Niedersachsen Sreifzüge durch fünf Städte

Papenburg - Deutschlands älteste Moorkolonie

Sonntag ist Ruhetag. Die Gefahr, etwas zu verpassen, also gering. Papenburg ist jung, keine 380 Jahre alt, dennoch Deutschlands älteste Fehn-(Moor)kolonie. Eine Klein- und Flächenstadt mit einer 15 Kilometer langen Hauptstraße entlang des Hauptkanals, einem Entwässerungsgraben, der durch die Stadt führt. Dazu kommen noch Nebenkanäle, das macht zusammen 40 Kilometer Wasserstraßen. Jedem Papenburger gehören damit im Schnitt mehr als zwei Meter Kanalufer. Das Stadtbild hat Modellcharakter; als hätte jemand aus dem Baukasten alle Zutaten für Idylle ausgewählt und an einer Perlenschnur aufgereiht: historische Zweimaster auf dem Kanal. Weiß und schwarz getünchte Holz-Zugbrücken. Blumenrabatten vor dem Rathaus. Nur gelegentlich hat sich der Stadterbauer in den Proportionen vertan - in Untenende, dem Zentrum von Papenburg, reckt sich die Kirche von St. Antonius (1877) überdimensioniert in den Himmel - Neogotik in Vollendung von außen, im Inneren überbordender Katholizismus. Gegenüber steht als ästhetischer Antipode das wuchtige Rathaus.

Etwas abseits dann ein paar Windmühlen und ein weitläufiger Stadtpark. Dort gibt es wieder Kanäle, Brücken, weiße Bänke in strengen, planvollen Abständen. Aber auch Außergewöhnliches bietet Papenburg: den Nachbau eines Leuchtturm aus Riga, der als Kirchturm für St. Michael dient. Eine Autoteststrecke an der Peripherie sowie 75 Hektar Gewächshausdächer - Deutschlands Gurken und Geranien kommen aus Papenburg. Vom Obenende ins vier Kilometer entfernte Untenende geht es sechs Meter bergab, dieser Höhenunterschied sorgt dafür, dass das Kanalwasser auch wirklich abfließt.

Aber bitte nicht zu schnell: Ein kleiner Junge wirft seine Angel in das dunkle Wasser, das aussieht, als wäre in ihm kein Leben, herabgefallenes Herbstlaub verharrt regungslos an der Oberfläche. Ein Bild voller Symbolik - das Gemüt des Papenburgers scheint dem eines Anglers zu gleichen: den Köder durch die Luft sirren sehen, ihn langsam, ganz langsam, wieder einholen. Hier und da markieren Marienkapellen die nördlichste katholische Enklave Deutschlands. "Ich bin da", steht auf einem Kreuz vor der St.-Joseph-Kirche. Aber auch Gott scheint hier Ruhetag zu haben. Links und rechts des Weges reihen sich endlose Hauszeilen aus dem Eigenheimkatalog der vergangenen 200 Jahre, ältere Architektur ist kaum zu finden. Mussten doch zuerst die Kanäle abgetorft werden, bevor das Land in Moorparzellen aufgeteilt werden konnte.

Die Gründung Papenburgs lag in der Hand eines Mannes, der eine Idee hatte: 1631 erwarb Dietrich von Velen nordöstlich von Aschendorf das Gut Papenburg, "ein altes zerfallenen Gebewh (Gebäude), ein groß Torfmoraß (Torfmorast) und 18 oder 20 Kühen Gras oder Weide". Wie das Moor trockenzulegen war, hatte er den Niederländern abgeschaut. Velen schuf einen schiffbaren Zugang zur Ems, und 1639 ließen sich die ersten Torfstecher in Papenburg nieder. Bald kauften und bauten sie ihre ersten "Torfmutten" - Schuten, mit denen sie den Torf transportierten. Die waren der Ursprung des Papenburger Schiffbaus. 1951 wurde die letzte Fuhre Torf durch den Kanal gezogen.

Buchweizen war das einzige Getreide, das auf den abgetorften Flächen gedieh. Beim Verzehr der salzigen Fladen verbindet sich die Verschrobenheit des emsländischen Gemüts mit dessen genussvoller Ruhe. Sonntags kann man diese Symbiose im Ackerbürger- und Kapitänshaus (1817-1820) der Von-Velen- Anlage genießen. Dann rückt man den Stuhl geräuschvoll an den Tisch und verteilt die Preiselbeeren sorgfältig auf dem Pfannkuchen. In Papenburg ist wieder mal Sonntag.

