Vietnam Die Galerie-Szene Hanois

"Die Kunst-Szene dieses Landes ist so chaotisch wie der Verkehr Hanois", knurrt Nguyen Qui Duc und bestellt aus lauter Frust den nächsten Kaffee auf Eis, während das erste Glas noch halbvoll ist. Wie zur Bekräftigung rattert vor dem Café ein Pulk Mopeds vorbei, verkeilt sich fast ineinander und braust mit viel Gehupe davon. Der Verkehr in der Stadt ist eine Herausforderung, soviel steht fest.

Der charismatische Radiojournalist und Schriftsteller gilt als fürsorglicher Ersatzvater vieler Nachwuchskünstler der Stadt und so gerne er Maler, Fotografen oder Poeten unter seine Fittiche nimmt - manchmal bringen sie ihn an den Rand des Wahnsinns.

"Dieses gleichgeschaltete Unvermögen eigene Gedanken zu formulieren und individuelle Kunst zu kreieren!" Noch bevor seine Hand auf den Kaffeetisch aufschlägt, wird sein Gesicht bereits wieder sanfter und er schiebt hinterher: "Aber woher sollen sie es auch gelernt haben?" Duc, der charismatische Alleskönner, der Ausstellungen organisiert und Künstler in seinem berauschend schönen Wochenendhaus in den Bergen von Tam Dao zum Denken einquartiert, möchte sie am liebsten kneifen. Oder schütteln, was immer auch notwendig ist, um die junge Künstlergeneration Vietnams noch schneller zum Erwachen zu bringen. Genug rumgedümpelt.

Aber selbst ein aufgebrachter Duc muss zugeben, dass sich die Dinge in seiner Heimat verändern. Der Trend, eine neue Kunst-Identität zu formulieren ist spürbar - nicht mit aggressiver Kraft wie in China, das entspräche nicht der vietnamesischen Mentalität. Trotzdem: Die Zeichen sind auf Erneuerung gestellt - in Vietnam im Allgemeinen, in Hanoi im Besonderen.

Denn die Galerien-Szene der quirligen Stadt im Norden boomt, immer mehr Ausstellungsräume öffnen ihre Türen - und wenn es sich dabei nur um stylische Cafes um die Ecke vom Hoan-Kiem-See handelt. In den kleinsten Räumen hängen Gemälde oder Fotografien aufstrebender Studenten. Sie versuchen sich an neuen Themen und Materialien. Kollagen, Holzskulpturen oder grellbunte Malerei: Man will sein Talent zeigen und langsam aber sicher auch seine Individualität.

Hanoi ist ist fest in jugendlicher Hand

"Die 'Copy-Ära' neigt sich dem Ende entgegen, die nachrückenden Künstler wollen nicht mehr nur reproduzieren, sondern selbst schaffen", erklärt Tran Phuong Mai, Chefin der Thanh Mai Gallery, und deutet auf den Kunstboom Ende der 90er hin, in denen Studenten die Werke alter Meister kopierten - mit großer Kunstfertigkeit, aber meist ohne viel Leidenschaft oder Originalität. Vor allem in den verwinkelten Gassen der Altstadt kann man sich immer noch mit allerhand Kitsch und Nachahmungen eindecken, doch südlich des Opernhauses entstehen zunehmend Shops in klarem Design und mit modernem Kunstverständnis. Auf der Trang Tien Street beispielsweise wechseln sich coole Einrichtungsläden mit schicken Galerien ab. Noch zentrierter gestaltet sich die Kunst-Szene auf der Hang Bong Street, unweit der viel befahrenen Trang-Thi-Achse. Hier präsentiert auch Mai auf drei Stockwerken junge Talente wie Duong Thuy Duong oder Vu Minh Hue.

Zwischen Shops mit Billig-T-Shirts und Gemüseständen reihen sich auf Hang Bong Szenelieblinge wie die Apricot Gallery, Salon Natasha und Gia Huy aneinander. Wer Galerie-Hopping betreiben will, muss oft einen Slalom hinlegen zwischen teetrinkenden alten Herren, die auf ihren Mini-Stühlen mitten auf dem Weg sitzen, und betagten Bäuerinnen, die schwere Bastkörbe auf den Schultern balancieren.

Ein Zickzacklauf lohnt sich: Auf den Straßen der Stadt ist die Kluft in der Generation des Landes am besten spürbar. Fast 60 Prozent der Bevölkerung wurde nach dem Kriegsende 1975 geboren. Hanoi fühlt sich an wie eine Stadt der Teenager - sie sind überall. Stylisch getrimmt auf ihren Mopeds, mit viel Gel im Haar in den Clubs und Cafés und eben auch in den Galerien. "Die Neugierde nimmt zu. Vietnam ist kein Land, das übereilt alle Werte umschmeißt. Es ist Teil ihrer Kultur, auch die Kunst Schritt für Schritt für sich zu entdecken", erklärt Suzanne Lecht, Leiterin von Art Vietnam, einer der erfolgreichsten Galerien der Stadt.

