Hamburg Hafenrundfahrt mit der Barkasse

Für einen Moment sieht es so aus, als würde die Sonne die Wolken endlich durchbrechen. Doch dann besinnt sie sich eines besseren. Die übliche graue Suppe hängt über der Elbe. "Schietwetter" wie man in der Hansestadt sagt. Die 30 Passagiere auf der Hamburger Barkasse "Seute Deern", dem süßen Mädchen, nehmen es gelassen. Was soll's? "Wir schippern jetzt erst einmal hinein in den azurblauen Hafen", sagt Kapitän Thomsen, ein Seebär, dem ein leicht ergrauter Pferdeschwanz aus der Mütze hervorlugt. Bei feuchtem Wetter ist der Humor im Hafen entsprechend trocken.

Maren BuchwaldEs gibt Städte, die unzertrennlich mit einem bestimmten Fortbewegungsmittel verbunden sind. Wer nach London kommt, schaut sich die Metropole aus einem der roten Doppeldeckerbusse an. Wer nach New York reist, muss wenigstens einmal versucht haben, vom Straßenrand ein gelbes Taxi zu rufen. Hamburg erkundet man am besten auf dem Wasserweg in einer Barkasse. Der Klassiker ist eine Rundfahrt durch den Hafen, der ein Zehntel des Hamburger Stadtgebietes einnimmt. Die unterschiedlichen Anbieter - das Spektrum reicht von der luxuriösen Fahrt auf dem Raddampfer "Louisiana Star" bis zur Hafentour mit der Hamburger Ikone Olivia Jones - reihen sich an den Landungsbrücken aneinander.

Nur die wendigen Barkassen schaffen die Fahrt von hier in die Fleete der Speicherstadt. 1888 wurde sie von Kaiser Wilhelm II. offiziell eingeweiht. Noch immer sind die Backsteinbauten der Gründerzeit mit ihren Erkern und Türmen der größte zusammenhängende Lagerhauskomplex der Welt, in dem der eine oder andere Schatz liegt. Heute ist die Speicherstadt das Zentrum des jüngsten Hamburger Viertels, der HafenCity, wo futuristische Bauten wie das neue SPIEGEL-Gebäude direkt neben den alten Kontoren entstehen. Am Kaiserkai befindet sich die berühmteste Baustelle: die Elbphilharmonie. Die Glasfassade soll den Wellengang der Elbe imitieren, erzählt Kapitän Thomsen. 10.000 Euro kostet eine einzige der geschwungenen Scheiben. Ob das Mammutprojekt jemals fertig wird, steht noch in den Sternen. Neuer Termin der Eröffnung ist 2016.

 

Sonneuntergang über den Landungsbrücken. Maren Buchwald
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Wenn der Tag sich dem Ende neigt, erwacht der Hafen. Die Geräuschkulisse der rotierenden Kräne und arbeitenden Terminals ist einzigartig.

Im Schatten der riesigen Containerschiffe

Als die "Seute Deern" die Speicherstadt verlässt und Richtung Süderelbe schippert, gerät die Barkasse plötzlich ins Wanken. "So lange ein Schiff schaukelt, schwimmt es auch noch", gluckst der Kapitän. Erst abseits von Speicherstadt und Landungsbrücken beginnt der moderne geschäftige Hafen. In der Norderwerft liegen gigantische Containerschiffe auf dem Trockenen, werden gewartet, repariert und neu angestrichen. 15.000 Liter Farbe brauchte es um das Kreuzfahrtschiff "Queen Mary 2" - welches eine ganz besondere Beziehung mit der Hansestadt Hamburg verbindet - neu zu lackieren (.

 

Köhlbrandbrücke. Maren Buchwald
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Etwa 30.000 Fahrzeuge fahren täglich über die Köhlbrandbrücke.

