Hamburg Die Oase der Börner

"Es war ein Paradies", ruft Elsbeth Jacobs aus. Auf dem Stubentisch stehen Kaffee und Kekse, der Blick fällt durchs Fenster hinaus auf die Gartenbäume. Die 89-Jährige spricht von ihrer Jugend in der Siedlung, von all dem Grün, der Ruhe. Die Kinder konnten auf der Wiese vor dem Haus und sogar auf der autofreien Straße spielen. Das Zusammenleben. Ja, die Zusammengehörigkeit sei hier immer das ganz Besondere gewesen, wirft ihre 96-jährige Schwester Rosamunde Pietsch begeistert ein.

Über der Fritz-Schumacher-Siedlung von Langenhorn im äußersten Norden Hamburgs liegt noch heute ein Zauber. Zwischen den langen Gärten verlaufen heckengesäumte Pfade, von hier wirkt das Viertel wie ein weiter Park. In einiger Entfernung ragen hinter Gemüsebeeten, Gewächshäusern und Obstbäumen die anmutigen Reihenhäuser mit ihren Ziegeldächern auf.

Dahinter säumen bunte Doppelhäuser mit Walmdach das Karree. Auf manchen Rasenflächen stehen Kinderspielgeräte. Benachbart im Osten liegt das Naturschutzgebiet Raakmoor, auf der anderen Seite ausgedehnte Schrebergartenanlagen - und im Norden das schönste Naturbad der Stadt.

"Börner" nennen sich die Siedler selbst. Der Name leitet sich von den fruchtbaren Wiesen ab, auf denen ihre Siedlung errichtet wurde und die den Bauern als Lebensborn erschienen. Einige Börner leben mittlerweile in der fünften Generation hier. Wer in der Siedlung wohnt, zieht nicht fort.

Baumeister dieser städtischen Oase war der Architekt und Oberbaudirektor Fritz Schumacher. Nach dem erstem Weltkrieg herrschte in Hamburg ein extremer Wohnungsmangel. Viele Menschen lebten im inneren Stadtgebiet unter erbärmlichen Umständen, in überfüllten Wohnungen unter miserablen hygienischen Bedingungen, in schlechter Luft. Für die kinderreichen, armen Familien, für Kriegsteilnehmer und Kriegsbeschädigte wollte Schumacher eine zwei Kilometer lange und einen halben Kilometer breite Gartenstadt schaffen. In einer gesunden Umgebung sollten 800 Wohnungen in Reihen- und Doppelhäusern entstehen, gut angebunden an die Stadt mit einer neuen Hochbahn. Vor allem sollten die Siedler hier Gemüse anbauen und Tiere halten können, um sich selbst zu versorgen. Schumacher schwebte weit mehr als nur Wohnraum vor: Die neue Siedlung im ländlichen Langenhorn sollte auch eine soziale Vision wahr werden lassen.

Die Wirklichkeit sah zunächst anders aus. Nach dem Ersten Weltkrieg lag die Wirtschaft in Deutschland am Boden. Die Produktion kam nur schleppend voran. Natürlich mangelte es auch an Baumaterial. Schumacher hegte eigentlich eine Leidenschaft für den Ziegelstein, wie sich etwa an der Finanzdirektion, der Davidwache an der Reeperbahn, dem Holthusenbad oder dem Museum für Hamburgische Geschichte erkennen lässt - alle nach seinen Entwürfen entstanden. Beim Bau der Langenhorner Siedlung aber war an Backsteine nicht zu denken. Schumachers Handwerker mussten nehmen, was gerade zur Verfügung stand, auch Lehm und Stroh. Ein ganzer Block wurde sogar aus Munitionskisten hochgezogen. Auch die Anzahl der Häuser blieb hinter dem urspünglichen Plan zurück: Statt 840 Wohnungen entstanden schließlich 660 für insgesamt 2.500 Menschen. Trotzdem blieb die Schumacher-Siedlung damit das größte stilistisch einheitliche Wohnreformprojekt Deutschlands.

Als die ersten Siedler 1920 einzogen, wurde an den Häusern noch gearbeitet. Es gab weder Gas noch eine Kanalisation und in die Keller drang Wasser. Anstelle von Gärten fanden die neuen Bewohner halb gerodeten Nadelwald und Sumpf, Schotter und Brachen vor. "Alles war kahl", Rosamunde Pietsch kann sich gut daran erinnern, wie sie als Sechsjährige mit ihren Eltern 1921 in das Doppelhaus im Immenhöven einzog, in dem sie auch heute wieder wohnt.

"Anfangs hatten wir große Probleme mit der Lebensmittelversorgung", sagt sie. Buchstäblich alles musste aus der Stadt oder den umliegenden Dörfern herangeholt werden - und die Alteingesessenen von Langenhorn zeigten sich keineswegs entgegenkommend. Zu dieser Zeit schweißte die Not die neuen Siedler zu einer Gemeinschaft zusammen. "Alle waren gleich", sagt Rosamunde Pietsch, "gleich arm". Ihre Schwester überlegt: "Kein Geld stimmt... Aber 'arm' ist hier eigentlich keiner gewesen." Denn die Bewohner waren stolz auf ihre Siedlung, die sie vor allem auch durch Eigeninitiave fertig stellten.

