Deutschland Kunst auf der Hamburger Fleetinsel

Diane Kruse stürzt das Treppenhaus in der Admiralitätsstraße hinauf. Sie trägt Lackschuhe, einer der Schnürsenkel ist offen. Ihr Mund leuchtet korallenrot, unter ihrem Arm klemmt eine Handtasche. Am Treppenabsatz wartet bereits ein Künstler auf sie, graue Haare, Drei-Tage-Bart. Diane Kruse öffnet die Tür. In den zwei alten Kontorhäusern auf der Fleetinsel, umgeben von Brücken und Wasser, in der Nähe der bekanntesten Kirche der Hansestadt, dem Michel, und der edlen Einkaufsstraße "Neuer Wall", zeigen Hamburgs Galeristen ihr Programm.

Die Admiralitätsstraße als geheimes Zentrum der Kunst gibt sich unauffällig: Privatklinik, Versicherer, an der Ecke das Steigenberger Hotel - manchmal werden Angler gesichtet, die ihre Ruten ins Wasser halten. Durch einen runden Torbogen erreicht man ein in die Jahre gekommenes Gebäude. Doch dass sich hinter dem düsteren Treppenhaus Hamburgs Adressen für Kunst verbergen, ist (noch) wenig bekannt. Linoleum, geflieste Wände, wenig Licht: Auch der reiche Einkäufer aus New York muss hier hinauf, wenn er mal wieder vorbeischaut, in den Galerien von Jürgen Becker, Holger Priess, Ulla von Brandenburg, Mathias Güntner, Sfeir-Semler und Melike Bilir. Hinter den Türen sind Stücke des amerikanischen Malers und Fotografen Richard Prince oder der Konzeptkünstlerin Hanne Darboven zu finden, auch Neues von der verrückten Kunstfigur Gernot Faber oder einem Hamburger Talent. Die gegenseitige Nähe ist nützlich, auch wenn ein Käufer schon mal in der Nachbargalerie ungewollt abhanden kommen kann.

Diane Kruse, spezialisiert auf junge Kunst, arbeitet nicht nur in ihrer Galerie, sie wohnt auch dort - mit Blick auf den Fleet. Von ihrem Bett kann sie in das Büro gegenüber sehen. In der winzigen Küche kocht sie Milchkaffee. Einen Herd gibt es nicht, nur Kochplatten. Haben ein Künstler und sie Hunger, sagen sie meist: "Ach, lass uns doch ein paar Nudeln im Rialto essen." Das Rialto an der Michaelisbrücke ist nicht irgendein Restaurant. Es ist legendär, vielleicht wie das Borchardt in Berlin, nur hanseatisch bescheidener, Treffpunkt der Kunstszene. Am Boden liegen alte Schiffsbohlen, auf denen die weiß eingedeckten Tische stehen. Manchmal marschieren auch Regisseure aus dem Schauspielhaus vom Hauptbahnhof einge gute halbe Stunde bis hierher, der Atmosphäre wegen. Der Klassiker zur Mittageszeit: das Wiener Schnitzel mit Kartoffel-Gurkensalat.

Die
Stefanie Maeck
Sigfried Sander in seiner Galerie "Multiple Box".
Der Galerist Sigfried Sander weiß meist genau, wer im Viertel mit wem zu Tisch ist. "Sie flanieren direkt an meinem Fenster vorbei", sagt er. Entweder geht man in den Marinehof, die 'Erste Liebe Bar' oder eben das Rialto." Sander mag das Geschichtenerzählen. In seiner "Multiple Box" verkauft er Auflagenkunst, Eingängiges, aber auch mal Werke von Sigmar Polke, Joseph Beuys, Blinky Palermo. Seit 15 Jahren ist er in Hamburg. Gute Kunden, zu denen auch der kunstbegeisterte "Michi", Michael Stich, gehört, nennen ihn "Siggi". Er erinnert sich noch genau, wie das Galerienviertel auf der Fleetinsel einst heruntergekommen war. "Es gab Lebenskünstler jeglicher Couleur, Wohngemeinschaften teilten sich riesige Etagen. Das war schon eine wilde Zeit. Zwei bis drei Mal im Jahr standen die Keller unter Wasser. Die Fleetinsel ist wie ein Dorf, doch ohne Jockel gäbe es das alles hier gar nicht mehr."

