Hamburg Die Pioniere der Hafencity

Rechts begrünte Balkone mit Sonnenschirmen, links flanierende Menschen auf einer von Bäumen gesäumte Uferpromenade. In der Mitte Buden, Markisen, Gedränge auf alten Brücken und Pontons. Da liegt der alte Senatsdampfer "Schaarhörn". Die Rennyacht "Artemis". Der Lotsenschoner "Elbe No. 5". Möwen kreischen. Schiffe tuten. Im Hintergrund funkelt der gläserne Aufbau der Elbphilharmonie in der Sonne. "Und jetzt", sagt Thomas Magold, "denken Sie sich in der Ferne ein Kreuzfahrtschiff dazu."

Anfang Juli, Freitagnachmittag. Der Himmel ist grau, der Wind kalt, es riecht nach Brackwasser. Thomas Magold steht auf den Magellan-Terrassen in der Hafencity, dort wo tonnenweise Beton und abertausende Pflastersteine noch immer auf wenig Menschen treffen, und spricht von Phantasie. Davon, wie es einmal sein wird. Wenngleich, wie Herr Magold zugibt, man dazu viel Phantasie braucht. Schließlich sind rechts keine Sonnenschirme, links noch Gruben, Schutthaufen, Rohbauten. Im Sandtorhafen gibt es zwar Pontons, aber keine Traditionsschiffe. Und wo die Elbphilharmonie 107 Meter hoch thronen soll, steht ein Wald aus Kränen. Es ist kurz nach vier, als die ersten Regentropfen ins trübe Hafenbecken klatschen.

Wer zieht in so eine Gegend? Wer will in einem Stadtteil vom Reißbrett wohnen, in einem Provisorium? Es hört sich alles gut an: 5500 Wohnungen, 12.000 Bewohner, dazu 40.000 Arbeitsplätze auf 155 Hektar zwischen Zentrum und Elbe. Überseequartier. Hamburg Cruise Center mitsamt Luxushotel. Hafencity Universität. Stararchitekten, fulminante Wahrzeichen am Wasser, das neue Herz der Stadt. Nur: Lässt es sich hier gut leben?

Stimmt es, was Bürgermeister Ole von Beust sagt: "In die Hafencity ziehen die, die es schon geschafft haben"? Die Journaille machte das neue Quartier daraufhin prompt zum Refugium für Besserverdienende und Cabriofahrer. Dazu passen die aktuellen Angebote des Immobilienhändlers am Grasbrookhafen. Im "Yoo-Haus" von Philippe Starck kosten 94 Quadratmeter 1700 Euro Kaltmiete, ebenso im Angebot: 187 Quadratmeter für gut 4100 Euro kalt. Im Ocean's End stehen "exklusive Lofts" (137 bis 147 Quadratmeter) zum Verkauf. Preis: 555.000 bis 695.000 Euro, die Tiefgarage 25.000 Euro extra. Viel Geld für ein Zuhause in einem "Würfelhusten am Wasser", wie der Hamburger Stararchitekt Hadi Teherani die neue Stadt nennt. Und mal ganz abgesehen davon: Wo kauft man hier eigentlich Brötchen?

Die ersten Bewohner kamen 2004. Ende 2007 waren es 800; Ende 2008 sollen es 1500 sein. Und wenn man mit den Menschen hier redet, dann bekommt man das Gefühl, dass dieses Quartier alles andere als ein versnobtes Wohntrauma aus der Retorte ist.

Von wegen gefühllose Stadtplanung, meint Tobias Gloger, der im Harbour Hall am Sandtorkai wohnt, das als eines der ersten Häuser bezugsfertig war: "Uns alle hat das Wasser gelockt. Es ist aber auch das urbane Leben - hier haben wir beides." Vom Harbour-Hall bis zur Mönckebergstraße sind es nur 800 Meter, knapp zehn Minuten zu Fuß.

