Hamburg Edles Treppenviertel Blankenese

Blankenese, das Dorf am Strom - steile Treppen, schmale Gänge, dänisches Positano mit Kleingartencharakter und schmucken Häusern in teuerster Lage, gekrönt vom Süllberg mit Burganlage, einem Gourmetlokal plus Biergarten. Blankenese - Touristenattraktion, weiß leuchtendes Niedlichkeitsgebirge mit eigensinnigen, stolzen Ureinwohnern. Einer davon bin ich.

Seinen Namen verdankt das ehemalige Fischerdorf, das 1301 zum ersten Mal urkundlich erwähnt wurde, seiner "blanken Neeße", einer glänzenden Landzunge, die wie eine Nase in die Elbe ragte, bevor eine Sturmflut sie mit sich riss. Auch politisch wurde Blankenese hin- und hergerissen. Mehr als zwei Jahrhunderte gehörte es zu Dänemark, dann zwei Jahre zu Österreich, ehe Preußen die Österreicher vertrieb und das Dorf zum Teil von Schleswig-Holstein machte. 1919 wurde das Nachbardorf Dockenhuden eingemeindet, das größer gewordene Blankenese fiel acht Jahre später unter Protest an Altona und wurde 1937 Stadtteil von Hamburg. Aber Hamburg ist weit.

 

In seiner großen Zeit, am Anfang des 18. Jahrhunderts, besaß Blankenese eine der mächtigsten Fischfangflotten Dänemarks, und seine Fischer lebten in reetgedeckten Fachwerkhäusern. Eines lässt sich heute noch besichtigen, ein "Dreehus" für drei Familien mit zwei "Lüttwohnungen", Elbterrasse 6, heute eine Seniorentagesstätte mit Museumsräumen, mit Döns, Kök und Stuv mit Alkoven, der kurz gehaltenen Schlafstatt im Schrank. "Man schlief im Sitzen, weil man meinte, es sei wichtig, auch nachts einen kühlen Kopf zu behalten", sagt der Heimatkundler Ronald Holst. Vor 40 Jahren zog der Werbekaufmann aus Flottbek hierher, Blankeneser ist er damit aber noch lange nicht. Aber weil er und seine Frau in liebevoller Hingabe die Geschichte des Stadtteils aufarbeiten, gelten sie als Ehren-Blankeneser.

Echte Blankeneser leben hier nämlich seit Generationen. Leute wie Klaus Schade, wohnhaft Op'n Kamp, der 26 Jahre als Lotse auf der Elbe fuhr wie seine vier Brüder, sein Vater und sein Großvater. Wer in der Blankeneser Geschichte forscht, stößt immer auf die gleichen Namen - Schade, von Appen, Stehr, Schuldt, Behrmann und vor allem Breckwoldt. "Vor 200 Jahren war jeder zweite Blankeneser ein Breckwoldt", sagt Holst. 2007 kamen sie aus vielen Ländern zum "weltgrößten Breckwoldt-Treffen" nach Blankenese.

Die Blankeneser sind ein stolzer Menschenschlag, sparsam, wetterfest und bodenständig wie Seepocken. Man lässt sich nicht umpusten, bleibt gern unter sich. Man stemmt sich gegen alles Fremde, gegen Veränderungen, die das vertraute Bild stören könnten. Bin ich Blankeneser? Nicht wirklich. Ich bin in Blankenese geboren und aufgewachsen, lebe dort - mit einer Unterbrechung - seit August 1942. Aber mein Vater kam aus Altona, meine Mutter aus Kiel. Auch dass sie aus einer alten Hamburger Familie stammt, zählt nicht. Wurzelechter Blankeneser ist nur der, dessen Großeltern aus Blankenese stammen.

Uns Kindern war das egal. Wir trafen uns am Fluss. Eisgang auf der Elbe! Staksten auf schwankenden Eisschollen, die wir mit Bootshaken verholten, Kinderkapitäne in Gummistiefeln auf großer Fahrt. Wir trafen uns zum Rodeln auf der großen Wiese in Schinkels Park, zur Schussfahrt mit dem Schlitten auf eisglatter Piste. Pass bloß auf, dass du keine Kreek hinter dir hast, die fährt dir ins Kreuz! Kreeks, die echten Blankeneser Schlitten, sind schwer, flach und rasend schnell. Ursprünglich waren sie als Lastenschlitten gebaut worden, glücklich, wer eine hatte. Die kleine flache Kiste mit Kufen aus Massivholz vom Bootsbauer oder Tischler, die mit Steuerlatte unter dem Arm auf Kurs gehalten wird. Und weil die Stange unglaublich lang und schwer ist, eher ein Mast oder schlanker Baum, donnern die Kreeks mit einem Affenzahn über das Eis hinab ins Falkental. In der Kurve, die sich gefährlich nach außen neigt, verhüten Strohballen das Schlimmste. Dahinter stand zeitweise sogar ein Krankenwagen parat - als Ambulanz für die Bruchpiloten.

