Hannover Linden - ein Stadtteil voller Lebenskünstler

"Am Küchengarten" heißt der zentrale Platz in Hannover-Linden. Aber statt Grün sieht man hier Grau. Im Norden liegt die viel befahrene Fössestraße, im Osten die Siebziger-Jahre-Bausünde Ihme-Zentrum, dazwischen das Heizkraftwerk mit seinen markanten Türmen, im Volksmund "Die drei warmen Brüder" genannt. Und trotzdem: Der Platz lebt. Gesetzte Herrschaften laufen hinüber zur Kabarettbühne TAK, Skater üben ihre Tricks, Mädchen finden das gut, späte Swingkids schwofen zu Klängen aus dem Ghettoblaster, Kinder toben über den Spielplatz, Enddreißiger boulen und buhlen um Aufmerksamkeit.

Die Gäste des "11A" - das Lokal am Platze - genießen es. "Der Ort hat eine totale Magie", sagt der Chef Christoph Elbert. 1,97 Meter ist er groß, ein Hüne in Shorts und Schlappen, das weiße Haar mit einer Brille gebändigt. Sein Pavillon ist eines der angesagtesten Restaurants der Stadt. Ist es hier zu voll, wartet man in der hauseigenen Weinbar "Ihmerauschen", bis endlich ein Tisch frei ist. Es gibt Hausmannskost auf höchstem Niveau, mit rustikalem Charme serviert auf einfachem Geschirr und mit Besteck aus dem Ein-Euro-Laden. "Die besten Produkte im casualsten Ambiente", nennt das Elbert.

Gut darf es sein in Linden, aber nie zu chic. Das war schon immer so. Linden galt mal als Preußens größtes Dorf, war Industriestandort und Arbeiterviertel, wurde 1885 eine eigene Stadt und erst 1920 nach Hannover eingemeindet. In den sechziger Jahren kamen die Gastarbeiter, in den Achtzigern die Studenten. Linden ist eine städtische Insel, rau und pulsierend, umrahmt von Schnellstraßen und den Flüssen Leine und Ihme, mit Eigensinn und Lokalpatriotismus.

Lebensader ist die Einkaufsmeile Limmerstraße westlich des Küchengartens. Wenn im Frühjahr die Sonne zu scheinen beginnt und die Hannoveraner im Rest der Stadt noch überlegen, ob sie nicht in ein paar Tagen mal das Haus verlassen sollten, stehen hier längst die Stühle und Tische draußen, flanieren Familien, Hipster und Punks, die örtlichen Trinker und die Gäste aus dem Rest der Stadt. "Limmer" nennt sich dieses Schlendern. Ab nachmittags trägt jeder Zweite Flaschenbier mit sich herum. Die hohe Kioskdichte garantiert den Nachschub. Man könnte essen gehen: türkisch, chinesisch, italienisch, persisch, süd- oder nordamerikanisch, meist solide, oft richtig gut. Oder hinüber in die "Faust", das soziokulturelle Zentrum mit Club, Bühnen, Biergarten und Kunsthalle in einer ehemaligen Bettfedernfabrik.

Café
Lukas Spörl
Den ersten Kaffee des Tages in der "Bar" trinken.
Auf den selbst gezimmerten Bänken vor dem Café von Isabelle Haijtema trinken bis in den Nachmittag lässige Menschen den ersten Kaffee des Tages. Drinnen geht es tagsüber manchmal zu wie in der Kindertagesstätte; alleinerziehende Mütter und neue Väter sind mit ihrem Nachwuchs zu Gast. Schlicht "Bar" hat Haijtema ihr Café genannt. "Als ich aus Amsterdam hierherkam, habe ich mich immer gefragt, warum es so einen Laden nicht gibt", erzählt die gelernte Möbeltischlerin: "Dann habe ich ihn halt selbst gemacht."

Apollo Kino in Hannover
Lukas Spörl
Das letzte klassische Stadtteilkino Hannovers: das Apollo.
Ein paar hundert Meter weiter liegt das "Apollo", das letzte klassische Stadtteilkino Hannovers und das älteste bespielte Kino Norddeutschlands. Es stand vor dem Aus, als 1973 ein langhaariger Student anfragte, ob er nicht einmal sein Konzept eines Programmkinos ausprobieren dürfte. Er durfte, der Rest ist Geschichte: Der Student war ein gewisser Achim Flebbe, der spätere Cinemaxx-Gründer. Wenn jemand hinter dem steht, was er macht, sind die Chancen gut, dass es in Linden funktioniert. "Es geht um eine gewachsene Bindung", sagt der heutige Kinobetreiber Torben Scheller: "Konzerne mag der Lindener nicht." Die werden nur geduldet, wenn es um den täglichen Bedarf geht, nicht aber in Fragen des Genusses. Die örtliche Filiale der Café-Kette "Balzac" etwa wurde so lange ignoriert, bis sie aufgab.