Hameln - Die einzige Stadt der Welt , in der Ratten Sympathieträger sind

Tatsächlich Max und Moritz! An die Außenwand einer Bäckerei im Hamelner Industriegebiet ist der letzte Streich der Busch'schen Buben gepinselt - sie werden vom Müller zu Mehl geschrotet. Ein Bild, das in Hameln seine Berechtigung hat. Schließlich trägt die Rattenfängerstadt die Werkzeuge des Müllers im Wappen. Aber der Reihe nach. An einer Furt über die Weser errichteten Fuldaer Mönche um 800 eine Missionskapelle. Handwerker und Kleinhändler gründeten in der Nähe "Hamala", den Kern von Hameln. Zwei Klostermühlen aus der Umgebung versorgten die Menschen mit Mehl, Händler aus Friesland und Flandern kamen die Weser hinauf, um ihre Waren feilzubieten. Um 900 erhielt die Siedlung das Marktrecht. Korn, Mehl und Mühlsteine waren die wichtigsten Handelsgüter. Schon 1235 wurde das Bäcker-Equipment ins Stadtsiegel geprägt: "Aus Gottes reicher Milde hat / der Baecker Brod und Brod die Stadt", so das Motto der Backstuben.

Schließlich 1284 der Auftritt des Rattenfängers, des Papagenos der Gebrüder Grimm. In jenem Jahr befreite ein Flötenspieler Hameln erst von einer böser Plage und entführte dann, da er nicht entlohnt wurde, aus Rache die Kinder. 130 sollen es gewesen sein. In Hameln wird die Geschichte an jeder Straßenecke und in allen Formen reichlich zitiert - keine andere Stadt der Welt hat Ratten zu knuffigen Sympathieträgern erklärt, an keinem anderen Ort werden Lehrer, die ihre Schulklassen hinter sich herziehen, so argwöhnisch beäugt. Hameln hat diese Geschichte bis zum letzten Flötenton ausgekostet. Es gibt Rattenfängerspiele, ein Rattenfänger-Glockenspiel, einen Rattenfänger- Literaturpreis und neuerdings das Musical "Rats".

Die Stadt schmückt sich mit einem Rattenfänger-Haus (1602/03), einer Rattenfängerhalle (1988) und einem Rattenfänger-Brunnen am Rathaus. Und weil einer nicht reichte, sponserte die Lokalzeitung noch gleich einen zweiten. In den Läden liegen, na klar, Marzipan-, Schokoladen- und Brot-Ratten an vorderster Front. Im Restaurant serviert man flambierte Rattenschwänze, Rattenblut (Sekt mit Johannisbeersaft) und Rattenkiller, einen 50-prozentigen Schnaps mit der bissigen Schärfe von Ingwer. Ein sagenhaftes Angebot.

Was für eine Vielfalt bieten auch die profanen Bauten der Weserrenaissance! Überall lugen die Utluchten hervor, fließen Voluten auf den Giebeln, verströmen breite Ornamentbänder schmucke Geruhsamkeit. In der Großehofstraße, der schönsten Altstadtstraße, atmet noch das 16. Jahrhundert. Am Münster lassen sich die Stilepochen ablesen, die bis zur Fertigstellung von St. Bonifatius im Jahre 1744 aufeinander folgten: romanische Krypta, gotische Halle, barocke Turmhaube.

Schwer zugänglich und leicht in Vergessenheit geraten über dem Ratten-Label sind die anderen Legenden und Überlieferungen, mit denen sich das sagenhafte Hameln noch schmückt: So soll die Kapelle von St. Bonifatius von einem mit Gold beladenen Esel gegründet worden sein. Die Legende von dem Basilisk, einer Schlange mit Flügeln und Hahnenkopf. 1351 soll das Ungeheuer drei Männer beim Ausschachten eines Brunnens in der Fischpfortenstraße mit seinem Blick getötet haben. Oder die Geschichte über das Haus in der Bäckerstraße 46, das ein Herr Grimsehl mit jenen Goldstücken finanziert haben soll, die er eines Morgens in der Herdasche fand: Zwergengold. Dort, wo die renovierte Pfortmühle steht, ein Industriebau von 1894/95, und wo eine Brücke einen weiten blauen Bogen über die Weser schlägt, findet Hameln heute noch einmal seinen Weg zum Wasser, an dem es scheinbar nie einen richtigen Hafen gegeben hat. Hier liegt ein kleines Lokal im Grünen, springen Lachse die für sie eingerichtete Treppe flussaufwärts, findet man Ruhe vor all den Wesen, die auf vier Pfoten laufen oder auf einem Musikinstrument spielen.

