Nachgeschenkt Bukowski und Müller-Thurgau auf Ochsentour

Charles Bukowski hat schon einiges hinter sich gebracht, als er 1978 nach Deutschland fliegt. Als Leichenwäscher und Briefsortierer hat er gearbeitet, seine Zeit in schäbigen Spelunken vergeudet und damit, sich mit anderen zu prügeln. Bei den meisten Schlägereien zog Bukowski den Kürzeren, er saß in der Psychiatrie und im Gefängnis. Und bevor er als dirty old man der amerikanischen Literaturszene ein klein wenig Boden unter die Füße bekam, hat er auch ein paar Mal versucht sich das Leben zu nehmen. In Hamburg wartet seine Fangemeinde auf ihn. Bukowski soll aus seinen Büchern lesen, es ist die erste und einzige Lesung in Deutschland. Während seines Aufenthaltes findet Bukowski Gefallen an einem Weißwein, der zu den absoluten Außenseitern zählt: am Müller-Thurgau.

Die "Ochsentour", das ist der Titel des Buches, in dem der trinkende Poet die Erlebnisse festgehalten hat. Mit seiner Freundin Linda Lee und mit beinahe 58 Jahren macht er sich auf den Weg, nur mit dem Allernötigsten: einer Reiseschreibmaschine, einer kleinen Tasche mit Socken und Unterwäsche, einem Korkenzieher und einem Taschenmesser. "Vom Flug gibt's nicht viel zu berichten", notiert Bukowski. "Man beschuldigte Linda Lee und mich, Shit zu rauchen. Nach gut zehn oder zwanzig Minuten überzeugten wir den Kapitän, oder wer das war, davon, dass wir keinen Shit rauchten. Im Flugzeug tranken wir die ganzen Weißweinvorräte auf, dann den ganzen Rotwein, Linda fing an zu schlafen, und ich trank noch das ganze Bier auf."

Charles Bukowski kommt in Deutschland an als müder Mann, dem nur der Alkohol dabei hilft, die Tage durchzustehen. Im Zug zieht Deutschland in kurzen Bildersequenzen vorbei. "Wir saßen da und schauten uns die vorbeifliegende Landschaft an. All die Leute in ihren Häusern, saßen in Sesseln, bequem und gesund, entspannt, warteten auf ihren Tod." In Mannheim trifft Bukowski seinen Übersetzer und Freund Carl Weissner, der auch William S. Burroughs, Allen Ginsberg, Frank Zappa und Bob Dylan ins Deutsche übertragen hat. Als Bukowski 1994 stirbt, hilft Weissner seinen Sarg zu tragen, auch der Schauspieler Sean Penn legt Hand an. Vor dem Sterben hat Bukowski schon lange keine Angst mehr, wie er in der "Ochsentour" anmerkt: "Der Tod bedeutete mir nicht viel. Er war der letzte Scherz in einer Reihe von schlechten Scherzen."

In Andernach am Rhein besucht er seinen Onkel Heinrich, mit 90 noch voller Energie. Bukowski ist im August 1920 in Andernach zur Welt gekommen, als Heinrich Karl Bukowski. Als er beinahe drei Jahre alt war, wanderte die Familie in die USA aus. Jetzt ist Bukowski zum ersten Mal zurückgekehrt, nach beinahe 55 Jahren. Das Haus, in dem Bukowski seine ersten Schritte machte, ist inzwischen ein Bordell. Ein Umstand, der Bukowski am wenigsten stört und nur zu gut in seine Geschichte passt. Über das Wiedersehen in seiner Geburtsstadt schreibt Bukowski: "Der Rhein war über die Ufer getreten. Sie nannten das die Jahrhundertflut. Ich habe schon immer schreckliche Wetterverhältnisse ausgelöst, wo ich auftauchte. Einmal hatte ich in Illinois eine Lesung, und tags darauf wurde der Staat von dem schlimmsten Tornado seiner Geschichte heimgesucht, und einen Monat später starb der Dichter, der die Lesung organisiert hatte. Das ist der Grund für meine hohen finanziellen Forderungen für solche Lesungen: Ich weiß nie, ob ich da wieder heil rauskomme."

In Hamburg platzt die Markthalle aus allen Nähten, als Charles Bukowski dort am 18. Mai 1978 liest. Alle wollen ihn sehen, den Kotzbrocken, den zärtlichen Hurenbock und Oberpornographen, wie Bukowski genannt wird. "Ich setzte mich hin, griff in den Sektkühler und machte eine Flasche von diesem guten deutschen Weißwein auf." Es ist Müller-Thurgau, eine Rebsorte, an der ein ähnlich übles Image haftet wie am Dichter: Gezüchtet, um verachtet zu werden, so würde wohl Bukowski den Weg der Rebe beschreiben.

