Havanna Kubas berühmte Uferpromenade

Der Asphalt ist rissig, der Beton verwittert. Havannas altehrwürdige Verkehrsschlagader, der Malecón, hat schon bessere Tage gesehen. Auch wenn die Uferstraße sich zugegebenermaßen noch immer gut auf Postkarten macht. Die acht Kilometer lange Strecke, die vom Hafen ins Stadtviertel Vedado führt, zollt der brennenden Sonne, der salzigen Luft und dem Sozialismus Tribut. An stürmischen Tagen schlägt hier der Atlantik so heftig auf die Ufermauer der Promenade ein, dass die Gischt die Fahrbahn flutet und man meinen könnte, der Untergang des kubanischen Reiches stünde unmittelbar bevor.

Havanna liegt im Sterben, auch wenn sich der Patient heftig wehrt. Noch hält allerorts provisorisches Flickwerk die einst so prachtvollen Kolonialbauten mehr schlecht als recht zusammen, doch für eine flächendeckende Sanierung fehlen der Regierung Geld und Material. Für Neubauten erst recht. Am Malecón kann man das morbide Trauerspiel bestens besichtigen. Hier finden sich die vielleicht schönsten Ruinen der Stadt. Eine Ansammlung von Gemäuern mit allerbestem Meerblick.

Die Autos auf der Straße sehen nicht besser aus. Oldtimer sagen die einen, Schrott auf Rädern die anderen. Die meisten Buicks, Fords und Studebakers, die den Malecón entlang fahren, sind rostige Relikte aus der Zeit vor der kubanischen Revolution. Auch die staatlichen Taxis und Busse sind nicht mehr gut im Lack. Wie es um die Verkehrssicherheit bestellt ist, möchte man eigentlich überhaupt nicht wissen.

Natürlich ist el bloqueo - die Blockade - an allem Schuld. Das Handelsembargo der USA, das seit 1962 die Kubaner isoliert, eignet sich hervorragend als Sündenbock für allerhand Missstände im Staat - und in den meisten Fällen ist der Boykott tatsächlich die Ursache des jeweiligen Übels. Fidel Castro, der máximo líder und Staatspräsident im unruhigen Ruhestand, pflegt deshalb unverändert das Bild des kleinen sozialistischen Davids im Kampf gegen den großen imperialistischen Goliath. Unermüdlich sind die Durchhalteparolen an das Volk. "Venceremos - Wir werden siegen" wird den Kubanern eingebläut.

Dabei hält der böse Nachbar das kleine Kuba trotz aller auf Gegenseitigkeit beruhenden Feindseligkeiten mit am Leben. Ohne die Nahrungsmittellieferungen aus den USA würden die Regale der Supermärkte noch leerer aussehen und ohne die Medikamente der Amerikaner hätten die kubanischen Ärzte, die nicht gegen harte Devisen im Bruderland Venezuela arbeiten, noch weniger zu verschreiben. Und wie das tägliche Leben auf der Karibikinsel ohne die Dollar-Zuwendungen der Exil-Kubaner aussehen würde, ist kaum auszudenken.

Am Malecón lässt sich jeden Tag in Augenschein nehmen, wie es gerade um die politischen Beziehungen zwischen den beiden Erzfeinden bestellt ist. Die US Interests Section - die ständige Vertretung der Vereinigten Staaten - liegt hier in bester Lage und ist immer wieder Schauplatz eines bizarren Propagandakriegs zwischen Amerikanern und Kubanern. 1953 zog in das klobige Gebäude der US-Botschafter ein, nach dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen 1961 übernahmen die Schweizer kommissarisch die Amtsgeschäfte bis 1977 wieder US-Diplomaten das sechsstöckige Haus für sich in Beschlag nahmen.

Ende der 1990er Jahre stellten die Kubaner vor der US Interests Section eine Plakatwand auf, die einen grimmigen Uncle Sam und einen lustigen Revolutionär zeigte. Die Botschaft der Cartoonfigur an die USA: Wir haben absolut keine Angst vor euch! In 2000 gingen die Provokationen einen Schritt weiter. Fidel Castro regte sich über das politisches Gehabe der Großmacht so auf, dass er das Gelände vor der ständigen Vertretung zu einem Platz umbauen ließ. Fortan wurden auf dem Josè Martí Anti-Imperialist Plaza lautstarke Demonstrationen gegen die US-Regierung veranstaltet.