Von wegen gelackter Stadtteil für Yuppies, sagt Katrin Frömsdorf. Sicher, man könne teuer mieten und teuer kaufen. "Man kann hier aber auch für zehn bis zwölf Euro Kaltmiete wohnen, da zahlt man im Schanzenviertel oder in St. Georg mehr." Zusammen mit ihrem Mann Andreas hat sie eine Wohnung gekauft. Durchaus erschwinglich, behaupten die jungen Leute, sie beschäftigt bei einer PR-Agentur, er ist Nanotechnologe. Und was das Gerücht von der Servicewüste angeht, sagt Michael Klessmann: "Natürlich ist das noch alles im Entstehen, doch gerade haben zwei thailändische Restaurants eröffnet, wir haben einen Kiosk, einen Supermarkt, einen Feinkostladen, jetzt soll noch ein Bäcker kommen. Dann können wir uns mit Brötchen totwerfen."

Klessmann sitzt vor dem Bistro "Kaiserperle", schaut auf den Grasbrookhafen, gegenüber liegen die Marco-Polo-Terrassen, ein einsames Pärchen sieht sich dort in die Augen. Es dämmert, die Elbe plätschert gegen den Kai, und Klessmann antwortet auf die Frage, warum er mit seiner Frau in ein Haus am Kaiserkai gezogen ist: "Wir sind Wassermenschen." Und dann schwärmt der IT-Experte über die Flut im November 2007 wie andere Leute über ein schönes Urlaubserlebnis. Zugegeben, sagt Klessmann, das sei Geschmackssache. "Doch ich kenne niemanden, der hier nicht wohnen möchte."

Das liegt nach Ansicht der Anwohner auch an der Hafencity Hamburg GmbH, die bemüht ist, neben luxuriösem auch bezahlbaren Wohnraum und ausreichend Ladenflächen zu schaffen. Sie verschickt Willkommenspakete mit Basisinformationen, beschäftigt sogar einen Soziologen, der sich um die Belange der Anwohner bemüht. Es gehe darum, sagt Marcus Menzl, 2007 von der Hafencity Hamburg GmbH engagiert, "die Entwicklung sozialer Prozesse zu unterstützen". Wo nichts gewachsen ist, kann eine ordnende Hand nicht schaden. "Verbesserung des Alltags" nennt Menzl das. "Wir beobachten, welche Menschen herziehen und wie sich das Leben im Quartier entwickelt, und überlegen dann, in welcher Weise man diese Prozesse befördern kann." So hat Menzl die Familien mit Kindern angesprochen, bevor ein Spielplatz eingerichtet wurde; er ermunterte sie, für die Errichtung eines Spielplatzes einen Verein zu gründen; er hält Kontakt zu den Betreibern der drei Internet-Foren, auf denen das Leben in der Hafencity diskutiert wird. Und er bemüht sich um den Störtebeker- Sportverein oder die Kunstkompagnie, die einige Bewohner der Harbour Hall gegründet haben.

Einblicke in die Hafencity, Hamburgs visionäres Viertel

Thomas und Sabine Magold zogen am 1. Mai 2008 am Kaiserkai 56 ein, ihre Wohnung erstreckt sich über drei Etagen. Wer bei ihnen in der Küche sitzt, bekommt eine Ahnung davon, was die Menschen hierher zieht. Durch das deckenhohe Panoramafenster sieht man den Sandtorhafen, dahinter die Speicherstadt, die Kirchturmspitze von St. Katharinen, die Blohm+Voss-Werft auf der Elbe und die Landungsbrücken. Einen Stock höher, auf dem Balkon des Wohnzimmers, schwappt unter einem die Elbe wie abgestandener Schwarzer Tee. Weiter hinten Containerterminal, Raffinerie, Brachland. Die Dachterrasse, 200 Quadratmeter groß, liegt nur etwa 100 Meter vom Kaispeicher A entfernt, dem Fundament für die Elbphilharmonie. Wasser, wohin man blickt. Herr Magold sagt: "Mehr Hamburg geht nicht."

Haus Nummer 56 am Kaiserkai ist ein Unikum in der Hafencity. Die weiß beschichtete Fassade glitzert in der Sonne, die Balkone und Fenster haben fließende Formen wie von Colani erdacht; die Glasflächen sind gigantisch. 800 Quadratmeter misst das Grundstück, 25 Wohnungen, zehn Millionen Euro Baukosten. Herr Magold, der bis zu seiner Pensionierung für BMW arbeitete, erzählt gern, wie er in die Hafencity kam.

