Hamburg Neue Ausstellungshäuser in der Elbmetropole

Sammlung Falckenberg

Zwischen stillgelegten brackigen Hafenbecken, rostigen Resten eines Bahnausbesserungswerks, Tiefgaragen, Schlachthof und Dönerbuden hat die in einem nicht sehr gepflegten, doch denkmalgeschützten Stück Industriearchitektur mit dem Charme des globalen Shabby Chic ihren Platz: Die markant-rote Backsteinburg der Phoenix AG beherbergt bis heute das Stammwerk des Kautschuk-Verarbeiters. Sie ist für den eher hemdsärmeligen und zugleich scheuen Erfolgsmenschen mit dem überraschenden Hang zu Künstlern mit brüchigen Biografien der richtige Platz. Der ideale Freiraum für jemanden, der im Berufsleben Jurist und Geschäftsführer eines mittelständischen Unternehmens ist, mit Tankstellenzubehör handelt, ansonsten aber "an nichts glaubt als an die Ironie und die Absurdität des Lebens". Eine radikale, groteske, provozierende Kunst feiert bei ihm im Backsteinbau inzwischen Triumphe. "Knallhart am Mainstream vorbei", so "art"-Chefredakteur Tim Sommer.

Vielleicht lässt sich so das Leben für jemanden wie Harald Falckenberg besser ertragen. Für ihn ist es "ein Chaos, in das man versucht, Ordnung zu bringen". Die Fabriketagen an Harburgs Wilstorfer Straße helfen ihm dabei, aufzuräumen. Als mit zunehmendem Rationalisierungsdruck die Flächen zu groß für das Geschäft wurden, kam Falckenbergs Idee gerade recht, einige der leer stehenden Werkshallen mit Kunst zu füllen. Zusammen mit der Phoenix AG gründete er zunächst die Phoenix Kulturstiftung und beauftragte den Architekten Roger Bundschuh, 2300 Quadratmeter Werksbrache für internationale Kunstschauen umzurüsten.

2001 feierte Falckenberg mit einer Gemeinschaftsausstellung verschiedener Sammler in den ehemaligen Maschinensälen eine glanzvolle Premiere. Neben Arbeiten von Sigmar Polke, Martin Kippenberger und Gerhard Richter aus der eigenen Sammlung waren Konzeptkunst und Minimal Art aus der Sammlung Lafrenz sowie Fotografie von Nan Goldin und Joel-Peter Witkin aus der Sammlung F.C. Gundlach zu sehen. Weitere 1700 Quadratmeter reservierte Falckenberg für seine sperrigeren Exponate: Installationen von Thomas Hirschhorn, Raum füllende Arbeiten von Jonathan Meese und Mike Kelley.

Warum der heute 64-Jährige 1994 begann, Kunst zu sammeln, ist eine der Fragen, die Falckenberg nerven. "Würde ich auch gern wissen", sagt er darauf. Doch an das erste Werk, das er erwarb, erinnert er sich genau: Es war eine ironische Schriftcollage des amerikanischen Künstlers Bill Beckley. Der faszinierte die Kunstszene mit zeichenreichen, rätselhaften Bildern und hatte als Lehrer an der New Yorker School of Visual Arts einen Schüler, von dem Falckenberg als nächstes Bilder kaufte: den Graffiti-Künstler Keith Haring.

Für den Sammlerneuling, der sein Jurastudium weit über römisches Recht hinaus bis zurück zu Texten in babylonischassyrischer Keilschrift ausgedehnt hatte, waren Künstler wie Beckley und Haring Geistesverwandte: "Die Verbindung von Schrift und Chiffren mit dem Bild und Malerischen war Ausgangspunkt und ist bis heute wesentliches Element der Sammlung", sagt Falckenberg, dessen Phoenix Kulturstiftung inzwischen zu den bedeutendsten Privatsammlungen Deutschlands zählt. Nach der jüngsten Erweiterungen stehen ihm und seiner Kunst in den Harburger Hallen 6200 Quadratmeter Ausstellungsfläche zur Verfügung. "Dagegen", so der Kunstkritiker Alfred Nemeczek, "wirkt die Galerie der Gegenwart der Hamburger Kunsthalle marginal."

