Kreta Entspannung in Loutró

Du ahnst es bereits, während das Boot noch die Wellen des Libyschen Meers schneidet und dein Blick auf einen abgeschiedenen Strand fällt, wo Süßwasserquellen grasgrüne Baumkronen nähren. Du spürst es schon, wenn sich das Meer hinter einem Felsvorsprung langsam zur Bucht weitet, in der das goldgelbe Spätnachmittagslicht Bougainvilleen und Palmen streift, von weißen Fassaden mit blauen Türen und Fensterläden widerscheint. Loutró leuchtet. Ein griechischer Traum, der dem Erwachen standhält.

Am Ufer, vor Stavros' Taverne, merkst du, dass du dich nicht erinnern kannst, jemals in deinem Leben einen friedlicheren Ort betreten zu haben. Und wenn dir dann auf der Uferpromenade ein Mann wie Gott in Flipflops entgegenkommt, weißt du ganz sicher, dass du im Paradies gelandet bist.

Als die gebürtige Schottin Alison Androulakaki in den siebziger Jahren zum ersten Mal an dieser Bucht vorbeifuhr, war Loutró ein Weiler von kaum zehn Häusern, verlassen, vergessen am Fuß steiler Berghänge, an denen sich selbst im Frühling nur ein paar Flecken fahlen Olivgrüns zeigten. Alison war damals Mitte 20, führte Reisegruppen durch die Samariá-Schlucht und wusste noch nicht, dass sie bald einen Sohn jener Familie heiraten würde, die den Einheimischen und Urlaubern die Fähren bereit stellt, die als einzige zwischen Paradies und Erde verkehren.

Denn bis heute gibt es keine Straße nach Loutró, das wie eine Mondsichel am türkisklaren Wasser liegt - eine Pensions- und Tavernenreihe vorne, ein paar Treppen, Gassen, Häuser dahinter, wo die Bebauung am Fels bald ihre natürliche Grenze findet. 74 Einwohner zählt das Dorf während der Saison, im Winter kann man sie an einer Hand abzählen. Einen Bürgermeister gibt es nicht. Und alle leben vom Tourismus.

Wer Stille und Abgeschiedenheit als Segen begreift, muss der kleinen Alison mit ihren blitzblauen Augen auf Knien dafür danken, dass sie Loutrós Seele beschützt. Seit Jahren kämpft die Chefin des Hotels " Porto Loutro" gegen den Bau einer Straße. Ihr Mann hat für dieses Engagement bereits Messerstiche kassiert, weil in der Sfakiá, im wilden Süden Kretas, Konflikte bis heute mitunter recht martialisch ausgetragen werden. Aber kümmern muss dich das nicht, du machst nur Urlaub im Paradies.

Der Morgen nimmt hier zwei Anläufe. Einen ersten bei Sonnenaufgang, den niemand übermäßig ernst nimmt, und den zweiten, wenn die Fähre von Chóra Sfakíon über das Meer kommt. Am Landungssteg lässt sie Wanderer an Land, Reisende mit Rucksäcken. Wendet in Richtung Kiesstrand, lässt die Laderampe herunter, ein Gabelstapler fährt Mauersteine, Zement, ein Baugerüst ans Ufer. Dann senkt sich erneut Stille über Loutró. Und der Tag beginnt, begleitet von den Wellen, die ruhig und gleichmäßig wie Atemzüge kommen und gehen. Vom Zwitschern der Vögel in den Palmen und Olivenbäumen. Vom Meckern der fernen Ziegen, die mit dem Läuten ihrer Halsglocken einen Rhythmus vorgeben, der eigenen Gesetzen folgt.

Die Lust auf Gespräche hält sich in Grenzen

Ein Spaziergang durch den Ort ist ein Gang durch seine Geschichte: Im Osten liegt das Loutró der Anfänge, mit einfachen Pensionen, in denen im April noch herumliegende Planen, Eimer, Werkzeuge darauf hinweisen, dass irgendjemand angefangen hat, sich auf die Saison vorzubereiten. Und dann eine Pause eingelegt hat, von der er noch nicht zurückgekehrt ist.

In der zweiten Reihe, wo die Pflanzen nicht in Kübeln, sondern in leeren Olivenölkanistern wachsen, huscht Sascha im Hotel "Oasis" mit duschnassem Haar auf die Sonnenterrasse und bietet so ungezwungen Getränke an, als sei man gerade unverhofft in seinem Wohnzimmer aufgetaucht. Er stammt aus Chaniá. Für einen jungen Menschen, sagt Sascha, sei Loutró langweilig.

Er ist seit zehn Tagen hier. Am anderen Ende der Zementpromenade versucht sich das Hotel "Sifis" nahe dem Kai auf einer Holzterrasse an Lounge-Ambiente, hier nennen sich die Pensionen Hotel. Und vor dem "Blue House", das eines der ersten am Platz war, verfolgt ein alter Mann mit Feldstecher wortlos die Geschäfte vor Stavros' Taverne, die Bauarbeiten am Hang, das gemächliche Treiben der Nachbarn, die im Sommer zu Konkurrenten werden.