Sex für 20 Euro

Aber auch die Amerikaner suchten die Provokation. In 2004 sorgte eine zweistellige Zahl für schlechte Laune bei der kubanischen Regierung. Die US-Diplomaten hatten ein Schild mit einer großen "75" in Richtung Malecón gestellt - eine Anspielung auf der Anzahl der politischen Gefangenen in Kuba. Castro reagierte prompt. Eine Plakatwand, die Folterbilder aus Abu Ghraib zusammen mit einem Hakenkreuz zeigten, wurde gegenüber US Interests Section installiert. "Faschismus - Made in USA" lautete der Slogan.

Zwei Jahre später gingen die US-Diplomaten zum großen Gegenangriff über. Über ein riesiges, rot leuchtendes elektronisches Laufband im 5. Stock ihres Hauses versendeten sie unter anderem Botschaften von US-Präsident George W. Bush an das kubanische Volk. Castro konterte zunächst mit Plakaten, die Bush als Mörder und Vampir zeigten. Danach griff der alte Mann mit dem Bart noch ein wenig tiefer in die anti-imperialistische Trickkiste. Der máximo líder ließ 138 riesige Flaggenmasten mit schwarzen Fahnen aufstellen. Das Denkmal für kubanische Terrorismusopfer blockierte erfolgreich die freie Sicht auf das Laufband. Im Juni 2009, ein halbes Jahr nach der Amtseinführung von Barack Obama, erlosch das US-amerikanische Sendungsbewusstsein, die elektronische Tafel wurde abgeschaltet. Die Kubaner montierten daraufhin ihre Plakatwände ab. Derzeit herrscht am Malecón Waffenstillstand.

Den Jungs, die tagsüber unweit vom legendären Hotel Nacional den Malecón bevölkern, sind die politischen Scharmützel ihrer sozialistischen Führung reichlich egal. Für ein paar anerkennende Blicke und Geldscheine der Touristen rennen die Halbstarken in vollem Tempo über die breite Uferstraße und springen wagemutig über die Mauer an den messerscharfen Felsen vorbei ins türkisfarbene Meer. Es ist eine kubanische Version der Todesspringer von Acapulco.

Am Abend sitzen einige der jungen Hasardeure noch immer auf der Ufermauer - allerdings aus einem anderen Grund. Sie warten auf Kundschaft. Nach Einbruch der Dunkelheit flanieren Sextouristen und jugendliche Stricher über diesen Abschnitt der Promenade. Bei schlechtem Wetter trifft man sich in der kleinen Cafeteria gegenüber.

Umgerechnet 20 Euro verlangen die meisten Jungs für ihre Dienste und an Nachfrage mangelt es nicht. Einige haben ihre Freundinnen im Schlepptau, um auch diese an den Mann zu bringen. Ärger mit der Polizei gibt es hier nur selten. Und das, obwohl Prostitution in Kuba offiziell verboten ist. Meist überprüfen die Beamten nur, ob die Jungs auch die nötige Aufenthaltsgenehmigung für Havanna haben. Schließlich möchte man keine Touristen verprellen, die Devisen unter das Volk bringen.

Ein paar hundert Meter in Richtung Altstadt ist die sozialistische Welt am Malecón noch in Ordnung. Zwei alte Männer sitzen hier auf der Ufermauer, trinken Rum und spielen Schach. Nicht weit davon singt ein Gitarrenspieler gedankenverloren von der Liebe zu Frau und Vaterland. Eine Gruppe von jungen Männern hört ihm andächtig zu. Revolutionsromantik ohne jeden Kitsch. Die Probleme Havannas sind für kurze Zeit vergessen. Es reicht der Blick auf den Atlantik, die Ruinen auf der anderen Straßenseite liegen im toten Winkel. Man träumt immer noch von einer besseren Zukunft. Und man liebt noch immer den Malecón, das Land und sogar den alten Castro. Vielleicht ist der kubanische Patient doch noch zu retten.

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Autor:
Denis Krah