Griechenland Die Mönchsrepublik Athos

Wenn die Kinder von Ouranoupoli in der Schule ein Schiff zeichnen sollen, dann wird es meist ein kleines Boot mit schwarzen Passagieren. Ouranoupoli (auf deutsch "Himmelsstadt") ist die letzte Bastion weltlicher Lebensweise, 500 Meter südlich des Ortes endet sie an einer mit Stacheldraht bewehrten Grenze. Dahinter beginnt der heilige Berg Athos, die autonome Mönchsrepublik. Der schwarze Mann ist für die hiesigen Kinder Alltag, denn in Ouranoupoli gibt es so viele Mönche wie sonst nirgends.

Täglich laufen Schiffe in den kleinen Hafen ein und verlassen ihn wieder. Er ist die einzige Nahverkehrsverbindung zwischen dem Athoshafen Dafni und dem Rest der Welt. Hier begegnen Geistliche, die zur Klosterrepublik fahren möchten, ganz normalen Menschen, die ihre von der profanen Welt abgekehrten Verwandten auf dem Berg Athos besuchen wollen. Eines haben sie gemeinsam: Sie sind Männer. Denn Frauen haben in der tausendjährigen Mönchsrepublik keinen Zugang, auch weibliche Haustiere nicht, mit Ausnahme von Katzen, die bekanntlich die besseren Mäusejäger sind.

Bis vor kurzem mussten Besucher zum Ausweis ihrer Männlichkeit einen Bart tragen. So stehen jeden Morgen im Athosbüro von Ouranoupoli Pilger aus allen Ländern Schlange und hoffen auf ein Visum. In den vergangenen Jahren erleben die Mönche einen regelrechten Pilgerboom. Um Bettkapazitäten für die Gäste zu schaffen, sind in den Klosteranlagen aus den minimalistisch gehaltenen Räumen moderne Zimmer entstanden. Nur den Strom beziehen die Mönche wie eh und je aus alten Generatoren, die bei Sonnenuntergang abgeschaltet werden.

Die meisten Pilger kommen allein, nur selten bringen sie ihre Frauen mit, die mit teils wehmütigen, teils misstrauischen Blicken das morgendliche Schauspiel am Kai betrachten. Was spielt sich eigentlich auf dem Athos ab, scheinen sie sich zu fragen. Und warum müssen sie in diesem kleinen Ort zurückbleiben? Müssen sie ja nicht: Auch Frauen dürfen pilgern, mit dem Schiff, aber nur, wenn sie sich der Athosküste auf höchstens 200 Meter nähern, dann geht das Boot vor Anker.

Vom Ufer aus schippert ein Mönch zu den wartenden Frauen hinüber, in seinen Händen die Ikone eines Heiligen. Er steigt ins Frauenboot, lässt die Pilgerinnen vor der Ikone beten und erhält diverse Geldspenden. Anschließend fährt er zufrieden zurück. Beim Abschied bleibt den Frauen nur ein verschwommener Blick auf den Athos, dann fahren sie, ebenfalls zufrieden, zurück.

Die Nähe der Eremiten hat schon früh die Lebensweise der Bewohner des umliegenden Gebietes beeinflusst. Als in den sechziger Jahren eine Straße nach Ouranoupoli gebaut wurde, kamen nach und nach viele Künstler in den verschlafenen Ort. Für sie ging von ihm ein ganz besonderer Reiz aus, der für viele Besucher Griechenlands bis heute noch spürbar ist. Ouranoupoli entstand erst zu Beginn der zwanziger Jahre. Vorher gehörte das Gebiet zur Republik Athos, der alte Turm an der Mole, das Wahrzeichen der kleinen Ortschaft, war Wach- und Wehrturm der Mönchsrepublik. Es sollten keine Fremden und Räuber ungesehen über den Seeweg auf den Athos gelangen.

Erst mit der Massenflucht der Griechen aus Kleinasien im Jahre 1922 gaben die Mönche nach vielen Anfragen der griechischen Regierung das Land zur Bebauung frei und gewährten den Flüchtlingen ein neues Zuhause. Im Gegenzug wurden den Mönchen vom griechischen Staat steuerliche Vorteile zugesprochen, die bis heute gelten. So wurde die Athosgrenze versetzt, und allmählich entstand die 800-köpfige Ortschaft Ouranoupoli, das Ende der profanen Welt.

Bis heute fühlen sich die Menschen an der Grenze den Mönchen verpflichtet. Viele sind Fischer, das Gebiet am Athos gehört zu den fischreichsten in ganz Griechenland. Andere stellten ihr handwerkliches Können auf dem Berg Athos unter Beweis, indem sie für die Mönche Holzarbeiten verrichten oder die Klosteranlagen renovieren.

