Havanna Hotel und nationales Heiligtum

Unser Kellner ist überhaupt nicht begeistert. Der eben noch so freundliche junge Mann verzieht angewidert sein Gesicht. Man könnte meinen, dass ich gerade Fidel Casto, dessen verstorbene Mutter sowie das gesamte kubanische Volk auf die schamloseste Art und Weise beleidigt habe. Habe ich vielleicht auch. Der Nationalstolz macht in Havanna keinen Halt vor den Getränkewünschen der Touristen. Schon gar nicht im Hotel Nacional de Cuba.

"Cai-pi-rin-ha?" Der Kellner betont jede einzelne Silbe des brasilianischen Cocktails so, als hätte ich um eine Eigenurin-Therapie gebeten. "Haben wir hier nicht." Ich nicke entschuldigend. "Mojito", raunzt der Kellner, schüttelt erbost den Kopf und macht sich auf, um mir ein Getränk zu bringen, das zwar zu den nationalen Heiligtümern des Landes zählt, mir aber überhaupt nicht schmeckt. Mit der Meinungsfreiheit ist es auf Kuba halt so eine Sache.

Das Hotel Nacional de Cuba hat seinen eigenen, ganz besonderen Charme. Fünf Sterne soll es haben. Gefühlt sind es manchmal weniger. Insbesondere wenn das Wasser unter der Dusche zunächst eiskalt wird und dann gänzlich wegbleibt. Natürlich mit Shampoo im Haar. Das unwirsche Personal, das in den Wirren der Revolution anscheinend jedweden Servicegedanken verloren hat, gehört einfach zu diesem alten Art-Deco-Neo-Klassik-Kasten dazu. Man muss es lieben - oder sich schnell eine andere Herberge in Havanna suchen.

Es ist die bewegte Geschichte des Hotel Nacional, die den Reiz dieses einstigen Prachtbaus ausmacht und die einem ständig vor Augen geführt wird. Im Dezember 1930 wurde das achtstöckige Gebäude auf dem Taganana-Hügel feierlich eröffnet. Die US-amerikanische Firma McKim, Mead und White zeichnete für den Bau des Luxushotels mit bestem Blick auf den Malecón verantwortlich. Das Architekturbüro war zur damaligen Zeit eine der Topadressen in ihrem Gewerbe. Schließlich hatten die Herren nicht nur zahlreiche Edelbauten in New York entworfen, sondern auch Teile des Weißen Hauses in Washington renoviert. Ihre Arbeit kam sowohl beim kubanischen Diktator Gerardo Machado als auch bei den zahlreichen Touristen aus den USA gut an.

Die Mafia als Stammgast

Das Hotel Nacional de Cuba wurde schnell zu einer Sehenswürdigkeit und einem Promitreff in der Karibik. Buster Keaton, Johnny Weissmüller, Tyrone Power, Errol Flynn und Marlene Dietrich gehörten ebenso zu den Gästen wie Boxer Rocky Marciano und Schriftsteller Ernest Hemingway. Letzterer wusste insbesondere die Bar des Hotels zu schätzen. Im Nacional ist man stolz auf diese Gästeliste. Die Wände sind voll mit den Bildern der berühmten Klientel, die heutzutage eigentlich dem Klassenfeind zuzurechnen ist.

Im Dezember 1946 beherbergte das Nacional eine ganz andere illustre Gästeschar. Die US-Mafia hielt einen Kongress in dem Hotel ab. Ganze Etagen und Fahrstühle wurden für Gangster wie Lucky Luciano, Meyer Lansky und Vito Genovese freigehalten. Die "ehrenwerte Gesellschaft" besprach hier, wie man Kuba zum Mafiaparadies umwandeln könnte. Der Regisseur Francis Ford Coppola zollte diesem Treffen der Bosse später in seinem Film "Der Pate 2" Tribut.

Meyer Lansky war es, der in den 1950er Jahren aus dem Nacional eines der erfolgreichsten Kasinos Amerikas machte. Natürlich mit dem Segen des damaligen Diktators Fulgencio Batista, der ebenfalls kräftig am Glückspiel in Havanna mitverdiente. Fidel Castro schloss das Kasino in 1960. Danach ging es mit dem Nacional erst einmal bergab.

1992 wurde das Hotel noch einmal aufwändig renoviert. Kuba entdeckte den Tourismus wieder und tat alles, um die überlebenswichtigen Devisen ins Land zu locken. Das Nacional war erneut im Geschäft. Inzwischen turnt zweimal die Woche ein Wasserballett durch den Swimming Pool, im Cabaret Parisién tanzen altbacken-anrüchig schöne Kubanerinnen vor und regelmäßig spielt die alte Band des 2003 verstorbenen "Buena Vista Social Club"-Stars Compay Segundo auf. Kubakitsch auf hohem Niveau.

Ein echter Klassiker ist seit jeher ein Drink zu später Stunde im Garten des Hotel Nacional de Cuba. Es gibt wenige Orte in dieser Stadt, die einen schöneren Ausblick auf den Malecón und die Bucht von Havanna bieten. Und da schmeckt sogar ein Mojito. Findet auch der Kellner, der inzwischen wieder ein Lächeln auf den Lippen hat und "Na, geht doch" murmelt.

Autor:
Denis Krah