Die Admiralitätstraße auf der Hamburger Fleetinsel.
Stefanie Maeck
Die Hamburger Kunstszene ist auch in der Admiralitätstraße zu finden.
"Der Jockel", Rechtsanwalt Doktor Hans-Jochen Waitz, hat heute ein kleines Büro in der Admiralitätsstraße. Er hat sich aus der Juristerei zurückgezogen und widmet sich der Kunst. Vor mehr als 20 Jahren wollte der Senat die baufälligen Kontorhäuser abreißen, sah die Künstler als Besetzer - bis Waitz auftauchte und die Häuser kaufte. Er verpflichtete sich, für mehr als zehn Jahre eine Nutzung für die Kunst zu garantieren. Der Rechtsanwalt wurde zum Freund, hielt die Mieten moderat und organisierte sogar Kontakte zum Verkauf von Bildern.

Größte Fachbuchhandlung für Kunst, Architektur und Film in Norddeutschland

Die Tür der "Multiple Box" geht auf und Boris - groß, schlank, um keinen lustigen Spruch verlegen - kommt herein. Im Viertel ist er der Mann für alles. "Kannst Du mal etwas für den Ausstellungstransport abwiegen?", fragt Siegfried Sander. Wenig später ist Boris mit der Waage zurück. Auf der Fleetinsel ist er für manch einen der letzte echte Lebenskünstler. Boris wohnt in einer Wohnung voll mit Fundstücken und Lampenkreationen. Wenn die Galeristen streichen, oder in der Buchhandlung ein Wasserschaden ist, wird Boris gerufen. Auch in den Gästeappartements legt er Hand an. Beliebt sind diese bei Schauspielern, zum Beispiel Eva Matthes. "Die trifft man doch auch schon mal beim Bäcker, wenn sie einen Krimi in Hamburg drehen", verrät Sander.

Fachbuchhandlung Sautter und lackmann in der Admiralitätstraße in Hamburg.
Stefanie Maeck
Sautter und Lackmann - Fachbuchhandlung für Kunst, Film und Architektur.
Hinter einer blauen Holztür in der Admiralitätsstraße liegt die Buchhandlung "Sautter und Lackmann". Betritt der Besucher den Laden, ist erst einmal erschlagen von all den Büchern. Die Regale ragen bis zur Decke - bestrahlt von langen Deckenlichtern. Es ist die größte Fachbuchhandlung für Kunst, Architektur und Film in Norddeutschland. "Früher", erzählt der junge Geschäftsführer Florian Sautter, "war es hier abenteuerlich. Es gab Trümmergrundstücke und einen wilden Parkplatz." Neulich stolperte er im Keller über ein Schild, das den Kunden einst den Weg zur Buchhandlung wies, über Planken und an der Baugrube vorbei. Heute gibt es bei Sautter Lesungen, Werke von Künstlern werden ausgestellt und wenn die Galerien der Hinterhäuser zwei Mal im Jahr gemeinsam eröffnen, meist im Januar und im September, macht auch der Buchhändler auf, und das Kunstvolk der Hansestadt stöbert bis nachts in seinem Laden.

Es dämmert. In der "Ersten Liebe Bar" haben sie den Mittagstisch von der Tafel gewischt, schreiben den Kuchen an. Der Mittagsansturm im Rialto ist abgeebbt. Das alternative Westwerk hat seine Tore geöffnet, der Schriftzug "Michaelis & Co. Papiergroßhandlung" ist am Eingang noch zu lesen. Regelmäßig finden hier Ausstellungen und Vorträge statt. Nebenan im Fleetstreet Theater proben hinter staubigen Fensterscheiben junge Menschen. Ein Mann läuft mit Bildern unterm Arm quer über die Straße - die Hamburger Fleetinsel, ein kleines Mini-Montmarte, fast ohne Touristen.

Sigfried Sander ist auch am Ende des Tages noch zum Plaudern aufgelegt. Am liebsten erzählt er von seinen Fotokünstlern. Wenn er gut gelaunt ist, zeigt er die Schätze in den Schubladen - Fotografien von Werner Bokelberg: Romy Schneider oder Uschi Obermaier mit Joint. Er hat sich daran gewöhnt, dass das Überleben als Galerist Ungewissheit bedeuten kann. Ein Mann kommt zur Tür. "Rockn'Roll" ist der Titel des Buches, das er kaufen will. Der Mann trägt eine Mütze. Er sieht aus wie Bela B. von den Ärzten. Sander ist unbeeindruckt: Vielleicht, weil er ihn nicht erkennt, vielleicht, weil Künstler auf der Fleetinsel sowieso an der Tagesordnung sind.

Mehr Informationen und Öffnungszeiten zu den Galerien unter:

Jürgen Becker Galerie, www.galeriebecker.de
Holger Priess, www.holgerpriess.com
Ulla von Brandenburg, www.produzentengalerie.com
Mathias Güntner, www.mathiasguentner.com
Sfeir-Semler, www.sfeir-semler.com
Melike Bilir, www.melikebilir.com

Autor:
Stefanie Maeck