Havanna Vom Hotel zum Hauptquartier der Revolution

Eine vollwertige Dependance des Hilton-Imperiums war der kubanische Ableger nie. Zwar wurde das Hotel von der Hilton-Dynastie federführend betrieben, das Geld für den Prestigebau presste die Batista-Diktatur allerdings größtenteils aus dem eigenen Land - genauer gesagt aus dem Rentenfond des Gastgewerbes. Kurz bevor der Kapitalismus auf der Insel seinem Niedergang entgegentrudelte, sollte hier ein Leuchtfeuer der amerikanisch-kubanischen Freundschaft entstehen - und das Hotel Havannas Status als das lateinamerikanische Urlaubsziel Nummer Eins für wohlhabende US-Bürger zementieren. Nun: Daraus wurde bekanntlich nichts.

Nach Plänen des Architektenbüros Welton Becket & Associates, die auch für das Beverly Hilton in Los Angeles und den Firmensitz des Labels Capitol Records verantwortlich zeichneten, wurde das Habana Hilton am Boulevard La Rampa errichtet. Alles an der Konstruktion war Chefsache: Von den Bauplänen über die Technik zu Einrichtung und Gestaltung waren nur hausinterne Spezialisten mit Batistas Urlaubstempel befasst. Für "Lateinamerikas höchstes, größtes Hotel", so der Slogan des Habana Hilton, sollte ausschließlich die erste Garde zuständig sein. Stararchitekt Welton Becket entwarf persönlich das Emblem des Hotels: drei stilisierte Burgen, die die Festungen Havannas symbolisierten, El Morro, La Real Fuerza und La Punta. Kein Zweifel, hier entstand keine Bettenburg, sondern ein nationales Denkmal.

Dieser Anspruch sollte sich bewahrheiten, allerdings nicht auf die Art und Weise, die dem ursprünglichen Hausherrn vorschwebte. Am 22. März 1958 wurde das Hilton in einer rauschenden Ballnacht eröffnet - unter schwerem Polizeischutz, da die Stadt jüngst Ziel mehrerer Bombenanschläge war. Das Hilton, dessen Schriftzug das Bild Havannas über die nächsten zwei Jahre prägen würde, war in der erhitzten prärevolutionären Stimmung gewiss nicht der sicherste Ort. Am Eröffnungsabend mit reichlich Prominenz blieb einer fern: Fulgencio Batista.

Mit der Revolution im Januar 1959 wurde der Sozialismus installiert und das Band zu den US-amerikanischen Freunden gekappt. Castro bezog jetzt sein Hauptquartier hier: Das Habana Hilton trug den renommierten Namen noch einige Monate bis man den Klassenfeind schließlich im Juni 1960 enteignete: Von nun an hieß das Hotel Habana Libre - freies Havanna. Und ähnlich wie die protzigen Amischlitten aus Batistas Zeiten im sozialistischen Kuba heute aus dem Bild fallen, wirkt das Habana Libre ein wenig skurril: eine US-Exklave, den Vereinigten Staaten entrissen und sozialistisch eingemeindet.

Ein Zufluchtsort für Kunstverächter

Dass das Habana Libre bessere Zeiten gesehen hat, ist kaum zu übersehen - aber immerhin erinnert man sich an sie. Im Eingangsbereich dokumentieren Fotos die Machtübernahme Castros. In der ersten Zeit diente das Hilton als Regierungssitz und Gasthaus für Staatsbesuche - drei Monate leitete der Máximo Líder das Land aus seiner Suite heraus. Beckets Logo mit den Festungen Havannas erwies sich als unerwartet prophetisch: das Sinnbild amerikanischer Einflussnahme auf den Karibikstaat war auf einmal Trutzburg gegen die Staaten.

In den Neunzigern wurde das Habana Libre von der spanischen Hotelgruppe Sol Meliá aufgekauft und renoviert - gewiss nicht mit der Sorgfalt, die in seine Eröffnung gesteckt wurde, als das Projekt der ganze Stolz Batistas war. Aus dem avantgardistischen Schaukasten amerikanischer Gestaltungskunst in kubanischer Fertigung ist ein nur leidlich geschmackssicheres Resort für Kunstverächter geworden: handverlesene Designermöbeln sind Allerweltssesseln gewichen, aus "vom Feinsten" wurde von der Stange, aus "seiner Zeit voraus" Hintertreffen; Fenster klemmen, Wasserhähne verweigern den Dienst. Der imperialistische Fremdkörper in Havanna zeigt seit einer Weile Abstoßungsreaktionen.

Die Erinnerung übertüncht allerdings den Makel. Nicht die an Batistas prahlerisches Hilton. Sondern an jene drei Monate, in denen Kuba an dieser Stelle neugeboren wurde und eine blutige Diktatur abstreifte. Somit ist das Hotel doch noch ein nationales Wahrzeichen geworden - und dementsprechend wohlgelitten: Zwei Attentaten entging Castro in dem Hotel - war das Habana Libre deswegen für ihn ein gefährlicher Ort? Keineswegs: der Maximo Lider war immer der Auffassung, dass ihm hier schlicht nichts passieren konnte.

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Autor:
Michael Weiland