Havanna Salsa tanzen

Schwitzende Körper wiegen sich im Dreiertakt, Frauen und Männer schauen sich tief in die Augen. Die Musik ist alles beherrschend. Dies ist keine Szene aus einem verruchten Nachtclub irgendwo in Havanna, sondern aus der Salsa-Tanzschule Sprachcaffe mitten im Botschaftsviertel der kubanischen Hauptstadt. In beengten Klassenräumen mit alten Spiegeln an den Wänden lernen hier alle Nicht-Kubaner, einen exotischen Hüftschwung wenigstens zu imitieren. Denn als Gott den geschmeidigen Körperrhythmus vergeben hat, da hat er sich wohl vor allem auf Kuba konzentriert und nicht auf den Rest der Welt.

Wer in die Schule im Stadtteil Miramar kommt, will das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden - denn hier kann nach dem Spanischunterricht auch das Salsa-Tanzen erlernt werden. Ein Tanz, der selbst der Klimaanlage in den Klassenräumen zu heiß scheint. Vor einigen Minuten ist sie ausgefallen, aber so richtig nimmt das hier niemand zur Kenntnis. Denn wer einmal in diesen Tanz versunken ist, der konzentriert sich nur noch aufs Drehen, auf die verschiedenen Figuren und das perfekte Zusammenspiel zweier Körper.

Im Grunde sind die Schüler alle mit der gleichen Vorstellung nach Havanna gekommen. Der täglich anderthalbstündige Salsa-Kurs für umgerechnet knapp 80 Euro die Woche wird sicher ablaufen wie in manch angestaubter Tanzschule zuhause: Ein Lehrer zählt an, turnt vor und ungeschickte Schüler in Zweierreihen ahmen stapfend die Schritte nach. Ohne auch nur ansatzweise eine Ahnung davon zu bekommen, wie man sich wirklich geschmeidig bewegt. Doch ganz so ist es nicht.

Nachdem die Tische vom Spanischunterricht zur Seite geräumt sind und die blutigen Anfänger in ihrer allerersten Tanzstunde zehn Minuten den Grundschritt erlernen, bekommen sie ihren eigenen Privatlehrer (bei der Auswahl wird die Größe und das Alter der Schüler berücksichtigt) zur Seite gestellt. Begrüßungsküsschen zu Beginn inklusive.

Im "Sprachcaffe" tanzen sowohl die Physiotherapeutin aus Belgien, die Diplomkauffrau aus der Schweiz und der BWL-Student aus Darmstadt. Und fast alle haben ein gemeinsames Ziel: In Zukunft nicht mehr auszusehen wie der klassische Tourist aus Varadero, der von kubanischen Tänzern spontan auf die Tanzfläche des Hotels gezogen wird, um sich dann dort vor allen anderen mit falschen Schritten und steifen Hüften zu blamieren. Wer sich geschickt anstellt, schafft zumindest den Sprung zum überlebensfähigen Urlaubstänzer.

Tanzen ohne Hintergedanken

"Es geht ja auch nicht darum, dass die Schüler hier am Ende des Kurses professionell tanzen können. Uns ist wichtig, dass sie ein Gespür bekommen für den Rhythmus, für die Schritte und die Abfolgen der Figuren. Und natürlich geht es vor allem darum, jede Menge Spaß zu haben", sagt Roy, ein 26-jähriger Tanzlehrer mit scheinbar gepachtetem Hüftschwung.

Der Kubaner arbeitet bereits seit fünf Jahren für die Schule und hat eigentlich Wirtschaft studiert. Für ihn ist es besonders wichtig, seinen Tanzstil, die kubanische Salsa, die auf der Insel auch Casino oder Timba genannt wird, weiterzuvermitteln. Hier werden Elemente des Merengue, des Son und des Mambo gemischt und mit einer Prise Rumba und Cha-Cha-Cha vermischt. Anders als beim "L.A.-Style" wird nicht nur "gerade nach vorne" getanzt, sondern eher zur Seite und umeinander herum.

Für viele Schüler, die bereits in Europa Salsa getanzt haben, ist das zunächst gewöhnungsbedürftig. "In Linz tanzen wir in der Schule den L.A.-Style. Das hat für mich nicht soviel Charme. Mich haben meine Tanzpartner beneidet, als sie gehört haben, dass ich die originale kubanische Salsa erlernen werde", erzählt Walter, ein Mathelehrer aus Österreich, der sich auf der Karibikinsel wie so viele eine Auszeit nimmt und sich dem lebenslangem Lernen verschrieben hat.