Seit 1994 lebt die gebürtige Texanerin im Land der grünen Reisfelder und beäugt mit Interesse und Leidenschaft die Veränderungen, die immer deutlicher werden. In ihren lichten Ausstellungsräumen an der Nguyen Khac Nhu reihen sich bekannte Namen der vietnamesischen Kunstwelt aneinander: Nguyen The Hung, Dinh Thi Tham Poong und Ha Tri Hieu sind hier zu finden. Zu letzterem hat Suzanne Lecht eine besonders enge Bindung, gilt er doch als einer der Mitbegründer der zeitgenössischen Kunst des Landes.

Geboren 1959, wurde Ha Tri Hieu in den 90ern als Mitglied der "Gang of Five" bekannt, einer der wenigen Gruppierungen, die mit ihren Werken auch im Ausland auf sich aufmerksam machte. Der sympathische Maler mit dem sanften, aber bestimmten Tonfall, ist Vorbild für viele. Seine großflächigen Gemälde vereinen Tradition und Moderne, etwas, das auch die Jugend mit in ihren Werken schaffen will. "Elemente der Vergangenheit sind ein großes Thema. Wir haben uns noch nicht genug mit der Geschichte auseinandergesetzt", sagt Hieu. Er selbst verbrachte die Jahre des Vietnam-Krieges versteckt bei Bauern - die finden sich auf vielen Bildern wieder, singend, arbeitend und übers Feld laufend.

Die Zeit ist reif

"Vietnam ist und bleibt ein extrem konservatives Land. So etwas kann sich nicht von heute auf morgen ändern", sagt Suzanne Lecht. Natürlich hänge das Beispiel eines rasant aufstrebenden China wie eine dicke, fette Wolke über dem Land und der kreativen Welt. Noch beobachte die Jugend hier, was sich beim großen Nachbarn abspiele. "Und lernt hoffentlich aus deren Fehlschlägen", sagt Lecht.

Aber auch der europäische Einfluss ist nicht zu übersehen. Für Anregungen aus Mode und Kunst schielen die Jugendlichen gen Westen. Häuser wie das Goethe-Institut und das L'Espace - Centre Culturel Français sind beliebte Anlaufstellen für Interessierte in Hanoi.

Was nicht heißt, dass westliches Freidenken gut ankommt: Die Erben Ho Chi Minhs stehen immer noch unter dem Einfluss von Onkel Ho, auch wenn der bereits 1969 das Zeitliche segnete. Über ihn macht man keine Witze, schon gar nicht in der Kunst. Wer meint, mit einer Installation oder einem Bild öffentlich Kritik aussprechen zu müssen, kann auf die Zensur von Seiten der Regierung bauen und schafft, was für Vietnamesen viel schlimmer ist, Probleme für die Familie.

In einem Land, in dem Facebook immer noch offiziell geblockt, über Umwege aber fast überall zu bekommen ist, wird die Jugend erfinderisch. Die Newcomer der Szene wagen Experimente, probieren sich mit Medien, Videos, Perfomances und Installationen aus, verstecken geschickt politische Botschaften - moderat, aber mit stetiger Neugierde und einem noch jungen kritischen Hinterfragen. Über zwei Dekaden ist es her, dass die Regierung 1986 nach Doi Moi verlangte, einer ökonomischen Politik der "Renovation", modelliert am Beispiel der russischen Perestroika. Während es keine politische Freiheiten ansprach, wurde dadurch aber immerhin eine Ära von persönlichen Freiheiten eingeläutet - etwas, das so in Vietnam nicht existiert hatte. Endlich scheint die Zeit angebrochen, in der die Jugend diese Vorteile ausschöpft.

"Sie haben den Drang zur Veränderung, wissen aber nicht wo anzufangen, weil im eigenen Land die Vorbilder fehlen", analysiert Nguyen Qui Duc wesentlich sanftmütiger. Er selbst hat lange Jahre in den USA gelebt und weiß, dass sein Blick deshalb offener und revolutionärer ist. "Ich bin zuversichtlich. Denn dass Potential, Können und innerer Drang vorhanden sind, steht außer Frage. Es gibt stetig Talente, die sich aus dem Wirrwarr hervorheben. Und wenn Vietnamesen eines können, dann das: Im Chaos die Ruhe bewahren."

 

Autor:
Manuela Imre