Hannover Tierärztliche Hochschule

"Daß durch Vernachläßigung der Roß-Arzney-Wissenschaft, und daher rührende Ungeschicklichkeit der gemeinen Roß-Aerzte und Cur-Schmiede in Unseren Teutschen Landen viel heimlicher Schade verursachet werde", beklagte Georg III. und verfügte 1778 kurzerhand die Gründung einer Roß-Arzney-Schule in Hannover. Als älteste deutsche veterinärmedizinische Lehranstalt entwickelte sie die Tierheilkunde vom Handwerk zur Wissenschaft. Die Roß-Arzney-Schule besteht bis heute: Sie heißt längst "Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover" und ist eine der wenigen Universitäten für Tiermedizin in Deutschland. International genießt sie einen hervorragenden Ruf. 2400 Studenten werden dort ausgebildet.

Die jährliche Zahl der Patienten an der "TiHo" ist mit etwa 40.000 bedeutend größer: In der Klinik für Pferde am Bünteweg 9 mit 4000 Quadratmetern Fläche stehen, liegen und ruhen - nach korrekter Überweisung durch den Hausstierarzt - bis zu 50 Tiere in den Boxen, in fünf weiteren Kliniken werden Rinder, Geflügel und Heimtiere, Reptilien, Zier- und Wildvögel, Kleintiere und kleine Klauentiere behandelt. Dies ist der Dienstleistungsbereich der "TiHo", erweitert wird er durch Beratungstätigkeit, einen ambulanten Dienst, pathologische und labordiagnostische Untersuchungen von Proben und chemische, biochemische und toxikologische Analysen.

Schwerpunkte: Infektionsmedizin, Neurowissenschaften, Tiergesundheit und Lebensmittelqualität

In der Forschung der Tierärztlichen Hochschule liegen die Schwerpunkte in der Infektionsmedizin, den Neurowissenschaften, der Tiergesundheit und Lebensmittelqualität und in der klinischen Forschung. Es gibt 18 Institute, unter anderen für Virologie, Mikrobiologie, Pharmakologie, Zoologie. Die Institute für Tierernährung, für Tierhygiene, Tierschutz und Nutztierethologie, für Tierschutz und Verhalten weisen schon durch ihre Bezeichnungen darauf hin, dass das Wohlbefinden von Tieren von großer Bedeutung ist. Und die Etablierung von Instituten für Lebensmittelqualität und -sicherheit sowie für Lebensmitteltoxikologie und Chemische Analytik legt die Ahnung nahe, dass Tiergesundheit und Tierhaltung untrennbar mit der menschlichen Gesundheit verbunden sind. Nach dem Motto: Geht’s den Tieren gut, geht’s den Menschen besser. Dass an der "TiHo" wissenschaftliche Erkenntnisse in der Veterinärmedizin auch die Humanmedizin beeinflussen, bereichern und voranbringen, dafür gibt es viele Belege.

Professor Dr. Pablo Steinberg wuchs in einem Land auf, das geradezu als kulinarische Wiege eines anständigen Rindersteaks gilt, Argentinien. Darum dreht der Direktor des Instituts für Lebensmitteltoxikologie und Chemische Analystik auch mal gern den Fleischgrill. Das aber tut er mit Bedacht: "Grillgut natürlich nicht verkohlen lassen, von der Hitzequelle möglichst weit entfernt halten. Vor allem aber das Triefen von Fett vermeiden! Das nämlich erzeugt eine Stichflamme, die polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe enthält." Substanzen, die sich beim Erhitzen von Lebensmitteln bilden, gelten als Dickdarmkrebs erregend, und Dickdarmkrebs ist derzeit das eigentliche Thema von Professor Steinberg.

Testreihen an Ratten zur Erforschung von Krebserkrankungen

Nach Angaben des Deutschen Krebsforschungszentrums kommt es jährlich zu etwa 70.000 Darmkrebs-Neuerkrankungen. "Zu 90 Prozent spielen dabei Stoffe in der Nahrung eine Rolle, und eben auch Lebensmittel tierischen Ursprungs können die Krebsentwicklung fördern", sagt Biochemiker Steinberg. "Welche Nahrungsbestandteile es nun sind, die Krebs auslösen, ist noch nicht ganz erforscht."

