Hamburg Die Gesichter der Hafenwirtschaft

Nieselregen zupft an der Elbe und verwandelt die Oberfläche in eine braune Gänsehaut. Gleichmütig strömt der Fluss dahin, saugt schmatzend an den Kaimauern. Ein grauer Schleier hängt über den Landungsbrücken, über dem Dreimaster "Rickmer Rickmers", dem Freihafen. Wasserluft. Suppe. Eine schöne Schmuddelstimmung, in die sich das Tor zur Welt an diesem Julitag hüllt.

Den Touristen macht das nichts aus. Sie stehen an den Buden, genießen die friedliche Tristesse. Seemöwen kreisen kreischend, Barkassen und Fähren legen an, legen ab, eine Schute rotzt eine Dieselwolke in die Luft, tuckert schaukelnd davon. Kurz vor dem Petroleumhafen schiebt sich ein Containerschiff gleich einer schwimmenden Satellitenstadt elbaufwärts. Unten an den Landungsbrücken lauschen die Besucher den Verkäufern der Hafenrundfahrten, die ihr breites, leicht nasales Hamburgisch in die Welt krakeelen. "Schietwedder givt dat hier nich", ruft einer einer jungen Dame zu. "Is doch nur Wasser von oben, min Deern!" Hanseatische Sprücheklopfer, die Leute lieben sie.

Das Flair des Hafens ist längst zum Klischee geworden, sorgt in den Köpfen für großes Kino. Fernweh, Sehnsucht, der Geruch von Seefahrt und Duft der weiten Welt. Ein kurioser Mix aus Aufbruchstimmung und Heimkehr. Frachter, Tanker laufen ein. Kräne drehen sich, abends gehen die Lichter an den Werften an, eine beruhigende Geschäftigkeit geht vom Hafen aus. Ohne ihn wäre Hamburg wie ein Fischbrötchen ohne Fisch. Und in diesem Hafen arbeiten Menschen, die man gern kennenlernt.

Es ist zwei Uhr nachmittags, als Wolfgang Häberle (51) sein Büro am Seemannshöft verlässt, er trägt eine blaue Jacke mit der Inschrift "Hamburg Pilot". Häberle ist einer von denen, die berufsmäßig den Blick auf den Hamburger Hafen haben.

Mit dem Lotsenboot fährt er elbabwärts, zehn Minuten. Klettert eine schmale Leiter an einer 30 Meter hohen Stahlwand empor. Marschiert durch einen langen, grauen Flur voller Leitungen, Rohre, Ventile. Betritt einen Maschinenraum, fährt mit einem schmalen Fahrstuhl acht Stockwerke nach oben, geht noch mal eine kleine Treppe hoch - und hat dann ein schier unglaubliches Bild aus luftiger Höhe vor sich: den Hafen als klitzekleine Spielzeugwelt.

Häberle gehört zu den 75 Hamburger Hafenlotsen und steht jetzt auf der Brücke des Containerfrachters "MSC Asya", einem der größten, die den Hafen anlaufen. Er kann mehr als 9000 Container laden, ist 337 Meter lang, 45 Meter breit - in diesem Moment zieht die Fläche von drei Fußballfeldern mit zehn Knoten an den schmucken Häusern Othmarschens vorbei.

Die Aufgabe Häberles und seiner Kollegen ist, ein Schiff fast zentimetergenau an die vorgesehene Parkposition zu bringen. Lotsen nennen das "Einpassen". Scherkräfte, Strömungen und Wind machen das Ganze zum hochkomplizierten Unterfangen. "Beim Manövrieren gibt es fast keine Fehlermarge", sagt Häberle. "Wenn man beim Eindrehen in die Hafenbecken einmal die Optimallinie verloren hat, kann das böse Konsequenzen haben."

Häberle hält ein Funkgerät in der Hand - die Verbindung zu den zwei Schleppern, die den Giganten stoppen und an den Kai bugsieren. Der Lotse ist konzentriert, vor ihm leuchten ein Radarschirm und die Angaben der nautischen Anzeigen.

Tiefe Wolken ziehen an diesem Tag über die Elbe, eben hat es noch in Konzertlautstärke geprasselt, doch plötzlich reißen die grauen Wasserberge auseinander, die Sonne bricht durch. Im Nu herrscht Postkartenstimmung. Wie ein Theaterscheinwerfer fällt das Licht auf den Michel, die Köhlbrandbrücke, die Schiffe und die gesamte Skyline Hamburgs. Ein phantastisches Bild. Romantik? Häberle lächelt. "Gitarre spielen und Rum trinken - diese Zeiten sind vorbei, und es hat sie wohl nie gegeben. Oder glauben Sie, es war reines Zuckerschlecken, als die Hafenarbeiter die Säcke schleppen mussten?" Das schillernde Bild vom Hafen sei pure Sehnsucht, behauptet Häberle.

