Norddeutschland Freilichtmuseum am Kiekeberg

"So was gibt's bei uns zu Hause nur fertig!", ruft ein junges Mädchen. Sie hat fünf Pappscheiben zusammengeleimt und zieht ein Band durch zwei Löcher in der Mitte. Fertig ist eine Art Jo-Jo, das faszinierte Jungsblicke auf sich zieht. Jetzt funktioniert sie eine Klopapierrolle in ein bunt angepinseltes, angeschnittenes Armband um. Ein Junge bastelt an den Utensilien für ein Boccia-Spiel: Bierdeckel in einer unten zugedrückten Klopapierrolle.

Wie man aus Alltagsgegenständen Spielzeug macht ist nur eine der Lektionen, die im Freilichtmuseum am Kiekeberg zu lernen sind. Zur gleichen Zeit findet eine andere Attraktion statt: "Gelebte Geschichte 1804". An ausgewählten Wochenenden werden einige der historischen Gebäude von Darstellern in historischer Kleidung bewohnt, die einen authentischen Eindruck davon vermitteln, wie auf einem Bauernhof in der Lüneburger Heide Anfang des 19. Jahrhunderts gelebt wurde.

Die Besucher schauen beim Holzhacken, Wasserkochen, Bohnen schnippeln und bei der Butterzubereitung über die Schulter. Dabei schwebt schwarzer Rauch durch das Haus ohne Schornstein. Eine Bäuerin erzählt, dass der Rauch vor allem Ungeziefer fernhalten soll, aber auch einen Trocken- beziehungsweise Konservierungseffekt habe. Ihr Hauptanliegen bestehe darin, den Leuten "das Leben in Einklang mit der Natur" vorzuleben, sagt sie.

Fünf Wochen lang, wenn in Hamburg und Niedersachsen Ferien sind, werden täglich außer montags vielfältige Angebote für Kinder angeboten. Natürlich führt das Museum auch in der restlichen Zeit Veranstaltungen durch. Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre und Mitglieder des Fördervereins haben kostenlosen Eintritt in das Freigelände, Erwachsene zahlen sieben Euro. Man nennt sich "das familienfreundliche Museum im Süden Hamburgs". Gegründet wurde das Museum 1953 durch Willi Wegewitz: Angesichts des Abrisses und Neuaufbaus vieler Gebäude während der Nachkriegszeit sollten historische Gebäude und Strukturen für kommende Generationen bewahrt werden.

Das Freilichtmuseum am Kiekeberg erstreckt sich über zwölf Hektar und umfasst mehr als 30 historische Gebäude, darunter Bauernhäuser, Scheunen und Wirtschaftsgebäude. Kultur und Lebensabläufe zwischen 1600 und den 1950er Jahren der Lüneburger Heide und Elbmarschen sind hier nachvollziehbar geschildert, als wäre man mit einer Zeitmaschine zu Besuch gekommen. Doch die Hofwirtschaft bleibt nicht auf die Bauten beschränkt, die umliegenden Felder werden per Hand und mit altem Gerät bearbeitet.

Blaubein, Kaltblüter und Co.

Gäste begegnen immer wieder alten Nutztierrassen mit klangvollen Bezeichnungen wie Deutsches Schwarzbuntes Niederungsrind, Ramelsloher Blaubein, Buntes Bentheimer Schwein, Bentheimer Landschaf, Schleswiger Kaltblüter und Pommersche Gans. Geschichtsinteressierte Besucher können auch theoretisch auf den Spuren des früheren bäuerlichen Lebens begeben. Viele Info-Tafeln bringen die Vergangenheit der Nordheide näher. Öfters finden spezielle Thementage statt, wie zum Beispiel das alljährliche Traktorentreffen.

Im Rahmen der Bundesinitiative "Deutschland - Land der Ideen" kam die Anlage ebenfalls zu Ehren: Der 2009 eröffnete Wassererlebnispfad wurde zu einem der "365 Orte im Land der Ideen" ausgewählt. Auf insgesamt zehn Stationen im Freilichtmuseum - von einer Schwengelpumpe über einen Zieh- und Hangwasserbrunnen bis zu einem Wasserspielplatz - können Kinder und auch Erwachsene spielerisch erfahren und nachvollziehen, wie wichtig Wasser ist, woher es kommt und wie es weiter im Bauernhaus verwendet wurde. Naturwissenschaftliche Gesetzmäßigkeiten, wie etwa das hydrostatische Prinzip, werden kindgerecht erklärt. Das Museum versteht sich auch als Bildungsinstitution.

Im Gegensatz zu den meisten Freilichtmuseen ist das am Kiekeberg ganzjährig geöffnet. So vermittelt die Einrichtung den etwa 200.000 Gästen pro Jahr auch auch einen Eindruck der weniger schönen Winter der Vergangenheit. Etwa durch die Familiennacht, bei denen Besucher erfahren, wie sehr man durch die Dunkelheit eingeschränkt wurde. Ergänzt wird die Kulisse durch Aktionen wie Gaukelei, Feuerjonglage, einer Märchenerzählerin mit regionalen Märchen für Kinder und Erwachsene und einem Schattentheater.

Im Museumsladen lassen sich unter anderem Haushaltsgegenstände, edles Handwerk und andere handgearbeitete Produkte (z.B. hausgemachte Wurst und Seife), Schnäpse und Brände aus der Museumsbrennerei sowie Literatur über Land- und Gartenthemen erstehen. Der Museumsgasthof Stoof Mudders Kroog bietet regionale Spezialitäten an, der Pilzkiosk aus den 1950er Jahren hat etwas für den kleinen Hunger.

Ein neues Highlight der Ausstellung kommt voraussichtlich Mai 2012 mit dem Agrarium hinzu. Die interaktive Ausstellung hält Experimentiermöglichkeiten bereit, Gruppenprogramme und Veranstaltungen. Unterschiedliche Aspekte, wie Ackerbau und Viehzucht, Weiterverarbeitung bis hin zum Endprodukt (zum Beispiel Kaffee, Schokolade, Pommes Frites), aber auch Hintergründe der täglichen Ernährung, etwa Lebensmittelsicherheit und Inhaltsstoffe, werden im Mittelpunkt stehen. Themen wie Gentechnik, neue Zusatzstoffe, Biolandwirtschaft und Ernährung der "Entwicklungsländer" sollen auch eine wichtige Rolle spielen.

Soviel Zukunftsmusik ausgerechnet am Kiekeberg, wo die Zeit stehengeblieben scheint? Aus der Vergangenheit lässt sich eben für die Zukunft lernen. Das Plädoyer des Freilichtmuseums für mehr Umweltbewusstsein ist dabei keineswegs gestrig. Auch wenn man 1804 mit dem Begriff "Nachhaltigkeit" noch wenig anzufangen wusste.

Schlagworte:
Autor:
Robert Filipowicz