Hamburg Rio de Janeiro an der Elbe

Ich muss, wenn ich über Hamburg rede, auch vom 20. Juli 2006 sprechen. An diesem Tag erreichten die Temperaturen 38,5 Grad Celsius. Im Schatten. In Hamburg. Die Stadt hat ja nicht den Ruf, das Hauptquartier des guten Wetters zu sein, aber an diesem Tag wurden keine Witze mehr gemacht über die durchschnittlich 52 Tage im Jahr, an denen sich Nebelbänke über die Stadt senken und man in den alten Häusern unten in Övelgönne das ferne Moll der Nebelhörner hört, während der Sprühregen feine Diagonalen auf die Fensterscheiben peitscht. An diesem Tag entdeckten die, die es noch nicht wussten, was Hamburg alles sein kann: Rio de Janeiro. Saint-Tropez. Ibiza. Die Sahara. Das Mittelmeer. Ich meine das ganz ernst. Wer einmal bei solchen Temperaturen an der Elbe saß, weiß, was ich meine. Denn der Elbstrand ist einmalig. Er ist das eigentliche Herz der Stadt.

Ich habe lange in München gewohnt und in Berlin. Ich habe mich an den heißen Sommertagen an den idyllischen Eisbach gesetzt, ans kieselige Ufer der kalten Isar, an die träge und braun vorbeitreibende Spree. Es funktionierte nicht. Es ist nicht das Gleiche.

Vielleicht liegt es daran, dass die Elbe doch deutlich breiter ist und die Nordsee näher. Vielleicht liegt es daran, dass die Elbe zwei völlig verschiedene Welten trennt oder zusammenbringt, je nachdem, wie man es sieht - den bodenständigen Süden von Hamburg mit seinen sogenannten Problembezirken und roten Mietskasernen, und die noblen Elbhänge mit ihren Kiesauffahrten und das blauweiße Alsterhamburg. Der ehemalige Hamburger Oberbaudirektor Egbert Kossak hat die geplanten Neubauten an der Elbe gern eine "Perlenkette" genannt. Wenn demnach die Elbchaussee, an der diese Perlenkette hängt, der Hals von Hamburg ist, dann wären, anatomisch gesehen, Wilhelmsburg, Veddel und der Industriehafen der Bauch von Hamburg, und man tritt diesen Vierteln nicht zu nahe, wenn man sagt: Sie sind der Bierbauch der Stadt. Von dort, vom südlichen Elbufer, tönen die wildesten Geräusche herüber, Schiffe werden gelöscht, Container abgeladen, blaue Kräne mit roten Armen kreischen über ihre Schienen.

Alle paar Minuten hört man die gigantischen Stahlspinnen heulen und den Donnerhall energisch aufsetzender, leerer Container: Pank-Gonnnnng! Wuuuuuuiiiieeeh! Da drüben wird gearbeitet, da drüben werden die schwarzen Hanjin-Riesenschiffe aus Südkorea gelöscht, drüben tobt die Globalisierung, wir aber sitzen hier wie auf einer Insel, und es ist, als sei die echte Welt weit weg. Wenn man im feinen Sand des breiten Elbstrands sitzt und hinüberschaut auf den Hafen, hat man das Gefühl, man habe eine erfolgreiche Flucht hinter sich. Der Sand ist weich, das Gegenlicht hart, der Wind kommt vom Meer, die Welt an der Elbe ist größer als an Spree und Isar. Auf der Elbe kommen Schiffe vorbei, so groß wie das Berliner Schloss, haushohe Wände aus Blech. Für einen Moment wird es dann spürbar dunkler am Strand, man hört das Geräusch der großen Dieselmotoren aus den Tiefen des Blechleibs emporwummern, und wenn das Schiff vorbei ist, kommen die Bugwellen, die wie Ausläufer eines kleinen Tsunamis auf den Elbstrand krachen.

Hamburgs Schönheit liegt nicht in den strahlend weißen Villen von Harvestehude, im glitzernden Licht der Alster - Hamburgs Schönheit liegt in der Nähe der absoluten Gegensätze. 15 Autominuten - mehr braucht es nicht von der einen in die andere Welt: vom feinen Klosterstern ins Schanzenviertel, wo Hamburg sich große Mühe gibt, so auszusehen wie die Lower East Side, bevor sie gentrifiziert wurde; von der noblen Bar des Hotel Atlantic in die schrottigen Arbeiterkneipen von Wilhelmsburg - oder eben vom Büro an den Strand. Man kann in der Mittagspause nach Övelgönne zur "Strandperle" fahren, eine halbe Stunde barfuß im feinen Sand liegen, und schon ist man wieder im Büro, mit einem leichten Sonnenbrand und versandeten Haaren.