Nicht jeder, der hier wohnt, gehört zum Treppenadel

Zur Blankeneser Kindheit gehört die Bettelpoesie auf Platt. Ein Gedicht kannten wir alle: "Rummel, Rummel, Rusch, Prost Niejohr sitt in'n Busch." Wie man eine Schweinsblase über einen Topf zieht, den Rummelpott, wussten wir nicht mehr, aber das Rummelpottlaufen am Silvesterabend ließen wir uns nicht nehmen.

Geisterhaft verkleidet und maskiert zogen wir von Haus zu Haus und sagten unser Verslein auf: "Giv mi'n Appelkooken oder 'ne lütte Wust ..." Apfelkuchen und kleine Würste kriegten wir nicht, aber Mandarinen, Nüsse, Kringel oder Kleingeld. Und wer nichts spendete, dem warfen die bösen Geister schon mal Piepmanscher (kleine Kracher) oder Knallfrösche in den Briefkasten.

Streetgangs hatten wir auch. Zwischen Weihnachten und Ostern gab es Krieg, den Bürgerkrieg der Kinder. Von einem Tag auf den anderen teilte sich unser friedliches Nest in feindliche Gebiete; die Front verlief zwischen den Osterfeuern "Viereck", "Knüll", "Osten", "Mühlenberg", sie ging durch das Treppenviertel und durch die Schulklassen. Wir kämpften um abgetakelte Weihnachtsbäume, versuchten herauszufinden, wo sie versteckt waren, wie man sie klauen konnte. Ich gehörte als kleiner Buttje zu "Osten" - ein starkes Feuer, weil auch die Jungs vom Blankeneser Segel-Club dazugehörten. Wir verfolgten die Schleifspuren über die Treppen, rannten davon, wenn uns die Wachtposten entdeckten. Wehe, sie erwischten einen von uns.

Die Mädchen waren auch nicht ohne. Das tollste Stück leistete sich Anneliese Teetz, die als Junge verkleidet auf Fischdampfern zur See fuhr, ihr Steuermannspatent machte und Deutschlands erste Kapitänin wurde. Mangels Schiff hat sie uns in der Schule am Kahlkamp Erdkunde unterrichtet und mir das Schwimmen beigebracht. Aber der Schuldienst lastete sie nicht aus. Einmal spannte sie mit einigen Jungs eine Stahltrosse quer über die Straße, um den Lastwagen von Taucher Harmstorf anzuhalten. Der unterhielt, ganz im Westen, ein eigenes, privates Osterfeuer, das absolut konkurrenzfähig war, denn Harmstorf sicherte sich jedes Jahr die abgeschmückten Christbäume vom Alsterhaus. Der Laster war hoch beladen, sprengte aber die Sperre. Augenzeugen berichten von einer wilden Prügelei, die Teetz schlug sich wie ein echter Kerl, die Brille von Taucher Harmstorf ging kaputt, und am Ende flog die Kapitänin in den Bach. 1991 starb sie den Seemannstod, als sie bei steifer Brise im Kajak die Elbe überquerte - sie war 81 Jahre alt.

Taucher Harmstorf - auch so eine Blankeneser Dynastie. Mehr unter als über Wasser. Mit Friedrich Matthias Harmstorf fing es an, der seine Söhne nach den Wracks benannte, die er geborgen hatte. Seine Frau Elisabeth fühlte sich mit 17 Kindern nicht ausgelastet und liebte Gäste, 6000 an einem Sonntag waren keine Seltenheit. Seit 1882 betrieb die Familie das "Hotel zum Taucher", später "Hotel zum Falkenthal", zugleich eines der beliebtesten Ausflugslokale an der Küste mit eigenem Anleger, Brillantfeuerwerk und Freilichtkino. Die Luftakrobatin Elvira von der Peute tanzte auf einem Drahtseil, Taucher Harmstorf trank unter Wasser eine Flasche Bier, und sein Sohn malte im mit Wasser gefüllten Glasbassin - eine Vorführung, die sogar Kaiser Wilhelm II. begeisterte.

