Südafrikas Weine Junge Winzer, frische Weine, neue Technik

Was für ein Sonnenaufgang! Das Nachtblau des Himmels mischt sich mit Weiß und Rosa, die wild gezackten Bergspitzen glühen tief orange, und durch die grünen Weinberge von Zorgvliet ziehen goldene Nebelschwaden. "Der Ort, aus dem die Sorgen fliehen", haben die Einwanderer diesen Flecken genannt und sich vor 300 Jahren hier niedergelassen. Es ist ein begnadetes Tal mit guten Böden, breit genug, um jeden Sonnenstrahl einzufangen, und geschützt von einem Kranz aus Bergen.

Neil Moorhouse muss sich manchmal zwicken, damit er sein Glück begreift. Mit seinen 30 Jahren ist er Herr über die Weinfässer von Zorgvliet, einer der Jungen der neuen Winzergeneration am Kap. Ein richtiger Kellermeister - aber das klingt zu alt. Neil Moorhouse ist eher der sportliche Typ, rotblond und sommersprossig, er hat seine Jugend auf dem Surfbrett verbracht. Dafür bleibt jetzt keine Zeit mehr. Die Ernte ist eingefahren, er hat kaum geschlafen, und nun gärt der Rebensaft in den Edelstahlfässern.

Wie eine Kommandobrücke thront das Büro des jungen Winzers über den Tanks, aus Lautsprechern beschallt James Blunt per Livestream aus London die moderne Halle, und wer will, kann mit der Webcam zuschauen, was im Keller passiert: Neil ist Hightech- Freak. Auf der Weinmesse in Düsseldorf hat er sich via Internet in seinen Keller gebeamt und vor den Augen der Zuschauer die Gärung kontrolliert. "Hier steht der technologisch wohl am höchsten entwickelte Weinkeller Südafrikas", sagt er lässig, "erbaut von einem unserer besten Architekten".

Die älteste Grundbucheintragung für Zorgvliet stammt aus dem Jahre 1692, als der österreichische Söldner Casper Wilders das Land erwarb. Um die gleiche Zeit kamen die aus Frankreich vertriebenen Hugenotten ans Kap und begannen, im Tal von Franschhoek ("Franzoseneck") Wein anzubauen. Zorgvliet lag damals viel zu hoch für Wein, also pflanzte man im Tal zwischen Stellenbosch und Franschhoek hauptsächlich Obst an. Doch damit lässt sich heute kein Geld mehr verdienen.

Inzwischen sind die Sommer heißer, die Winter trockener - also die steileren Lagen gefragt, weil der kühle Wind vom Meer über die Hänge weht. Hier wächst der beste Sauvignon Blanc. Weiter unten im Tal gedeihen edle Rotweinsorten.

Der erste Pinot Noir, den Neil Moorhouse vor drei Jahren in den Keller brachte, lagert in neun Eichenfässern. "Diese Rebsorte kann einen sehr frustrieren, aber wenn man alles richtig gemacht hat, gibt es nichts besseres!" Scheinbar hat Neil alles richtig gemacht. In Südafrikas Weinbibel "John Platter" werden seine Weine gelobt: "Gut balanciert und ausgewogen mit einem dornigen Unterton von Cassis". Dem Sauvignon Blanc bescheinigt Platter eine "fesselnde Spannung aus eher schwerer Tropenfrucht und frischem Citrus, vor allem Guaven- und Pampelmusentöne".

Mit den Weinen ist es wie mit den Menschen hier: Sie sind im Aufbruch. Zu Apartheid-Zeiten gab es nur ein paar Familienbetriebe und eine mächtige Kooperative, die alle Trauben einsammelte und daraus schwere, tanninhaltige Weine produzierte, die man jahrelang im Keller lagern konnte. Heute reiht sich um Stellenbosch und Franschhoek Weingut an Weingut. Wo vor kurzem noch Obstplantagen dominierten, stehen heute Rebstöcke: Südafrikas Weine sind gefragt, seit dem Ende der Apartheid wird sechsmal soviel exportiert, zuletzt 270 Millionen Liter. Sie gingen nach Holland, Großbritannien, Deutschland, Russland, China und Kasachstan.

Die neuen Winzer haben gelernt, das Besondere aus ihren Trauben zu pressen, sie so natürlich wie möglich zu verarbeiten, damit man den Boden, das außergewöhnliche Klima schmeckt. Debbie Burden war 22, als sie ihr Weinbaustudium beendete und nach Simonsig ging. Sie ist für die Rotweine des Familienbetriebs zuständig - 2005 hat sie es zur "Kellermeisterin des Jahres" gebracht. Debbie ist groß, trägt kurze blonde Haare, ihre Augen sprühen vor Begeisterung. Eigentlich wollte sie Tierärztin werden. Doch während ihres Studiums an der Universität von Stellenbosch, dem Zentrum des Weinlandes, hat es sie gepackt: Statt von Rinderrassen schwärmt sie heute von Pinotage - einer einzigartigen Rebsorte, die nur in Südafrika wächst; begeistert sich für heimische Ton- und Muschelkalkböden, die dem Wein den besonderen Geschmack geben.

Mystischer Name für einen hässlichen Ort

Alison Adams hingegen träumt davon, einen ausgezeichneten Merlot zu produzieren. Drei Fässer hat sie angesetzt, ohne Zusatz von Hefe und anderen Hilfsmitteln. Im kleinen Weinkeller des ehemaligen Journalisten Martin Meinert spricht die 25-Jährige über Farben und Düfte, erschmeckt Früchte und Gewürze, die sich anhören wie aus Tausendundeiner Nacht, als probiere sie vom Zaubertrank aus einer Märchenwelt. Zu ihrer Herkunft würde das passen: Atlantis, so heißt der Name des Ortes rund fünfzig Kilometer nördlich von Kapstadt, in dem die begabte Jungwinzerin aufwuchs.

