der Romantik. Die Inszenierung war eine verbreitete Technik - sie passte zu einer Strömung, die sich vom vernunftgeleiteten Denken der Klassik emanzipierte, die in Widerspruch, Witz und Wandel Bereicherung erkannte und geistige Räume öffnete für das Ahnen und Sehnen, für Transzendenz und das Einssein mit der göttlichen Schöpfung. Auch die jungen Dichter und Mythenforscher von Arnim und Brentano fühlten sich zu dokumentarischer Detailtreue nicht allzu streng verpflichtet: Was sie in ihrer Heidelberger Zeit für den ersten Band der Sammlung "Des Knaben Wunderhorn" an Liedern und Reimen zusammenstellten, war durchaus nicht immer so altdeutsch, wie es die Herausgeber vorgaben. Manches hatten sie sogar selbst verfasst und zur Tarnung mit romantisierenden Quellenangaben versehen, etwa "in der Spinnstube eines hessischen Dorfes aufgeschrieben".

Mochten die als Philister verspotteten Gegner der Bewegung um den Heidelberger Homer-Übersetzer Johann Heinrich Voß sich auch über den "heillosen Mischmasch von allerlei putzigen, trutzigen, schmutzigen und nichtsnutzigen Gassenhauern" mokieren: Der große Goethe in Weimar rezensierte die Sammlung anerkennend. Das Land wurde jetzt von Napoleon bedroht. Im französisch besetzten Rheinland hatten die aus Köln stammenden Brüder Sulpiz und Melchior Boisserée Kunstgegenstände aus Kirchenbesitz bei der Säkularisation billig erworben. Ihre Sammlung mittelalterlicher Tafelgemälde brachten sie 1810 nach Heidelberg. Sie wurde zum Bildprogramm für eine ganze Generation romantischer Maler.

Nach diesen goldenen Jahren zogen die kühnen Köpfe weiter. Für die politischen Debatten des Vormärz waren die Hänge des Neckartals nicht mehr die passende Kulisse. Die Gemälde der Sammlung Boisserée wurden verkauft. Heute hängen sie in der Alten Pinakothek in München. Die Romantik aber wurde wieder und wieder neu erfunden. Manchmal gerieten die neuen Formulierungen der alten Geschichten hart an die Grenze zum Kitsch, nicht selten setzten sie locker darüber hinweg. Am Wolfsbrunnen jedoch, im verwunschenen Wald hinter dem Schloss - da kann es geschehen, dass für einen Windhauch die Zeit der Heidelberger Romantik plötzlich Gegenwart wird.

Autor:
Martin Tschechne