Harmstorfs Enkel räumten nach 1945 die Wracks aus dem Hamburger Hafen und dem Mühlenberger Loch, aber als die Seeschifffahrt immer sicherer wurde, hatte das Bergungsunternehmen kaum noch zu tun. 1999 machte es dicht. Geblieben ist nur der traurige Rest des Elbschiffes "Uwe", dessen Achtersteven bei Ebbe am Falkensteiner Ufer aus dem Wasser ragt.

 

Die Osterfeuer brennen weiter. Es gibt keinen Krieg mehr um Tannenbäume, heute kämpfen die Jungs gegen Behörden. Kurz vor Ostersonnabend lädt das Bezirksamt zum runden Tisch, Polizei und Feuerwehr diskutieren das Krisenmanagement und prüfen die Höhe der Haufen. Sind Bahnschwellen dabei oder ein Dachbalken, der irgendwann mal mit Xylamon behandelt wurde, kommen sie mit dem Bulldozer und reißen den Haufen auseinander.

Das passierte im vergangenen Jahr. "Osten" ohne Osterfeuer, ein Trauerspiel, Stimmungstief beim Blankeneser Segel-Club. Mit über 800 Mitgliedern ist er tonangebender Dachverband der Dorfgemeinschaft - mit Kinderkursen, Kutterjugend und seetüchtigem Vereinsleben für eine honorige Besatzung. Er hat auch manchen Vorstand der Hamburger Wirtschaft und segelnde Spitzensportler in seiner Mitte.

Augenfälliges Merkmal des Clublebens sind aber nicht schnittige Yachten, sondern die liebevoll restaurierten Tuckerboote an ihrem Liegeplatz unterhalb von Baurs Park. Plötzlich kamen sie auf, Anfang der siebziger Jahre. Der Erste, der sich beim BSC so ein kleines Schmuckstück zulegte, war Bauunternehmer Volkert Sörensen. Das Boot machte tuk-tuk-tuk, deshalb rief ich aus: "Das ist ja ein richtiges Tuckerboot!" So kam der Begriff in Umlauf.

Volkert Sörensen, Sörensenweg, Bauunternehmer in der dritten Genera- tion und 1937 in Blankenese geboren, muss sich hänseln lassen, kein echter Blankeneser zu sein, denn sein Großvater kam aus Faaborg auf Fünen, ein dänischer Maurergeselle, ein Zugereister also. 1893 gründete er das Bauunternehmen, das sein Enkel fast vier Jahrzehnte lang auf Kurs hielt. Sein Tuckerboot nannte er "Faaborg".

Bald sind es über 30 beim BSC: ausgediente und liebevoll restaurierte Rettungsboote, Festmacherboote, Beiboote oder Boote von Lüttfischern, die ihren Beruf aufgegeben haben. Die Prachtstücke aus Holz glänzen in der Sonne. "Ich nenne sie die Stradivaris zur See", sagt Sörensen stolz. Es war irgendwie ansteckend. Tuk-tuk-tuk, schnell auf ein Bierchen in die Este, zum Baden auf Meiers Sand oder auf eine Spritztour in die Speicherstadt. Bei festlichen Anlässen versammeln sich die Kapitäne schon mal zum Tuckerboot-Ballett, mit Blazer und weißer Mütze, zum Walzerklang.

Brahms hat leider nichts geschrieben, was sich vertuckern ließe. Dabei war er direkt vor Ort. Im Sommer 1861 verbrachte er einen Tag gemeinsam mit Clara Schumann im Hanggebiet, Blankenese con spirito. Im nächsten Jahr kam er wieder, blieb drei Monate im selben Haus, Brandts Weg Nr. 3. Der Sommergast wohnte vorn, im Wohnhaus, die Eigentümer waren ins Waschhaus gezogen. So machte man das hier. Merkwürdigerweise kam er nie wieder, sondern ging nach Wien.

Dafür lebte Felicitas Kukuck am Hang, komponierte und sang. Die Schülerin von Paul Hindemith schrieb Kirchenmusik und sang im Kirchenchor. Ich habe sie dort erlebt, sie sang im Alt, war schon in den Achtzigern, aber keine Stimme strahlte so hell und voller Gottvertrauen.