Rattenfängerfreie Zone ist auch das Museumscafé im Stiftsherrenhaus, hier gibt es keine Spitzschuhspitze und kein Flötenloch zu entdecken. Der Teppichboden schluckt die umliegenden Gespräche, an den Decken leuchten schneckenförmige Lampen, eine schmale Standuhr schlägt die Stunde in hellen Tönen. Es gibt gute Zeitungen, und die Bedienung kommt ohne Notizzettel, ohne piepende Codierungsmaschine aus. Und selbst die Rattenfänger-Torte, vom Boden bis zur Schokoladencoverture beinah ungesüßt und mit einer kleinen Überraschung durch einen dezent marmeladigen Schlenzer auf der Zunge, gleicht einem Versöhnungsversuch mit der überstrapazierten Sage.

In Hitzacker verliert man die Natur nie aus den Augen

Der Blick über die Elbe aus dem früheren Mecklenburg ist noch neu. Vom Deich aus kann man über das Wasser sehen. Hinter Baumwipfeln, zwischen Kirchturm und bewaldeter Erhebung, da muss Hitzacker liegen. Seit 1997, als die Flussauen auf beiden Seiten der Elbe von der Unesco als Biosphärenreservat anerkannt wurden, ist der kleine Ort Verwaltungssitz der "Niedersächsischen Elbtalaue". Eine kleine Naturschutzzentrale also, eine neue Aufgabe.

Wendeglück. Zwischen den beiden Elbufern pendelt ein Motorbötchen und setzt Spaziergänger und Radfahrer über. Eine improvisierte Verbindung, obwohl das gegenüberliegende Amt Neuhaus seit 1993 wieder zu Niedersachsen gehört. "In einer lustigen Gegend gelegen" fand Matthäus Merian das Inselstädtchen. Zwischen zwei Flussarmen, die die Jeetzel kurz vor der Mündung in die Elbe ausbreitet, liegt die eiförmige Fachwerkstadt. 5000 Einwohner, 400 Meter lang, 300 breit. Direkt am Ortskernrand wallt sich die geschmeidige Hügelkette des Drawehn zu im Norddeutschen unerwarteten Höhen.

Auf Merians Stadtansicht von "Hitzger oder Hitzakker" (1654) nimmt das bullige Schloss von Herzog August dem Jüngeren ein gutes Viertel der Stadt ein. Der Herzog von Braunschweig-Lüneburg trug hier die ersten Bände seiner berühmten Bibliothek zusammen und verfasste eine Abhandlungen über Schach. Geblieben ist Hitzacker davon nichts, die Bibliothek wanderte 1643 nach Wolfenbüttel, und vom Schloss fehlt heute jede Spur. Nur selbe. Mit viel Aussicht auf viel Landschaft. Die Stadt muss mit dem Verlust ihrer historischen Spuren leben. Eine Burg, im 8. Jahrhundert mit Palisadenwall auf der geebneten Bergspitze errichtet und später bis zur Festung ausgebaut, ist zur Unkenntlichkeit zerfallen. Es gibt keine Fischer mehr, nur noch Sportboote liegen im Yachthafen. Der Zoll hat ein einsames Kontrollboot als Andenken an die Zeit vor 1989 zurückgelassen, der Bundesgrenzschutz ist abgezogen. Zu allem Unglück starb vor kurzem die 300-jährige Riesenkastanie, deren Baumkrone 35 Meter durchmaß. Keine Sensationen also.

Unerwartete Werbung erfuhr Hitzacker vor ein paar Jahren, als die Produzenten der Fernsehserie "Girl Friends" den Luftkurort für Außenaufnahmen entdeckten. Und als Claus von Amsberg, Prinzgemahl der niederländischen Königin Beatrix, noch lebte, kam er manchmal heim in seine Geburtsstadt und brachte königlichen Glanz. Nicht Großes, nichts Großartiges, aber welche Stadt kann das von sich behaupten? Jetzt gibt es einen Clausvon- Amsberg-Platz, und am Kranplatz und in der Zollstraße fanden die "Girl Friends"-Produzenten ein niedliches Set aus geduckten Fachwerkhäuschen und nicht allzu geraden Gässchen wie dem Brink, wo das schiefe "Knusperhäuschen" steht.