Hinter der Köhlbrandbrücke ragen die Kräne des Containerterminals Altenwerder auf. Langsam pirscht sich die Barkasse an den Rumpf eines Ozeanriesen. Von hier unten, auf Höhe der Wellen, wirken die Containerschiffe noch gewaltiger. Das Terminal gehört zu den modernsten der Welt: Nur 48 Stunden dauert die Verladung eines Frachters, auf dem sich 16.000 Container befinden. Einst lagen die Matrosen aus aller Welt mehrere Wochen in Hamburg vor Anker und ließen ihren Lohn in den Vergnügungsetablissements auf der Reeperbahn zurück. Mittlerweile sind die Ladeflächen der Containerriesen so groß, dass immer weniger Handelsschiffe den Hamburger Hafen ansteuern müssen. "Die alte Seefahrerromantik gibt es nur noch in alten Büchern und übertriebenen Spielfilmen", sagt Kapitän Thomsen melancholisch.

Überhaupt weiß der Kapitän zu allem etwas zu berichten, verbindet enzyklopädisches Wissen mit einer Prise Seemannsgarn und Trivialem. So erfährt man zum Beispiel, dass es in Hamburg zwar 150 Kirchen gibt, aber auch mehr als 3000 Kneipen. "Und ich kenne sie alle", sagt Thomsen und schmunzelt. "Also, die Kneipen, 'ne?" Den Touristen aus Süddeutschland und der Schweiz gefällt der überspitzte Hamburger Humor, gleich ob die Pointe bereits Hunderte Mal erzählte wurde.

Nach anderthalb Stunden Hafenrundfahrt mit der Barkasse geht es wieder zurück an die Landungsbrücken. Seit 1987 Jahren liegt der grüne Dreimaster "Rickmer Rickmers" hier vor Anker. Im 20. Jahrhundert war das Segelschiff auf allen sieben Weltmeeren Zuhause (dabei wäre es 1904 in einem Taifun am Kap der Guten Hoffnung beinahe gekentert). Ein bisschen alte Seefahrerromantik kommt beim Anblick der Rickmers dann doch noch auf. Mit dem Läuten ihrer Schiffsglocke beginnt jedes Jahr Anfang Mai der Hamburger Hafengeburtstag. 2013 werden wieder mehr als eine Million Schaulustige an den Landungsbrücken stehen, gerade rechtzeitig für das große Feuerwerk, das "Schlepperballett", und die Einlauf- und Auslaufparade, wenn Windjammer und Kreuzfahrtschiffe - natürlich auch die "Queen Mary 2" - durch den Hafen fahren. Klar, auch die "Seute Deern" wird dann wieder auf der Elbe unterwegs sein. Hoffentlich bei besserem Wetter.

INFO

Eine Übersicht der Hafenrundfahrten findet sich auf der Website der Hansestadt Hamburg. Besonders zu empfehlen sind die Touren von Barkassen-Meyer. Seit mehr als 90 Jahren wird die Flotte des Unternehmens für Hafenrundfahrten genutzt. Fahrten dauern mindestens eine, maximal drei Stunden; Preise liegen zwischen 18 und 25 Euro pro Person. Die günstigste Art, den Hafen zu erkunden, ist bei einer Fahrt mit den Hadag-Fähren. Die Linie 62 verkehrt zwischen Finkenwerder und Landungsbrücken. Eine Fahrt kostet nur ein Ticket des HVV, des Hamburger Verkehrsnetzes.

 

Hafenmeile während des Hafengeburtstages.
Hafengeburtstag Hamburg
Während des Hafengeburtstages werden die Landungsbrücken zum Rummelplatz für mehr als eine Million Besucher.

Der Hamburger Hafengeburtstag findet 2013 vom 9. bis zum 12. Mai statt. Los geht es mit der großen Einlaufparade am Donnerstagnachmittag. Diesjähriger Höhepunkt ist die Taufe des Kreuzfahrtschiffes "MS Europa 2", das Platz für 516 Passagiere bieten wird. Ebenfalls nicht verpassen sollte man die Drachenbootrennen am Freitag, Samstag und Sonntag.

Autor:
Kalle Harberg