Die Lust auf Gespräche hält sich in Grenzen. Also nimmst du ein Buch und setzt dich auf einen Stuhl vor dein Zimmer, schnappst dir ein Handtuch und legst dich an den Strand, schließt die Augen, schläfst ein, wachst auf, trinkst Kaffee, liest, schläfst, läufst ein paar Schritte, liestschläfstläufst, Kaffee, läufstschläfstliest. So vergeht der erste Tag. Danach der zweite. Und dritte. Bis die Wolken eines Morgens beschließen, die Wärme für sich zu behalten. Und du deine Schuhe schnürst, den Weg vorbei am Kiosk nimmst, wo wilde Kamille die letzte Landverbindung zur Außenwelt zu überwuchern droht, steigst auf Treppen über den Hügel und findest dich in einer Landschaft wieder, in der der Mensch die Herrschaft den Ziegen überlassen hat.

Der Europäische Fernwanderweg E4 ist mehr zu vermuten als zu erkennen: Immer wieder mal unternimmt jemand den Versuch, ihn zu beschildern. Dann benutzen die Sfakioten die Schilder eine Weile als Schießscheibe, irgendwann schraubt jemand die Schilder ab, endlich werden neue aufgestellt. Und das Spiel beginnt von vorne. Also bleiben den Wanderern zur Orientierung Farbkleckse auf den Steinen, die den Weg durch die graubraungrüne Landschaft weisen. Aromen von Thymian, kretischem Eschenwurz und Ziegenkot liegen in der Luft. Weit oben am Hang ist eine Siedlung zu erkennen, ein paar Häuser nur, als sei dem Schöpfer bei einem Würfelspiel der Becher aus der Hand gerutscht.

So muss das Paradies aussehen

Ein Weg führt nach Livanianá. Und wer es bis hierher geschafft hat, kann kaum anders als bei Tilman einzukehren. Als er vor Jahren zum ersten Mal in der Taverne saß, war er Gast. Zu fortgeschrittener Stunde ließ die alte griechische Wirtin ihn zusammen mit einem Schweizer allein unter den Sternen im Freien sitzen mit der Bitte, sie mögen sich am Bier aus dem Kühlschrank selbst bedienen und das Geld auf einem Teller deponieren. Die ganze Nacht verbrachten sie so, schweigend. Als am Morgen die Sonne aufging, sagte der Schweizer: Jetzt müsste man ein Klavier haben.

Vor drei Jahren übernahm Tilman die Kneipe, das Haus in den Bergen mit einem Innenhof, den er mit Fundstücken gespickt hat: alte Fenster, Glasperlen, Sinnsprüche und ein rosafarbenes Klavier, das dabei ist, sich zum Markenzeichen seiner Taverne zu entwickeln. Der Blick in die Bucht ist selbst dann noch ergreifend, wenn es der Sonne nicht gelingt, alle Farbschattierungen von Blau aus dem Meer zu kitzeln. Sofort lässt auch der Schmerz an den Füßen nach, die auf ein Mäuerchen gestützt ins Panorama ragen. Und genau in dem Augenblick, in dem man glaubt, es gehe nicht mehr schöner, verschwindet Tilman in der Küche.

Wenige Minuten später macht die samtsanfte Stimme von Rufus Wainwright aus den Lautsprechern unter dem Weinlaub den Moment perfekt. Er singt "Hallelujah". Es ist der Himmel auf Erden. Am letzten Abend in Loutró, gibt es in Stavros' Taverne griechischen Salat, gegrilltes Lamm und Moussaka, Alison erzählt zwischen zwei Gläsern Wein ihre Geschichten. Die von der alten Kiosk-Witwe, die hartnäckige Oben-ohne- Badende am Strand manchmal mit Steinen bewirft. Oder die vom Geschäftsmann, dessen Vater ihm ständig wegen Firmenfragen hinterher telefonierte, bis sie ihn am Telefon zusammenstauchte und verlangte, er solle seinen Sohn endlich in Ruhe lassen, schließlich versuche der seit Tagen, Urlaub zu machen.

Und sie erzählt vom 80-jährigen Paar, das bei ihr zu Gast war. Wie die Frau eines Nachmittags wütend an der Rezeption erschien, 1000 Euro für ihren Mann hinterließ und erklärte: "Soll er sehen, wie er zurückkommt - ich reise ab." Wie der Mann Minuten später auf der Hotelterrasse auftrat, auf der Nase eine Sonnenbrille die mühsam ein blaues Auge verbarg, einen Kaffee bestellte und zusah, wie am Kai der dramatische Abgang seiner Frau daran scheiterte, dass keine Fähre kam. Irgendwann sei die Frau zurückgekommen und das Paar habe seinen Urlaub gemeinsam beendet.

Du hörst zu, lehnst dich zurück, nimmst noch einen Schluck Wein, bist erleichtert. Weil das Paradies offenbar immer einen Weg findet, jeden von uns glücklich zu machen.

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Autor:
Karin Ceballos Betancur