Die alten Lindener sind stolz darauf, nicht richtig zu Hannover zu gehören

Die alten Lindener nennen sich "Butjer", vom niederdeutschen buten, draußen, sind stolz darauf, nicht richtig zu Hannover zu gehören. Man ist autark, mit unzähligen Geschäften, Kneipen, Bars und Clubs wie dem renommierten "Jazz-Club" auf dem Lindener Berg, viel Grün, freien Bühnen, Galerien, Sternwarte und Buchdruckmuseum, dazu Stadtteilfesten wie "Das blaue Wunder", wenn die Scilla-Blüte den träumerischen Bergfriedhof bedeckt. "Es ist ein urbanes Dorf", sagt Claudia Pahl. "Hier kann jeder leben, wie er will." 2005 hat sie an der Eleonorenstraße "Feinkost Lampe" eröffnet, einen alternativen Musik-Club im Keller der "Elo 18". Das Gebäude war früher eine Schule; jetzt arbeiten darin Kreative. "Hier gibt es noch Nischen. Wenn man die einmal belegt hat, sind die Lindener extrem treu", sagt Pahl: "In Berlin gibt es dafür einen viel zu hohen Hipness-Druck."

Lukas Spörl
"Anne Behne": kleine im Stadtteil Linden.
Streitbar ist der Stadtteil. Es wird auf die "Touristen" geschimpft, die Besucher aus anderen Stadtteilen, die auch mal alternative Luft schnuppern wollen. Das Gespenst der Gentrifizierung geht um, die Befürchtung, dass Linden zu teuer werden könnte. Früher zog weg, wer es geschafft hatte. Heute nimmt man sich eine Wohnung in den Gründerzeitbauten am Lichtenbergplatz oder am Von-Alten-Garten. Oder zieht gleich ins Gilde-Carré: eine brave Reihenhaus-Siedlung auf dem ehemaligen Gelände der Gilde-Brauerei.

In eines der chic sanierten Häuser an der Stephanusstraße flogen im Frühjahr 2012 sogar Steine - als Protest gegen hohe Mieten. Die Straße, die vom Küchengarten zum Marktplatz führt, wurde zum Symbol des Wandels. Früher fuhr man durch, weil es hier nichts gab, das einen Stopp gelohnt hätte. Inzwischen finden sich dort exquisite Läden wie "Jäger & Sammler", "Enjoy your camera" und "ey Linda".

Eine Pionierin war 2001 Sybille Furczyk mit ihrem Schuhgeschäft "Anne Behne". Damals wurde sie belächelt. Heute hat sie Kundinnen aus dem ganzen Bundesgebiet. Lindens allmählichen Aufstieg zum In-Viertel sieht sie zwiegespalten: "Nur von den alleinerziehenden Müttern hier im Viertel kann ich nicht leben. Aber wenn wir für Auswärtige nur das Vorprogramm zum Prosecco-Trinken sind, finde ich das auch nicht so toll."

Samstags ist Markttag in Linden, und hier ist alles noch, wie es der Lindener liebt. Man trinkt Kaffee in einem der Lokale oder am fahrbaren "Café Mobil", probiert sich beim türkischen Feinkosthändler durch Oliven, Schafskäse und Knoblauchdip, frühstückt eine Currywurst, bummelt durch die Boutiquen in der Umgebung und lässt sich gegen Mittag beim Blumenhändler für zehn Euro beide Arme mit Blütenpracht beladen. Wenn die Limmerstraße Lindens vitale Hauptschlagader ist, dann ist der Marktplatz das gleichmäßig schlagende Herz. Statt "Limmern" ist hier "Brunnenlungern" angesagt: Abends trifft man sich am Nachtwächterbrunnen, feiert, redet, trinkt. Auch hier wieder Flaschenbier vom Kiosk in den Händen von Menschen bis Ende 40, die sich auch ein Gezapftes in den Kneipen leisten könnten. Aber so ist es schöner. Ein guter Ort für Junggebliebene.

"Die meisten Menschen hier haben ein Bedürfnis nach heiler Welt", sagt Jan Verhagen. Diese heile Welt sieht in dem Szenetreff "... und der böse Wolf", den er seit 1996 mit seiner Frau Claudia betreibt, so aus: schwarze Wände, dichter Rauch, Fußball-Devotionalien, Punk aus den Boxen - und die beste Thai-Küche der Stadt. Verhagen, ein Zwei-Meter-Mann mit Lederkluft, ausladendem Kiefer und dröhnendem Lachen, ist sicher: "Die Lindener mögen das Authentische."

"Wir finden uns toll, und das zu Recht", sagt ein Mann, der Lindens Lässigkeit bundesweit bekannt machte: Ralf Schnoor war 2010 Millionen-Gewinner in Günther Jauchs Fernsehshow. Im wahren Leben betreibt der Glatzkopf das "Café K" am Pariser Platz, einer der schönsten Ecken des Viertels. Er rollt dort immer noch die Trüffel, die es zu jedem Heißgetränk gibt. Kaffeehaus-Atmosphäre drinnen, mediterrane Stimmung draußen und ein tiefenentspannter Chef mittendrin. Er meint: "Es ist doch toll, wenn die Touristen kommen. Dann können sie sehen, dass Hannover tolle Facetten hat - und diese hier funkelt besonders hell."

Autor

Stefan Gohlisch

Ausgabe

Hannover 11/2012