Und was sieht der Lotse? Heute? "Der Hafen hat sich stark gewandelt, mehr Schiffe denn je laufen ihn an. Jährlich führen wir 35.000 Lotsungen durch." Der Hafen sei vielseitiger geworden, alle Schiffsgrößen gebe es heute zu sehen. Schuten, Bunkerboote, Schwimmkräne - direkt neben den dicksten Pötten des Planeten. "Schichtwechsel im Minutentakt, Trossen rein, Trossen raus, das unglaubliche Lichtermeer beim Einlaufen nachts, als schwebe man ein in eine andere Galaxie." Aus Häberles Sicht erlebt der Hamburger Hafen eine nie zuvor gekannte Dynamik, und so gesehen herrscht hier sogar mehr Leben als früher. "Genau das macht den Reiz aus."

Es ist halb vier am Nachmittag, als Häberle neben Chinesen und Pakistani über den Laufsteg die "MSC Asya" am Eurokai verlässt. Der Himmel ist blau, metallisches Dröhnen erfüllt die Luft. Tausende von Lkws scheinen hier zu fahren, Schiffsriesen kommen und ziehen zurück Richtung Nordsee, Menschen mit gelben und roten Helmen wuseln wie Ameisen umher. Wer einmal im Hafen gearbeitet hat, sagt man, will immer hier arbeiten. Zu mitreißend sei dieses amorphe Etwas, das sich zwischen Kitschpostkarten und Elbschiffermützen, zwischen Riesenfrachtern, adretten Villen und Elbe breit macht.

Olaf Jensen, 49, ist Berufsfischer. Seit 27 Jahren. Drei gibt es noch. Jensen ist Handarbeiter, ein schwimmender Einmannbetrieb mit Blaumann und Schiebermütze. Das Kleingebliebene im Großgewordenen.

Jensen steht in Finkenwerder vor seiner kleinen Räucherhütte, die Hände in zwei blauen Fässern. Dutzendweise holt er ausgenommene Aale heraus, "spittet" die Fische sorgfältig auf lange Spieße und hängt die fettige Delikatesse in den Räucherofen. Unten am Steendiekkanal liegt sein Boot, eine winzige, offene Nussschale mit einem 25-PS-Außenbordmotor. Damit fährt er sechs Tage die Woche raus, meistens morgens um vier, je nach Tide, und dann tuckert das wohl kleinste Gefährt des gesamten Hafens zur Arbeit. Ein schaukelnder Punkt vor gewaltiger Kulisse.

Wo die besten Plätze für die Reusen sind, verrät der Fischer nicht. Nur: "Die Wasserqualität ist wieder sehr gut, die Fische schmecken vorzüglich." Aal, Butt, Zander, Stint und Barsch fängt er und in den letzten Jahren auch Wollhandkrabben. Den Großteil seines Fangs verkauft er in seinem Verschlag neben "Oestmanns Fischerhus", den Rest sonntags auf dem Fischmarkt, die Wollhandkrabben an Chinesen in Hamburg.

Alles boomt und brodelt - trotzdem steht hier die Zeit manchmal still

Bis zu 40 Kilometer tuckert Jensen täglich durch den Hafen, von Blankenese bis in die verwinkelten Becken des Binnenhafens. Jensen schüttelt den Kopf. "Nee, nee, mit Idylle hat das nichts zu tun", winkt der Fischer ab, "Zoll, Hafenpolizei, Großschiffe - was ich sehe, ist vor allem Stress." Der Hafen sei unruhiger geworden, schneller, überall werde gebaggert und gebaut.

Jensen wirft einen prüfenden Blick in seinen Ofen, kratzt sich am Hinterkopf: "Arbeiten im Hafen war schon immer hart, aber manchmal erleb ich schon noch romantische Momente." Wenn er durch die stillgelegten Ecken fährt, im Freihafen, in der Süderelbe, wenn das Leben innehält, das Licht stimmt, die Barkassenfahrer ihren vertrauten Gruß rüberwinken und plötzlich Greifvögel über den Fluss ziehen: "Das sind für mich die wirklich schönen Augenblicke." Jensen hält inne, starrt auf seine qualmenden Aale.

Das beste Licht herrsche im Winter bei Frost, direkt nach Sonnenaufgang. "Wenn leichter Dunst aus dem Wasser steigt, erlebst du 'ne magische Stimmung", sagt Jensen, und seine Augen lächeln unter den buschigen Brauen. Die Speicherstadt, die Kirchtürme, die ganze Stadt: Vom Wasser aus gesehen ist alles geisterhaft eingehüllt. Sind es diese Gegensätze, die den Hafen ausmachen? Das schlichte Schöne, das inmitten der rauen Betriebsamkeit aufblitzt? Oder sind es die neuen gewaltigen Dimensionen?

"Wir sind eher die museale Abteilung", sagt Jan Peters und blickt auf die spiegelglatte Wasserfläche im Spreehafen. Jan Peters und Christine Röthig, beide 49, betreiben den Gewerbepark "Sehhafen" - eine Ansammlung alter "Hafenlieger", der schwimmenden Kontore von einst. Bis zu hundert Jahre alt sind die mit viel Mühe restaurierten, flusstauglichen Büros. Ein Teil von Hamburgs Geschichte.

