Hamburg Der Volksdorfer Wochenmarkt

Ein paar Schritte sind es nur von der Großstadt aufs Land, und der Trick gelingt zweimal in der Woche, mittwochs und samstags. Obwohl der zu den größten Hamburgs gehört und die U-Bahn vor dem Eingang hält, ist er besonders intim. Hohe Bäume säumen das Marktgelände, weit und breit ist kein Hochhaus zu sehen. Keiner hat es plötzlich mehr eilig, jeder Zeit für einen Schnack.

"Ohne den Bauernklöben ist unser Frühstück gar nicht vorstellbar", sagt Grete Jansen, "und wenn die Bäckerei mal Urlaub hat, lege ich einen kleinen Vorrat an". Frau Jansen steht in der Schlange vor der Theke und lächelt zufrieden, in Gedanken schon beim Frühstück. Ein Mann drängelt sich vor. "Hier geht es aber nicht nach Schönheit!", ruft einer von hinten, alle lachen. So charmant kann man Unhöflichkeit kontern.

In keiner europäischen Stadt gibt es so viele Wochenmärkte wie in Hamburg. Und der Volksdorfer, im Nordosten liegend, gehört zu den ältesten der Hansestadt. Im Sommer 2009 feierte er seinen 60. Geburtstag. Die mehr als 120 Einzelhändler kommen meist aus dem angrenzenden Schleswig-Holstein, wie auch viele Kunden. Aber auch Produkte aus dem Alten Land in Niedersachsen findet man hier.

Es gibt Stände, die sind hier nicht mehr wegzudenken, und zu denen gehört ein Wagen, dessen Auslagen vor Pralinen, Gebäck und Kuchen überquellen. Ihre Nachnamen will die blonde, burschikose Verkäuferin nicht verraten. "Alle nennen mich Ina, die Keksbäckerin. Das reicht." Sogar für das Brot stehen die Leute hier lange an. Nebenan verkauft eine Frau feine Gewürze, Öle, Essige, viele leckere Dips - und jeder darf probieren. Gleich gegenüber gibt es frischen Karpfen, geräucherten Lachs, Aal. Von irgendwo dringt ein Duft nach Lavendel und gegrillten Würstchen.

Ohne mediterrane Köstlichkeiten geht es nicht

Wer weiterschlendert, trifft auf die Blumen von Helga Behnken. Ihre 73 Jahre sieht man der quirligen Dame nicht an. Für viele Kunden ist sie die Seele und das Herz des Marktes - seit 55 Jahren verkauft sie hier Sträuße und Gestecke. Mittlerweile hilft ihre Enkelin Sandra mit. Die 26jährige ist Floristin und hat noch einen kleinen eigenen Laden. Einige Schritte weiter gibt es bei Sandras Vater Bio-Obst und Bio-Gemüse. Unterstützt wird er seit über 50 Jahren von Dieter Pfenninger, 67. Als junger Bursche hat er bei den Behnkens seinen Ausbildungslohn aufgebessert und jetzt, als Rentner, hilft er noch einmal in der Woche mit aus. Der patente Norddeutsche ist um keinen Spruch verlegen, und genau das mögen die Leute an ihm. "Ich kann aber auch einstecken", sagt Pfenninger. "Wir haben hier alle echten Spaß bei der Arbeit."

Bei Behnkens sind Familie und Tradition Teil des Geschäftsprinzips - seit zwei Uhr in der Früh sind schon alle auf den Beinen. "Mich hält das jung. Ein Leben ohne Markt kann ich mir gar nicht vorstellen", sagt Helga Behnken. Und das klingt bei ihr nicht abgedroschen. Eine Stammkundin kommt gerade vorbei. "Wie immer?" Von diesen Leuten leben wir, wird die Blumenfrau später sagen, aber erst fragt sie die Dame, bevor sie das Geld will, wie es deren Mann gehe.

Mediterrane Leckereien findet man bei Farideh Mirakkori, 52, von allen nur Susu genannt. Bevor die eigenen Einkaufstaschen üppig gefüllt sind, ist man satt. Pappsatt. Warmer Vacherin-Käse, frisches Olivenbrot, Wildschwein-Pastete, Gänseleber-Paté - vieles davon bereitet die Perserin selbst zu. Sie hat nur diesen Stand, sie ist eine One-Woman-Show. "Wenn ich krank bin oder sonst verhindert, gibt es keinen Ersatz", sagt Susu. Ein offenes, lautes Lachen hat sie, die Haare sind schwarz, wild gelockt. Die Leidenschaft, für das was sie tut, strahlt Susus Körper in jeder Bewegung aus. Sie ist seit sechs Jahren Teil des Wochenmarktes, und auch wenn ihr Stand in einer Ecke liegt, etwas versteckt, halten sie viele Besucher für eine Perle. "Ich weiß gar nicht, wie ich vorher ohne Susus Köstlichkeiten leben konnte", sagt ein älterer Mann, zufrieden kauend. Noch einen Happen Kastanien-Pastete. Hmm.

Nur ein paar Meter weiter hat Andreas Duve eine wahre Marktlücke besetzt - ein mobiles Café. Ebenfalls vor sechs Jahren hat er damit begonnen, "viel, viel kleiner als heute natürlich". Mittlerweile stellt der 50jährige im Winter ein großes beheiztes Zelt für seine Gäste auf - bei den ersten wärmenden Sonnenstrahlen werden die Stühle und Tische einfach nach draußen geschoben. Wer dann bei Andreas Duve einen Platz ergattert, hat Glück.

Der Milchkaffee dampft in der Tasse, die Croissants knuspern, Einkaufstaschen stehen auf dem Boden. Leuten schlendern vorbei, man grüßt sich, beginnt zu schnacken, der HSV, der neue Bürgermeister, der harte Winter. Hamburg wird zum Dorf in Volksdorf, und jeder kann dabei sein.

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Autor:
Petra Barth