In der Hauptstraße leuchten die historischen Haustüren und Schwellensprüche in knalligen Farben. An der Brücke zur Altstadt grüßt das Drawehnertorhaus aus dem 17. Jahrhundert, eine Gaststätte in perfektem Fachwerk. Der Markt ist so klein, dass man sich kaum umdrehen kann. Alles wie geleckt, selbst das stolze Zollhaus von 1589, das älteste erhaltene Gebäude. Überall im Ort stößt man auf Hochwassermarken. An Hausecken, Pfählen, weißgetünchten Türbalken werden akribisch Höhen notiert.

Kein Wunder, seit Jahrhunderten gehört Hochwasser und Überflutung zum Leben an der Jeetzelmündung. In wenigen Stunden können die Einwohner auf den Bürgersteigen von Haus zu Haus Holzstege und -brücken errichten, Schlauchboote kreuzen dann als Taxis in den Straßen. Völlig unaufgeregt. Schon früher paddelte man in Schweine- und Brottrögen durch die temporären Grachten.

Geflucht wird später. Und dann wieder alles renoviert. Es scheint ein Hobby in Hitzacker zu sein, die Katastrophe fotografisch festzuhalten: Immer noch halten Ladenbesitzer und Bewohner Fotos von der Jahrhundertflut 2002 bereit. Doch erst jetzt wird über eine Hochwasserschutzmauer, ein Sperr- und ein Schöpfwerk diskutiert - ein Deich ist nicht machbar in der Auenlandschaft: Das Wasser ist Hitzackers Schicksal.

Wer ein paar Tage in Hitzacker weilt, etwa zu den renommierten Sommerlichen Musiktagen, wird den Reiz von Hitzacker erkennen. Es ist die Aussicht. In Hitzacker verliert man nie die Natur aus dem Auge. An der Spitze des Elbwerders bahnt sich der Fluss breit seinen Weg, mit etwas Phantasie: Er mäandert vorüber. Seltene Zugvögel - Graugänse, Singschwäne und Kraniche lassen sich an der Alten Jeetzel und in den sumpfigen Wiesen beobachten.

Vom Weinberg blickt man bis weit ins Mecklenburger Land und auf das Wendland; auf der Klötze, einem Aussichtsturm über den Wipfeln, liegen einem die Eichenwälder zu Füßen. Und immer im Hintergrund: der große Fluss. Der Bürgermeister versucht, die Elbe als verbindendes Element zu sehen - Fähren und Brücken seien in Planung. Eine Eisenbahnverbindung über die Elbe, nach Wittenberge, würde er sich wünschen; bislang liegt Hitzacker an einem Gleis, das ein paar Dörfer weiter an der Verladestation des Castors endet. An die Ansiedlung gewerblicher Betrieben sei nicht zu denken. Und die Jugend wandere - sobald sie motorisiert ist - in die großen Städte ab. Nach Lüneburg, Hamburg, Schwerin. Und komme bisweilen als Häuslebauer zurück. Ansonsten ist es ruhig.

Celle - Die frühere Fürstenstadt in der Südheide

Celles Straßen sind voll. Durch die Altstadt strömen Menschen, drängen in die Läden, in die Cafés. Sie stehen vor dem Rathaus, drehen vor dem Schloss die Köpfe - die kleine frühere Residenzstadt ist alles andere als verschlafen. Bis 20 Uhr. Dann schließen die Geschäfte, rücken Gastronomen ihre Stühle und Tische rein. Also Stille und viel Platz zum Schauen. Der Fachwerkglanz beginnt drei Meter über dem Boden. Renoviert und taufrisch, die Denksprüche mit frischem Gold aufgemalt, strahlen die geschlossenen, mit dem Lineal ausgerichteten Altstadt-Straßenzüge. Celle ist eine Retortenstadt, 1292 von Otto dem Strengen am Reißbrett entworfen.

Über die Architektursünde der austauschbaren Fußgängerzone muss man hinwegsehen, die Augen gegen die Schaufensterdekorationen abschirmen. Viele Häuser sind zu ebener Erde fast ausgehöhlt, alle Spuren des Fachwerkinneren hinter Gipsplatten versteckt. Die Fachwerkstadt ist "unten ohne", wie man hier launig zugibt. Die üppig hervorragenden Geschosse der Altstadtbauten mit ihren reichen Verzierungen, den Laubwerkranken, Schlingen, Medaillons, ländlichen Ornamenten, Bienenkorbmustern und Treppenfriesen, lassen die Ära der wohlhabenden Ackerbürger, der Offiziere und adligen Gerichtsbeamten Revue passieren. Überragt werden sie von der kunstvollen Konstruktion des Hoppener Hauses (1532). Einige der ältesten Häuser Niedersachsens stehen hier.

