Hamburg Das Dockville Festival in Hamburgs Süden

Der Bass wummert durch die Büsche. Brombeersträucher nicken im Takt. "Folge mir nach Papaya! Coconut Banana!", hört man Elektro-Schlagersänger Alexander Marcus aus der Ferne trällern. Florian Tampe und Christiane Schuller interessiert das nicht - sie reißen sich gerade ihre Kleider vom Leib. Schnell sind sie völlig nackt, schnappen sich ein Handtuch und verschwinden in ihrer selbst gezimmerten Holzhütte - der Sauna des Hamburger Musik- und Kunstfestivals Dockville.

Zum zweiten Mal findet das Spektakel auf der Elbinsel Wilhelmsburg statt. Normalerweise gibt es hier nur: Vogelzwitschern und Autobahnrauschen, Brachflächen, vertrocknete Wiesen und meterhohe Kiesberge, Lagerhallen voller Europaletten, verlassene Industrieanlagen und alte Getreidespeicher. Am Reiherstieg-Hauptdeich stapeln sich bunte Schiffscontainer wie Legotürme, Angler blicken stoisch aufs Wasser, und Lkw-Fahrer dösen in ihren Trucks. Eine Gegend wie geschaffen, um Leichen zu beseitigen.

 

Wilhelmsburg ist der flächenmäßig größte Stadtteil Hamburgs und gehört zu den ärmsten. Jeder achte Einwohner ist hier arbeitslos. Deshalb ist die Elbinsel zum Schauplatz der Internationalen Bauausstellung (IBA) geworden: Aus dem Problem- soll ein Szeneviertel werden. Und Kunst und Kultur sollen dabei helfen. Aus diesem Grund zählt die IBA auch zu den Hauptsponsoren des Dockville-Festivals. Und es funktioniert. Rund 10.000 Besucher kommen zum Feiern - darunter auch viele, die den Hamburger Süden zum ersten Mal besuchen.

Die Jugendlichen, die hierher strömen, sehen aus wie Klone aus dem Musikfernsehen: zerlöcherte Netzstrümpfe unter dem Minirock, grelle Tops und Shirts mit Statements wie "Make some Noise" oder "Yippie, Yippie, Yeah", enge Jeans und immer wieder schwarze Plastiksonnenbrillen mit bunten Bügeln und Cocker-Spaniel-Frisuren. In Einkaufs-, Boller- und Handwagen ziehen sie ihr Survival-Equipment gen Campingplatz: Schlafsäcke, Zelte, Bierpaletten, Wasserkanister. "Benehmt euch! Und pinkelt nicht in das Gelände", ruft eine Aufsicht den einfallenden Horden zu. Innerhalb kürzester Zeit entsteht eine Zeltstadt direkt neben dem Festivalgrund: Ghettoblaster dröhnen, Dosenbiere zischen, Würstchen brutzeln auf Mini-Grills. Ein pubertäres Mädchentrio stolpert über die Wiese und brüllt in ein Megafon: "Wir suchen kleine Penisse! Habt ihr welche gesehen?" Alkohol macht eben albern. Alles ist wie im Landschulheim, nur besser, weil ohne Lehrer und mit Musik. Auf der Hauptbühne singt schon Bernd Begemann seine wunderbar kauzig-komischen Deutschpop-Songs und ruft in die Menge, die sich vor der Bühne versammelt hat: "Die jungen Leute gehen auf ein Festival, um Gratisdrogen zu bekommen. Und dann kosten die mehr als zu Hause. Und dann sind sie verwirrt."

Enno Arndt, der Dockville-Initiator, schlurft stets mit einem CB-Funkgerät in der einen und einer Kippe in der anderen Hand über das Gelände. Mit seinem dünnen, blonden Haar, dem Rundrücken und seinem Schlabbershirt sieht er älter aus als 36. Vor allem erweckt er nicht den Eindruck, als könnte er eine solch riesige, rund eine halbe Million Euro teure Veranstaltung allein auf die Beine stellen. Was er aber getan hat. "Ich wollte schon immer ein Festival machen", erzählt er. "Ich habe mit kleinen Konzerten angefangen. Und dann hatte ich Lust auf immer größere Konzerte und immer größere Räume. Und ich wollte einen neuen Ansatz versuchen - Musik mit Kunst verbinden."