Vielleicht ist es das, was die Hamburger so entspannt macht: zu wissen, dass das andere Leben jederzeit möglich ist. Sie müssen nicht wegfahren, die ganze Welt ist ja schon da. Die Boberger Dünen sind die Sahara, der Sand unten in Blankenese schöner als an den meisten Stränden von Ibiza, und in den sogenannten Harburger Bergen gab es, als ich noch dort wohnte, sogar einen Skilift. Aber die "Strandperle" ist vielleicht das beste Beispiel dafür, wie Hamburg funktioniert - eben nicht, wie es böse Menschen immer wieder behaupten, als nur mit Hermèstuch, Barbourjacke und dunkelgrünem Jaguar zu betretendes Reichenghetto, sondern als klassenlose Utopie. Am Strand von Övelgönne treffen sich alle: Anwälte, Ex-Punker, Studenten aus Altona, Millionäre aus den Elbvororten. Und wenn man mich fragt, wo man in Hamburg am besten essen kann und was das kostet, würde ich immer sagen: Vor der "Strandperle", mit Hafenblick, das Matjesbrot kostet 4,50 Euro und das Bier 2,80 Euro.

Und wenn es doch mal regnet? Dann geht man zum Beispiel in die Innenstadt, auf den Neuen Wall, in den feinen, alten Buchladen von Felix Jud oder nebenan zu Ladage & Oelke, wo zwischen Stoffballen und Mahagoniholzregalen schon Generationen von Hanseaten ihre Tweedsakkos und Cordhosen kauften und wo schnaufende alte Verkäufer mit leicht schief gelegtem Kopf die Frage "Der Herr möchte es eher leger oder klassisch?" stellen (natürlich ist "klassisch" die einzig richtige Antwort). Besonders schön ist es hier im Winter, wenn der Schnee über den Uhrturm der Alten Post treibt und man sich unter der glitzernden Weihnachtsdekoration in eine der Passagen durchkämpft. Fast jeder Hamburger hat irgendwelche nostalgischen Erinnerungen an die alte Innenstadt, und wenn Erinnerung so etwas wie eine konfuse Diashow ist, dann sehe ich beim Neuen Wall mich selbst mit 15 Jahren, wie ich nach der Schule schreckliche Schallplatten kaufen gehe und danach ein Mädchen aus meiner Schule treffe, das einen Dufflecoat trägt und sehr feines braunes Haar hat, in dem sich die Schneeflocken verfangen.

Die Nähe der absoluten Gegensätze ist Hamburgs wahre Schönheit

Seitdem habe ich sie nicht mehr gesehen, angeblich lebt sie jetzt irgendwo bei Hannover, aber seitdem denke ich auf dem Neuen Wall an den Geruch von kaltem, nassen Schnee, auch im Sommer. An Hamburg kurz vor Weihnachten. An meinen Freund H. und die anderen, die mit dicken Mützen und weißblauen Schals in der "Scharfen Ecke", der angeblich ältesten Seemannskneipe Hamburgs, ein Pils tranken und dann mit der Bahn zum letzten Spiel der Saison ins Volksparkstadion fuhren, das seit damals zweimal umbenannt wurde und jetzt irgendeinen doofen Banknamen trägt. An die letzte Currywurst, die man nach dem Spiel im "Lucullus" an der Reeperbahn aß, während draußen die heckbetriebenen Taxen die verschneite Davidstraße hinaufschlidderten. An H., der in der Woche darauf jeden Tag vor dem wunderbaren "Petit Café" in Eppendorf auf und ab fuhr, damit es so aussah, als fahre er zufällig vorbei, wenn Julia, die dort als Bedienung arbeitete, herauskäme. Daran, wie er, als sie tatsächlich mit der Hockeytasche über der Schulter herauskam, das Fenster herunterkurbelte und über die Hegestraße "So ein Zufall" brüllte; er komme hier gerade vorbei - ob er sie nach Hause fahren solle?