Künstler gab es hier viele. Kein Stadtteil ist so malerisch wie Hamburgs stiller Winkel mit seinen generösen Elbpanoramen und den romantischen Schleichwegen aus Kopfsteinpflaster, die "Steiler Weg", "Rutsch" und "Krumdal" heißen. Meine Großmutter, die Malerin Dora Wenneker-Iven, zog mit ihrer Staffelei in die Treppen, zeichnete die Weiden am Strandweg oder die Schlepper mit ihren schwarzen Rauchfahnen von Bord der "Ole Hoop", die Alex Breckwoldt segelte.

Aber nicht alle Künstler waren willkommen. Die Maler jüdischer Herkunft wurden aus Blankenese vertrieben und sind fast vergessen: Harry Reuss-Löwenstein und Lore Feldberg-Eber, Clara Blumenfeld und Alma del Banco. Der Maler Eduard Bargheer, genannt Eduardo (1901-1979) durfte bleiben, in seinem Seemannshaus am Rutsch 2. Er malte auch gern auf Ischia. In Blankenese lebten die Kunstprofessoren Willem Grimm und Alfred Mahlau, der Horst Janssen und Vicco von Bülow das Zeichnen beibrachte. Auch Horst Janssen zog nach Blankenese, und der wunderbare Wilhelm M. Busch, bei dem ich Zeichnen und Illustration studierte.

Dichter lebten hier natürlich auch. Richard Dehmel darf in dieser Polonaise nicht fehlen, nicht seine große Liebe Ida, die im Dehmelhaus ihren intellektuellen Salon pflegte. Sie war Gründerin der Künstlerinnen-Organisation GEDOK, aus der sie 1933 wegen ihrer jüdischen Abstammung ausgeschlossen wurde. 1942 nahm sie sich das Leben.

Bleibt noch Hans Leip, Süllbergsterrasse 37, Sohn eines Hafenarbeiters, Lehrer für Sport und Religion, Grafiker, Maler, Zeichner, Autor von Kurzgeschichten, Romanen, Gedichten und Erfinder von "Lili Marleen". Er machte sich über das "hansische Schwarzbrotbehagen" lustig, und über Blankenese schrieb er wunderschöne Verse, "ein Kleingebirg aus bunten Muscheln, darüber dick die Wolken kuscheln", schildert "Winkelgänge, Schlafpuppengärten, Netzgehänge". Eine Liebeserklärung. "Es brist herauf so meergeschwellt, tief unten blitzt die weite Welt."

Blankeneser haben immer das Wasser im Blick

Blankenese, auf ewig Postkartenschönheit. Wenn ein Ort erst zum Künstlerviertel erklärt wird, sind die Künstler meist verzogen. Dafür steigen die Bodenpreise. Im Treppenviertel sind sie uferlos, wenn Elbblick dabei ist. Und wer im Hanggebiet baut, kann sich darauf verlassen, dass es teuer wird. Bauunternehmer Sörensen erklärt, warum das so sein muss: "Weil alles Baumaterial mit Schubkarren herangeschafft wird. Und weil für die Schubkarren erst eine Holzrutsche gebaut werden muss, um die Treppen zu überwinden. Alles, was hier gebaut wird, kommt über die Schulter des Mannes. Das kostet."

Alte Blankeneser wissen das. Und die neuen haben es gelernt. Wenn man nicht aufpasst, wird man arm hier. Auch wenn es in Hamburg kaum einer für möglich hält: Nicht jeder Blankeneser ist reich. Nun ja, vielleicht thront über dem Hanggebiet der eine oder andere Millionär, finden sich im Treppenviertel Reeder, Schiffsmakler und Banker, Verleger und Medienleute. Erfolgsmenschen, die Geldsorgen nur auf einem höheren Level kennen, wie der langjährige "Spiegel"-Chef Stefan Aust, die Segel-Legende Hans-Otto Schümann oder Otto Waalkes in seiner Elbburg an der Süllbergsterrasse. Ein paar Häuser weiter wohnt Rolf Zuckowski, Freund singender Kinder, und um die Ecke Jan Philipp Reemtsma, Erbe der Tabakdynastie, Sozialforscher und Mäzen.

 

Karl Lagerfeld, in Blankenese geboren, bezog in reiferen Jahren die neoklassizistische Villa Schüler in Wilmans Park, ist aber nun endgültig ausgewandert. Danach übernahm Michael Haentjes, Vorstandsvorsitzender im Musikbusiness, das geheimnisvolle Haus hinter den drei hohen Toren.

