Andalusien Die Alhambra in Granada

Wer sehen will, wie menschliches Maß und natürliche Schönheit zueinander finden, sollte Granada im Frühling besuchen. Die verschneiten Höhen der Sierra Nevada leuchten dann über der Stadt, dass es blendet, und zugleich schicken sie eine eiskalte Luft hinunter, die die im April schon erbarmungslosen Strahlen der Sonne erträglich machen. Und vor dem mächtigen Gebirge liegt, von immergrünen Steineichen umrahmt, ein Komplex aus Mauern, Gärten und Palästen, ein rotbraun leuchtender Edelstein, die Alhambra. Inbegriff maurischer Baukunst, Höhepunkt und auch Endpunkt islamischer Kultur in Spanien, Sitz der Nasriden-Dynastie für knapp 260 Jahre und anschließend das Schloss der katholischen Königin Isabella und ihres Ferdinands.

Isabella, die noch im selben Jahr den Italiener Cristoforo Colombo nach Indien schickte und die Juden aus dem Land vertrieb, bezog Granada am 2. Januar 1492 und beendete die letzte islamische Herrschaft Iberiens, 781 Jahre nach Tarik ibn Sijads Feldzug aus Afrika. Das Königreich, das sich von Ronda bis weit hinter Almería erstreckte, hatten die Katholiken zehn Jahre lang bekämpft, aber das belagerte Granada fiel in spanische Hand, ohne dass ein Schuss abgegeben wurde oder ein Mauerstein fiel. Das Königreich der Nasriden endete, wie es begonnen hatte: mit einem Vertrag.

Nach den Zeiten der islamischen Eroberer, der Omaijaden, der Almoraviden und Almohaden, die alle mit dem Schwert kamen und mit dem Schwert besiegt wurden, waren die Jahre von 1238 bis zum dramatischen Beginn der Neuzeit eine Periode, die in der Rückschau wie eine Utopie erscheinen mag, wie ein Reich der Schönheit und des Friedens, der Toleranz und der Wissenschaft, der Poesie und des Gesangs, eine Zeit, von der insbesondere Menschen der islamischen Welt noch heute voller Sehnsucht sprechen.

Diese Periode begann mit Abdullah Ibn Yusuf Ibn Nasr al-Ahmar, dem etwas anderen Herrscher. Es ging ihm nicht nur um Macht, als er sich gegen Ibn Hud auflehnte, den König des Kleinreiches von Jaén. Es ging ihm auch ums Überleben seiner Welt, der Welt des Islam, und dafür war er, so absurd es klingen mag, sogar bereit, seine Glaubensbrüder zu bekämpfen. Er war ein Vertreter geschickter Diplomatie und pragmatisch bis zur Prinzipienlosigkeit, aber vor allem war er erfolgreich.

Die Welt, in der Ibn Nasr seine Karriere begann, war zerrissen, voller Krieg und ohne Zukunft. Das Kalifat der maurischen Herrscher war zerfallen, eine Fülle von Kleinkönigtümern teilte die Macht immer neu unter sich auf, schuf Koalitionen und bekriegte sich am nächsten Tag. Das erleichterte den katholischen Heeren ihre Rückeroberung, Stadt um Stadt, Landstrich um Landstrich fiel an Kastilien und Aragón, bis sie den Süden des Landes vor sich hatten: Sie brauchten nur zuzugreifen.

In diesen Jahren, genau 1232, hatte der Herrscher über die kleine Stadt Arjona, eben jener Ibn Nasr, Jaén eingenommen und musste es bereits 1246 den Christenheeren überlassen. Ibn Nasr erkannte, dass es keine Chance mehr gab, die Reconquista militärisch aufzuhalten. Er zog daraus eine Konsequenz, die in jenen Zeiten, in denen es meist um alles oder nichts ging, selten war: Ibn Nasr arrangierte sich. Lieber Christenvasall als tot, sagte er sich, ließ Jaén sausen, zog sich nach Granada zurück, das er bereits 1237 erobert hatte, und bot König Ferdinand seine Dienste an.

Das kleine Reich Granada sollte Lehen der christlichen Herrscher werden, ein Vasallenstaat mit allen Pflichten. Dem katholischen König kam das unerwartete Angebot ganz recht. Den gesamten Süden zu erobern, wäre den Spaniern wahrscheinlich nur unter Inkaufnahme großer Nachteile gelungen. Zwar konnten sie militärisch siegen, aber die anschließende Befriedung des Landes wurde zunehmend schwierig. Viele besiegte Muslime verließen das Land Richtung Marokko, die nachrückenden kastilischen Ritter aber waren gering an Zahl, sie wären nicht in der Lage gewesen, das große Andalusien zu bewirtschaften.

