Kreta Wandern und schaudern im Tal der Toten

Bei Markos ist es sehr still. Er sitzt in der Lobby seines Hotels, es ist das einzige in Zákros, einem 1000-Seelen- Nest in den Bergen an Kretas Ostküste, nur ein paar Kilometer vom so genannten "Tal der Toten" entfernt. Das Hotel gibt es seit 1971, an den hohen Decken der Lobby hängen vergilbte Ventilatoren und weiße Neonröhren. Die Bäder der Zimmer könnten mal wieder einen Anstrich vertragen. Und morgens wird man vom Krähen der Hähne geweckt. Ein bisschen früh. Aber romantisch.

"Im Winter haben wir fast gar keine Touristen", sagt Markos, "im Sommer sind es dann mehr. Die übernachten hier meist, um am nächsten Tag durch die Schlucht zu wandern." Dass in seinem Hotel so wenig los ist, stört ihn nicht weiter. Er hat das Haus samt einigen Olivenhainen von seinem Vater geerbt; seine Frau macht die Küche und die Zimmer, Markos kümmert sich um die Bäume. "In Zákros werden im Jahr etwa 300 Tonnen Oliven geerntet, davon leben wir", sagt er. "Unsere Tage sind ruhig hier. Wir kennen uns alle und kommen gut miteinander aus."

Abends, wenn es dunkel wird, spielen die Männer auf dem Dorfplatz beim Laternenschein zusammen Fußball und lachen wie kleine Jungs. Dann kommt die Nacht, und die hohen Berge scheinen den Sternenhimmel zu schlucken. Früh am nächsten Tag schläft das Dorf noch. Gleich gegenüber vom Hotel weist ein Schild den Weg zur Zákros Gorge, der Schlucht von Zákros. Vom Dorfplatz aus führt der Weg durch verwinkelte Gassen, vorbei an kleinen Häuschen mit weißen Fassaden, aus dem Dorf hinaus, vom Asphalt auf steinige Feldwege, durch Olivenhaine, die sich weit über die Berge strecken, an einer Bewässerungsrinne entlang, die, von einer Quelle gespeist, die Bäume mit Wasser versorgt.

Die Wanderung ist der letzte Abschnitt des Europäischen Fernwanderweges E4, der in Portugal beginnt und in Káto Zákros endet. Eine leichte Tour durch die Schlucht zum "unteren Zákros" - insgesamt rund acht Kilometer, der Höhenunterschied beträgt nur etwa 200 Meter. Das kann man auch als mittelmäßig trainierter Wanderer in guten zwei Stunden schaffen. Ihren Namen verdankt die Schlucht dem Volk der Minoer, das vor rund 4000 Jahren am Ausgang der Schlucht beim heutigen Káto Zákros einen prächtigen Palast errichtete. Die Minoer setzten ihre Toten in Höhlen in den Felswänden bei: Ist es der Name, der den Wanderer schon jetzt ein wenig schaudern lässt? Oder eher das nahe Hundegebell?

Kerberos beispielsweise, der Höllenhund der griechischen Mythologie, jene furchterregende Kreatur mit drei Köpfen und dem Schwanz einer Schlange, bewachte den Eingang zum Hades; er ließ Tote in die Unterwelt, aber niemanden wieder hinaus. An der letzten Abzweigung zur Schlucht bewachen tatsächlich drei kläffende Hunde einen Zaun, den ein klappriges Tor verschließt, weil die Ziegen dahinter sonst ausbüxen würden. Hinter dem Tor führt unter Schatten spendenden Platanen ein steiler Geröllpfad hinab, nach einer guten Viertelstunde ist die Sohle erreicht, von links stößt hier ein kleinerer, schmalerer Canyon in das "Tal der Toten", die nach rechts abknickt.

Der Weg führt weiter an einem kaum knietiefen Fluss entlang. Fast senkrecht ragen zu beiden Seiten des Flussbetts die zerklüfteten Felswände empor, rund 300 Meter hoch, von hellgrauen und rötlichen Gesteinsschichten gemasert. Oben klaffen die Höhlen der Toten wie offene Münder, im Schrei erstarrt. Aber wie, bitteschön, fragt man sich bei der Wanderung entlang des durchlöcherten Gesteins, haben die Minoer ihre Toten in diese Höhlen transportiert? Der Gedanke daran lässt einen kurz gruseln, auch wenn die Archäologen nur fünf Leichname fanden. Und lange her ist es auch schon. Trotzdem.