Im Hanggebiet ist vor allem Mittelstand zu Hause. Architekten, Apotheker, Einzelhändler, Handwerker, Journalisten, Friedensforscher. Sie alle sind an den beschwerlichen Auf- und Abstieg gewöhnt, an eine eng gekuschelte Nachbarschaft, die alles andere bietet als vornehme Distanz, an feuchte und dunkle Küchen zum Hang, an mächtige Stützmauern aus Naturstein, die Haus und Grund am Rutschen hindern.

Blankeneser mit Hang zum Hang haben sich entschieden, auf einen gewissen Komfort zu verzichten: Sie haben kein Auto vor der Tür. Das Hanggebiet ist ein bürgernahes Großprojekt für autofreies Wohnen. In den Treppen gibt es keine Zufahrt, keinen Stellplatz und keine Garage. Auf der Blankeneser Hauptstraße, der einzigen Straße, die sich in Kurven zur Elbe windet, lässt sich ein Geländewagen kaum parken, und in den Treppen hilft kein Allradantrieb. Jede Mülltüte, jede Flaschenkiste, Fahrräder und Kinderwagen müssen über viele, viele Stufen getragen werden, Treppe rauf, Treppe runter. Deshalb gibt es hier auch nicht sehr viele junge Familien mit Kindern.

Das Wasser. Blankeneser haben es immer im Blick, sehen die immer höher werdenden Bugwellen an den Bojen im Strom, 20 Zentimeter sind es schon, sicheres Zeichen für die zunehmende Fließgeschwindigkeit. Weil die Elbe für die großen Containerschiffe immer tiefer ausgebaggert wird, nimmt sie ihrerseits Fahrt auf. Seit der großen Flut von 1962 steht der Strandweg häufiger unter Wasser. Der Pegelstand war damals 5,70 Meter, diese Marke hat die Elbe bereits siebenmal überschritten, 1976 brachte sie es auf eine Rekordhöhe von 6,45 Meter.

"Die letzte Sturmflut kam bis zur ersten Rose", erinnert der Buchhändler Hinner Sautter, Gartenfreund und Alt-Blankeneser mit seefahrendem Großvater. Das Doppelhaus am Strandweg, das die Sautters mit der Architektenfamilie Patschan teilen, hat den wohl meistfotografierten Vorgarten Hamburgs. Bei Hochwasser, wenn der Wellengang vergessene Autos mit gleichmütigem Bummbängebäng gegen die Mauern schlägt, sind die Sautters vom Verkehr abgeschnitten. Aber unangenehmer ist meist der Morgen danach. "Das Hochwasser hinterlässt jede Menge Fetzen, Schilf, Unrat, Plastik, Balken und Liegestühle." Dann müssen sie alle ran.

Die Häuser am Strandweg sind flutsicher, die Stadt hat Geld gegeben. Wenn das Wasser kommt, machen sie hier die Schotten dicht. "Flutschutz ist eine Rechenaufgabe", sagt Sörensen trocken, "das Strandhotel wiegt 970 Tonnen. Dagegen steht der Auftrieb von 1000 Kilogramm pro Kubikmeter Wasser. Also frage ich: Wann schwimmt es auf? Und wie bringe ich die Kräfte auf die Wände, die das Haus am Boden halten?" Er setzt Stahlträger unter die Außenwände, bis 8,50 Meter über Normal Null soll nichts passieren.

So ist das hier, alles gesichert. Die Mauern, der Hang, die immer gleiche Nachbarschaft. Die Kinder sind aus dem Haus. "Unsere Tochter ist weggezogen, weil sie nicht in diesem 'Pensionsdorf' leben wollte", erzählt der Architekt vom Krumdal. "Ich kann sie verstehen. Es liegt eine Käseglocke über dieser Gesellschaft, es ist eine heile Welt." Der Leuchtturm bleibt, das Panorama. Containerschiffe ziehen wie Schrankwände vorbei, und Optimisten segeln vor der Kulisse des Airbuswerks auf Finkenwerder. Malven, Kutterscholle und Speckstippe an der Strandpromenade. Das Treppenviertel ruht in sich, ein multipler Balkon. Die meisten Läden und Kneipen sind verschwunden, die Ortsmitte ist weiter gezogen - nach oben, wo die Parkplätze sind.

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Autor:
Emanuel Eckardt