Griechenland Der heilige St. Spiridion von Korfu

Die Insel ist der Heilige, und der Heilige ist die Insel. Fast alle männlichen Kinder sind nach ihm benannt. Alle Inselschiffe tragen sein Bild, in Blech gestanzt - Bart und kummervolle Braue - an die Masten aus frischem Zypressenholz genagelt. In seinem Namen ausgesprochen, wird ein Eid zum heiligsten aller Eide, denn fast 2000 Jahre nach seinem Tode lebt St. Spriridion noch immer auf Korfu.

In der Kapelle, die seinen Namen trägt, liegt er, mit leicht menschenfeindlichem, aber entschlossenem Gesichtsausdruck, wie einer, der das Erdenleben von allen Seiten kennt und den Himmel nicht minder. Der Sarkophag ist geräumig und bequem; still wie im Winterschlaf liegt er in seinem reich verzierten Sarg, dessen silberne Außenhülle ständig vom Atem der Gläubigen angelaufen ist, die sich darüberbeugen, um sie zu küssen.

Kelche und Kirchenfahnen schwimmen durch die Dunkelheit - der ganze Prunk byzantinischer Kirchendekoration. Hier in der Kirche von St. Spriridion wetteifern Venedig und die Türkei in Silber und Messing, in Bronze und Eisen, und unter dieser gewundenen Einlegearbeit und farbigen Tünche hervor starren die dunklen Heidenaugen noch immer mit fleischlichem Hunger; sie verraten, wie fest das alte Pantheon in diesen strengen Ritualismus miteingeschlossen ist.

Der Heilige liegt recht gelassen in seinem Sarg. Er ist eine Mumie, ein kleines, ausgetrocknetes Gerippe, dessen winzige Füße (in gestickte Pantoffeln gekleidet) aus einer Öffnung im Boden des Sarkophages herausragen. Wenn du einer der Gläubigen bist, kannst du dich beugen und seine Pantoffeln küssen. Er wird deine Gebete erhören.

Wer ist Spriridion? Das Studium seines Lebens ist ein erheiternder Lehrgang in Mythologie. Er wurde auf Zypern geboren und lebte dort als Schafhirte in den Bergen. Als seine Frau starb, begrub er seinen Kummer hinter den vier Wänden eines Klosters und fiel sogleich durch seinen wachen Geist und seine Gottesliebe auf. Als Bischof nahm er am Konzil von Nikäa teil und zeugte dort in wunderbarer Weise für das umstrittene Dogma der Dreieinigkeit, indem er einen Ziegel (den er heimlich eingeschmuggelt haben muss) zu Boden warf, worauf sogleich Feuer und Wasser aus ihm hervorschossen.

Ein langes Leben, viele gute Werke und nicht zu wenige Wunder trugen zu seiner späteren Volkstümlichkeit bei, so dass dieser einfache Bischof von Trymithion (er war schon über die Neunzig hinaus) bei seinem Tode fast wie ein Heiliger verehrt wurde. Er wurde begraben; aber so viel rastlose Tugend war für die Erde zu viel - aus seinem Sarg stiegen süße Düfte auf und verwirrten die Rechtgläubigen. Ein Strauch roter Rosen brach aus seinem Grab - heute noch auf Zypern zu sehen. Alle diese Zeichen bewogen die Mönche, seinen Körper auszugraben - und kaum war dies geschehen, als Spriridion seine Auferstehung auch schon durch ein Wunder rechtfertigte: Er sprang sozusagen in sein Leben nach dem Tode und seine postume Karriere hinein, indem er aus Gottes höchsteigenem Refugium flüchtete.

Er hatte kaum Zeit, sesshaft zu werden, denn als Zypern unter die Herrschaft der Sarazenen fiel, wurde er nach Konstantinopel gebracht, und als Konstantinopel selbst bedroht war, musste er neuerlich sein Wirkungsfeld wechseln.

Zu jener Zeit war der Heilige in Privatbesitz. Ein Grieche, dessen Name als Kalocheiritis überliefert ist, beschützte ihn sowohl vor den ungläubigen Moslems wie auch vor den ersten Stadien der Verwesung. Dieser Grieche scheint eine Art Handel mit Heiligen getrieben zu haben, denn er besaß zur gleichen Zeit den einbalsamierten Körper einer anderen Heiligen, der heiligen Theodora Augusta.

Kalocheiritis packte seine beiden Heiligen (ungefähr so, wie ein Hausierer seine Waren zusammenpackt) in zwei formlose Säcke. Er band sie auf seinem Maulesel fest, auf beiden Seiten je einen Sack, und erzählte den Neugierigen, sie enthielten Viehfutter. An einem schönen Frühlingsmorgen ritt er in die bezaubernden Landschaften Griechenlands hinüber. Paramythia in Epirus gewährte ihnen Zuflucht bis 1456, dann wurden sie über die blauen Wasser des Golfes nach Korfu gebracht und in die Kapelle des Erzengels Michael gelegt.

