Hamburg Potemkinsche Alster

Der Hafen konnte in künstlichem Nebel verschwinden, Raffinerien wurden unterm Tarnnetz versteckt - und die Alster wurde einfach zugenagelt. Denn, so dachten sich die Verteidiger der Heimatfront, vor allem Hamburgs wunderbarer Mühlenteich aus dem 13. Jahrhundert mache den Bomberpiloten der Alliierten die Orientierung über der Großstadt leicht. Selbst in mondfinsterer Nacht glänzt das breit aufgestaute Wasser in den Himmel.

So sollte das Gewässer teilweise aus den Augen des Feindes verschwinden - so etwa nach Art kleiner Kinder, die sich die Hand vors Gesicht halten und glauben, dass man sie dann nicht sieht. Die Alster wurde so zum Schein verkürzt, die Binnenalster mit einem großen Stück Stadt überdeckt, mit Straßen und Häusern, Kanälen und Brücken. Das Blendwerk aus Holz, Draht, Tuch, Schilfmatten und anderem kriegswirtschaftlich weniger bedeutsamen Material haben dann auch noch Anstreicher mit Pinsel und Quast traktiert.

Auf dem Turm des nahen Rathauses ist, möglicherweise als Dokument für die listige Verschleierungstechnik, das Foto aus dem Jahr 1942 entstanden. Fotograf und Auftraggeber sind unbekannt. Die heutige Ansicht hat MERIAN-Fotograf Marc-Oliver Schulz aus identischer Perspektive, vom Kupferbalkon des Rathausturms aus 85 Meter Höhe, festgehalten. Das alte Bild zeigt, dass die potemkinschen Buden auf der Alster zwischen Neuem Jungfernstieg und Ballindamm wohl kaum Stehhöhe haben. Sie sehen eher aus wie Folienkulturen. Wer die Anlage zusammengezimmert hat, weiß man nicht. Mit ein paar kräftigen Händen war das allerdings nicht zu schaffen. Mitten hindurch, von drei auffallend uniformen Kulissenbrücken gequert, zieht sich ein Hauptkanal, der keiner ist. Die Lombardsbrücke gibt es gleich zweimal: mit Bäumen bestanden die echte alte Brücke und als primitiven Abklatsch direkt auf der Wasseroberfläche weiter im Norden.

Die Alster war den Alliierten allerdings egal, sie orientierten sich beim Anflug an der Elbe. Als sie ihre Vernichtungsaktion "Gomorrha" starteten und allein in der Nacht vom 24. zum 25. Juli 1943 weit mehr als 700 Bomber ihre tödliche Fracht über Hamburg abluden, war ihnen die überbaute Binnenalster keinen Treffer wert. Die "Alsterstadt" vergammelte von allein. Noch im Winter 1945 schwammen Reste der Attrappen im Wasser. Frierende Menschen zogen sie sich als Brennmaterial an Land.

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Peter Mayer