Im Bomann-Museum hingegen vereinen sich viele Stilmerkmale: ein Giebel, eine wuchtige, patriotische Ehrenhalle, die mit großen Fenstern über Eck auch nach außen vorspringt, und ein Biedermeier-Fachwerkhäuschen zur Rechten. Der gläserne Neubau ist von überraschender Transparenz - der Blick fällt ungehindert in die Kunstsammlung des "24-Stunden-Museums", in dem nachts fröhliche Lichtkunst blinkt. Auch der größte städtebauliche Eingriff, ein Kaufhaus, nimmt den Rhythmus der Gefache auf, spielt mit den Proportionen, kopiert auf dem Dach die Parzellierung der umliegenden Grundstücke.

Zwischen all den schöne Hüllen wirken die bemalten, oft raffiniert getarnten Stromkästen um so kurioser. In der Fassadenstadt regiert eine Lust am Verkleiden, die der verbliebenen Bausubstanz die Rolle eines Statisten zuweist, der seine Rolle glamourös ausfüllt. Höhepunkt des Täuschungsspiels ist die scheinbar klassizistische Rathausfassade, die jedoch um 1700 lediglich aufgemalt wurde. Am Rand das Celles Schloss, der Dreh- und Angelpunkt der Stadtgeschichte. Von hier wurde das Herzogtum Lüneburg regiert, hier war der zweite Amtsitz des Königreichs Hannover. Doch von der deutschen Kleinstaaterei- Herrlichkeit interessieren heute nur noch die Anekdoten des Schlossadels, die Celle hütet wie London seine Royals. In der Tat lassen sich Blutsbande von der kleinen Allerstadt bis zur Themse nachweisen. Auch wenn sie höchst komplex sind: Der letzte in Celle regierende Herzog, Georg Wilhelm, heiratete die Französin Eléonore d'Olbreuse. Das Paar hatte eine Tochter, Sophie Dorothea (1666-1726). In deren Ehe mit Georg I. von England gebar sie dessen Nachfolger, Georg II. (1683-1760) - den Ururgroßvater des Hauses Windsor - und eine Tochter, die spätere Mutter von Friedrich II. von Preußen. So weit, so gut.

Doch Sophie Dorotheas Affäre mit einem Grafen flog auf und endete mit Verbannung. Jene Konstellation wiederholte sich 1772, als eine Urenkelin von Sophie Dorothea, Königin Caroline Mathilde von Dänemark (1751-1775), eine Liason mit dem Arzt Struensee einging - auch diese Liebschaft war chancenlos. Caroline musste ihr Land verlassen und wählte als Exil die Celler Residenz ihrer Vorfahren. Was der Stadt bis heute einen schönen Besucherstrom aus Dänemark beschert.

Den Status der Residenzstadt verlor Celle 1705. Das Oberappellationsgericht zog an die Aller, dem statt einer Universität das Zucht- und Irrenhaus folgten. So hat das Stadtleben für junge Leute bis heute kaum etwas zu bieten, am Wochenende fahren sie nach Hannover oder Braunschweig. "Man lernt, mit Leuten ungeachtet ihres Alters zu reden", erklärt eine Zuzüglerin. Die zwei Jahre, die sie hier für ihre juristische Ausbildung lebt, betrachte sie als "langen skurrilen Urlaub".

Ein hübscher Ort für einen Langzeiturlaub. Viel Park und viel Heide in der Nähe. Man muss sich eine ruhige Stelle suchen, die Pfennigbrücke oder das Häuschen am Allerwehr. In den Hinterhöfen der Gartenlokale sitzen, die Neue Straße, die Rabengasse entlanggehen. Sich in einem Stuhl zurücklehnen und hochschauen. Auf den Kirchturm steigen und die Augen schließen. Ein anderer Weg führt nicht nach Celle. Wenn man dann nichts mehr erwartet, dann kommt Celle.

