Kreta Das antike Volk der Minoer

Als Arthur Evans zu Beginn des 20. Jahrhunderts die spektakulären Funde seiner Grabungen in Knossós präsentierte, entfaltete sich vor den Augen der westlichen Welt eine antike Kultur, die in ihrer Verfeinerung, Natur- und Lebensfreude fast wie eine utopische Gesellschaft wirkte. Es war nicht nur die luxuriöse Architektur des imposanten Palastkomplexes in Knossós, sondern auch die bunte und lebensfrohe Bilderwelt auf Fresken, Vasen, Elfenbeinschnitzereien, Goldringen und Siegeln, die Fachleute und Laien mit Staunen erfüllte. In diesen Bildern dominierten keine mächtigen Herrscher, keine Schlachten und grimmige Götter, sondern Naturszenen, Tiere in lebendigen Posen, Menschen, die Feste feierten, elegant gekleidete und geschminkte Frauen mit freiem Oberkörper oder junge Athleten, die über riesige, wild galoppierende Stiere einen gefährlichen Salto schlugen.

Die Fragen, die die Entdeckung dieser Kultur aufgeworfen hat, quälen bis heute die Archäologen. Wie ist es möglich, dass sich auf dieser Mittelmeerinsel eine Kultur mit einem kosmopolitischen Flair entwickelte, das den modernen Menschen viel mehr anspricht als die einfältige Dominanz von Göttern und Herrschern in Mesopotamien oder dem mittelalterlichen Europa?

Was wir von der minoischen Kultur kennen, ist leider sehr wenig, und beantwortet längst nicht alle unsere Fragen. Man hat das Volk "Minoer" genannt, nach dem Namen Minos, mit dem griechische Autoren den legendären Kreterkönig bezeichneten. Wir wissen nicht, wie sie sich selbst nannten, da die kümmerlichen Reste ihrer Schrift noch nicht entziffert werden konnten. Die Minoer bleiben daher eine anonyme und geschichtslose Gesellschaft. Wir kennen keine Königs- oder Beamtennamen, keine historischen Ereignisse, nicht einmal die Namen der Götter und die Bedeutung der großen religiösen Feste.

Die Minoer schafften den Sprung zu einer Hochkultur

Evans und den nachfolgenden Archäologengenerationen verdanken wir die traditionelle Vorstellung über die minoische Kultur, die sich folgendermaßen zusammenfassen lässt: Begünstigt durch ihre geografische Lage zwischen drei Kontinenten, dem Reichtum und der Vielfalt ihrer natürlichen Ressourcen und der Kreativität ihrer Menschen schafften die Minoer um 2000 v. Chr. den Sprung zu einer Hochkultur. Auf einer vergleichsweise kleinen territorialen Basis baute man Paläste - nicht nur in Knossós, sondern auch in Festós und Mália und später auch an anderen Orten der Insel. Entwickelte mehrere Schriftsysteme und eine komplexe Administration und brachte das Kunsthandwerk zu erstaunlicher Blüte.

Die Minoer sollen mit ihrer Flotte den größten Teil der Ägäis beherrscht und Kontakte mit den Ländern im östlichen Mittelmeer gepflegt haben, wo sie in Diplomatie und Handel als ebenbürtige Partner der großen orientalischen Reiche aufgetreten sind. An der Spitze ihrer Religion stand eine Göttin. Die Frauen genossen eine hohe soziale Stellung und scheinen mindestens ebenso wichtig wie die Männer gewesen zu sein.

Doch was ist wahr an dieser modernen Konstruktion, die sehr stark auf Hypothesen von Arthur Evans, also nur eines Forschers, seiner Zeitgenossen und seiner unmittelbaren Nachfolger aufbaut? Die zahlreichen archäologischen Entdeckungen nach Evans' Zeit haben sein Theoriegebäude nicht radikal verändern können. Die systematische archäologische Arbeit auf der Insel und sogar außerhalb Kretas hat zwar eine große Fülle an Zeugnissen der materiellen Kultur der Minoer ge-liefert.

Alles andere als "Blumenkinder"

Neue imposante Gebäude, sogar neue Paläste kamen ans Licht. Das Datierungssystem wurde seit Evans' Zeit verfeinert. Minoische Fresken wurden außerhalb Kretas, auch außerhalb der Ägäis in Ägypten und Syrien/Palästina entdeckt. Man kann heute von einer weitaus vorteilhafteren Überlieferungslage ausgehen, als sie Evans zugänglich war. Und dennoch lassen sich die Fragen zur minoischen Kultur nicht besser beantworten. Was kann man also heute dem interessierten Laien als fundierte Kenntnis weitergeben?