Wegen der Nähe zu den orthodoxen Glaubensbrüdern gelten in Ouranoupoli die Feiertage als besonders heilig. Vor allem während der Fastenzeit wird auf das tägliche Essen genau geachtet. Gerichte aus Fleisch- und Milchprodukten sind verboten. Ebenso Eierspeisen. Ganz strikt Fastende verzichten sogar auf das wertvolle, heiß geliebte griechische Olivenöl. Schließlich wachsen hier Oliven der Chalkidiki-Sorte und die Herstellung von hauseigenem Öl ist in Ouranoupoli Ehrensache. Der Verzicht auf diese wertvolle Essenz gilt somit als das höchste Bekenntnis zum orthodoxen Glauben.

Agion Oros, der heilige Berg der orthodoxen Welt, ist ein Ort der Ruhe und der Einkehr, vollkommen von mönchischem Leben bestimmt. Und eigentlich wird er von einer Frau regiert: Die heilige Mutter Gottes soll, als sie auf der Durchreise war, am Athos geruht haben. Seitdem wird der heilige Berg Athos auch der "Garten Marias" genannt.

Ganz unberührt von der modernen Zeit ist der Athos allerdings nicht. Mit EU-Geldern wird eine rege Bautätigkeit zur Rettung der teilweise recht baufälligen Klöster und byzantinischen Kunstschätze unterstützt. Am Hafen von Ouranoupoli werden Holz, Obst und Wein mit der Fährflotte der Mönche angeliefert, und auch wenn es eigentlich kein Geld gibt, kann man in Karyes einen langbärtigen Taxifahrer anheuern, der zahlungskräftige Pilger herumfährt, ihnen ein frischerlegtes Wildschwein zum Kauf anbietet und auch Visitenkarten mit Handynummer austeilt.

Auch der Einfluss der Athosrepublik auf die umliegenden Staaten ist ungebrochen. Abgesehen von den enormen Finanzspritzen der EU, die die Mönche jährlich beantragen und auch erhalten, gibt es einflussreiche Politiker und Geschäftsleute, die mit hohen Geldsummen den Mönchsstaat regelmäßig unterstützen. Die Mönche am heiligen Berg haben großen Einfluss bis in die höchsten Posten der griechischen, russischen, serbischen und rumänischen Regierung, da die orthodoxen Kirchen dieser Länder Klöster auf dem Athos betreiben.

Hinzu kommt, dass die Mönche die Abgeschiedenheit des Athos verlassen haben. Sie sind mobil geworden, fahren jetzt dicke Wagen und verbringen nicht mehr das ganze Jahr hinter Klostermauern. Durch ihre Tätigkeit als Händler reisen sie nach Europa und vermarkten Olivenöl und Wein. Andere schlagen in Brüssel kräftig die Werbetrommel für den Athos. Trotz aller Ehrfurcht für den heiligen Berg kämpfen auch die Menschen in Ouranoupoli inzwischen um mehr Unabhängigkeit. Zum Beispiel haben sie seit Jahren Pläne für einen größeren Hafen, der für die Touristenregion bitter nötig wäre. So könnten sie mehr eigene Schiffe zur Beförderung der Athospilger einsetzen oder auch mehr private Touristen mit eigener Yacht nach Ouranoupoli locken.

Bisher obliegt der Transport zum Athos fest den Organisatoren der Mönchsrepublik. Und die sträuben sich mit allen Mitteln gegen den Bau eines neuen Hafens, weil sie große wirtschaftliche Einbußen befürchten. Auch mit den Archäologen haben die Mönche Streit. Dabei haben die Fachleute seit Jahren ergiebige Grabungsarbeiten in der Klosterrepublik zu verbuchen, die am Ende wieder dem Athos und seinem Image zugute kommen würden.

Doch die Erfolge der Altertumsforscher betrachten die Mönche als Eingriff in ihre Autonomie. Nur sie, die Mönche, sollten auf dem Athos forschen, entdecken, handeln. Vor ein paar Jahren allerdings haben die Archäologen außerhalb von Ouranoupoli an der Zaungrenze zum Athos die Ruinen des vermutlich ältesten Klosters der Mönchsrepublik entdeckt. Die Ausgrabungsstätte Moni Zygos befindet sich noch auf der weltlichen Seite. Nach mehr als 800 Jahren können jetzt auch Frauen die älteste Klosteranlage des Athos betreten. Ob da die heilige Mutter Gottes die Hand im Spiel hatte?

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Autor:
Marianthi Milona