Hamburg Verwandlungskünstlerin Reeperbahn

Polizei am Apparat. "Sag mal, wir haben hier vier Engländer, die sagen, sie sind die Pietels ..." – "Beatles heißen die!" – "Ja, Bietels, die haben wir festgenommen." – "Warum?" – "Die sind mit ’nem Schwein über den Kiez gegangen." – "Ich hol die ab, die gehören zu mir."

Ja, so war das damals, 1962. Sagt zumindest Horst Fascher, der seinerzeit am anderen Ende der Leitung saß. Die Beatles, so erinnert er sich, waren nach getaner Arbeit frühmorgens auf den Fischmarkt zum Einkaufen gegangen, und da war ihnen die Idee gekommen, ein Schwein zu erwerben, das sie dann an der Leine über die Reeperbahn zogen. "Das waren Jungs wie wir: Verrückte aus einer Hafenstadt", sagt Fascher. Er sitzt auf einem wuchtigen Friseurstuhl im Salon Harry und wippt mit seinen Beinen, die in einer schwarzen Trainingshose stecken. Fascher war Geschäftsführer des "Star- Clubs" auf der Großen Freiheit, eine Legende, so wie der Kiez ohnehin mehr Legenden und Geschichten hat als andere Stadtteile Häuser.

Nicht alle handeln von Freiern und Huren. Aber viele natürlich schon. Da wäre zum Beispiel die Anekdote, wie Fascher für John Lennon ein Mädchen besorgen sollte und er den Beatle nach nebenan in die "Monika Bar" schleppte, denn "die Monika hatte richtig schöne Mädchen"; also wenn man’s genau nimmt, waren es keine Mädchen, sondern Transvestiten, aber das hat Fascher dem John nicht erzählt, und so ging der mit dem "Mädchen" ins Separee und... Nun ja, man muss nicht jede Geschichte zu Ende erzählen.

Keine Sünde, die noch nicht auf der Reeperbahn begangen wurde

Es gibt keine Sünde, die auf dem Kiez, wie die Hamburger die Gegend um die Reeperbahn nennen, noch nicht begangen worden wäre. Regel eins: Das, worüber man andernorts die Nase rümpft, ist auf St. Pauli noch lange nicht verpönt. Im Mittelalter lag die Siedlung, die damals Hamburger Berg hieß, außerhalb der Stadtmauern, die Pestkranken wurden dorthin verfrachtet; später ließen sich stinkende Gewerbe wie Fischtranfabriken nieder. Dann kamen die Seefahrt und die Matrosen. Der Kiez bot Mädchen und Bier. Die Matrosen wiederum brachten St. Pauli die leichte Kultur aus aller Welt. Regel zwei: Wer keinen Spaß haben will, ist hier falsch. Und: Was neu nach Hamburg kommt, landet zuerst auf St. Pauli an.

Es ist im Laufe der Zeit viel gekommen, viel geblieben, viel gegangen. Mehrere Generationen haben dieses Viertel geprägt, jede hat ihre Spuren hinterlassen. Entstanden ist ein seltsames Sammelsurium, eine einzigartige Mischung aus Rotlicht und sittlichem Vergnügen: Entlang der Reeperbahn reihen sich Häuser wie das St.-Pauli- Theater artig zwischen Sexshops und jahrzehntealten Tabledance-Bars ein. Im "Pulverfass" tanzen Travestiekünstler im Moulin-Rouge-Ambiente; im Imperial-Theater werden Krimis aufgeführt. Auf der Großen Freiheit wummern die Bässe der Discos, dazwischen locken wie eh und je die "Koberer" mit derben Sprüchen in ihre Stripshows.

In den Seitenstraßen trifft sich das Studentenvolk

Nicht anders sieht es in den Seitenstraßen aus. Auf dem Hamburger Berg trifft sich Studentenvolk in "Rosi’s Bar", lässiger Funk und Siebziger- Jahre-Wohnzimmer-Stil. Ein paar Häuser weiter spannt sich in der Auslage des Gay-Shops ein rotes Netzshirt über den muskulös geformten Torso einer Schaufensterpuppe. Wer die berüchtigte Herbertstraße durchquert, wo sich hinter Glasfenstern Frauen mit allen bezahlbaren Formen von Brüsten (also: groß oder sehr groß) zum Kauf anbieten, landet auf der Gerhardstraße zwischen jungen Partygängern, die vor Kurzem noch kein Bier trinken durften. Nicht weit davon liegt das "Queen Calavera", dort wird zu altem Rockabilly getanzt. Mit einem Jingle steigt eine Tänzerin auf die Bühne, legt einen Burlesque-Strip zu "Happy Birthday, Mr. President" hin, ihre Boa SHOW lässt Federn, und zur Krönung setzt sich die Dame mit ihrem fast nackten Hintern in eine Sahnetorte.