Hann. Münden: Prunk mit 700 Fachwerkhäusern aus allen Stilepochen

Ankunft am Abend. Die Straßen sind menschenleer. Auf dem Weg zur Fulda gibt es nachtschwarze Ecken, nur hinter einigen Fenstervorhängen dringt schwaches Licht hervor. Ein junges Paar hockt auf den Stiegen vor dem Hauseingang, murmelt, steckt die Köpfe zusammen. Die Phantasie beginnt Kapriolen zu schlagen: Könnte hier nicht und gleich im nächsten Moment das Mittelalter biertrunken und lärmend im Feuerschein um die Ecke biegen?

Am nächsten sonnenbeschienenen Morgen dasselbe Gefühl: Hann. Münden prunkt mit stolzen 700 Fachwerkhäusern aus allen Stilepochen - mit Gotik, Renaissance, Barock, Rokoko, Klassizismus. Mit rankengeschmückten Konsolen und Muschelrosetten, mit goldene Schwellensprüchen und schwungvollen Eichenstämmen. Die Stadt macht atemlos. Wo sonst finden sich herzförmige Hängezapfen aus dem Hessisch-Thüringischen, rautenförmig Ausfachungen, die im Main-Fränkischen weit verbreitet sind, und dazu noch jene breiten Fensterfronten, "Niedersächsische Laterne" genannt?

Die Fachwelt spricht von "Mündener Sonderstil", den wandernde Gesellen mitbrachten. Ein Paradies für Menschen wie Heinz Hartung. Der 84-Jährige kennt jedes Haus, jede Tür der Stadt. Hölzerne Konsolen und Schwellen lachen ihn an, die Wappen und Wandbilder vollführen kleine Freudensprünge, wenn er durch die Altstadtstraßen geht. Der Stadtbildpfleger hat 300 Häusern ihren ursprünglichen Glanz wiedergegeben, darunter Prunkstücke wie das älteste datierte Haus Niedersachsens, das "Küsterhaus" (1457). Wie der spätgotische Ständerbau "Ochsenkopf". Das Doppeltorgewände von 1592 in der Langen Straße. Für so viel Fassade sucht Hann. Münden derweil seine Geschichte, will mehr nur als ein "Fachwerkjuwel" sein.

Die Gründungsjahre liegen im Dunkeln, man schätzt: Irgendwann im 12. Jahrhundert wird es gewesen sein. Erst mit Erich I. kam der Glanz einer Residenz, 1495 wählte der Teilhaber am welfischen Herzogtum Münden als Sitz und baute die Burg - bis dahin Wohnsitz der welfischen Stadtherren, wenn sie gerade in Münden weilten - zum Schloss aus. Das brannte ab und wurde wieder aufgebaut - Weserrenaissance auch hier, geschützt durch einen Befestigungsring und Wehrtürme.

Sonst kaum Ruhm, keine großen Namen. Nur an einem hält die Stadt fest: an Doktor Eisenbart. 1727 starb der wandernde Arzt nach kurzem Aufenthalt in Hann. Münden. Pech für den Doktor, Glück für die Stadt - so kann man heute ein Eisenbart-Glockenspiel und Eisenbart-Spiele präsentieren. Die Patienten des Medicus müssen wie am Spieß geschrien haben, denn die Narkose war damals noch unbekannt. Clowns und Musikanten, die im Gefolge Eisenbarts reisten, übertönten die Schmerzensschreie mit ihrem Lachen, mit Klirren und Rasseln. Wenn man heute durch die Burgstraße geht, kann man sich einbilden, der Doktor Eisenbart käme just mit seiner Truppe in die Stadt.

Und noch ein paar Spuren hat man in jüngster Zeit sichtbar machen können. Mitten in die Stadt, im Schatten der bulligen St. Blasius-Kirche mit ihrem spitzen, fast frontalen Dach sprudeln und plätschern ein paar Fontänen. "Wasserspuren" genannt, eine einfache, fast naive Gleichung. Denn vor der Haustür fließen unermüdlich die drei Flüsse, die Hann. Münden einst groß gemacht haben: Fulda, Werra, Weser - und alle zusammen die berühmteste Liebeslyrik der Flussschifffahrt: "Wo Werra sich und Fulda küssen, / Sie ihren Namen büßen müssen." Jeder Kahn musste hier früher festmachen und seine Waren gemäß dem Stapelrecht für ein paar Tage in der Stadt zu Sonderkonditionen zum Kauf anbieten. Dort liegt die Wiege der Stadt Hann. Münden. Dort küssen sie sich noch immer. Unter einer Kastanie, die ihre Zweige tief bis zum Wasser hinabstreckt.

Schlagworte:
Autor:
Christian T. Schön