Hanoi Vietnamesisches Puppentheater

Für Duoc Tran war es Liebe auf den ersten Blick. Dass ausgerechnet ein paar Holzmarionetten in einem künstlich angelegten Teich seine Gefühle hochschlagen ließen, wundert den 24-Jährigen noch heute. "Als ich aber vor einem Jahr als Zuschauer im Thang Long Water Puppet Theater saß, spürte ich sofort, dass ich hierher gehöre. Drei Tage später stellte ich mich bei der Kompanie vor, zwei Wochen danach begannen die ersten Proben." Seitdem steigt Duoc Tran als festes Ensemble-Mitglied so oft es sein Uni-Plan erlaubt ins eiskalte Wasser - und führt die legendären Holzfiguren des traditionsreichsten Puppentheaters Vietnams über die glatte Oberfläche.

Duoc Tran ist nicht der erste, den das Thang Long Water Puppet Theater in Hanoi in seinen Bann gezogen hat. Die wenigsten können sich der Magie dieser einmaligen vietnamesischen Theaterkunst entziehen. Kinder wie Erwachsene bekommen leuchtende Augen, sobald die kunstvoll geschnitzten Figuren vor dem roten Bambustempel aus dem Wasser auftauchen, schrecken auf, wenn der fliegende Drache Feuer speit und fiebern mit, wenn der König sein Volk verteidigt. 60 Minuten lang sind die knapp 300 Zuschauer im Saal gefangen von den schlichten Geschichten um Liebe, Farmleben und Heldentaten aus längst vergangenen Tagen.

Am schlimmsten erwischt es allerdings die Darsteller. Jeder im 16-köpfigen Team hat eine ähnliche Geschichte wie der jüngste Neuzugang, bei den meisten geht die erste Begegnung mit den Holzfiguren Jahrzehnte zurück. Nguyen Dang Tien beispielsweise sah zum ersten Mal als Teenager eine Puppenshow, das ist über 40 Jahre her. "Mitten im Amerikanischen Krieg wirkte es damals wie eine andere Welt, in die ich mich flüchten konnte", erinnert sich der heutige Art-Direktor der Hanoi-Truppe.

Anstatt als Lehrer in die Fußstapfen von Vater und Großvater zu treten, stellt er sich bei der Thang Long Company vor und wird aus 2000 Kandidaten ausgewählt. Drei Jahre dauert es, bis Dang Tien die Kunst gelernt hat, die Puppen elegant durchs Wasser gleiten zu lassen und zur richtigen Zeit zu den Seilen und Strängen zu greifen. Was aus Zuschauersicht so fließend und harmonisch wirkt, bedeutet hinter dem Bambusvorhang harte Arbeit. Bis zu 15 Kilo wiegen die Holzfiguren, die einzeln oder in Formationen durch den Teich vor der Bühne ziehen sollen. Dazu müssen Spezialeffekte wie Regenschauer, Wellen, Feuer und schwimmende Kerzen koordiniert werden.

Kunst in Latzhose und Gummistiefeln

Die Puppenspieler stehen dabei hüfttief im Wasser und sehen nur schemenhaft, wie sich ihre Figuren im Scheinwerferlicht bewegen. In den wasserfesten Latzhosen und hohen Gummistiefeln sehen sie aus wie Tiefseefischer - sobald die Gruppe allerdings Hand an das Gestänge mit den Holzpuppen legt, kommt eine ballettgleiche Geschmeidigkeit in den kleinen Pulk. Während die Figuren für die Zuschauer tanzen, hüpfen und sogar fliegen, läuft unsichtbar dahinter eine ganz eigene Choreographie ab: In mehreren Reihen stehend, schieben die Darsteller ihre Arme nach vorne, drehen sich im Kreis, biegen die Oberkörper nach hinten und ziehen minutös abgestimmt an dünnen Seilen.

"Jede Gruppe hat ein Geheimnis, wie sie Leben in die Männchen, Tiere und Fabelwesen haucht", sagt Chu Luong und entschuldigt sich dafür, dass er die spezielle Dynamik hinter der Bühne nicht besser erklären kann. Mit Worten sei es schwierig zu fassen, man müsse eine emotionale Verbindung zu den einzelnen Figuren entwickeln. Dem charismatischen Künstler sollte das nicht schwer fallen. Er ist der Vater der Puppenschar, die jeden Tag drei Mal in den Shows zum Einsatz kommt. Seine "Kinder" schnitzt er in monatelanger Detailarbeit aus speziellem vietnamesischen Holz, das anschließend mit wasserfestem Lack in unterschiedlichen Farben überzogen wird. Obwohl die Figuren nicht mehr als 50 Zentimeter hoch sind, erhält jede individuelle Haltung, Gesichtsausdruck und Kostüme.