Reeperbahn
Gulliver Theis
Eine Straße wie jede andere auch - zumindest beim Blick von oben
Ja, der Kiez lässt einen immer aufs Neue staunen. Als Teenager stand Fascher 1949 vor den zugezogenen Vorhängen der Kneipe "Trichter" und lauschte dieser unerhörten Musik. "George Maycock! Der hatte damals schon diesen Rock-’n’-Roll-Beat." Fascher fing auf dem Kiez zu boxen an, kellnerte und überzeugte den Kneipier Manfred Weissleder, einen Musikclub zu eröffnen. Fascher selbst fuhr nach England, um aufstrebende Bands anzulocken. "Was habt ihr zu bieten?", wurde er gefragt. "Gage. Und viele Mädchen", antwortete Fascher, denn auf dem Kiez waren nicht nur die Prostituierten freizügig, sondern auch die weiblichen und männlichen Gäste. Nicht nur die Beatles, sondern auch Bill Haley, Ray Charles, Frank Zappa oder Jimi Hendrix folgten dem Ruf.

Der Rest ist Geschichte.

Salon Harry, wo Fascher jetzt gerade sitzt, ist eines der letzten Relikte aus jener Zeit. Auf einem Hocker neben Fascher thront der Betreiber Franz Stenzel, ein Mann mit beeindruckendem Schnauzbart. Die Stühle, auf denen einst die Beatles saßen, hat er im Keller abgestellt. Im Salon lässt sich Fascher noch immer regelmäßig den Bart stutzen, und auch die Söhne des "Königs von St. Pauli" kämen hier oft vorbei, sagt Stenzel. Ihr Vater sei Stammkunde gewesen, der große Immobilienmann, dem der halbe Kiez gehörte. Ja, der König, der die sündige Meile prägte wie kein anderer, jetzt ist er tot. Und auch im Salon ist es nicht mehr wie in den Siebzigern, als die Luden auf den Barbierstühlen ihre Diamantuhren präsentierten. "Der Kiez ist nicht mehr der Kiez", sagt Fascher.

Reeperbahn Laufhaus
Gulliver Theis
Sündige Meile wird die Reeperbahn auch genannt
Es war hier schon immer ein Werden und Vergehen. Nachdem der »Star- Club« 1969 dichtgemacht hatte, zog in der Großen Freiheit 39 das "Salambo" ein, wo die Künstler auf der Bühne vor Publikum kopulierten. Das Rotlicht strahlte noch hell, die Luden fuhren dicke Schlitten, aber bald sollte es auch mit ihnen bergab gehen, und eine neue

Generation von nichterotischer Unterhaltung bekam ihre Chance

Eine mächtige alte Halle. DJane Monika Kruse, als "Grande Dame des Techno" angekündigt, legt auf, es schweben und wippen jugendliche Technokraten dazu. Neben den Lautsprecherboxen könnte man, Bass sei Dank, auf dem alten Holzboden Sahne ohne Rührgerät schlagen, und über alledem prangt ein roter Jugendstilstern, der in die Decke eingelassen wurde. Früher war hier mal ein Sexfilm-Kino untergebracht, aber der Stern stammt noch aus Knopf’s Lichtspielhaus, eröffnet 1906, wieder so eine Legende. Genau wie das "Docks", das heute hier residiert.

Man könnte zynisch sagen, dass es seine Existenz einer Krankheit verdankt: Aids. "Das Rotlicht lief in den Achtzigern nicht mehr, weil die Leute Angst hatten, zu den Mädchen zu gehen", sagt Hans Tepp, der seit 25 Jahren im "Docks" als Mann für alles arbeitet. Er trägt tief hängende schwarze Skateboarderjeans, eine Collegejacke, eine Rapper-Kappe sowie eine schwarz umrandete Brille und sieht damit trotz seiner 59 Jahre nicht albern aus. Ihm gegenüber sitzt Susanne "Leo" Leonhard, Geschäftsführerin des "Docks".

"Das Verruchte hat immer die Kreativen angezogen, alle, die etwas Neues machen wollen", sagt Tepp. Als die Angst vor Aids eine Lücke im Verruchten riss, kamen Szeneclubs wie die "Große Freiheit 36", der "Mojo Club", das "Docks" und füllten sie. Wie einst der "Star-Club" holte der Kiez unentdeckte und bekannte Talente nach Hamburg. Der junge Kerl, der seinerzeit in der "Prinzenbar" an seiner Gitarre zupfte, hieß James Blunt, nur kannte ihn noch keiner. Dafür musste man das Metallica-Konzert 1997 wegen des Andrangs auf eine Leinwand auf dem Spielbudenplatz übertragen, und die Band konstatierte, das "Docks" sei der "best fuckin’ club of the world". "Und wie Nina Hagen hier spielte!", sagt Leonhard. "Und Slayer", sagt Tepp. Es flattern große Namen über den Tisch. Ja, vor ein paar Wochen, da waren die Simple Minds zu Gast.

