Europop Rhodos - fünf Sterne gegen die Krise

Das Restaurant der Brüder Mavrikos ist ein guter Ort, um über die Krise zu reden. Es liegt direkt am Dorfplatz des Örtchens Lindos. Oben auf dem Berg thront eine Akropolis mit Tempelresten und Säulenhalle. Ringsum säumen weiße Würfelhäuser eine blaugrün schimmernde Bucht.

Das Postkartenidyll ist ein Aushängeschild der griechischen Ferieninsel Rhodos, und Küchenmeister Dimitris Mavrikos widerlegt eindrucksvoll das Klischee von langweilig-öligen Imbisstellern. Mit seinem Gefühl für Zutaten und Gewürze zaubert er wahre Geschmackserlebnisse auf die blau-weiß-karierten Tischdecken. Safran-Tintenfisch mit Roter Beete etwa als Beweis für die Kreativität einer ganzen Region.

Auch für den Mann vom regionalen Hotelverband, der sich dazu gesetzt hat, zählt jetzt nur Innovationsgeist. Ja, es habe Buchungsrückgänge gegeben und auch der Preiskampf mit der türkischen Konkurrenz sei hart. Doch der marode Staatshaushalt und die Streiks im fernen Athen würden etwas befeuern, das sich auf Rhodos ohnehin längst angebahnt hat: Strukturwandel. Über 90 Prozent der Gäste kommen hierher als Pauschaltouristen, in der Hauptsaison stapeln sich die Gäste, das Badezentrum Faliraki verwandelt sich jenseits der berühmten Strandzone in einen bizarren Rummelplatz.

In der "Bar Street" toben hummerfarbige Engländer über die Tresen. Der Karaoke-Schuppen "Bedrock" glänzt mit Fred-Feuerstein-Architektur aus Gips und Pappe. In einem ersten Reformschritt wurden die Kapazitäten des britischen Veranstalters "18 to 30" beschränkt, der gröhlende Party-Twens einfliegt. Einst galt Rhodos als "Mallorca der Ägäis". Auch heute orientiert man sich an der balearischen Insel, die das Stigma des Putzfrauen-Urlaubsziels bereits vor Jahren erfolgreich hat abschütteln können.

Als weithin sichtbare Zeichen einer kommenden Moderne drehen sich auf den Höhenzügen bei Archangelos mächtige Windkraftanlagen. Eine Handvoll topmoderner Fünf-Sterne-Hotelanlagen, die sich im Stile rhodischer Fischerdörfer in die Landschaft schmiegen, sind der ganze Stolz der Insel-Vermarkter. Mit edlen Materialen, Wellness und Luxus-Suiten will man den ruinösen Billigtrend umkehren und ansonsten die Schönheit der bewaldeten Bergzone und der weitgehend unberührten Westküste herausstellen. Doch auch der euphorische Verbandsmann muss an der Tafel bei Mavrikos einräumen, dass sich 460.000 Faliraki-Urlauber nicht in ökölogisch korrekte Feinschmecker mit Wander-Ambitionen im Hinterland verwandeln lassen. Eine Gesamtstrategie, die bislang bestenfalls punktuell umgesetzt ist.

Im historischen Zentrum von Rhodos-Stadt lässt sich diese schwierige Übung bestens beobachten. Die Altstadt mit ihrem mächtigen Befestigungsring ist Unesco-Weltkulturerbe, doch das Ensemble ersäuft jenseits der streng reglementierten Ritterstraße in Folklore-Kitsch und Fressbuden. Natürlich gibt es in den Seitengassen originelle Tavernen und die eine oder andere stilvolle Bar. Doch das jahrelang eingeübte Massengeschäft verkleistert den Blick auf die Nische und rächt sich heute, da erhöhte Mehrwertsteuer das Preisniveau weiter treibt und die Schnäppchenjäger wegbleiben. Nun will man den Touristen die Nebensaison schmackhaft machen, mit speziellen Angeboten für spezielle Zielgruppen. Immerhin: In der östlichen Ägäis herrscht Badewetter bis hinein in den November.

Bei Mavrikos ist das Mittagsgeschäft mittlerweile abgeflaut. Der Koch kommt an den Tisch und verrät einige Zubereitungstricks. Draußen auf dem Dorfplatz versuchen die Eseltreiber den schubweise einfallenden Bustouristen einen Ritt auf den steil ansteigenden Tempelberg anzudienen. Mit mäßigen Erfolg. Aus der "Sunburnt Arms Bar" im Häusergewirr klingt milde ein Kylie-Minogue-Hit. Die Gastronomie-Brüder haben sich auf diese Gäste mit günstigen Angeboten eingestellt. Gerne auch ein frisch gemachtes Spaghetti-Tagesgericht. Doch offenbar gibt es bei den meisten eine Art Schwellenangst. "Gut, dass es unser Haus schon so lange gibt", meint Dimitris zum Abschied. "Wir wollen hier etwas Besonderes. Doch das ist nicht einfach durchzusetzen." Ein Merksatz, den man auf dem Weg zum neuen Rhodos noch öfters hören wird.

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Autor:
Ralf Niemczyk