Als Privatbesitz dem Erbrecht unterliegend, ging der Heilige durch viele Hände. Die drei Söhne des Kalocheiritis zum Beispiel erbten von ihrem Vater nichts weiter als die beiden einbalsamierten Leiber. Die beiden Älteren bekamen je einen halben Anteil an Spriridion, während der Jüngste laut Gesetz die ganze Theodora nehmen musste. Offenbar war er mit dieser Regelung nicht ganz einverstanden, denn er vermachte die Dame sehr bald der Gemeinde. Spriridion jedoch wurde sowohl zu einer Quelle des Einkommens als auch der Furcht.

Bis 1489 blieben seine beiden Hälften im Besitz Philipps, des Enkels, der den Versuch machte, die Reliquie nach Venedig zu schaffen, offensichtlich um seinen Umsatz zu vergrößern. Diese Absicht versetzte die Insel in Aufruhr, und er wurde gezwungen, den Tränen und Gesuchen der Korfioten nachzugeben. Spriridion blieb, bekam aber erst 1598 seine eigene Kirche.

Die nächste Generation machte den Heiligen zu einer Mitgift, denn Philipps Tochter Asimeni besaß außer ihrer Schönheit nicht viel, und Hochzeiten waren damals genauso wie heute finanzielle Transaktionen. Der Heilige heiratete sozusagen in die Bulgaris-Familie ein, und in ihrem Besitz ist er bis zum heutigen Tage geblieben, allgemein beliebt und in ganz Ionien geschätzt.

Nicht vergessen soll werden, dass die Kirche, was ihre Ausstattung betrifft, reich ist an Bildern mit Schiffsuntergängen im Stil des Sonntagsmalers Rousseau; sie sind als Beweis der Dankbarkeit von Seeleuten gestiftet worden, die der Heilige bei schlechtem Wetter in den Hafen geführt hat, außerdem gibt es einige Paar Krücken, von denen man nicht recht weiß, wie sie hierhergekommen sind. Der Heilige ist nämlich hauptsächlich ein Patron der Seeleute; in Notfällen kann sein Wirkungsbereich ausgedehnt werden. Kleinen Kindern erscheint er oft im Traum, ein verdrossenes altes Männlein, das sich mit Keuchhusten, Diphtherie und Läusen gut auskennt.

Viermal im Jahr wird der Sarg des Heiligen in einer triumphalen Prozession durch die Stadt getragen; am Heiligen Abend und zu Ostern aber wird er, allen sichtbar, auf einem Thron in der Kirche ausgestellt. Schon vom frühen Morgen an bevölkern sich die Straßen mit den bunten Tüchern und Kopfbedeckungen der Bauern, die von weit her gekommen sind. Unter rosa, gelben und blauen Kopfbedeckungen türmen sich die hohen Frisuren von Gasturi, man sieht das ruhige Blau und Weiß der Frauen aus dem Norden, die wie Elstern aussehen, berockte Albanier mit gestickten Boleros und wollenen, kreuzweise gebundenen Kniestrümpfen.

Die Sonne scheint grell, und die albanischen Schneeberge gegenüber glitzern in der Luft. Wilde Enten kreisen und schwärmen über dem Golf, und Segel, krapprot, rosa, teerfarben und violett, sind in Richtung auf das alte Fort gesetzt, dessen Kanonen einen Salut zu Ehren des Heiligen ausspeien. Von sechs Seeleuten wird der Heilige getragen - unter einem alten karmesinrot-goldenen Baldachin, der auf sechs Silberstäben ruht und neben dem sechs Priester gehen. Er sitzt in einer Art Sänfte, und sein Gesicht hinter dem Schleier ist entfernter, entschlossener und menschenfeindlicher denn je. Bei seinem Anblick kommt jedoch Wärme und Glück in jedes Gesicht, und glückstrahlend wenden sich die Bauern von der Prozession ab, um den lieben langen Tag bei Kaffee oder Limonade zu vertrödeln, oder mit Oliven und Vieh zu handeln, das sie, wenn die Nacht anbricht, auf ihren Inselbooten mit sich fortführen. Sein kurzes Erscheinen hat die Schrecken und Härten des Lebens wieder erträglich gemacht und sie davon überzeugt, dass er noch da und unermüdlich am Werk ist.


Auszug aus: Lawrence Durrell, "Schwarze Oliven. Korfu - Insel der Phäaken", 1963 Rowohlt Verlag, Reinbek.

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