Hamburg Die Hansestadt im Schanzen-Schick

Quartalsweise marschiert die Bundeswehr in der Schanze ein, streng zivilistisch natürlich, denn die Rekruten feiern ihre Entlassung aus dem Wehrdienst, die Reihen noch immer dicht geschlossen und manches kämpferische Lied auf den Lippen. Wo schließlich ließe sich die nach neun harten Monaten endlich wieder erlangte Freiheit besser begehen als in der kernwaffenfreien Zone der Freien und Hansestadt, dem letzten verbliebenen Fleckchen Anarchie in Hamburg?

Die Hafenstraße, lange der Dorn im Auge der Stadt und Inbegriff urbaner Aufsässigkeit, hat sich längst dem eisernen Griff der Wohlstandssanierung ergeben. Doch das Schanzenviertel ist eine Insel des Widerstands geblieben. Dabei ist das winzige Quartier zwischen St. Pauli, Altona und Eimsbüttel denkbar unspektakulär. Statt Erotik-Shows mit mindestens fünfschrötigen Werbern vor der Tür oder Condomerien für Seeleute und andere abenteuerlustige Touristen gibt es auf dem Schulterblatt nur ein "Jesus Center" für gestrandete Eingeborene.

Die Schanze ist multikultureller als es die Bundesrepublik sonst erträgt: Der portugiesische Kaffee konkurriert mit dem griechischen Bifteki. Die moderne Zeit, auch sie ist auf der Schanze eingezogen, verkündet in bestem Pidgin-Englisch "We have sale" und bietet angebliche Designer-Klamotten zu sagenhaft günstigen Preisen. Die Aufschriften neigen wie anderswo auch zum Wortspiel, aber nur hier gibt es die avancierte Zweisprachigkeit, die sich so ausdrückt: "lütt'n grill" und zum besseren Verständnis: "Imbiss delüx". Und nur hier trägt der Punk den Royal Stewart Tartan, als Sitzeinsatz auf dem durchgescheuerten Hintern zwar nur, aber immerhin traditionsbewusst.

Das Symbol für die kämpferische Tradition ist die Rote Flora in der Mitte des Schulterblatts, ein verfallenes gelbbraunes Monstrum, über und über bemalt mit Parolen, Grüßen, Beschwörungen und ein paar Zoten. Hier sollte einst ein Musical-Theater mit dem "Phantom der Oper" eröffnet werden, doch scheiterte das Unterfangen am Widerstand der Anwohner; die Musical-Industrie musste sich andere, weniger umkämpfte Standorte suchen.

Das ist jetzt 20 Jahre her, die Weltgeschichte hat sich um mindestens eine Generation weiterentwickelt, doch der Widerstandsgeist der Schanze ist ungebrochen. Oben am Dach der Flora hängt völlig unbehelligt eine Fahne "Wir grüßen das Kommando Ulrike Meinhof". Sapienti sat, wie der Schanzenviertler bestimmt nicht sagt, dafür aber genau weiß, dass damit die noch immer nicht namhaften RAF-Leute gemeint sind, die am Gründonnerstag 1977 in Karlsruhe den Generalbundesanwalt Siegfried Buback und seine zwei Begleiter ermordeten. Um nach drei Jahrzehnten endlich Auskunft über die Tatbeteiligung zu erlangen, hat die Bundesanwaltschaft ehemaligen RAF-Mitgliedern Beugehaft verordnet. In der Schanze heißt es deshalb trotzig: "Keine Beugehaft für Niemand". Zart besaitete Juristen könnten darin ein Vergehen nach § 129a StGB sehen (Unterstützung einer terroristischen Vereinigung), hier aber ist solcher Widerstand Teil der Schanzenfolklore geworden.

Die Touristen, die in der Sonne gegenüber der Roten Flora ihre Portion Pommes rotweiß aufspießen, merken nichts davon, die Bundeswehr-Absolventen erst recht nicht, und die Anwohner und Anarchos machen fröhlich weiter. Hin und wieder tut ihnen die Staatsgewalt den Gefallen und kommt in die Buchhandlung, weil dort handschriftlich für eine Busfahrt zum G-8-Gipfel geworben wird. Aber so kommt die Polizei auch mal zum Lesen.