"Ich habe versucht, Räume zu schaffen, die sich der Kunst anpassen, nicht umgekehrt." Strahlend wie ein kleiner Junge, dem man gerade sein Lieblingsspielzeug geschenkt hat, präsentierte der Sammler im Mai 2008 vor mehreren hundert Gästen den gelungenen Umbau, den sein Hausarchitekt Roger Bundschuh entworfen hat: ein intelligentes Raumkonzept, das nicht nur verschiedenen Ausstellungen, sondern auch dem gewaltigen Schaulager der Sammlung mit ihren circa 1900 Arbeiten einen repräsentativen Raum gibt. Bundschuh schuf ein transparentes System, das die verschiedenen Ebenen und Etagen des alten Fabrikgebäudes in einen einzigen Raumkörper verwandelt. In dessen Mitte begeistert ein blendend weißer, kaskadenartiger Treppenraum, der die fünf Geschosse miteinander verbindet. Helle Sichtachsen erlauben weite Blicke in die einzelnen Ausstellungsräume. Falckenbergs Vision, "Kunst gesellschaftswirksam zu platzieren", wird hier Realität.

Highlight der Eröffnungsschau war die umfassende Inszenierung von Paul Thek. Der amerikanische Künstler, Jahrgang 1933, der 1988 an Aids starb, gilt vielen jungen Kollegen als "artist's artist", als absolute Kultfigur. Obwohl er 1968 und 1972 an der Documenta teilnahm, verschwand sein Werk nahezu aus dem Bewusstsein des Kunstpublikums. Den fast vergessenen Amerikaner ins Zentrum der ersten großen Präsentation in den neuen Räumen zu stellen, war für Falckenberg beinahe Pflicht. Thek sei so etwas wie die Personifizierung seines Kunstkanons, dessen Helden "exemplarische Außenseiter" sind. Also eine Retrospektive mit programmatischer Ansage? - "Botschaften", rudert Falckenberg zurück, "sind von mir nicht zu erwarten".

Internationales Maritimes Museum

Okay, denkt man sich als Junge aus dem Mittelgebirge, gehen wir halt mal an Deck. Man betritt also das Foyer des und verharrt fast auf der Stelle. Darf man hier ohne Filzpantoffeln rein? Ja, Filzpantoffeln wären jetzt, in diesem gediegenen Gebäude, diesem durch und durch hanseatischen Haus, dem ältesten erhaltenen und jetzt teuer renovierten Speicherbauwerk angemessen, sehr angemessen. Aber es stehen keine Filzpantoffeln im Kaispeicher B bereit, und deswegen marschiert man gemessenen Schrittes ans hintere Ende des Erdgeschosses, betritt eine Treppe und erklimmt, um Abstand von diesem imposanten Foyer zu gewinnen, Stufe um Stufe.

Schon steht der Mittelgebirgler in einer ihm unbekannten und faszinierenden Welt. Sieht gewaltige Gemälde von Entdeckern und deren filigrane, handgearbeitete Navigationsgeräte. Mustert gewaltige Schiffe unter Segeln. Lernt das Schiff als Bauwerk zu erkennen und gewinnt einen Eindruck von den mächtigen Antriebsmaschinen unter Deck. Erfährt vom Dienst an Bord, aber nur wenig, weil unvorstellbar für eine bekennende Landratte und deswegen uninteressant. Weiter also auf Deck 5, wo man sich nolens volens inmitten von Krieg und Frieden befindet - auch das nicht interessant.

Stopp: Spätestens jetzt muss man fairerweise erwähnen, dass so ein Museumsbesuch ja immer auch eine sehr subjektive Sache ist. Und ein Internationales Maritimes Museum, das sich selbst in der Stadt als Hamburgs "neues Seezeichen" angekündigt hat und in der Springer- Lokalpresse mit "Jetzt hat Deutschlands größte Hafenstadt endlich ein Schifffahrtsmuseum" begrüßt worden ist, gibt zunächst einmal Rätsel auf. Was ist überhaupt ein Seezeichen? Schnell ein Lexikon zur Hand genommen: Ein Seezeichen ist ein im Wasser oder an Land befindliches, festes oder schwimmendes Hilfsmittel zur sicheren Navigation.