Chu Luong wuchs in die Marionettenkunst hinein: Sein Geburtsort Trang Sow, ein kleines Dorf im Norden Vietnams, gilt als Hüter der 1000-jährigen Tradition. In der Gegend um das Delta des Roten Flusses unterhielten sich die Farmer früher während der Regenzeit, indem sie auf den Seen und Pfützen der Reisfelder handgeschnitzte Puppen tanzen ließen und so Alltagsgeschichten und Legenden weitergaben.

In den Anfängen bestanden die simplen Stücke nur aus Bewegungen, mit der Zeit kamen Melodien, Instrumente und sogar Feuerwerke hinzu. Im Theater von Hanoi spielt eine kleine Live-Band Cheo, eine Mischung aus satirischem Musiktheater und Folkloreweisen. Das Repertoire aus elf Stücken zeigt das Leben der vietnamesischen Bauern und geizt nicht mit Humor und Symbolismus. Selbst wenn die Figuren in Gesang ausbrechen oder sich leicht kreischend kurze Sätze an den Kopf werfen - das Publikum kann dem Geschehen immer ohne Probleme folgen. Es geht weniger darum, jede Einzelheit zu verstehen: Das Puppentheater will die Traditionen am Leben erhalten und Touristen wie Einheimischen eine Kultur nahe bringen, die sonst langsam verschwindet.

Früher haben nur Männer die Marionetten bewegt

Während manche Wasserpuppen-Theater Vietnams mit neuen, modernen Inszenierungen locken, bleibt das Thang Long deshalb lieber den alten Volksweisen wie Thach Sanh und Tam Cam treu. Die Schauspieler nehmen ihre Aufgabe ernst und gehen mit ruhiger Hand und stolzem Gesichtsausdruck an die Arbeit. Dass es ganz schön kalt sein kann, stundenlang im Wasser zu stehen, scheint niemanden zu stören. "Eine doppelte Lage Socken gibt es nur im Winter", sagt Nguyen Bao Tram, bevor sie eine letzte Schicht Mascara auflegt und ihr rotes Kopftuch zurecht zupft. Seit vier Jahren steigt die schüchterne Vietnamesin regelmäßig in die weite Latzhose und die festen Stiefel - vor ein paar Jahrzehnten wäre das noch undenkbar gewesen. "Früher haben nur Männer die Marionetten bewegt, aber zum Glück hat sich das geändert. Ich liebe meinen Job", erklärt die Puppenspielerin, deren fünfjähriger Sohn zwischen den Requisiten hin und her klettert.

Das Ensemble ist wie eine Familie. Hinter der Bühne ist es eng, dunkel und man muss durch Pfützen waten, was die Mystik dieser kleinen Theaterwelt nur noch verstärkt. Die Darsteller stellen am Wochenende ein Büfett auf und essen gemeinsam. Zwischen den Dämpfen von köchelndem Fleisch und Gemüse warten die Holzfiguren in Reih und Glied auf ihren nächsten Einsatz. In dieser ruhigen Atmosphäre ist es nur schwer vorstellbar, dass keine drei Türen weiter das chaotische Leben des lauten und verrückten Hanoi tobt. Das Puppentheater liegt direkt gegenüber vom Hoan Kiem See, dem beliebten Mittelpunkt der Millionenstadt. Tag und Nacht jagen die Mopeds mit lautem Gehupe, eng aneinander gedrängt durch die Straßen.

Duoc Tran fasziniert dieser Kontrast von Chaos und Ruhe, Moderne und Vergangenheit, in dem er täglich zwischen Uni-Leben und Puppentheater hin und her pendelt. Seine Freunde wundern sich zwar über den seltsamen Nebenjob und fragen, warum er freiwillig stundenlang durch das kalte Wasser watet. Doch daran denkt der Student gar nicht. "Ich liebe es, den Figuren Leben einzuhauchen. Am Ende jeder Vorführung kommen wir alle gemeinsam vors Publikum. Zu sehen, wie sehr die Zuschauer meine Leidenschaft teilen, macht jedes Frösteln erträglich."

Autor:
Manuela Imre