Katalonien Girona entdecken

Den Hintern der Löwin habe ich auch diesmal nicht geküsst, trotzdem bin ich sicher, dass ich wiederkommen werde. Das nämlich soll die Folge sein, wenn man der Raubkatze die Lippen aufs Gesäß drückt. Hunderttausende haben das schon getan, das Gesäß macht einen platt geküssten Eindruck. Wenig majestätisch umklammert die Löwin eine Säule zu Füßen der Kirche Sant Feliu. Doch die Zeiten, als man in dieser kleinen, seltsam verbiestert dreinblickenden Skulptur die Stadt selbst verkörpert finden konnte, sind lange vorbei.

Girona strahlt. Besonders Mitte Mai, wenn hier für acht Tage die Blumenzeit ausgerufen wird:  Temps de Flors. Dann füllt sich nicht nur die ganze Altstadt mit Blütenpracht, sondern sie zeigt außerdem ihre verborgenen Schätze. Jahrhundertealte Innenhöfe und Galerien, so ehrwürdig wie anmutig und sonst für Besucher nicht zugänglich, öffnen sich dem Publikum. "Die Blumen sind ein Vorwand", sagt der Schriftsteller Josep Maria Fonalleras, ein gironí de tota la vida, ein gebürtiger und überzeugter Gironer: "Es geht darum, dass die Stadt sich sehen lässt, wie man sie normalerweise nicht sieht."

An über 120 Schauplätzen locken blühende Installationen, mal dekorativ, mal ambitioniert. Auffällig ist eine Vorliebe für Schnittblumen in Reagenzgläsern. Die wahre Sehenswürdigkeit bleibt aber immer Girona selbst, die Blumen geben bloß ein blühendes Motto dazu. Und das Motto zieht: Aus ganz Spanien strömen zu Temps de Flors die Besucher herbei, viele auch aus Frankreich, einige aus  aller Welt. In Scharen wandeln sie durch die schmalen Gassen, von denen manche, vor allem im Call, dem alten jüdischen Viertel, so steil sind, dass sie als Treppen zwischen die Häuser gebaut wurden. Geduldig stehen sie Schlange vor architektonischen Höhepunkten wie dem Keller der Kathedrale oder den Arabischen Bädern, die eigentlich nicht arabisch sind. Es herrscht eine trotz der Menschenmengen erstaunlich entspannte Wochenendstimmung.

Girona war eine trostlose Stadt, heute auf Tagesausflügen beliebt

Die Caféterrassen sind voll besetzt, eine alberne Bimmelbahn umzuckelt das Geschehen, aber die meisten Geschäfte verlängern für den Rummel keineswegs ihre Öffnungszeiten. Aus der Ruhe bringen lässt man sich dann doch nicht. Girona ist die nördlichste, östlichste und mit knapp 100 000 Einwohnern kleinste der vier katalanischen Provinzhauptstädte. Lange haftete ihr ein nahezu trostloses Image an. Kirchenleute und die vom Franco-Regime hierher beorderten  Verwaltungsbeamten bestimmten das Klima. Der von der Kathedrale überragte mittelalterliche Kern galt als düster und abweisend, die cases de l’Onyar, die Häuser zwischen Fluss und Rambla, trugen noch nicht die leuchtend bunten Fassaden, für die sie heute berühmt sind, und sie wurden regelmäßig überschwemmt.

"Es war eine trübe, verschlossene Stadt", sagt Isabel del Moral, die in Girona aufwuchs und mittlerweile im Nachbarort Salt ein alles andere als trübes Bed and Breakfast betreibt. "Und wenn der Nebel kam, wurde es auch noch scheußlich kalt." Dieser Nebel, früher fast Dauerzustand, ist heute selbst im Winter die Ausnahme, und Überschwemmungen sind kein Thema mehr, seit der Onyar und die drei anderen Flüsse, die hier zusammenfließen – Ter, Güell und Galligans – durch Stauseen und Entlastungskanäle gebändigt wurden. Mit dem Blumenfest feiert sich eine aufgeblühte Stadt.

Die Anfänge von Temps de Flors liegen allerdings in der entfärbtesten Phase der jüngeren katalanischen Geschichte. Vor 60 Jahren hielt Girona der Tristesse der Diktatur zum ersten Mal eine kleine Blumenschau entgegen. Eine geschichtsträchtige katalanische Stadt wehrt sich mit bunten Blüten gegen das Grau der spanischen Gewaltherrschaft: welch erbauliches Bild. Bloß, es stimmt so nicht. Denn ins Leben gerufen wurde Temps de Flors von der Sección Femenina, der Frauenabteilung von Francos Partei. Und jahrzehntelang hatte das Blumenfestival bestenfalls Mauerblümchencharakter. Es beschränkte sich auf eine Ausstellung trutschiger Gebinde im Kreuzgang eines vormaligen Klosters.