Sein Team ist jung. Dorothee Halbrock und Laura Raber, beide 23 und Studentinnen der Kulturwissenschaften in Lüneburg, sind die offiziellen "Kunstbeauftragten" des Festivals. Und die hatten in diesem Jahr eine ganz besondere Idee: Da es auf dem Gelände keine Innenräume für Kunst gab, sollten diese gebaut werden. Und so konzipierte Jakobus Siebels, 39, Künstler und Musiker der Hamburger Band "JaKönigJa", ein Hüttendorf, angelegt irgendwo "zwischen ostfriesischen Fischerdörfern und Wildwest-Ästhetik". Zusammen mit sieben Gesellen auf der Walz baute der Hamburger Architekturstudent Jonathan Gröne, 26, dann das Dockville-Dorf. Das Gesamtkunstwerk aus Brettern und Balken, 26 Meter lang und acht Meter hoch, bietet nun Platz für einen Kunst-Saloon, eine Siebdruckwerkstatt, einen Comic-Laden und die Galerie "Art Store St. Pauli". "Unser Festival ist der Sprung in ein Viertel, das über Jahrzehnte einen schlechten Ruf hatte", sagt Enno Arndt. "Jetzt wollen wir hier auf Dauer etwas aufbauen. Unser Ziel ist ein öffentlicher Park." Die Idee: Das Dorf sollen Wilhelmsburger Künstler nach dem Festival als Atelier nutzen.

Genau diese charmanten Projekte machen Dockville zu etwas Besonderem. Denn sonst ist hier alles so wie bei anderen Festivals auch: Matsch en masse, Bands am Fließband, fast 70 Musiker, Bands und DJs in drei Tagen, Gedränge vor den Dixi-Klos, ein überteuertes Gastrodorf, Promotion-Terror und Camping-Chaos. Aber wer will, kann auf dem über drei Hektar großen Festivalgelände noch viel mehr entdecken - Kunst eben. Etwa die Schrott- und Abfallinstallation des Hamburger Kunststudenten Max Frisinger, die er zusammen mit Wilhelmsburger Kindern realisiert hat. Ein Sammelsurium aus gelben Plastikrohren, Hula-Hoop-Reifen, Schaufensterpuppen, Styropor und bayerischen Fahnen - das bereits nach dem ersten Tag sehr mitgenommen aussieht. Was daran liegt, dass Betrunkene aus dem eigenwilligen Ensemble ein Schlachtfeld gemacht und diverse Teile einfach verschleppt haben. Jetzt sitzt hier eine sichtlich genervte Aufsicht, ruft im Fünf-Minuten-Takt "Bitte nicht anfassen" und möchte zu dem Werk nichts sagen, außer: "Ich pass' hier nur auf den Haufen Müll auf!"

Sauna und Saloon im Niemandsland

Ein Trampelpfad führt zu einer Sound-Installation. Glucksende Geräusche dringen aus dem Dickicht und obskure Infotafeln klären über angebliche Tiere wie den "Eitelscheitler" oder "Schnapswurm" auf. Dann steht der Besucher plötzlich vor einer etwa acht Quadratmeter großen Holzhütte, die zwei Künstler um einen Baum herum gebaut haben. Zur Eröffnung spielt darin eine fünfköpfige Polka-Band - und fast 50 weitere Menschen haben sich hineingequetscht und versuchen verzweifelt, die Bar zu erreichen.