Allerdings versuchte Ferdinand III., die Muslime zum Bleiben zu bewegen. In den ersten Jahren nach der Eroberung Córdobas und Sevillas bemühte er sich geradezu um Integration. Die viel gescholtene Verunzierung der Mezquita von Córdoba durch seine Kathedrale etwa stellte sich zunächst ganz brav dar: Die Muslime sollten sie als Gotteshaus behalten, Ferdinand wollte jedoch eine christliche Kirche in die Moschee einbauen und so ein gemeinsames Haus für beide Konfessionen schaffen. Der Hintergrund: die Christen brauchten muslimisches Know-how.

Da kam Ibn Nasrs Angebot gerade recht. Ferdinand überließ ihm Granada und verpflichtete den neuen Vasallen alsbald zur Hilfe. So kam es, dass die Einnahme des muslimischen Sevilla durch die Katholiken 1248 mit Hilfe muslimischer Truppen aus Granada zustande kam. Mohammed I., wie er nun als Begründer der Nasriden-Dynastie hieß, kehrte im Triumph nach Granada zurück.

Der neue König war ein treuer Vasall. Und ein gerissener. Während er sein neues Reich konsolidierte, nahm er Kontakt zu den Meriniden auf, die in Marokko herrschten. Die Glaubensbrüder halfen ihm auf besondere Weise, sein Königreich zu festigen: Seit 1269 versuchten sie immer wieder in Andalusien Fuß zu fassen. Immer wenn ihr Invasionsheer die Christen beschäftigte, schlug Mohammed I. ein Stückchen Land seinem Granada zu. So konnte der König sein Reich allmählich bis Gibraltar im Westen und bis hinter Almería im Osten ausdehnen - er tat es, wenn gerade keiner hinschaute. Aber auch hier bewies er Augenmaß, machte rechtzeitig Schluss mit seinen Arrondierungen, provozierte die Christen nicht zu sehr, kam seinen Pflichten zuverlässig nach. Das hätte auch schiefgehen können. Hätte den Christen etwas größere Schlagkraft zur Verfügung gestanden, dann hätten sie ihre neuen Vasallen ebenso verjagt wie alle anderen, und Ibn Nasr wäre als Verräter in die Geschichte der islamischen Welt eingegangen.

Dramatisch beginnt die Neuzeit

Der Gefährdung des neuen Reiches waren sich die Herrscher Granadas stets bewusst. Für Mohammed I. bedeutete das, seinen Standort trotz des guten Einvernehmens mit Ferdinand III. nach militärischen Gesichtspunkten zu wählen. Granada liegt von hohen Bergen umgeben, die Stadt wird von einem 700 Meter langen und 220 Meter breiten Felsen überragt, auf dem schon lang die "rote Zitadelle" lag, die al-Qala al-Hamra. Mohammed befestigte sie mit einer Mauer und mit Türmen und ließ eine Wasserleitung legen und fortan war es der Ehrgeiz all seiner Nachfolger, die Alhambra besser, schöner, prächtiger zu gestalten.

Auch auf der politischen Seite waren die Nasriden ständig aktiv. Mal paktierten sie mit Aragón, mal mit Kastilien, wenn sie mit beiden Krach hatten, nahmen sie freundliche Beziehungen zu Genua auf, und zwischendurch zogen sie auch immer wieder die muslimische Karte. Die wog recht schwer, denn die granadinischen Häfen waren für nordafrikanische Einheiten schnell zu erreichen. Ein Vorgehen, das Augenmaß und Geschick verlangte, Eigenschaften, die sich unter dem Herrscher- und bald auch Sultanatsgeschlecht offenbar vererbten und die besonders wichtig wurden, als 1340 die Spanier die Meriniden endgültig vertrieben.

So gelang es, Granada, das Restreich einer großen Zeit, einen Vasallenstaat von Gnaden eifernder christlicher Herrscher, über die unglaubliche Spanne von 260 Jahren aus allen Querelen, Kriegen und Unglücken jener Tage weitgehend herauszuhalten. Das 14. Jahrhundert, das in ganz Europa eine Zeit der kollabierenden Herrschaften, der Interregnen und der Machtkämpfe war, dieses dunkle Jahrhundert, das in seiner Mitte von der Pest heimgesucht wurde, die ein Drittel der Einwohner Europas dahinraffte, ausgerechnet dieses fluchbeladene Jahrhundert wurde für Granada zur Blütezeit: Nicht einmal der Schwarze Tod, der Sevilla fast auslöschte, richtete in Granada großen Schaden an. Genau in den Jahren um 1350, als in London und Athen, in Paris und Rom die Leichen karrenweise aus der Stadt gefahren wurden, erbauten Yusuf I. und Mohammed V. ihre Paläste auf der Alhambra: den Myrtenhof und den Löwenhof.

