Griechenland Seeschlacht von Navarino

Du sitzt, von Platanen beschattet, in Pylos auf dem "Platz der Drei Admirale", nippst an dem winzigen Schwarzen, der zaghaft in der Tasse dampft. Gleich links, von zwei elefantenfüßigen Palmen und zwei blitzblanken Kanonen flankiert, ragt ein gestauchter Obelisk auf, darauf an drei Seiten je ein Relief im steinernen Lorbeerkranz: Edward Codrington, Henri de Rigny und Graf Login Petrowitsch Heyden. Das Trio hat gleich da drüben in der Bucht von Navarino, direkt vor deiner Nase, auf dem Wasser Weltgeschichte ausgeschossen. In der letzten großen Seeschlacht mit Segelschiffen am 20. Oktober 1827 vernichtete seine britisch-französisch-russische Flotte die türkisch-ägyptischen Widersacher. Danach war der Weg frei in ein neues Griechenland.

Wenn du nur lange genug aufs diesige Blau schaust und im Kopf den Tagtraum-Schalter anknipst, kannst du plötzlich mitten drin sein im berühmten Gefecht. Der Himmel wird schwarz. Feuer stiebt auf dem Wasser. Qualmwolken kugeln sich über die Schiffsdecks. Dumpf wummern Kanonenschläge. Masten krachen gegeneinander und zerbersten, grobe Splitter wirbeln auf. Segel reißen in Fetzen. Rettungsboote klatschen kieloben aufs Meer. Decks werden zerschmettert, Rümpfe durchbohrt. Von den Lafetten rattern Geschütze und glucksen in die Tiefe. Todesschreie gellen herüber. Es stinkt nach Pulver und Ruß.

Panagiotis kommt und reißt dich aus der Schlacht. "Boat Man" steht auf der Visitenkarte des kleinen kahlen Mannes, der Touristen an Bord nimmt zu seiner Art von Reise in die Vergangenheit. Panagiotis hält Kurs auf den Südzugang der peloponnesischen Bucht, in die im 7. Jahrhundert einmal Awaren eingefallen sind (daher der verballhornte Name Navarino) und tuckert immer in Rufweite der Insel Sfaktiria, deren Felsen zum Ionischen Meer absichern. Prominent am Eingang des kleinen Golfs wird an die Helden-Franzosen erinnert, an die englischen Türkenversenker erst auf der zweiten Kuppe. Wo Russenruhm für die Ewigkeit gemeißelt wurde, legt Panagiotis an. Du gehst eine Rampe hoch, die Treppenkanten sind weiß gekalkt, die Begrenzungssteine ebenfalls. Sie dienen Heuschrecken, groß wie Taschenfeuerzeuge, als Startrampen. Du willst nach Schlachtenspuren suchen, und es könnte nicht friedlicher hier sein. Gleich neben dem Russen-Marmor, den Zypressen beschatten, steht eine Kapelle. Die dünnen Kerzen haben in der Hitze schlapp gemacht und hängen vom Leuchter, in der Johnny-Walker-Flasche wird gespendetes Olivenöl ranzig, die Ikonen vergammeln in der Apsis wie in einer sakralen Mülltonne.

Und vor dir breitet sich das Schlachtfeld aus. Die Türken und als deren Verstärkung Ägypter hatten hier in Hufeisenform geankert, was der Flotte durchaus kein Glück gebracht hat. Drei bullige so genannte Linienschiffe mit Vorderladerkanonen über drei Decks und etwa 1200 Tonnen Wasserverdrängung lagen hier; außerdem Fregatten,Korvetten, Briggs, alle ebenfalls schwergewichtig kanonisiert. Die Enden des Hufeisens führten auf die Eingangsfelsen der Bucht zu. Und dort standen an Land weitere Batterien schussbereit in Reih und Glied.

Seit Wochen schon währte der diplomatische Schacher: England, Frankreich und Russland hatten im Juli 1827 beschlossen, dass es einen Waffenstillstand zwischen Türken und Griechen geben müsse. Die Griechen, die seit 1822 eine Regierung in Nauplia besaßen, waren einverstanden. Ibrahim Pascha, Oberbefehlshaber der Türken für Griechenland, versprach Ruhe zu geben (keine Brandschatzungen, keine Massaker in den Dörfern) und neue Instruktionen des Sultans abzuwarten - was er nicht tat. Er ließ weiter morden und brandstiften. Eine Protestnote der Alliierten vom 17. Oktober wurde von seinen Adjutanten ignoriert - man wisse nicht, wo Ibrahim Pascha sich aufhalte, hieß es höhnisch.