Gleich dahinter führt ein Holzsteg zu einem künstlerischen Höhepunkt des Festivals: der Sauna-Installation "Detox I". Der Künstler Florian Tampe, 33, und die Schauspielerin und Gärtnerin Christiane Schuller, 31, haben gemeinsam mit zahlreichen Helfern eine Sauna gebaut. Aus Spanplatten und Restholz liebevoll zusammengezimmert, bietet sie bequem Platz für acht Personen. Auf einem Holzstand liegen Handtücher, Mineralwasser und Traubenzucker, gleich daneben steht eine alte Badewanne mit kaltem Wasser zum Abkühlen bereit, eine Gießkanne an einem Stab dient als Dusche. Und sogar an Birkenreisig, mit dem man sich den Rücken peitschen kann, haben die Macher gedacht.

 

Die Installation bricht mit allen Festivalklischees, irritiert und überrascht. Auf dem Holzsteg prallt der Rocker im Leder-Outfit mit dem nackten Saunierer im Handtuch zusammen. "Nacktheit an ungewöhnlichen Orten ist wahnsinnig spannend", sagt Schuller, und Tampe ergänzt: "Das Projekt entstand aus einer Leidenschaft für das Saunieren und aus einer Abneigung gegen Festivals, bei denen man sich anschreien muss, nicht mehr zueinander findet, bei denen die Menschen nur rumposen und gar nicht wissen, was sie eigentlich tun sollen - und sich dann eben volllaufen lassen."

An drei Tagen spielen beim Dockville-Festival die drei wohl größten Hamburger Bands: Es gibt Pathos-Pop von Tomte, Spaß-Rap von "Fettes Brot" und Gaga-Elektro von "Deichkind". Deren Band-DJ, Phono, sieht mit seiner schwarzen Anzughose, dem weißen Hemd und der braven Kurzhaarfrisur wie ein Anlageberater der Sparkasse aus. Und er redet über Deutschlands wohl verrückteste Bühnenshow so, als würde er einen Bausparvertrag anpreisen. "Unser Ansatz ist ein sehr künstlerischer: Heute werden wir zum zweiten Mal in unserer Bandgeschichte die Bierdusche vorführen." Eine Stunde später hüpfen er und die anderen Deichkinder, in schwarze Müllsäcke gekleidet, wild auf der Bühne herum, auf den Rücken der Musiker kleben die neonfarbenen Buchstaben "Y", "E", "A", "H", als Kopfbedeckung tragen sie Pyramiden-Masken und eine Perücke aus Magnetbändern. Sie springen zu schrägen, fast dadaistischen Texten ("Alle Vögel fliegen hoch", "Du dicker, dicker Wau-Wau") und pumpenden Elektro-Beats auf Trampolinen herum und werfen säckeweise Federn ins Publikum.

"Yippie Yippie Yeah Yippie Yeah, Krawall und Remmi Demmi", lautet der Refrain ihres größten Hits - und genau das zelebrieren die Deichkinder. Höhepunkt der Show ist die angekündigte Bierdusche: "Das sind die drei Regeln der Bierdusche", ruft DJ Phono in die Menge, "Niemand wirft eine Bierdose! Jeder nimmt nur eine Bierdose! Und keiner öffnet die Bierdose vor unserem Zeichen!" Tausend Bierdosen werden im Publikum verteilt, Hände grabschen nach Paletten, schütteln wild die Dosen - dann setzt der Beat ein, die Dosen knallen und tausend kleine Bierfontänen sprudeln in die Luft. Fünf Minuten später ist alles vorbei, übrig bleibt ein Schlachtfeld aus verklebten Federn, zerdrückten Dosen - und ein stechender Geruch von Bier und Schweiß.

Am nächsten Tag beginnt wieder alles von vorn. Die Festival-Zombies erwachen zum Leben. Verkaterte Kids kriechen aus ihren Zelten, putzen sich am Straßengraben mit einem Rest Dosenbier die Zähne, und erste Expeditionstrupps erkunden den nächstgelegenen Supermarkt. Der Bass wummert wieder durch die Büsche. Und Brombeersträucher nicken im Takt.

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Autor:
Alain Bieber