Wie sie daraufhin das allerbezauberndste, frischgewaschenste Hanseatinnenlächeln aufsetzte und "danke, das ist lieb, aber mein Freund holt mich ab" zurückrief. Wie dann ein tiefergelegter BMW mit "NF" als Kennzeichen vorpreschte und Julia in die "Badgalerie" entführte, wo sich die Hamburger Popper trafen, deren Eltern Häuser auf der nordfriesischen Insel Sylt besaßen, was das NF-Kennzeichen an Mamas Auto weithin sichtbar verkündete. Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass ich NF als Kennzeichen peinlich finde. Andererseits muss ich zugeben, dass ich, auch wenn ich gerade in Berlin gemeldet bin, ein Auto mit dem Kennzeichen B-HH fahre. Meine Freunde machen sich darüber gern lustig, wozu zu sagen ist, dass diese Freunde ursprünglich aus dem zweifelhaften Ort Bad Segeberg, kurz "SE", kommen, und "B-SE", das Kürzel für Rinderwahn, möchte man ja tatsächlich nicht am Auto haben. Ich freue mich jedenfalls jeden Tag über die vier senkrechten und die zwei waagerechten Balken von HH, die mich an die Elbbrücken erinnern, wenn man von Süden her ins sogenannte "weiße Hamburg" kommt.

Das "weiße Hamburg". Damit ist, natürlich, das Hamburg der strahlenden Villen an der Alster gemeint; das Hamburg der Segelboote, das Hamburg, wo die Mädchen Maren und Inken und Jonica heißen und die Jungen John, aber nicht englisch, also "Dschonn" ausgesprochen, sondern "John", wie man es schreibt; das Hamburg, wo die Mütter ihre Schwiegersöhne siezen, aber beim Vornamen nennen - "Bernd-Carsten, würden SIE mir bitte noch mal die Orangenmarmelade rüberreichen", die bittere englische natürlich; wo die Damen der Gesellschaft über ihren Betten wilde Zeichnungen hängen haben, die ihnen der betrunkene Horst Janssen auf irgendeinem Gartenfest an der Alster gemacht hat: Das ist das sogenannte weiße, feine, hanseatische Hamburg, das, in dem sich Engländer, Münchner, Jaguarfahrer und Freunde von olivgrünen Gummistiefeln und sandfarbenen Cordhosen wohlfühlen.

Und dann gibt es das sogenannte rote - das krawallige, proletarische, politisch felsenfest sozialdemokratische oder schwielige, gebeutelte, verhackstückte Veddel-Holsten-Edel-Hallodigger-Hamburg. Die Arbeitersiedlungen von Barmbek,Wilhelmsburg und Horn, der ölige Industriehafen, das Hamburg, das Lotto King Karl besingt. Lotto ist so etwas wie der gute Geist des roten, proletarischen Hamburgs, der Chefchansonnier aller Astra-Trinker, und seit er bei fast jedem HSV-Spiel vor dem Anpfiff auftritt und die inoffizielle Hanseatenhymne "Hamburg, meine Perle" singt, ist Lotto mindestens so legendär wie seiner Zeit Hans Albers. Im roten Hamburg lebt der anarchische, eher dem Rock 'n' Roll als dem dunkelblauen Tuch verpflichtete Geist der Hafenstadt weiter. Zum Lebensgefühl des roten Hamburgs gehören neben dem "Golden Pudel Club" auch die "Motoraver", ein durchtätowiertes Team von Hot-Rod-Fans, die mit matt lackierten Achtzylinderboliden durch St. Pauli bollern, ein Internetradio betreiben und sechsmal im Jahr das gleichnamige Magazin Motoraver herausgeben.

Und das Schöne ist, dass das rote und das weiße Hamburg so dicht beieinander liegen; dass sie kein Widerspruch sind. Sie kennen beide den Lärm des Hafens, das Heulen und Kreischen der Kräne, das man nachts, wenn der Nebel vom Fluss bis unter die Straßenlaternen von Altona zieht, noch im Bett hört.

Ist es schwer, Hamburger zu werden? Gute Frage. Es ist vielleicht schwer, in Hamburg eine bezahlbare Wohnung zu finden. Aber am Ende ist Hamburg erst mal gar keine Stadt, sondern eine Haltung, und um die zu begreifen, muss man sich nur einmal an einem schönen Tag in Övelgönne an die Elbe setzen.

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Autor:
Niklas Maak