Sicher ist, dass Fett die krebserregende Wirkung von Stoffen verstärkt. In ein- bis zweijährigen Testreihen mit zwei Versuchsgruppen von jeweils zehn Ratten wurde an der TiHo festgestellt, dass fettreich ernährte Nagetiere eine Vorstufe von Krebs entwickelten, die Tiere der anderen Gruppe jedoch nicht. Die Konsequenz für das Essverhalten der Menschen ist nach Steinberg damit vorgegeben: am besten nur mageres Fleisch konsumieren, dazu großzügig bemessene Portionen Obst und Gemüse (das sind protektive Stoffe gegen Krebs) und viel Wasser trinken. Das regt den Verdauungsprozess an, eventuell gefährliche Stoffe bleiben nicht so lange im Darm. "Auch Übergewicht ist eines der klarsten Krebsrisiken", sagt Professor Steinberg, "beim Lagern von Fett können bestimmte Hormone in die Blutzirkulation gelangen."

Es sind nicht nur organische Substanzen wie Fleisch, die Versuchstieren (80 Prozent sind Nagetiere) verabreicht werden. Auch die krebserregende oder umgekehrt krebspräventive Wirkung von Chemikalien wird in Tierversuchen erforscht. Hierzu sind zuweilen sehr viele Tiere erforderlich, pro Chemikalie etwa 600. Der Testzeitraum ist lang, und eine große Zahl an Chemikalien im lebenden Tier zu testen, ist unmöglich. Darum setzt Steinberg zunehmend auf die sogenannten Ersatz- und Ergänzungsmethoden. "in vitro" heißt diese Alternative, wobei die Prüfung der Wirkungen unter experimentellen Bedingungen im Reagenzglas, also außerhalb des Körpers, stattfindet. Durch von der Abteilung für Lebensmitteltoxikologie neu entwickelte  Verfahren lassen sich zum Beispiel Krebsvorstufen in Zellen bereits innerhalb von drei bis dreieinhalb Wochen nachweisen. Je mehr "in vitro", desto effizienter. Direkte Tierversuche sind weniger effizient, schon allein wegen Haltung, Stallkosten und Personal.

Ziel der TiHo: weniger Tierversuche

Weniger Tierversuche sind ein vorrangiges Ziel an der TiHo in Hannover. Als "3 R" werden die Grundsätze hierzu beschrieben - Replacement, Reduction, Refinement: Ersatz von Tierversuchen durch alternative Methoden (also in vitro), Herabsetzung der Mengen von Tieren und Versuchen (das Tierschutzgesetz fordert, dass die Zahl an Versuchstieren so gering wie möglich sein muss) sowie Optimierung von Versuchen, um die körperlichen und psychischen Belastungen von Tieren zu mindern und ihr Wohlbefinden zu verbessern.

Spielen bei den Arbeitsergebnissen der Lebensmitteltoxikologen die Nutzung gewonnener Erkenntnisse und die weitere Entwicklung durch die Humanmedizin eine große Rolle, so beschäftigen sich die Virologen der TiHo Hannover eher mit der Gefahrenabwehr. Im Mittelpunkt ihrer Forschung stehen die Zoonosen, Krankheiten und Infektionen, die auf natürlichem Weg vom Tier auf den Menschen und umgekehrt sowie von Tier zu Tier übertragen werden können. "Siebzig Prozent aller menschlichen Infektionskrankheiten, die sogenannten Emerging Deseases, kommen vom Tier", berichtet Professor Volker Moennig, Leiter des Instituts für Virologie an der Tierärztlichen Hochschule Hannover.

Fledermäuse sind äußerst nützlich. In tropischen und subtropischen Ländern würden ganze Wälder von Insekten kahlgefressen werden, wenn die segelnden und flatternden Nachtschwärmer die Nimmersatten nicht vertilgen würden. Doch die haarigen kleinen Flughunde sind nicht nur den Insekten gefährlich, sie können auch für die Menschen eine Bedrohung sein. SARS wird sie genannt, und kurz nach der Jahrtausendwende alarmierte sie die ganze Welt. Das Schwere akute Atemwegssyndrom attackiert Lunge und Bronchien und verursacht Atemnot. Einen Impfstoff dagegen gibt es nicht.

SARS: ein mutierter Virus

"Im Herbst 2002 brach diese zuvor unbekannte Infektionskrankheit in Südchina aus. Sie verbreitete sich rasch weltweit. Das Virus war mutiert, der Sprung zum Menschen gelungen", erinnert sich Professor Moennig. "Etwa 8000 Menschen waren infiziert, etwa zehn Prozent von ihnen starben. Es gelang gerade noch, die Pandemie durch konsequente Isolierung der Kranken einzudämmen."