Was die Anmutung uriger Hausboote hat, bietet Architekten, Fotografen und Werbern Platz zum Arbeiten. Ein Ponton dient als (schwimmender) Garten, Sonnenstühle stehen herum, an einem alten Schlachttisch für Fische finden Konferenzen statt. Die Sonne sinkt, es ist warm, und das blumige Kleinidyll inmitten des Hafenlärms wirkt absurd irreal.

"Der Hafen ist das Herz Hamburgs, die verbliebenen beschaulichen Flecken hat er bitter nötig. Sie machen seinen Charme aus", sagt Peters. Es ist die Sicht des Nostalgikers. Aus wie vielen Stücken setzt sich ein großartiges Bild zusammen? Wie viele Pinselstriche sind nötig, um ihm die besondere Magie zu verleihen?

Kay Koch, 42, trägt einen schwarzen Overall und kurze Haare. Koch kommt dem Hafen näher als jeder andere, er taucht in ihn rein. Seit 1995 arbeitet er bei der Tauchergruppe der Landesbereitschaftspolizei, heute ist er Gruppenführer. Wohl 150-mal im Jahr legt er den Trockentauchanzug an, Vollgesichtsmaske, Handschuhe, Pressluftflaschen - und sinkt hinab ins Hafenbecken. Er taucht unter die Schiffe und sieht - null. "Selbst an guten Tagen haben wir höchstens einen Meter Sicht", sagt Koch.

Er hangelt sich unter den Schiffsrümpfen entlang, über sich riesige dunkle Flächen aus zusammengeschweißtem Stahl, an denen er sich vorwärts tastet. Bei 90 Prozent seiner Einsätze sucht er nach Verbotenem: metallenen Drogenboxen, die unten an den Schlingerleisten der Riesenkähne verschraubt sind. Vor einigen Jahren stolperte sein dicker Handschuh über eine Box mit 150 Kilo Kokain, vermutlich aus Südamerika. Marktwert: 35 Millionen Euro. Koch hat auch schon den Grund abgetaucht, über dem dann die "Queen Mary 2" festmachte. Damals suchte er USBV: Unkonventionelle Spreng- und Brandvorrichtungen, Terroristenzeugs. Koch fand nichts.

Kohlehafen, O'Swaldkai, Athabaskakai - auf seinen Einsätzen fährt Koch immer wieder kreuz und quer durch den Hafen. Er kennt ihn wie seine sorgfältig gepackte Tauchertasche. Was ist der Reiz daran? Koch muss nur kurz überlegen und sagt: "Der Trubel, dieser bunte, große Trubel ist es!" Nirgends sonst kämen sich Millionenstadt und ein großer Hafen so nah. Büros,Wohnhäuser, Geschäfte und Touristen - und das Hafengeschehen direkt vor der Nase. Ja, gar mittendrin! Das Maritime und das Urbane in einer seltenen Hochzeit: "Wo", fragt der Taucher Koch, "gibt es das noch auf der Welt?"

Von einem Charme der ganz anderen Art weiß Katrin Lünz, 28. Sie hat einen der derzeit begehrtesten Jobs im Hafen. Als Brückenfahrerin bei Eurogate sitzt sie auf nahezu 50 Meter Höhe in einem gläsernen Cockpit wie in einem "Star Wars"-Sternenjäger. Um sie herum: Joysticks, Instrumente, Knöpfe, Schaltpanele, Mikros. Von hier steuert Katrin Lünz ein gelbes, 1800 Tonnen schweres Stahlmonstrum - einen der Kräne, die das Hafenbild heute prägen und mit denen die Container im Minutentakt von den Schiffen gehievt werden.

Dass an den Kaianlagen jenseits der Touristenbuden und Musical-Zelte nur knochenharte Kerle arbeiten, stimmt auch nicht mehr: Lünz trägt einen Pferdeschwanz, in ihren blauen Augen strahlt ein großes helles Lächeln. Katrin Lünz' Arbeitsplatz ist ein Beispiel für die neue Sicht auf den Hafen: "Wir müssen uns bei der Arbeit sehr konzentrieren. Aber es gibt Momente, da halte ich oben auf dem Kran inne!"

Und dann findet sie die wohl beste Antwort für das Wesen des Hafens: "In bestimmten Momenten, wenn ich hinausschaue, realisiere ich erst, was alles passiert. Schiffe kommen rein, große, kleine, aus Fernost und USA, dazu die Möwen, die Geräusche, die Stadt im Hintergrund, der Wind, das immer wechselnde Wetter und die Tag und Nacht durch den Hafen treibenden Menschen - wenn das alles zu einem Bild verschmilzt, dann weißt du plötzlich, was du an diesem Hafen so liebst. Dann spürst du es auf einmal im Bauch."

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Marc Bielefeld