Aha, was der frühere Springer-Alleinvorstand Peter Tamm der Stadt und der Welt stolz überlässt, ist also als "Sehzeichen" zu verstehen: Die weltgrößte private Schiffsmodellsammlung und - gefühlt - die beeindruckendste private Schiffsgemäldesammlung, die ausführlichste private Schiffskonstruktionsplänesammlung sowie die penibelste private Schiffszubehöroriginalexponatesammlung sind das Lebenswerk des früheren "Admirals auf der Kommandobrücke des Axel-Springer-Verlags" (Hamburger Abendblatt). Mithin also ein uferloses historisches Panorama, das Tamm einst in seiner Villa an der Elbchaussee hortete und hütete und nun unter Mithilfe erfahrener Museumsdesigner an den Hafen verfrachtet hat und zu einem öffentlichen Erlebnisraum werden ließ, der den Besuchern neue Horizonte erschließt.

Deck 6 ist für die Landratte wieder interessanter, behandelt es doch die Passagier- und Handelsschifffahrt. Aber dann, auf den Decks 7 und 8, wird der Museumsbesuch so richtig spannend. Was man über die Tiefsee, den "Keller des Erdballs", und die mögliche Nutzung der dort unten vorhandenen Ressourcen erfährt, öffnet gewaltig die Augen, zumal zufällig gerade ein Mitarbeiter des IFM-Geomar, des Leibniz-Instituts für Meereswissenschaften an der Universität Kiel, anwesend ist und für neugierige Nachfragen zur Verfügung steht.

Das hilft dem Mittelgebirgler ein wenig, seine latente Angst vorm offenen Wasser abzubauen. Und schließlich entdeckt er gar sein persönliches Highlight des Tages. Und zwar in der Abteilung, die sich Schatzkammer nennt, Deck 8, West. Dort ist ein Modell der Segelfregatte "Chesapeake" zu bewundern. 144 x 42 x 96 Zentimeter groß, also ganz schön groß. "Eine wundervolle Rarität", heißt es im Museum, was noch untertrieben ist wegen der dazugehörenden anrührenden Geschichte aus der Zeit des britisch-amerikanischen Krieges. Am 1. Juni 1813 wurde die USS "Chesapeake" beim Gefecht mit der britischen HMS "Shannon" manövrierunfähig geschossen, der amerikanische Kapitän James Lawrence tödlich verletzt und das Schiff gekapert. Die Mannschaft leistete erbitterten Widerstand, wurde gefangen genommen und deportiert. Und während der Zeit auf einem britischen Gefangenenschiff fertigten die Häftlinge dieses wirklichkeitsgetreue Modell an - aus Walknochen in den Essensresten. Es sollte ein Erinnerungsstück für die Witwe von Kapitän Lawrence werden.

Peter Tamm, dessen Sammelleidenschaft einst durch ein geschenktes Modellschiff ausgelöst worden ist, entdeckte die "Chesapeake"-Miniatur bei einem Trödelhändler in London, verstaubt und in jämmerlichem Zustand. Er handelte sie dem unwissenden Mann für kleines Geld ab, erzählt man sich. Und kam so in den Besitz des vermutlich größten Knochenschiffs der Welt.

Miniatur Wunderland

Zum Beispiel Nathalie. Gelernte Bühnenbildnerin, seit 2002 dabei. Hatte sich als Studentin beworben, suchte nur einen Semesterferienjob. Brauchte das Geld, um Freiraum zu gewinnen für ihre eigentliche Passion, das Kindertheater. Und jetzt? Ist sie nicht mehr wegzudenken aus dem Modellbauteam von in der Hamburger Hafencity. Außer Nathalie gibt es onst niemanden, der Angela Merkel und Anne Will, aber auch Fernsehstudios und Toilettenhäuschen so gut nachbildet wie sie. Sie sagt: "Ich konnte das schon immer gut. Früher, für mein Puppenhaus, hab ich Tetrapaks bemalt und beschriftet. Heute nehm ich das dünnste Weißblech, das ich finden kann."

Oder Sönke,Tischlergehilfe von Beruf. Wie Nathalie in der Kreativabteilung "Kleben und Basteln" gelandet. Er sagt lakonisch: "Wir sind hier nicht nur am Spielen, es gibt klare Aufträge, und nur wenn ich die erledige, kommt am Ende des Monats Geld." Und dann ist da Gerhard, den sie poetisch den "Vater der Oberfläche" nennen. Er ist die gefühlte Nummer drei in der Geschichte des Miniatur Wunderlandes, die im Juli 2000 in Zürich begann und als die unglaubliche Geschichte der Zwillinge Frederik und Gerrit Braun genug Stoff für einen Dokumentarfilm beinhaltet.

