Hamburg Zu Besuch in der Unterwelt

Die Passanten, die vorbei eilen, nehmen sie überhaupt nicht wahr. Die zwei unscheinbaren Türen im Fußgängertunnel der Haltestelle Hauptbahnhof Nord. Dabei sind sie das Tor zur Unterwelt, zum "Öffentlichen Schutzraum Hachmannplatz", der Anfang der vierziger Jahre erbaut wurde und in dem Tausende von Hamburgern im Zweiten Weltkrieg Zuflucht vor den Bomben fanden.

Eines vorweg. Wer seichte Samstagnachmittagunterhaltung sucht, der sollte lieber ins Kino oder auf den Hamburger Dom gehen. Denn schon die ersten Schritte in den Bunker machen eines deutlich - die Thematik der anderthalbstündigen Führung ist keine leichte Kost. Es geht um die Zeit des Kalten Krieges, um die konkrete Bedrohung, aber auch um das Leben im Bunker und wie es gewesen wäre. Und das kann man sich schon nach den ersten Minuten vorstellen.

1440 Menschen hätten hier auf insgesamt 1500 Quadratmetern gelebt. Dank der autarken Versorgung des Bunkers durch einen eigenen Brunnen, einen ABC-Filterraum und Stromaggregate wäre das zwei Wochen gut gegangen. Es wäre ein Leben auf Raten gewesen. Ohne Tageslicht. Zwei Drittel des Tages auf Holzstühlen mit gepolsterter Kopfstütze - damit sich niemand den Kopf stößt, wenn die Erde von den Bomben bebt. Ein Drittel auf einer Pritsche im Liegeraum. Schlafen im Dreischichtsystem, weil es für die Anzahl der Menschen nicht genügend Betten gegeben hätte. Und dann die immerwährende Angst. Nicht zu wissen, was vor den dicken Schleusentüren wirklich passiert, die Hitze und die Enge.

Ein ungewisses Ausharren unter der Erde - hätte man das selbst gewollt? Mit dieser Frage setzen sich die Besucher unweigerlich auseinander. Während sie vorbeigehen an der Schalterzentrale des Bunkerwarts, an den kargen Aufenthaltsräumen und den rudimentären Waschgelegenheiten. Wie stumme Zeugen befinden sich die Versorgungsanlagen immer noch an ihrem alten Platz. "Über die Eindrücke hier werde ich noch lange nachdenken. Zum einen wurden hier Menschenleben geschützt, zum anderen stehen Bunker für die Grausamkeit des Krieges", so Janina, die mit einer Freundin an der Tour durch den Bunker am Hachmannplatz teilnimmt.

Überleben im Inferno

Der Bunker am Berliner Tor

Ronald Rossig kennt diese Reaktionen. Er ist Vorsitzender des Vereins "Unter Hamburg". Mitglieder bieten regelmäßig Führungen durch verschiedene Bunkerbauwerke in Hamburg an. Wichtig ist es ihnen, dabei kritisch mit der Materie umzugehen. "Der Kalte Krieg ist ein wichtiges Kapitel der deutschen Geschichte. Oftmals sind die Leute schockiert, wenn sie hören, wie dicht wir am Schlachtfeld eines Dritten Weltkrieges waren und wie wenig Menschen durch einen Bunker geschützt gewesen wären", so Rossig, dessen Kenntnisse einem Geschichtsbuch Konkurrenz machten. Diesmal am Berliner Tor.

Auch hier findet sich die Kulisse der 1960er Jahre. Noch beengter als am Hachmannplatz sind hier die Sitze und Pritschen angebracht - insgesamt drei Geschosse hat der Rundbunker, der die langen verheerenden Kriegsjahre des Nationalsozialismus überstanden hat. So hielten seine Betonwände auch während des Hamburger Feuersturms stand. Insgesamt 900 Menschen überlebten im Innern das Inferno mit einer Hitze, die außerhalb teilweise über 1000 Grad erreichte.

In den sechziger Jahren war der Bunker dann für ein Experiment in den Fokus geraten. 150 Menschen sollten sechs Tage während einer Simulation unter der Erde bleiben. Doch dazu kam es nicht. Der Dortmunder Sonnenbunker konnte eher für die Atomübung genutzt werden und dabei beließ es das Bundesamt für zivilen Bevölkerungsschutz. Die öffentliche Debatte über Sinn und Unsinn baulicher Schutzmaßnahmen war wohl zu heftig.

Bunker des Hamburger Gauleiters

Eine verbunkerte Befehlsstelle mit originaler Maschinentechnik aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges befindet sich im feinen Pöseldorf. Ab Mitte 2011 werden hier die Türen für Führungen geöffnet. Der zwei-röhrige Privatbunker wurde 1939/1940 für den Gauleiter und Reichstatthalter Karl Kaufmann erbaut und ist eines der letzten Zeugnisse, wie die Nazi-Führungsebene gelebt und überlebt hat.

"Wir haben lange darum gekämpft diesen Bunker erkunden zu dürfen. Vor kurzem war es soweit. Und wir freuen uns. Denn das Gedächtnis einer Stadt befindet sich nun mal im Untergrund", so Rossig. Eine Meinung, die er mit vielen Hamburgern und Touristen teilt. Denn die sind immer wieder begeistert, Einblicke zu bekommen. Einblicke in eine Zeit, die theoretisch vorbereitet war, aber praktisch nie statt gefunden hat. Und das ist immerhin eine glückliche Erkenntnis, die man neben vielen Eindrücken nach einer Führung durch die Hamburger Unterwelt mit nach Hause nimmt.


Weitere Information:
Führungen durch verschiedene Bunker und andere unterirdische Bauwerke bietet sowohl der Verein " " als auch der Verein " " an.

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Autor:
Alexandra Tapprogge