Andalusien Die Suche nach dem Morgenland

Orientreisen: In diese Kategorie habe die britische Reiseliteratur des 19. Jahrhunderts Fahrten nach Südspanien eingeordnet, so berichtet es die Verwaltung der Alhambra in einer Ausstellung über das Andalusienbild vergangener Zeiten. Beim Blick auf die Tafel sieht man förmlich die hochgezogenen Augenbrauen desjenigen, der den Ausstellungstext verfasst hat. Und auch wir denken uns: eine Orientreise, bei der man Europa nicht verlässt? Was für eine Träumerei.

Doch beim Weitergehen durch den alten Maurenpalast dämmert es einem: Es stimmt ja eigentlich. Wir wollen eine Orientreise antreten, wenn wir dorthin fahren, wo einige Jahrhunderte lang Omaijaden, Almohaden oder Nasriden herrschten. Was wir suchen, sind Spuren einer märchenhaften morgenländischen Vergangenheit. Und wir wünschen uns inständig, dass diese Gegend im äußersten Süden unseres modernen und rationalen Kontinents auch heute noch anders sei als der Rest Europas.

Solche Erwartungen werden zwangsläufig enttäuscht. Wer in Málaga aus dem Flugzeug steigt, betritt einen perfekten europäischen Airport. Wer das Ufer des Guadalquivir entlangfährt, der bewegt sich zwar parallel zu einem Fluss mit arabischem Namen. Am Ende der Autobahn wartet aber keine Karawanserei, sondern ungebremster Bauboom. Und wer will, kann sich in der Alhambra Informationen per Bluetooth aufs Handydisplay laden. Das ist die schlechte Nachricht für Morgenland-Sucher: Auch Andalusien ist europäisiert, globalisiert.

Es gibt aber auch eine gute Nachricht, nein, sogar zwei. Die erste lautet: Der alte Orient ist noch da und wartet auf uns. Der Alcázar von Sevilla oder die Alhambra sind auch im 21. Jahrhundert vor allem eines: Der ziemlich gut gelungene Versuch der alten Mauren und ihrer Erben, ein kleines Paradies auf Erden zu schaffen. Bluetooth hin oder her.

Die zweite gute Nachricht: Auch das nicht museale Andalusien hält noch immer jenes Andere bereit, nach dem wir Orientreisenden uns sehnen. Nehmen wir den Aussichtspunkt San Nicolás in Granada, der den bestechendsten aller Blicke auf die Alhambra bietet. Dort haben wir vielleicht das Glück, einen jungen Flamenco-Sänger zu hören, der in einer soleá die Eigensinnigkeiten seiner Frau beklagt. Das tut er natürlich auch, weil er weiß, dass Flamenco bei der anschließenden Kleingeldsammlung mehr bringt als Reggae oder HipHop. Doch das Repertoire dieses Straßenmusikers ist auch aus einem anderen Grund so, wie es ist: Er hat die Rhythmen und Melodiephrasen der soleares und bulerías von Geburt an in seine Synapsen gespeichert. Denn hier, wo er lebt, sind von irgendwoher immer Gitarrenklänge und brechender Gesang zu hören. Selbst in der tiefsten Nebensaison und im verlassensten Kaff legen die Restaurant- und Kneipenwirte unbeirrbar folkloristische CDs auf, auch dann, wenn wirklich nicht die Erwartungen von Touristen zu bedienen sind. Diese Musik drückt offenbar etwas aus, was die Menschen hier immer und immer wieder hören wollen.

Restaurants und vor allem die Institution Bar (ein etwas irreführender Begriff, denn es handelt sich eher um eine Mischung aus Café, Imbiss und Sozialstation) sind legitime Forschungsfelder für Hobby-Ethnologen. Dort können wir beispielsweise beobachten, wie Wirte Schinkenkeulen von der Decke baumeln lassen. Anderswo eher unüblich. Doch in Andalusien zeigt der Gastronom voller Stolz, dass die Berge seiner Heimat höher sind, die Luft aromatischer - und folglich der jamón serrano besser als im Rest des Landes. Und wenn aus dem ausgestopften Kopf eines toro bravo tote Augen in den Schankraum glotzen, dann ist auch das kein Zugeständnis an die Erwartungen kurzhosiger Touristen. Sondern es ist das Bekenntnis des Wirtes zu jenem eigenartigen Schauspiel der Stierhatz, das in Andalusien nach wie vor fester verwurzelt ist als im Rest Spaniens.