Frederik könnte man im Vergleich zu seinem Bruder einen Träumer nennen. Er träumte erst davon, die "größte Mickey-Mouse-Hefte-Sammlung der Welt" zu besitzen, das war mit elf, und dann von der eigenen Disco und dem eigenen Plattenlabel. Bis auf die Sache mit Mickey Mouse trat bis Ende der neunziger Jahre alles ein, was daran lag, dass Gerrit, der kühle Rechner, Frederiks Spontaneität und Phantasie kanalisierte. So kauften sie auf bestimmten Hamburger Flohmärkten Comics günstig ein, um sie später auf Flohmärkten in vornehmeren Stadtteilen mit Gewinn zu verkaufen.

In der Innenstadt von Zürich entdeckte Frederik einen Modelleisenbahnladen, was zu seiner bislang schrägsten Idee führte. "Wir bauen die größte Modelleisenbahn der Welt", fernmeldete er seinem zu Hause gebliebenen Bruder. Doch so gaga wie's klang, war's nicht. Gerrits Umfrage bescheinigte Frederiks Männertraum Erfolgspotenzial. Und in solchen Fällen spielen beide so virtuos und harmonisch zusammen, dass gar nichts anderes als ein Hit entstehen kann. Das Miniatur Wunderland zählt heute zu den touristischen Attraktionen der Stadt. Verzeichnet im sechsten Jahr in Folge Besucherrekorde.

Die Zahlen sprechen für sich: 1150 Quadratmeter Modellfläche, 160 Mitarbeiter, 12.000 Meter Gleise, 870 Züge, 1200 Signale, 300.000 Lichter, 3505 Häuser und Brücken, 215.000 Bäume, 5500 Autos, 200.000 Figuren, 20 Tonnen Gips, 4,5 Tonnen Stahl - das ist imposant. 8,7 Millionen Euro Baukosten sind unglaublich und mehr als fünf Millionen Besucher seit der Eröffnung im August 2001 in jedem Fall spektakulär.

Die Miniwelt lebe wie das Legoland, so Die Zeit, vom "Kinderspaß des Modellierens eigener Welten". Nur eben ohne Legosteine. Für die technische Vernetzung dieser vielen Miniaturen miteinander haben Tüftler Gerrit und Chefmodellbauer Gerhard Dauscher gesorgt. 200 von Computern gesteuerte Züge und 180 scheinbar eigenständig fahrende Autos helfen, den Betrachtern Geschichten zu erzählen. Aber das ist noch gar nichts im Vergleich zu dem, was sie derzeit konstruieren: einen Verkehrsflughafen mit realistischen Starts und Landungen. Ein neues Highlight im Winzlingformat.

Doch für den eigentlichen Aha-Effekt wird auch dann wieder Gerhards Abteilung mit Nathalie und Sönke sorgen, die ihre Figuren so gruppieren, dass die Fragmente des Lebens ebenso zum Spektakel wie zu einer Momentaufnahme mit sozialkritischem Touch werden. Mit verunglückenden Rennradfahrern, protestierenden Umweltschützern, ausbrechenden Häftlingen, ausschweifenden Hinterhofpartys und jubelnden Fußballfans. 12.000 von denen sitzen in einem Nachbau des HSV-Stadions, wo nonstop das legendäre 4:3 im Lokalderby gegen St. Pauli läuft. Ein Platz in der Arena ist unbesetzt - der von Frederik Braun, dem Dauerkartenbesitzer. Er ist ja schließlich bei der Arbeit.

Das ist der Humor, der den besonderen Charme des Miniatur Wunderlandes ausmacht. Die technischen Kapriolen - sie werden hinreichend bestaunt. Das hinzugeklebte und daneben gebastelte Szenario - das wird jedoch geliebt und gefeiert. Und warum Nathalie die allerbesten Miniaturen gelingen, kann Gerhard erklären: "Sie sind harmonischer, nicht so gewollt witzig."

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Autor:
Hansjörg Falz