Niedersachsen Hannover, Bühne der Baukunst

"Wir haben die Villa Stichweh in der Nordstadt", sagt Uwe Bodemann und strahlt triumphierend: "einen lupenreinen Walter Gropius. Hätten Sie nicht gedacht, oder?" Hannovers Stadtbaurat kann sich in Schwung reden. Die Rolle der Moderne in seiner Stadt ist ihm wichtig. Mehr noch die Hoffnung, dass sie auch außerhalb endlich die gebührende Anerkennung finden möge: Hannover steht nicht im Ruf, eine Schönheit zu sein, und Bodemann hält dagegen und die Hand in die Höhe. An seinen Fingern zählt er die architektonischen Kostbarkeiten der Stadt auf.

Mit Klassikern wie dem Opernhaus des Baumeisters Georg Ludwig Friedrich Laves (1788 bis 1864) und dem wilhelminischen Neuen Rathaus im Zuckerbäckerstil der späten Kaiserzeit will Bodemann gar nicht erst anfangen, ihm geht es um das, was er die "verkannte Phase der Moderne" nennt. Und zählt erneut auf: gut erhaltene Originale von Henry van de Velde und Peter Behrens, das Ensemble der ehemaligen Pädagogischen Hochschule von Franz Erich Kassbaum, Fritz Högers "Anzeiger"-Hochhaus, das Verwaltungsgebäude der Sparkasse am Aegidientorplatz und das Conti-Hochhaus am Königsworther Platz. Elegante, ausgewogene Architektur.

"Dann wäre da noch ein Bauwerk von Frank Gehry am Steintor, mitten in der Stadt. Spektakulär – aber ich kann es vom Baustil her nicht zu den Top Ten der Moderne zählen. Das Verlagshaus Madsack hat sich 2007 ein Gebäude von Alessandro und Francesco Mendini bauen lassen. Das könnte schon eher dazugehören." Am Abend dann noch ein Anruf aus dem Baudezernat am Rudolf-Hillebrecht-Platz: "Habe ich eigentlich unsere Musikhochschule erwähnt? Aus der Luft betrachtet, hat sie den Grundriss eines Ohrs. Das ist Baukunst vom Feinsten."

Dem kriegszerstörten Hannover blieb nur eine Richtung: vorwärts

Rudolf Hillebrecht, der dem Platz vor der Behörde seinen Namen gegeben hat, war Bodemanns Amtsvorgänger in den Jahren nach dem Krieg. Ein Mann, der eine Stadt vorfand, von der nach den Bombenangriffen nicht viel übrig geblieben war. Im Foyer des Rathauses ist ein Modell aufgebaut, und seit Generationen hat wohl jeder Schüler aus Hannover einmal mit seiner Klasse davor gestanden und nach Orientierungspunkten in den Miniatur-Schuttbergen gesucht. Eines wird jedem deutlich, der das kriegszerstörte Hannover sieht: Eine andere Richtung als vorwärts war gar nicht denkbar.

Schon gar nicht für den obersten Wiederaufbauer Hillebrecht. Der hatte sein Handwerk als Architekt beim Bauhaus-Gründer Walter Gropius gelernt: Das Streben nach Klarheit, Offenheit, Gleichheit und Funktionalität war da vorgegeben. Zudem hatte die Moderne bereits eine reiche Tradition in der Stadt. Die junge Avantgarde traf sich in den 1920er Jahren häufig beim Dada-Maler und Dichter Kurt Schwitters in Hannover. Im Salon der Sammlerin Sophie Küppers gingen Paul Klee, Piet Mondrian, Otto Dix und Wassily Kandinsky aus und ein. Und der hannoversche Museumsdirektor Alexander Dorner war es, der das Werk des Malers Kasimir Malewitsch im Keller seines Museums jahrelang vor der Zerstörung durch die Nazis schützte.

Zukunftsweisend: Schnellstraßen, Stadtautobahnen und Verkehrskreisel

Mehr als sechs Millionen Kubikmeter Schutt waren vom Krieg geblieben. Rudolf Hillebrecht sah darin auch die Chance, der Stadt eine zukunftweisende Gestalt zu geben, und das hieß: Aufbau, Aufbruch, Autos. "Eines Tages wird es bei uns genauso viele Automobile geben wie in Schweden oder in der Schweiz", verkündete er damals einem ungläubig raunenden Publikum und baute Schnellstraßen, setzte Stadtautobahnen auf Stelzen und legte riesige Verkehrskreisel in bewohntes Terrain. Mobilität galt als Ausdruck gelebter Demokratie: jedermann zu jeder Zeit an jedem Ort. Bewegung und Tempo waren Ideale, die in der Kunst der Moderne lange schon vorgedacht waren eine vierte Dimension, in der das Leben erst spürbar wird. Die Achsen und Auffahrten aus herrschaftlicher Vergangenheit machten Platz für schwungvoll gelegte Trassen. Hannover wurde zur "autogerechten Stadt" - zunächst bestaunt und bewundert von Kommunalpolitikern aus der ganzen Republik, denen die enge und verschachtelte Historie ihrer Städte solch großzügige Gesten verbot.