Mit einer Reihe von guten Argumenten lassen sich zumindest zwei moderne Mythen zur minoischen Kultur widerlegen. Der erste betrifft die angebliche Friedfertigkeit der Minoer. Tatsächlich zeigt sich diese Gesellschaft in ihrer Bilderwelt friedvoller, lebensfroher und naturliebender als jede andere antike Kultur. Es wäre allerdings naiv zu denken, dass die Minoer unschuldige "Blumenkinder" waren. Eine Kultur, die Paläste hervorbrachte und ihren ökonomischen, kulturellen und vielleicht auch politischen Einfluss auf die Ägäis ausbreitete, musste sicherlich auf Mittel zurückgreifen, die nicht immer friedlicher Natur waren. Der Bau der Paläste ist ein klares Zeugnis für ein repressives politisches System und eine Elite, die die niederen, von ihr abhängigen Schichten wirtschaftlich ausbeutete.

Wir sollten also nicht danach fragen, warum dieses Volk so friedfertig war, sondern warum es in seiner Bilderwelt friedfertige und lebensfrohe Motive bevorzugte. Diese Frage scheint nicht die Mentalität dieser Kultur zu betreffen, sondern eher den verfeinerten Geschmack der herrschenden Eliten, die allein diese Bildwerke besaßen.

An der Spitze ihrer Götterwelt stand eine Muttergöttin

Noch stärker sind die Zweifel der modernen Forschung an einer weiteren, sehr beliebten Vorstellung, wonach die Andersartigkeit und Friedfertigkeit der minoischen Kultur einer matriarchalischen Gesellschaftsstruktur zu verdanken seien. Auch hier ist in erster Linie eine willkürliche Deutung der stummen archäologischen Quellen die Basis für derartige Hypothesen. Die häufige Präsenz, die Dominanz von elegant gekleideten, frisierten und geschminkten Frauen in der minoischen Bilderwelt ist zwar kaum zu übersehen. Es ist auch wahrscheinlich, dass an der Spitze ihrer Götterwelt eine Muttergöttin stand.

Allerdings ist es naiv, aus Götterbildern und Darstellungen von Festen Schlüsse auf den Charakter und die Struktur eines Gesellschaftssystems zu ziehen. Gegen die Existenz einer matriarchalischen Gesellschaft im minoischen Kreta spricht unter anderem die enorme Bedeutung des Stiersprungs - eines athletischen Rituals, in dem beide Kontrahenten, Mensch wie Tier, Mannhaftigkeit und Manneskraft verkörperten.

Ich fürchte, dass es uns auch in der Zukunft nicht leicht fallen wird, die Minoer zu verstehen. Solange wir keine lesbaren schriftlichen Quellen haben, wird es unmöglich sein, in die Mentalität und die intellektuellen Leistungen dieser Kultur einzudringen. Vielleicht wird irgendwann die minoische Schrift entziffert werden. Aber auch dann werden uns die wenigen Texte kaum Antworten, sondern neue schwierige Fragen mit auf den Weg geben.

Was kann man also jemandem raten, der nach Erklärungen über die geheimnisvolle minoische Kultur sucht? Sie sollten die populärwissenschaftlichen Bücher stets mit einem kritischen Blick lesen und mehr noch die minoischen Ruinen und Meisterwerke auf sich wirken lassen. Nicht in Knossós mit seiner durch die übermäßige touristische Entwicklung verunstalteten Umgebung, sondern in Festós, Agia Triáda, Palékastro, Gourniá, Monastiráki und Zóminthos. Dort, wo die minoischen Ruinen in eine wunderschöne und manchmal sogar scheinbar unberührte Landschaft eingebettet sind, lohnt es sich, für eine Weile unter einem der uralten Olivenbäume innezuhalten und den Ausblick zu genießen. Auch wenn man dadurch den Geheimnissen dieser Gesellschaft nicht näherkommt, ist es möglich, etwas von der Atmosphäre einer Kultur zu spüren, die sich in ihre natürliche Umwelt grandios einzupassen wusste.

Schlagworte:
Quelle:
Autor:
Diamantis Panagiotopoulos