2004. Er wohnte in Uhlenhorst, gediegener Altbau, als die Anfrage kam. Ob er sich an einem Bauherrenmodell in der Hafencity beteiligen wolle? Herr Magold, der überzeugend über die "rauen Wasser der Elbe und die lieblichen Wasser der Alster" referieren kann und auch Vorsitzender des Hamburger Tourismusverbands ist, wollte. Es folgten Ausschreibung und Wettbewerb. Entscheiden sollten zwei Jurys, eine aus Experten und eine aus Laien, der Herr Magold vorstand. Die Experten favorisierten einen Entwurf aus England, die Laien den aus Österreich. Der englische bot nur einseitige Blicke auf Wasser. Magold: "Da haben wir die Revolution geprobt und gesagt, da werden wir nicht wohnen." Vielleicht, weil Herr Magold viel Phantasie hatte und sich schon damals vorstellen konnte, wie es aussehen sollte?

Nicht jeder kann das. Für den Besucher ist die Hafencity noch ein ambivalentes Erlebnis. Sicher, die Vorstellung, stadtnah am Wasser zu wohnen, ist faszinierend. Doch wer mittags mit Taxi zum Kaiserkai will, wird vom Fahrer schon hundert Meter vorher zum Aussteigen genötigt, weil der nicht riskieren will, im Gestrüpp der Gerüste, Bau- und Lastwagen stecken zu bleiben. Und wer abends von hier ins Zentrum will, wartet mitunter verzweifelt auf ein Taxi, weil in der Speicherstadt der "Hamburger Jedermann" aufgeführt wird und die Zufahrt nur über kuriose Umwege möglich ist. Ein Provisorium eben.

Daran wird sich vermutlich so schnell nichts ändern. Diesen Eindruck gewinnt man vom View Point, dem orangefarbenen Turm zwischen Grasbrookhafen und Strandkai. Deutlich ist zu erkennen, dass die bisher entstandenen Projekte nur die ersten fertigen Teilchen in einer gigantischen Baugrube sind. Und ob Plätze wie die Magellan- oder die Marco-Polo-Terrassen jemals ihren bizarren in einen liebenswerten Charme verwandeln, bleibt abzuwarten. Tobias Gloger, Pilot bei der Lufthansa, sagt: "Das ist natürlich nicht die Romantik von grüner Wiese und Wald. Wer ein Einfamilienhaus in der Natur will, zieht nicht hierher."

Noch einmal zurück zum Kaiserkai 56, Erdgeschoss, zu Tai Tan, einem der beiden neuen Thailänder. Katrin und Andreas Frömsdorf kamen zur Eröffnung, ihre Wohnung liegt schließlich im selben Haus. Auch ihre Freunde Michael Heine und Tanja Haase, er IT-Fachmann, sie Architektin, waren da; die beiden wohnen schräg gegenüber. Heute Abend essen sie wieder hier und erzählen von der Eröffnung. Der Laden sei voll gewesen, aber kurioserweise habe niemand bestellen können. "Um Viertel nach sieben flog die Tür auf, herein kam der Kurier mit einem Stapel aus der Druckerei: Speisekarten. Das ist Hafencity."

Es wurde dann noch ein lustiger Abend mit vielen Antworten auf die Frage, was dieses neue Stück Stadt ausmacht. Dazu gehören natürlich auch der Baulärm, der Schmutz, der Monate dauernde Versuch, den Schacht für den Fluchtweg der U-Bahn-Linie zum Überseequartier in den Kaiserkai zu rammen. Was verbindet die Bewohner der Hafencity? Heine sagt: "Offiziell die Liebe zum Wasser, inoffiziell Ärger über Baumängel." Die Frömsdorfs erzählen von Touristengruppen auf ihrer Dachterrasse und Location Scouts, die im Treppenhaus herumlungern und "nur mal gucken" wollen. Heine und Haase erinnern sich an den Abend ihres Einzugs: "Um 22 Uhr kam die 'Queen Victoria' rausgefahren. Mit Feuerwerk. Da bleibt einem schon die Luft weg."

Andreas Frömsdorf ging übrigens mit seinem Nachbarn Michael Heine zur Schule, zehn Jahre spielten sie im selben Basketballteam und verloren sich dann aus den Augen. 24 Jahre später hat die Hafencity sie wieder zusammengebracht. "Alle, die hier leben", sagt ein Bewohner, "ticken irgendwie gleich."

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Autor:
Gerhard Waldherr