Keiner weiß, was noch alles im Untergrund liegt

Der Fluss rauscht leise, selten schreit ein Raubvogel am Himmel über der Schlucht. Knorrige Büsche krallen sich am Fuß der Felswände fest, als wollten sie sich hinaufarbeiten, süßlich-würziger Duft weht durch die Schlucht, eine Melange aus Thymian, Oregano und Salbei, dazwischen blühen im Frühling weißliche Liliengewächse und rosa Oleander. An großen Steinen entlang des Flusses weisen Markierungen den Weg, vorbei an gestautem Gehölz, hin zur nächsten flachen Furt oder einigen Balken, die über den Fluss führen. Der Pfad fordert wenig Mühe, nur etwas Geschick, um von den großen Steinen im Flussbett nicht abzurutschen.

Nach einer guten Stunde fallen die Berge ringsum ab, der Fluss versickert, der Wanderer erreicht das Gatter am Ende der Schlucht, das die Ziegen im Zaum hält. Am Horizont glitzert endlich und endlos das Meer. Woher kamen die Toten, die hier begraben wurden? 1961 wurde am Ausgang der Schlucht ein minoischer Palast entdeckt, der kleinste nach Knossós, Festós und Mália. In Káto Zákros stießen Forscher auf wertvolle Kunstobjekte wie eine Vase aus Bergkristall, die jetzt im Archäologischen Museum in Iráklion steht. Die Grundmauern zeigen noch immer die Wohnräume wahrscheinlich von König und Königin, die Hallen, in welchen den Göttern gehuldigt wurde, und die Schatzkammer, in der die Schätze des Königshauses gelagert wurden.

Káto Zákros lebte von der Seefahrt - und das nicht schlecht. Die Stadt profitierte vom regen Handel mit Ägypten, Syrien und Zypern. Káto Zákros ist heute eine winzige Strandsiedlung. Ein paar Bars und Tavernen, größer wird der Ort zum Glück auch nicht mehr werden, und jeder, der hier einmal gebadet hat, weiß das zu schätzen. Das Bauen in der Nähe des Palastes ist verboten - keiner weiß schließlich, was da noch alles im Untergrund liegt. Auch den Hafen der Minoer hat man noch nicht gefunden, Forscher wähnen ihn auf dem Meeresgrund, doch man fischt zurzeit noch im Trüben.

Etwa einen Kilometer hinter den Mauern des Palastes liegt in einer Felswand der Eingang zur Tropfsteinhöhle von Pelekitá, einem 310 Meter in die Tiefe führenden verwinkelten Gang, in dem Stalaktiten und Stalagmiten wie Zähne von versteinerten Monstern aus der Decke und dem Boden ragen. Die Wege in der Höhle sind markiert, aber finster. Wer sie erkunden will, braucht unbedingt Taschenlampe und Höhlenausrüstung! Draußen werden die Schatten jetzt länger, es ist später Nachmittag, Zeit für den Rückweg.

Jennifer und ihr Freund Jim schauen in den Abgrund. Das junge Paar aus Washington macht Urlaub auf Kreta und steht am südlichen Rand der Berge auf einer Aussichtsplattform. Vor ihnen bricht die Ebene jäh ab, der Blick fällt in die Tiefe und in die Weite, wo hunderte von Metern entfernt ein Seitenarm des Canyons auf das "Tal der Toten" trifft - ein aufregender Anblick. Wer in Káto Zákros der Beschilderung folgt, wird wahrscheinlich zwischen fahrenden Autos durch die Hügel der Umgebung zurückmarschieren.

Der Tipp von Jim und Jennifer: Vor dem Palast führt ein Pfad nach links vor der Schlucht entlang, über den Fluss hinweg. Hier schlängelt sich die alte Straße langsam die Berge hinauf und verläuft dann am Rand der Schlucht in Richtung Zákros. Wäre die neuere, die asphaltierte Strecke nicht bequemer, als über grobes Gestein die Serpentinen hochzustolpern? "Ja", erklärt Jennifer. "Aber der Blick von hier oben! Er ist jeden Schritt wert."

Infos zur Wanderroute

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Autor:
Burkhard Maria Zimmermann