Doch die Vorstellungen vom Leben in der Stadt wandelten sich. Zehn Jahre nach Hillebrechts Tod 1999 wollte die Bild-Zeitung den einstigen Stadtbaumeister ans Kreuz nageln, ihm den Titel eines Ehrenbürgers aberkennen und ihn verantwortlich machen für das, was der Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich schon 1965 als "die Unwirtlichkeit unserer Städte" beklagt hatte. Konkret: für rücksichtslosen Kahlschlag und den Abriss auch noch der letzten Reste historischer Substanz. Für eine Planung zugunsten des Autos und im Zweifel auf Kosten derer, die in der Stadt leben und wohnen wollen. Für den verhunzten Raschplatz hinter dem Bahnhof und das Ihme-Zentrum, das bis heute als Inbegriff von betonierter Trostlosigkeit gilt.

Neu entdeckt: ein ehemaliger Parkplatz wird zu Wohnraum umgebaut

Uwe Bodemann verteidigt den Vorgänger. Widmet um und erweitert, wo nach 60 Jahren ein neues Verständnis von urbaner Lebensqualität neue Räume und Flächen fordert, und baut zurück, wo das Ideal der Mobilität in eine Sackgasse geführt hat. Aber er lobt Hillebrechts Mut, die Gedanken der Moderne umzusetzen in gebaute Architektur, in Stadtplanung und ein Lebensgefühl. Dazu gehört für ihn auch, kein Konzept als endgültige Wahrheit hinzustellen. Heute fährt der erste Bauherr der Stadt, die sich einst dem Automobil verschrieben hatte, mit dem Fahrrad ins Büro. Den Klagesmarkt etwa hat Bodemann als attraktiven Grund zum Wohnen entdeckt. Bislang wurde die Ödnis in direkter Nähe zur Innenstadt als Parkplatz vergeudet.

Kreisel werden zu Kreuzungen umgebaut, auch an der Goseriede und vor dem "Anzeiger"-Hochhaus werden Fahrspuren eingespart, dafür bekommen Radfahrer und Fußgänger viel mehr Platz. Die kleine Altstadt mit der Marktkirche soll nicht weiter durch Hauptverkehrsstraßen von ihrer Umgebung isoliert bleiben; das Betongebirge des Kröpcke-Centers ist schon verschwunden. Das neue Gebäude passt sich besser in die Blickachsen ein, die der hannoversche Stadtplaner Laves im 19. Jahrhundert anlegte: Zum guten Leben in der Stadt gehören schließlich auch Maß und Identität, Proportion und Ästhetik.

Hannover zeigt einiges davon. Das Terrassenhaus Semiramis im Stadtteil Davenstedt, 1972 eingeweiht. Oder die im Jahr 2000 bezogene neurochirurgische Privatklinik INI in Groß-Buchholz, deren äußere Form einem menschlichen Gehirn nachempfunden wurde. Gelungene Wagnisse junger Baukunst, deren Geschichte in Hannover kontinuierlich fortgeschrieben wird. Die Weltausstellung Expo 2000 gab entscheidende Impulse, etwa mit der spektakulären Sandwich-Architektur des niederländischen Teams MVRDV. Das Experiment "Straßenkunst" lud bereits in den siebziger Jahren die Bewohner der Stadt zur - bisweilen ironischen - Auseinandersetzung mit dem öffentlichen Raum ein. Und zwischen 1990 und 1994 entstanden die "Busstops", künstlerisch formulierte Einladungen, den öffentlichen Nahverkehr wahrzunehmen: knallig wie Alessandro Mendinis gelb-schwarz gewürfelte Haltestelle vor dem "Anzeiger"-Hochhaus, nobel und dezent wie Jasper Morrisons Wartehäuschen am Aegidientorplatz.

Und dann meldet sich Stadtbaurat Bodemann noch einmal am Telefon. Die Marktkirche aus dem 14. Jahrhundert gehöre auf jeden Fall noch in seine Top Ten der Moderne. Weshalb denn das, bitte? "Ganz einfach", sagt der Stadtbaurat: "Sie wurde nach dem Krieg nach Plänen des Architekten Dieter Oesterlen wiederaufgebaut, in einer sehr sensiblen Mischung aus Respekt vor der historischen Vorgabe und ihrer modernen Interpretation. Zur Moderne gehört immer auch der Sinn für ihre Geschichte."

Autor

Martin Tschechne

Ausgabe

Hannover 11/2012