Auch Paula hat es nach Kuba gezogen. Sie kommt aus den Niederlanden, ist Schauspielerin und schreibt Musicals. Die 43-Jährige lebt für die Musik. Nachdem sie fünf Jahre in Tansania gelebt hat und die afrikanischen Rhythmen studierte, will sie nun in ihrem "Musikland Nummer 2" ihre Beobachtungen fortsetzen. "Für mich gibt es auf der Welt zwei Orte, in denen Musik und Tanz eine Magie ausstrahlen, die den Menschen das ohnehin schwierige Leben ein wenig leichter machen. Zum einen ist das in Teilen Afrikas, zum anderen auf Kuba. Denn nirgendwo sonst verschmelzen die Menschen so mit ihrer Musik und dem dazugehörigen Tanz."

Um Paula ist es geschehen. Die afrikanischen Rhythmen werden in ihren Augen von den kubanischen um Längen geschlagen. "Ich tanze jetzt seit zwei Wochen Salsa in der Schule, und ich bemerke immer wieder eine Verwandlung bei mir, sobald ich mit dem Tanzen beginne. Es fühlt sich an, als hätte ich mich leidenschaftlich in einen Mann verliebt." Ihr Tanzpartner tut wohl sein Übriges dazu. Denn Tanzen heißt hier auch, dass Lehrer und Schüler während des Kurses eine ganz besondere Beziehung eingehen. "Die Chemie muss einfach stimmen. Denn man kommt sich sehr nahe. Natürlich ohne Hintergedanken. Wenn ich den Atem meiner Tanzpartnerin spüre, sollte sie mir zumindest auch sympathisch sein", erklärt Roy.

90 Minuten Tanzen für einen Cuba Libre

Generell ist es den Lehrer verboten, mit Schülerinnen oder Schülern auszugehen. Einmal in der Woche allerdings wird eine Ausnahme gemacht. Jeden Freitag geht es ins "Casa de la Musica" - einen der besten Salsa-Clubs der Stadt. Der "Tanztee" startet um 17 Uhr. Europäer, die von der Zeit irritiert scheinen, merken schnell, dass die Kubaner auch zu früher Stunde schnell zur Sache kommen. Schon bei der ersten Salsa-Schnulze stürmt die Mehrzahl auf die Tanzfläche.

Natürlich wird zuvor die alte Schule hochgehalten. Der Tanzlehrer fordert seine Schülerin zum Tanzen auf und hält ihr - wenn nötig - unliebsame Verehrer vom Hals. Dafür zahlt die Frau meist auch die Drinks. Kein Wunder. Ein Salsalehrer verdient in Kuba im Schnitt für anderthalb Stunden Unterricht gerade mal zwei Euro. Davon kann er sich einen Cuba Libre an der Bar gönnen. Eine Unverhältnismäßigkeit, die in Kuba an der Tagesordnung ist.

Doch viel Zeit für Drinks bleibt sowieso nicht. Nach vier Stunden Dauertanzen ist der Zauber des Nachmittags schon wieder vorbei. Schüler und Lehrer verabschieden sich ins Wochenende. Da tanzt jeder auf seiner eigenen Fiesta. Und das ist gut so. Denn was in einer Ehe nicht gelten sollte, ist bei der Salsa oberstes Gebot. Ein Partnerwechsel ist wichtig, um sich auf die unterschiedlichen Tanzstile eines jeden Tänzers einzustellen. Nur so kommt dauerhaft Sicherheit in die Schritt- und Dreh-Abfolgen.

"Die Salsa lebt davon, dass sie sich immer weiter entwickelt. Auch wir Lehrer lernen voneinander. Und wir schauen respektvoll zu, wenn auf der Tanzfläche neue Schritte und Figuren gezeigt werden", sagt Roy. Es ist Montag. Und er ist bereit für die nächste Tanzstunde. Denn heute kommen sie wieder zusammen - die kubanischen Lehrer und ihre Schüler aus aller Welt. Um miteinander das zu tun, was die Kubaner perfektioniert haben und einfach nicht lassen können - leidenschaftlich Salsa tanzen!

Autor:
Alexandra Tapprogge