Auf der sogenannten Piazza am Schulterblatt, die ein dreiviertelitalienischer Corso ist, fahren die Mütter ihre Kinder spazieren, Punks führen ihre Hunde aus und stadtbekannte Säufer zeigen den fortschreitenden Verfall ihrer Leber. Die Gäste auf den langen Bänken der Lokale saugen dieses Lebensdurcheinander begeistert auf. Am Nachbartisch süffeln Schauspielstudenten ewig an einem Cafè Latte und überbieten sich in den Rollen, die sie einmal spielen werden. "Hamlet!" ruft einer. "Mutter Courage!" eine andere. "Franz Moor!" ein dritter, der ihn aber "anders, moderner, mehr von heute anlegen" möchte. Der junge Mann rudert in der Luft, und jetzt, jetzt hat er's: "Franz Moor als Andreas Baader!" Das muss der Lokalgeist sein.

Bei aller Liebe zum Viertel und allem leidenschaftlich vorgetragenen Abscheu für alles, was nicht Schanze ist, sind die Yuppies nicht ganz draußen zu halten. In der ehemaligen Pianoforte-Fabrik haben sich Werbe- und Filmfirmen eingenistet. An manchen Samstagen treten sich Zoobesucher und Trendscouts auf die Füße. Jeder will etwas erhaschen von dem ganz besonderen Parfum, dieser Mischung aus Widerstand, Laisser-Faire und Sushi-Bar, durch die auffällig viele Camaros und Porsches rollen. Nirgendwo kommen neuer Reichtum und alte Anarchie so hautnah zusammen wie auf der Piazza - darum auch "Web-Strich" genannt. Die Flaneure von außerhalb trauen sich nicht, ihr Auto lange aus den Augen zu lassen, aus Angst, es könnte ihnen schnell angezündet werden, während sie noch genießerisch im Galão rühren.

Vorne an der Altonaer Straße hat sich ein "Central Park" breitgemacht und gibt sich redlich Mühe, den einst mit Schmieröl gefetteten Boden mittels Sandaufschüttung zum innerstädtischen Beach Club zu veredeln. Das rechte Strandgefühl will sich aber auch dann nicht einstellen, wenn einem eine überraschende Bö diesen kostbaren Sand in den Liegestuhl und gleich auch noch in den überbezahlten Cocktail schippt.

Dieses exotische Flair, ein orientalisierter Westen, eine westliche Levante zieht inzwischen nicht nur Punks, Musiker, attac-Aktivisten, Künstler jeder Spielart, sondern Touristen aus ganz Deutschland an. Von der verspiegelten Höhe ihres vollklimatisierten Busses aus bestaunen sie die bemalten Mauern, vor denen sich diese seltsam unhamburgischen Hamburger herumtreiben.

Frisch von zu Hause ausgezogene Söhne und Töchter führen hier ihre Eltern aus, damit es sie ein bisschen grusele vor diesem ethnischen Quirl, in dem ihr Kind untergemischt zu werden droht. Und staunend sehen die schwäbischen, bayerischen oder auch bloß niedersächsischen Eltern die Punks vorbeiziehen, die Haare so stachlig gegelt wie nirgends mehr sonst, die Mädchen in sorgfältig zerrissenen Strumpfhosen, dann und wann auch ein hoffnungsloser Drogenfall, dem das allzu viele Holsten nur noch die Wahl lässt, in den Mülleimern nach Bierflaschen zu suchen, die im Supermarkt acht Cent die Flasche bringen. Dann hoffen die besorgten Eltern inständig, dass ihr Kind es beim übermäßigen Einsatz des Kajal-Stifts bewenden und sich nicht auch selbst am nächsten Montag von Piercings durchschießen lässt nach dem Vorbild dieser fremden Wesen, die hier heimisch sind.

Am Montag aber ist die Bundeswehr abgerückt, kein Bus zwängt sich mehr durch die Straßen, und das Töchterlein kauft gesundheitsbewusst bei "hin & veg" und überlegt, ob es noch auf einen Latte beim Café Stenzel einkehren soll. Leben, denkt es, leben kann man doch nur hier.

Schlagworte:
Quelle:
Autor:
Willi Winkler