Hinter dem mystischen Namen verbirgt sich ein hässlicher Ort, geschaffen zu Zeiten der Apartheid. Alison ist schwarz und Tochter eines Pfarrers. Alkohol war in der Familie verpönt - der Vater hatte schon genug Ärger mit den Familien seiner Gemeinde, die ihr Elend in billigem Fusel ertränkten. Und gerade seine Tochter schaffte mit Hilfe eines Stipendiums den Weg in das weiß getünchte Städtchen Stellenbosch! Damals war Allison Adams eine der wenigen Schwarzen unter den Studenten. Darüber, dass sie erst im dritten Studienjahr den Mut fand, ein Glas Wein zu probieren, kann die Kellermeisterin heute lachen. Man muss ihren Lebensweg kennen, um die Hingabe und Begeisterung zu würdigen, mit der sie die Fässer der Meinert Wines im Devon Valley hütet. Sie träumt von einem eigenen Stück Land am Meer, einem wirklichen Atlantis mit Delfinen und Weinreben.

In den Hügeln von Nelson's Creek liegt ein ganz besonderer Weinberg. Wegen der Bodenqualität, der Lage zwischen Meer und Gebirge und des perfekten Alters der Rebstöcke zählen die elf Hektar zu den besten Flächen im Weingut des Rechtsanwalts Alan Nelson. Sie bieten ideale Bedingungen für Pinotage und Cabernet Sauvignon. Hier begann 1996 eine kleine Revolution: Der Weinberg kam in den Besitz der schwarzen Familien, die schon seit Generationen das Land bestellten, aber niemals zuvor Winzer gewesen waren.

Seit die Hugenotten Ende des 17. Jahrhunderts die ersten Weinstöcke nach Südafrika brachten, gehörte das Land den Weißen. Schwarze durften es allenfalls bearbeiten .Wie Leibeigene wurden sie behandelt, lebten in Hütten am Rand der Güter, ohne Strom und fließendes Wasser. Als Teil ihres kümmerlichen Lohns bekamen sie fünfmal am Tag einen Blechnapf schlechten Weines und wurden in jeder Hinsicht abhängig gehalten, durften weder Lesen noch Schreiben lernen.

Als Alan Nelson 1987 das bankrotte Weingut kaufte, ging es den 16 Weinarbeiter-Familien dort nicht anders: Arbeiten, trinken, schlafen - das war der Rhythmus ihres Lebens. Der neue Besitzer von Nelson's Creek schaffte den Weinlohn ab und übertrug den Arbeitern mehr Verantwortung. Als es mit ihrer Hilfe gelang, das Gut wieder aufzubauen, schenkte er ihnen jene elf Hektar. Es war der erste Weinberg, der schwarzen Südafrikanern gehörte. New Beginnings nannten sie ihre kleine Genossenschaft, "Produziert, gereift und abgefüllt im Neuen Südafrika", stand auf den Flaschen des ersten eigenen Weines.

Victor Titus, der Manager von New Beginnings, hat den Weg der schwarzen Winzer in die Selbstständigkeit begleitet. Er weiß noch, wie er mit den Familien in die Stadt fuhr, um ein Konto zu eröffnen. "Sie trauten sich nicht in die Bank hinein". Zu Weihnachten standen für die Kinder Fahrräder unter dem Weihnachtsbaum - daran kann sich Solly Hendricks noch gut erinnern. Er war damals zwölf oder 13 Jahre alt. Die Eltern schickten ihn auf eine bessere Schule, und dort entstand sein Traum, eines Tages den Weinkeller von New Beginnings zu leiten.

Noch wird der Wein im Keller von Nelson's Creek verarbeitet, wo Solly assistiert. Er hat Kurse in Stellenbosch besucht und ist der erste in der Genossenschaft der Arbeiterfamilien, der schon einmal mit dem Flugzeug nach Europa gereist ist und die Weinkeller von Burgund gesehen hat. Für seine weitere Ausbildung fehlt New Beginnings allerdings im Moment noch das Geld. Noch sind die meisten Weingüter in der Hand der Weißen. Die Landreform kommt nur schleppend voran. Eine staatlich verordnete Charta zur Umverteilung des Besitzes ist in Arbeit, aber damit ist es nicht getan. Es mangelt an Ausbildung, an Erfahrung. Alle Hoffnung ruht auf der jungen Generation.

Für jemanden wie Neil Moorhouse, der mit seinem bunt gemischten Team auf Zorgvliet ausgezeichnete Weine produziert, war es selbstverständlich, mit Kommilitonen aller Hautfarben dort zu studieren, wo früher nur Weiße zugelassen waren. Einer der besten Freunde von Neil Moorhouse ist Mzokhona Mvemve, der mit ihm an der Universität in Stellenbosch studiert hat. Der 31-jährige Schwarze fühlt sich noch als Außenseiter - der Nachwuchs, so glaubt er, wird es einmal besser haben. "Ich bin ein Vorbild für viele junge Schwarze". Gerade hat der junge Weinmacher sein eigenes Label herausgebracht - der erste eigene Wein eines ausgebildeten schwarzen Weinexperten. Sagila heißt die Marke, ein Wort aus seiner Heimat KwaZulu-Natal. Sie soll nicht nur in Europa ein Erfolg werden, sondern auch zu Hause bei der neuen schwarzen Mittelschicht, die längst Geschmack daran findet, die Weine aus dem eigenen Land zu genießen.

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Autor:
Susanne Bittorf