Da wurde es ernst. Die Dreierkombination musste handeln. Drei Flotten setzten am 20. Oktober bei kräftigem Westwind die Segel. Um 13.30 Uhr passierte das 80 Kanonen starke britische Flaggschiff "Asia" mit Admiral Codrington und mehr als tausend Mann an Bord als Erstes den Eingang zur Bucht. Zwei Linienschiffe, vier Fregatten und weitere kleine Segler folgten. Um 14.20 Uhr rasselte die Ankerkette der "Asia" in 250 Meter Entfernung des türkischen Flaggschiffs "Guhu-Revan" auf den Grund. Dann kamen die Franzosen, voran die Fregatte "Sirene" und drei Linienschiffe auf Reihe hinterher, darunter die "Breslau" mit 84 Kanonen. Die Nachhut stellten die Russen mit ihrem Flaggschiff "Asow". Insgesamt kreuzten 28 Schiffe mit 17.500 Mann und fast 1300 Kanonen auf. Zum Vergleich die Türken: 89 Kriegsschiffe, 2436 Geschütze, 21.900 Soldaten. Das hieß für die Alliierten, viel Vertrauen in die Schussgewalt der besseren Kanonen walten zu lassen.

Ein Hufeisen im Hufeisen entstand. Und wer schießt zuerst? Als Kapitän Fellowes, der die Fregatte "Dartmouth" kommandierte, fürchtete, dass ein Brander wie ein Feueranzünder auf die Alliierten zutreiben könnte, schickte er ein Boot mit der Order, die schwimmende Fackel zu beseitigen. Salven waren die Antwort, ein britischer Leutnant wurde tödlich getroffen. Die Alliierten schossen zurück - die Schlacht hatte begonnen.

"Guhu-Revan" feuerte eine erste Breitseite gegen die "Asia", die dabei schwer beschädigt wurde. Codrington stand ohne Deckung an Deck und lenkte die Schlacht. Durch ein Loch in den Rauchwolken sah er, dass sich die "Asow" näherte. Das Flaggschiff der Russen versenkte zwei Fregatten und eine Korvette, weitere fingen Feuer und explodierten. Und die "Asow" unterstützte die "Asia" bei ihrem Duell mit der "Guhu-Revan", die französische "Breslau" kam der "Asow" zu Hilfe, die am Ende von 153 Einschusslöchern durchbohrt war, mehrere unter der Wasserlinie. Das türkische Flaggschiff explodierte, manövrierunfähig zerschellte die ägyptische "Ishania" an einem Felsen. Als die Dämmerung hereinbrach, war die türkisch-ägyptische Flotte vernichtet, in der von Blut gefärbten Bucht trieben Trümmer und tausende von Toten. Die Alliierten zählten rund 600 Opfer, 4000 der Feind.

Panagiotis dieselt weiter in der klaren türkisblauen Bucht, dem Ort, an dem noch heute die Schmach der Türken sichtbar im Wasser liegen soll, wie er sagt, hier ein Mastfragment, da ein Trümmerteil vom Rumpf, von Algenfransen zugewuchert. Du schaust mit starrem Blick in die Tiefe. Doch das Wasser treibt ein Vexierspiel, nimmt dir ständig weg, was du gerade mit den Augen an dich gebunden zu haben glaubst. Und du kommst dir ein bisschen vor wie ein Voyeur der Vergangenheit. Mit einer langstieligen Gabel, die durch die Lichtbrechung ziemlich verbogen erscheint, stochert Panagiotis im Wasser, doch an den Widerhaken verfängt sich nichts. Der "Boat Man" steuert seinen Kahn in die Ochsenbauchbucht, ein Hufeisen aus Sand mit wunderschönen Dünen dahinter und zum offenen Meer von zwei Felskolossen gegen hohe Wellen abgeschirmt. Auf dem einen ragt ein Kastell auf, dessen Geschichte in mykenischer Zeit begann und irgendwann aufhörte. Auf dem anderen liegen Grundmauern eines antiken Rundtempels. Der Reiseführer sagt, der Ochsenbauch sei eine der schönsten Badebuchten Griechenlands. Recht hat er.

Panagiotis wirft den Tampen um einen Felszacken und dann die Strickleiter ins Wasser. Als Erster springt er wie Poseidons Jüngster zum Planschen über Bord - und beschert auch dir ein wunderbares Badevergnügen. Zurück vom Schlachtwasser triffst du auf dem "Platz der Drei Admirale" einen sympathischen Philhellenen aus Deutschland, Nachfahr jener Idealisten, die Anfang des 19. Jahrhunderts voller Befreiungsenthusiasmus Griechenland überschwemmt und ihre Freiheitsträume dann dem Sumpffieber geopfert hatten. Der Mann erzählt, dass die Bronze-Bavaria mit Bärenfell überm Oktoberfestplatz in München aus dem Erz der 1827 erbeuteten türkischen Kanonen gegossen wurde. Du staunst und kriegst noch einen drauf: Auch das Goethe-Schiller-Denkmal in Weimar stammt aus der Beutebucht am Ionischen Meer. Vielleicht sogar von noch weiter her. Denn bereits die Türken haben das wertvolle Kanonenfutter recycelt: Am Ende gar aus dem Körper des Kolosses von Rhodos, der als Weltwunder die Hafeneinfahrt der Sporadeninsel beherrschte? Du willst es nicht glauben.

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