In Südchina hatte sich der Wirtswechsel ereignet, das Virus hatte sich der neuen Wirtszellen des Menschen bemächtigt und war in der Lage, neue Viren zu produzieren. Zunächst waren auf Märkten in Käfigen gehaltene Zibetkatzen als Virusträger enttarnt worden, doch da es bei wildlebenden Artgenossen keine vergleichbaren Infektionen gab, kamen sie nur als Zwischenwirte infrage. Schließlich wurde die Fledermaus als Ausgangsreservoir des SARS-Coronavirus identifiziert, im Jahre 2005, als SARS von der Öffentlichkeit schon fast vergessen war.

Dass die Anpassung des Virus an den neuen Wirt Mensch durch die erfolgreiche Eindämmung 2002/03 nicht stattfand, bedeutet für die Virologen in Hannover keinesfalls Entwarnung. Viren benötigen zur Vermehrung stets erneut frische Wirte, deren Immunsystem gegen ihre hungrigen Angriffe noch wehrlos ist. "Über die Mechanismen beim Wirtswechsel der Viren weiß man bisher wenig - ohne dieses Wissen jedoch kann man weder die Entstehung von SARS nachvollziehen noch etwas über eine Wahrscheinlichkeit weiterer Epidemien sagen", betont Professor Georg Herrler, der bei der Untersuchung des SARS-Coronavirus auf geeignete Zellkulturen wartet, um Fledermaus-Coronaviren endlich im Labor isolieren zu können. Bis dahin wird u. a. mit Pseudoviren gearbeitet, "Tiermodelle" hierfür sind Hamster, Maus und Katze. Untersucht wird auch die Frage, warum ein Virus in einem Wirt friedlich überdauert, im neuen Wirt jedoch verheerend wirkt.

Grenzüberschreitend: die Vogelgrippe

Das SARS-Virus ist nicht der einzige Kontinente und Grenzen überschreitende Reisende. Die Vogelgrippe gehört dazu, doch die virusübertragenden Invasoren können auch Kleinlebewesen sein. Zum Beispiel eine Mückenart, die mit Blumenimporten aus Übersee nach Europa kam. Vermutlich sie löste 2011 die Schmallenbergvirus-Infektion aus. Lämmer und Kälber von Schafen, Ziegen und Rindern wurden mit schweren Missbildungen oder gar tot geboren. Die Übertragung erfolgte nicht von Tier zu Tier, sondern erstmals vom eingewanderten Erregungsträger auf ein Nutztier, das dann von heimischen Gnitzen (Bartmücken) gestochen wurde. Die dann selbst infizierten Bartmücken  trugen dann die Krankheit weiter.

Die Schmallenbachvirus-Infektion sowie Tierseuchen wie die Klassische Schweinepest oder die Blauzungenkrankheit sind nach derzeitigem Wissensstand zwar nicht unmittelbar gefährlich für den Menschen, doch der wirtschaftliche Schaden durch diese Infektionskrankheiten ist groß. Um die Ausbreitung dieser für die Tiere bedrohlichen Krankheiten zu verhindern, werden komplette Herden "gekeult", also auch nicht betroffene Tiere getötet. Durch eine Impfung mit konventionellen Impfstoffen ist keine diagnostische Unterscheidung zwischen geimpften und infizierten Tieren möglich, weshalb der Verkauf geimpfter Nutztiere oder ihrer Fleischprodukte innerhalb Europas praktisch ausgeschlossen ist.

In jüngster Zeit aber wurden sogenannte Markerimpfstoffe entwickelt, die genau definieren, ob ein Tier die Antikörper nach einer Infektion oder nach einer Impfung in sich trägt. Wenn diese Impfstoffe marktreif sind, kann auf das in der Öffentlichkeit mit Entsetzen registrierte und unnötige Keulen ganzer Nutztierherden verzichtet werden. Das wäre nicht nur ein wirtschaftlicher Gewinn, sondern ebenso ein ethischer Fortschritt. Auch das Überleben ist Teil des Wohlbefindens von Tieren, das der Tiho Hannover - täglich in der Praxis bewiesen - so sehr am Herzen liegt.    

Autor

Tibor M. Ridegh

Ausgabe

Hannover 11/2012