Das kleine Granada konnte diese Pracht entfalten, denn es war reich. Viele Handwerker und Künstler, Kaufleute und Seefahrer, Gelehrte und Verwaltungsfachleute aus den von den Kastiliern eroberten Gebieten hatten sich hier niedergelassen, die Handelsverbindungen ins Mittelmeer, in Jahrhunderten gewachsen, wurden weiter gepflegt, die fruchtbaren Ebenen lieferten Nahrung für alle.

Es waren granadinische Architekten und Handwerker, die die Villa des kastilischen Königs Alfons XI. in Tordesillas errichteten, sein Sohn Peter I. ließ Fachleute aus Granada kommen, um seinen Palast im Alcázar von Sevilla zu bauen. Das Verhältnis gegenseitigen Respekts und ebensolcher Abhängigkeit schuf eine fast freundschaftliche Atmosphäre zwischen Lehnsherr und Vasall, für die die Religion offenbar keine große Rolle spielte. Als 1359 Mohammed V. von Aufständischen gestürzt wurde, hätte König Peter die Situation leicht zur Eroberung Granadas ausnutzen können. Was aber tat er? Er marschierte ein, um Mohammed wieder ins Amt zu setzen und zog sich anschließend zurück.

Die Muslime hatten in Spanien einen Lebensstil hinterlassen - und führten ihn in Granada fort -, der den strengen kastilischen Rittern aus dem kargen Norden paradiesisch erscheinen musste. Tatsächlich adaptierten sie nicht nur Architektur und landwirtschaftliche Techniken, sie übernahmen auch orientalisch-sinnlichen Lebensstil: Die Herrscher regierten despotisch, pflegten Gesang, Tanz und Dichtkunst und hielten sich gern ein paar Nebenfrauen. Das christliche Leben in Sevilla und das muslimische in Granada unterschieden sich in den religiösen Riten, weniger im Alltag. Da mag es eine Rolle gespielt haben, dass nicht nur die Anhänger Mohammeds die Christen als Verwandte im Glauben ansahen, auch den Christen ist damals der Islam nicht in dem Maße als fremd erschienen, wie das heute, nach vielen Jahrhunderten der Kriege, der Fall ist.

Erst mit dem Tod Peters I. änderte sich das Verhältnis. Sein Halbbruder Heinrich hatte ihn 1369 eigenhändig ermordet und war mit Unterstützung der Kirche auf den Thron gelangt. Fortan mussten die Könige um Erlaubnis fragen, wenn sie ihre Politik änderten, und bei einem papistischen Gesprächspartner kam unweigerlich das Thema Muslime auf die Tagesordnung. Aber erst Isabella von Kastilien und Ferdinand von Aragón begannen 1482 mit der Eroberung des Königreichs Granada. Ein absurdes Vorgehen, denn nach dem Verständnis von Lehnsgeber und Lehnsnehmer gehörte es ihnen ja bereits.

Sie mussten allerdings mit dem Widerstand einer sehr selbstbewussten Bevölkerung rechnen, der sich auch tatsächlich formierte. so dauerte es zehn Jahre, bis die Christen einen wesentlichen Teil des kleinen Königreichs erobert hatten und Granada belagerten. Das sollte allerdings reichen, um der Nasriden-Dynastie den Garaus zu machen. Seit Jahrzehnten schon hatten sich die Herrscher Granadas in Machtkämpfen aufgerieben, 1488 hatte Boabdil, der gerade für kurze Zeit an der Macht und ihrer wohl bereits müde war, einen Übergabevertrag mit den Christen unterschrieben. Aber der Widerstand, der jenen entgegengeschlagen war, traf nun ihn. Die aufständische Bevölkerung zwang den Herrscher zu neuen Verhandlungen. Die gab es zwar, aber am 25. November 1491 wurde ein neuer Vertrag unterzeichnet, der nicht besser war als der alte.

Am 2. Januar 1492 übergab Boabdil den Katholiken die Stadt, verließ sie über den Pass, der bis heute "des Mauren letzter Seufzer" heißt und ging nach Marokko. Die Alhambra wurde Sitz des neuen Königspaars, ihre Särge stehen in der Kathedrale unterhalb der Burg. König Ferdinand hatte, wie es auf seiner Grabinschrift heißt, "die Sekte Mohammeds" besiegt. Eine blühende und reiche Kultur musste einer inquisitorischen Herrschaft weichen. Muslime und Juden wurden aufs Grausamste verfolgt. Oder, wie es aus heutiger Sicht heißt: Das Mittelalter war zu Ende, die Neuzeit begann.

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Autor:
Roland Benn