Abrisspläne bedrohen die Siedlung

Bald darauf kam eine Zeit, in der die Gemeinschaft zerbrach. Die meisten Siedler waren Mitglieder der SPD oder KPD. "Nach der Machtergreifung packten die Nazis die Siedlung besonders hart an", erklärt Rosamunde Pietsch. Zur Einschüchterung wurde direkt nördlich eine SS-Kaserne errichtet und die Fritz-Schumacher-Allee zur Panzertrasse ausgebaut. Rund 40 Familien wurden aus ihren Wohnungen vertrieben. Der Vater von Rosamunde und Elsbeth, ein Polizist und aktiver Sozialdemokrat, handelte sich eine erste Denunziation unmittelbar nach der Wahl vom März 1933 ein, als er den Flaggenmast in der Straße fällte, damit die Hakenkreuzfahne nicht gehisst werden konnte. Er wurde aus dem Polizeidienst entlassen und 1934 verhaftet. Die Familie musste ihre Siedlung verlassen und konnte erst nach dem Krieg in ihr altes Haus zurückkehren. Die Frage, anderswo zu leben, stellt sich für die Schwestern nicht.

In den 1960er Jahren bedrohten Abrisspläne die Schumacher-Siedlung, von Verdichtung des Wohnraums war die Rede. Doch die Siedlergemeinschaft wehrten sich gegen die Zerstörung ihres Stadtteils. In der Folge wurde das gesamte Ensemble 1974 unter Milieuschutz gestellt, die Verwaltung hat eine Genossenschaft übernommen. De facto organisieren die Bewohner ihre Siedlung selbst - und sorgen dafür, dass sie auch über 90 Jahre nach der Errichtung noch ihre ursprüngliche Erscheinung bewahrt. Es besteht zwar das Recht, Mietverträge zu vererben; Besitzerin der Häuser ist aber die Stadt.

"Wir vergessen immer, dass uns die Wohnungen nicht gehören", beschreibt Sonja Setzepfand die sehr enge Beziehung der Einwohner zu ihrer Siedlung. Sie ist seit 16 Jahren Vorsitzende des Gemeinschafts-Vereins, der sich seit Siedlungsgründung um das soziale und kulturelle Leben kümmert und etwa mit der "Griffelvereinigung" die Arbeiter und Angestellten mit Bildender Kunst vertraut gemacht oder mehrere Chöre und ein Blasorchester gefördert hat. Sogar eine eigene Monatszeitung, "De Börner", bringt der Verein heraus, die erste Ausgabe erschien 1921.

Sonja Setzepfand hat sichtlich Spaß daran, diese Tradition mit der Gegenwart zu verbinden. Sie veranstaltet nicht nur Yoga-Kurse oder Obstbaumschnitt-Beratungen. Sie hat auch ein besonderes Faible für das Schauspiel. Derzeit besteht eine Kooperation mit dem Thalia-Theater, die zu Jahresbeginn zu einer Musical-Aufführung in der großen Fritz-Schumacher-Schule führte. Gerade hat sie den "Börner Künstlertreff" mit heimischen Künstlern veranstaltet, zu dem an zwei Tagen 1.200 Besucher kamen. Bald sind wieder Gemeinschaftsfeste vorzubereiten. "Beim großen Siedlerball stehen die Leute schon um halb sechs vor der Tür Schlange, um 2 Uhr nachts sind sie immer noch nicht von der Tanzfläche zu kriegen". Die lebendige Gemeinschaft macht für Setzepfand den Charme des Viertels aus.

Aber vielleicht machen auch die Kleinigkeiten den Unterschied. Die Mitgliederbeiträge etwa lässt sich der Verein nicht einfach überweisen. Stattdessen sammelt eine Delegation das Geld persönlich ein und klingelt immer an mehreren Nachbarstüren gleichzeitig - "so entsteht ganz automatisch ein Klönschnack".

Besonders glücklich ist Setzepfand aber über das eigene Seniorenheim der Schumacher-Siedlung. Das helle Gebäude steht zwischen den Gärten und sieht neuer aus als die Reihenhäuser. "Unsere alten Leute schieben wir nicht ab, wir bauen für sie ein Haus mitten in unserer Gemeinschaft."

Wer ins Seniorenheim zieht, macht auch eine Wohnung frei für Jüngere. Die Kriterien der bei der Auswahl von Neu-Börnern sind streng: Beste Chancen haben junge Paare mit mehrere Kindern, Handwerker sind sehr willkommen. Der Standard ist einfach, die Mieten gering. Aber die Warteliste ist ohnehin geschlossen - zu viele Interessenten. Der Tischler Mark Wendler und seine Frau sind mit den drei Söhnen gerade eingezogen. Er bezeichnet es als Glück. Die Siedlung empfinden sie geradezu als familiär und die Mischung stimme, ergänzt Ehefrau Martina: "Einerseits diese Stille, andererseits ist es beruhigend, wenn man den Nachbarn durch die Wand husten hört." Das Reihenhaus, in dem sie jetzt wohnen, werden sie so ausbauen, dass später auch einmal die Eltern einziehen könnten. Wollen sie selbst hier alt werden? - "Das ist unser Plan."

"Ich glaube, der Gemeinschaftssinn schwindet allmählich", sagt hingegen die junge Landschaftsarchitektin Julie Jochem bedauernd. Ihre Familie lebt seit 1922 an der Tangstedter Landstraße. Sie selbst ist vor zwei Jahren mit ihrem Freund und ihrem neugeborenen Sohn in die Siedlung zurückgekehrt, des Gartens wegen. Das große Miteinander und die ausgeprägte Nachbarschaftshilfe, wie es ihre Eltern noch erlebt haben, gelte für ihre Generation nicht mehr. Und doch räumt sie ein: "Man grüßt sich und schnackt hier mehr als anderswo."

Tatsächlich ist es frappant, wie viele Leute sich bei Begegnungen auf der Straße duzen und einander nach dem Woher und Wohin fragen. Jeder weiß hier über den anderen Bescheid, sagt Sonja Setzepfand. Und das ist es, was manchmal auch anstrengend sein kann - "wir leben eben in einem Dorf."

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Autor:
Hilmar Schulz