Weit häufiger als auf Stierschädel wird der Barbesucher aber auf ein anderes Accessoire stoßen. Die allgegenwärtigen Marienbilder an den Wänden und vor allem die Plakate von Osterprozessionen lassen ahnen, dass der Katholizismus hier ein ganz spezieller ist. Es sieht zwar auf den ersten Blick nach Show aus, wenn schwitzende Männer tonnenschwere tronos mit schmerzensreichen Gottesmüttern durch die Straßen bugsieren. Ihnen voran gehen gespenstische nazarenos mit ihren spitzen Kapuzen. Denen wiederum schreiten sehr sorgfältig gekleidete Damen nach, mit schwarzem Schleier und mantilla-Kamm im Haar. Doch die Semana Santa ist keine Show. Sie ist eine Form der Religiosität, die Menschen aus dem Lande Martin Luthers und Benedikts XVI. immer fremd bleiben wird. Auch da haben wir also gefunden, was wir suchen: das Andere.

Flamenco, Stierkampf, Osterprozessionen - was wie ein Klischee klingt, ist tatsächlich beispielhaft für das, was Andalusien vom Emsland oder der Wachau unterscheidet. Wobei dieser Behauptung eine rigorose Einschränkung folgen muss: Es ist ein Irrtum zu glauben, es gäbe ein halbwegs einheitliches Lebensgefühl der Menschen, die jenes weite, raue, gebirgige Land bewohnen. Wer in Sevilla als Versicherungsangestellter von seiner 250.000-Euro-Eigentumswohnung im Mittelklassewagen zur Arbeit fährt und dabei ins UMTS-Handy parliert, der lebt zwar tief im Südwesten Spaniens, aber mitten in Europa. Wer als Elektriker in Iznájar wohnt (suchen Sie es mal auf der Karte - viel Erfolg!), der fragt sich mutmaßlich ab und zu, ob seine Stadt überhaupt in Spanien liegt, oder nicht doch in einem Paralleluniversum, das den Anschluss ans 21. Jahrhundert komplett verpasst hat.

Die alten Männer, die er mit ihren schwarzen Strickwesten vor einer blendend weißen Hauswand auf einem Bänkchen sitzen sieht, findet jener Elektriker wohl nicht so pittoresk wie wir. Und wenn er in der offiziellen Statistik liest, dass von den gut 4000 Erwachsenen seiner Gemeinde rund 50 Prozent keinen Schulabschluss haben, bei einer Analphabetenrate von neun Prozent, dann mag das der Mann aus Iznájar wohl als finsteren Aspekt des Orientalischen in Europa empfinden.

Aber wenden wir uns wieder unserer Morgenland-Sehnsucht zu. Es hängt viel von Zufällen ab, ob es gelingt, sie zu stillen. Doch selbst wer eine durchorganisierte Busfahrt von Ketten-Hotel zu Ketten-Hotel unternimmt, hat Chancen, ein wenig vom Anderen in Andalusien zu erhaschen. Er muss nur die Augen öffnen. Die Wüsteneien rund um Almería, die schier unendlichen Olivenpflanzungen um Jaén, die zierlichen Orangenbäume an den Straßenrändern von Málaga, die Palmen an der Promenade von Cádiz lassen keinen Zweifel: Dieser Landstrich, und was der Mensch aus ihm macht, ist völlig anders als der Rest Europas. Um das zu erkennen, reicht schon ein Blick durchs Auto- oder Busfenster. Und wer es besonders sinnlich haben möchte, der konzentriert sich auf die Düfte. Damit ist nicht der Geruch nach frittiertem Fisch gemeint, sondern eher Ginster, Rosmarin - und am betörendsten: der Duft der Orangenblüten. Azahares heißen die hier übrigens, was auch eine Spur des Morgenlandes ist. Denn azahar ist einer der - je nach Zählung - rund tausend bis 4000 Begriffe, um die die Araber die spanische Sprache bereichert haben. Und wer diese Silbenfolge ausspricht (mit schön gelispeltem "z", bitte), der hat schon ein kleines orientalisches Gedicht vorgetragen, oder?

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