Die Angst von heute: Die Reeperbahn könne zu sauber werden

Doch dann sagt Leonhard etwas Düsteres: "Heute habe ich Angst, dass die Reeperbahn zu sauber wird. Das könnte unser Aus bedeuten." Die nächste Generation ist nämlich angekommen.

Spielbudenplatz in Hamburg
Gulliver Theis
Spielbudenplatz zu fortgeschrittener Stunde

Sie ist teilweise regelrecht in die Höhe geschossen. Im 20. Stock des "Empire Riverside Hotel" liegt das "20up"; Tische sind an die Panoramafenster gestellt, die Gläser über der Bar blitzen, das Ambiente ist so sauber wie fast nirgendwo sonst auf dem Kiez. "Wir sind ein neuer Farbtupfer auf St. Pauli", sagt Daniel Koch. Er ist "F&B-Manager" im Riverside, Food-and-Beverage-Manager. In anderen Ecken des Kiezes würde man sagen: der Typ, der sich ums Bier kümmert. Aber dort gibt es auch weder die neuesten Cocktail-Kunstwerke noch den Dresscode "sportlich elegante Abendgarderobe".

"Wo sonst auf dem Kiez kann man in schönem Ambiente gemütlich einen Cocktail trinken?", lobt Koch. Ja, Läden wie das "Riverside" haben der Reeperbahn noch gefehlt. Ob ironisch oder begeistert: Dem Satz dürfte jeder zustimmen. Viel Schickes ist in den letzten Jahren entstanden, auch das "East Hotel" mit seinen Bars. Oder die Tanzenden Türme, zwei Hochhäuser mit geknickten Fassaden, im 23. und 24. Stock serviert das "Clouds" französisch angehauchte Küche.

Weitere Kinder der dritten Generation kann man von der tollsten Herrentoilette Hamburgs bewundern. Durch die Fenster im "20up" blickt man auf das Gelände der einstigen Bavaria-Brauerei, wo heute moderne Wohngebäude und Büroklötze stehen. Die Geschichte von den Freigeistern, die das Verruchte anlockte, geht nämlich weiter: Die Freigeister locken wiederum die Wohlhabenden an. Besser situierte Mieter und edle Hotels sollen das Viertel aufwerten. Neben dem "Docks" werden die maroden Plattenbauten der Esso- Häuser abgerissen. Clubs wie das "Molotow" mussten weichen, und wenn verwöhntere Mieter in die geplanten Neubauten einziehen, fürchtet Leonhard Klagen wegen Lärmbelästigung. "Und wer will noch in Clubs wie das 'Docks' gehen, wenn hier nur Touristen und Geschäftsleute herumlaufen?", fragt sie. Es sieht düster aus für die Kreativen aus den Achtzigern.

Werden und Sterben auf St. Pauli lässt sich nicht vorhersagen

Beatlesplatz
Gulliver Theis
Der Beatlesplatz erinnert an die Pilzköpfe
Aber auf St. Pauli konnte man das Werden und Sterben nie so genau vorhersagen. Und bei allem Wandel blieben der Rotlicht-Schmuddel, das Geld und die Avantgarde immer eine Familie. Man sieht es nur nicht auf den ersten Blick. Im "20up" erzählt F&B-Manager Koch von dem Mann, der diesen Turm hinstellen ließ. Sein alter Chef habe früher immer in seinem anderen Hotel, dem "Hafen Hamburg", gesessen, Bratwurst gegessen und danach Zigarre geraucht. "Ein ganz bodenständiger Mann. Ein Hanseat: ein Mann, ein Wort." Als das "Riverside" fertig war, wollte er unbedingt noch einmal sein letztes Projekt sehen und begutachtete wenige Tage vor seinem Tod den mächtigen Turm. Ja, so war der Mann, der dieses Prunkstück bauen ließ, wie es die einen nennen. Oder das Symbol dafür, dass St. Pauli sich unkenntlich schminkt und unter einer Maske erstickt, wie die anderen fürchten.

Kochs Chef war kein Investmenthai von irgendwoher, sondern eine der Legenden, die in Harrys Friseursalon auf dem Stuhl saßen. Friseur Stenzel hat von ihm sogar den Satz gehört: "Wenn es hier keine Nutten gäbe, müsste man welche hinstellen, sonst wäre der Kiez kaputt." Der Mann hat nicht nur das schicke "Riverside" erbaut, sondern in den 1960ern auch das "Eros-Center", wo heute wieder die Prostituierten sitzen. Willi Bartels hieß der Mann. Er war der "König von St. Pauli".

Es war auf der Reeperbahn immer schwer zu sagen, was richtig oder falsch ist, wer die Guten und die Bösen sind, und wohin die Zeit den Kiez noch führt.

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Autor:
Bernd Volland