Weit wichtiger als das Gründungsjahr ist für Temps de Flors deshalb das Jahr 1992. Damals übernahm die Stadtverwaltung die Koordinierung des Blumenfestes und begann, ihm seine heutige Gestalt zu geben, sprich, es auf die ganze Altstadt auszuweiten. Im selben Jahr erhielt Girona nach fast drei Jahrhunderten wieder eine Universität, was viel zur neuen Lebendigkeit beigetragen hat. Auf die Frage, was er am Leben hier besonders schätze, sagt Josep Maria Fonalleras, der gerade ein bezauberndes Buch über seine Kindheit in Girona veröffentlicht hat: "Die Stadt hat alle Mängel des Provinziellen. Dabei aber eine ganz eigene Persönlichkeit. Sie bietet reichlich Kultur, jederzeit in Gehweite, und ein sehr angenehmes Lebensgefühl. Die Leute sitzen draußen, schwingen ihre Reden – man kann sich in Girona heute wie in Italien fühlen. Und wenn dir das einmal nicht reicht, gehst du zum Bahnhof und bist in 38 Minuten in Barcelona."

Kathedrale in Girona
Tim Langlotz
Kathedrale in Girona
Trotz des touristischen Aufschwungs – Fonalleras spricht sogar von einer "Explosion" – ist Girona noch immer eine typische ciutat d’un dia, eine Stadt für einen Tag. Wenn nicht gerade Blumenfest ist, kommen die meisten Gäste nur kurz aus den Feriensiedlungen der Costa Brava herauf. Sie fotografieren von den Brücken aus die bunten Häuser am Fluss und die Kirche Sant Feliu. Sie steigen hinauf zur Kathedrale, die zwar im Vergleich zu anderen Kathedralen keine Schönheit ist, deren Hauptschiff aber immerhin seit 500 Jahren den Rekord als größtes gotisches Gewölbe der Welt hält. Und sie klettern, wenn sie gut beraten sind, noch ein bisschen auf der alten Stadtmauer herum, von der sich fantastische Ausblicke bis weit in die Pyrenäen hinein bieten. Abends aber fahren sie wieder ab. Besser, Sie machen es umgekehrt: Quartieren Sie sich in Girona ein und unternehmen Sie von hier aus Ihre  Streifzüge durchs nördliche Katalonien. Von ihrer Lage her ist die Stadt kaum zu übertreffen. Das vulkanische Wanderparadies La Garrotxa liegt ebenso um die Ecke wie die Costa Brava und die  Bilderbuchdörfer des Empordà. Und über die Ruta del Carrilet, ehemals die Strecke einer  Schmalspurbahn, die Gebirge und Küste verband, lässt sich das saftige Umland komfortabel per Fahrrad erkunden – ein kleiner ausgeschilderter Abstecher führt direkt zum Hintern der Löwin in Gironas Altstadt.

Dort bietet übrigens zum Temps de Flors jedes Restaurant ein spezielles "Blumenmenü" an. Nur für Iolanda Bustos ist das nichts Besonderes, sie kocht immer mit Blumen. "Es ist keine durchweg vegetarische Küche", erklärt sie, "sondern eine, die auch dem Fleisch und Fisch Landschaft hinzufügt." Rund 400 essbare, oft köstliche Blumen hat Iolanda mittlerweile katalogisiert. Und zur Feier von 60 Jahren Temps de Flors tischt sie in ihrem Restaurant "La Calèndula" 60 verschiedene  Blüten im Rahmen eines 17-Gänge-Menüs auf. "Nach diesem Essen", verspricht sie, "werden Sie Blumen mit anderen Augen sehen. Mit den Augen einer Ziege oder einer Kuh.

Tipps für einen Besuch in Girona

Das Blumenfest Temps de Flors wird jedes Jahr acht Tage im Mai gefeiert. 2016 findet es vom 7. bis 15. Mai statt. Pläne und eine Übersicht der ausgestellten Objekte finden Sie hier: Rambla de la Llibertat 1; www.girona.cat/turisme

El Celler de Can Roca: Neben vielen guten Restaurants residiert in Girona auch El Celler de Can Roca, 2015 zum besten Restaurant der Welt gekürt. Joan Roca und seine Brüder kochen Menüs ab 150 €. Reservieren sollten Sie allerdings weit vor Antritt Ihrer Reise. Can Sunyer 48; www.cellercanroca.com

La Calèndula Iolanda Bustos und ihr Mann haben sich auf dem Land niedergelassen. Sie servieren jetzt im Dörfchen Regencós in der Region Empordà, etwa 50 km östlich von Girona.
www.lacalendula.net

Autor:
Michael Ebmeyer