Dichterlesung mit Kühlschrank

Bukowski trinkt, raucht und fängt an zu lesen. "Hallo", sagt er, "tut gut, wieder hier zu sein." Er ist zum ersten Mal in Hamburg. Bukowski sitzt da mit seinem kaputten Gesicht und liest Gedichte, es sind einfache Sätze, aneinander gereiht, sie erzählen viel mehr vom Leben als die abgehobene und realitätsfremde Hochliteratur. Hinter der Maske des wüsten Gesellen schimmert eine tiefe Melancholie durch, eine morbide Zärtlichkeit. Bukowski schenkt sich immer wieder nach, seine Worte sitzen und zeigen Wirkung. Später sagt Bukowski dazu: "Ich hatte wirklich zum ersten Mal das Gefühl, dass die Leute die Gedichte verstanden. Das warf mich zurück, ich musste also mehr trinken." Die Lesung in der Markthalle gilt immer noch als legendär, auf der Bühne steht ein Kühlschrank, damit der Nachschub an gut temperiertem Müller-Thurgau gewährleistet ist.

Bukowski hat alles getrunken auf seinem Deutschland-Trip, was man ihm vorgesetzt hat, Rotwein, Weißwein, Bier. Aber der Müller-Thurgau, den Carl Weissner mit nach Hamburg gebracht hat, der hat es ihm angetan. "Den haben wir zuhause getrunken", sagt Weissner, inzwischen 71. Er stammte aus einem Weinberg im badischen Kraichgau, dem Rauenberger Mannaberg, wo heute noch Müller-Thurgau angebaut wird. Den Weinberg, lange Zeit in Familienbesitz, hat der Bruder von Weissners Großvater irgendwann beim Kartenspiel verloren.

Charles Bukowski ist schon lange tot, auch dem Müller-Thurgau geht es nicht richtig gut. Auch wenn aus dieser Rebe inzwischen hervorragende Weine gekeltert werden, leidet sie immer noch unter ihrem schlechten Ruf. Müller-Thurgau wird noch immer geschmäht und gilt als gerade gut genug, um damit die Sommerbowle aufzufüllen. Dabei gibt es eine neue Generation von Weinen aus dieser Rebsorte, die nicht nur Bukowski schmecken würde: Bernhard Hubers Müller-Thurgau ist kraftvoll und ausgewogen, der Winzer ist so überzeugt von seinem Wein, dass er ihn sogar in Magnumflaschen abfüllt - als einziger deutscher Winzer.

Christian Stahl aus dem fränkischen Auernhofen ist einer der jungen Winzer, bei denen Müller-Thurgau von seiner altbackenen Aura befreit wird. Sein Müller-Thurgau Federstahl 2010 erzeugt ein angenehmes Mundgefühl mit Aromen von Eisbonbon und tropischen Früchten. Der aus dem Hasennest imponiert mit Finesse und Länge, er ist saftig und würzig. Der Müller-Thurgau vom Winzerhof Gierer ist wie eine frische Bodensee-Brise, er duftet nach Pfirsich und Melisse, er ist feingliedrig gebaut, trocken und lebhaft. Auch der Müller-Thurgau vom Weingut Sinß aus Windesheim an der Nahe ist ein leichter und frischer Wein, bestens geeignet als Aperitif. Er heißt Rivaner, mit dieser Bezeichnung sollte die Rebsorte von ihrem schlechten Image befreit werden. Aber dieser Wein kann den Namen Müller-Thurgau selbstbewusst tragen.

Aus Franken vom Zehnthof Luckert kommt der Müller-Thurgau vom Sulzfelder Cyriakusberg, er ist stoffig, ein wenig malzig, mild in der Säure und doch sehr würzig. Ein intensiver Wein, im traditionellen Holzfass ausgebaut, ein Plädoyer, Schluck für Schluck. Der Müller-Thurgau, den Parfum der Erde präsentiert, belegt, welch seriösen Weißweine von dieser Rebe gewonnen werden können. Er duftet nach Apfelkaramell, Cidre und weiße Blüten, es ist ein saftiger und entspannter Wein, mit einer quellklaren Apfelnote, von dem nicht nur Bukowski nachschenken würde.

Charles Bukowski und Müller-Thurgau, sie passten zusammen, beide unterschätzte Außenseiter mit Qualitäten, direkt und sicher in der Wirkung. Bukowski, der Vieltrinker, zeigte Geschmack, er erkannte den Wert des Müller-Thurgaus, als der noch geschmäht wurde, als beide auf der Ochsentour unterwegs waren.

Adressen und Informationen

Weingut Huber, Heimbacher Weg, 79364 Malterdingen, Telefon: 07644-12 00

Winzerhof Stahl, Lange Dorfstraße 21, 97215 Auernhofen, Telefon: 09848-968 96

Winzerhof Gierer, Sonnenbichlstraße 31, 88149 Nonnenhorn Telefon: 083 82-895 81

Weingut Sinß, Hauptstraße 18, 55452 Windesheim, Telefon: 06707-253

Weingut Zehnthof Luckert, Kettengasse 3-5, 97320 Sulzfeld am Main Telefon: 09321-237 78

Bezugsquellen Parfum der Erde

Weinkontor Tobias Strauch, Wexstraße 35, 20355 Hamburg, Telefon: 040-35 71 58 72

Il Sole, Straßenbahnring 15, 20251 Hamburg, Telefon: 040-18 00 49 23 

Frankfurt/Wein, Wittelsbacherallee 153, 60385 Frankfurt am Main, Telefon: 069-40 35 30 86

Daniel's Weine, Bachstraße 6, 73650 Winterbach, Telefon: 07181-478 88 90

Autor:
Rainer Schäfer