Paris Sehenswürdigkeiten abseits des Eifelturms

Île Saint-Louis und Île de la Cité

Paris ist eine Insel. Oder zwei. Die Île de la Cité und ihre kleine Schwester Île Saint-Louis bilden die Mitte der Stadt und sind doch ganz verschieden. Gut 13 Millionen Menschen kommen jedes Jahr auf die Île de la Cité, um die Kathedrale Notre-Dame zu besuchen. Dabei sieht man die gewaltige Kirche von der Nachbarinsel aus besser - zum Beispiel bei einem Kaffee vor der "Brasserie de l'Île St-Louis" am Quai de Bourbon. Das Leben hier ist gediegen, ruhig und teuer. Im 17. Jahrhundert bauten Adlige und wohlhabende Bürger ihre Stadthäuser auf die ehemalige Kuhweide.

Bis heute bietet die Île Saint-Louis außer einer versteckten Barockkirche keine Sehenswürdigkeiten - dafür kleine Boutiquen und exklusiven Wohnraum. Es gibt kaum Autos und viele romantische Stellen, besonders am West ende nahe dem Pont St-Louis. Anders die große, wichtige Schwester: Kathedrale, Justizpalast und Polizeipräsidium dominieren die Insel, auf dem Platz vor der Kirche liegt der zentrale Punkt Frankreichs, von dem aus alle Entfernungen gemessen werden. Haussmanns radikaler Stadtumbau machte die Île de la Cité zum administrativen Zentrum, Geschäfte und Wohnhäuser sind bis heute Ausnahmen. Zu den schönsten Orten gehört die im 17. Jahrhundert angelegte Place Dauphine. Hier herrscht noch echtes Stadtleben auf der Insel, auf der Paris als keltisches Lukotekia im dritten Jahrhundert v.Chr. seinen Anfang nahm.

Pigalle und Monmartre - Rotlicht und Kunst

Sie sind die neuen Künstler von Montmartre. Die Ballakrobaten, die ihre Tricks vor Sacré-Coeur präsentieren, stehlen den Malern auf der nahegelegenen Place du Tertre immer öfter die Schau. Und die Millionen Menschen, die auf die butte, den Hügel, von Montmartre steigen, haben eine Attraktion mehr zu bestaunen. Die meisten kommen wegen der strahlend weißen Basilika: eine Kirche im Zuckerbäckerstil, gedacht als Sühnetempel nach der Niederlage im Deutsch-Französischen Krieg.

Als 1876 der Bau von Sacré-Coeur begann, zog die billige Wohngegend viele Maler an: Van Gogh, Toulouse-Lautrec, später Picasso und Modigliani, sie alle kamen hierher, machten Montmartre zum Sehnsuchtsziel für Kunstfreunde. Die meisten Zeichner, die heute ihre Werke im Quartier anbieten, sind mittelmäßige Talente, die vom alten Ruf des Viertels profitieren. Der Weg nach Montmartre führt durch Pigalle, Rotlichtviertel und Amüsiermeile, weltbekannt durch das Varieté-Theater "Moulin Rouge", wo leicht bekleidete Damen seit 1889 den Cancan tanzen. Am Boulevard de Clichy reihen sich Stripteasebars an angesagte Musikclubs, weiter nördlich an der Rue des Abbesses trifft sich die Pariser Partyszene. Die Grenzen verschwimmen: Kunst und Show, Glauben und Laster gehen im 18. Arrondissement Hand in Hand.

Marais - hippes Szeneviertel

Der Apfelstrudel ist koscher in der Bäckerei an der Rue des Rosiers. Viele Juden kommen zum Einkaufen oder leben im Marais, das sich in den letzten Jahrzehnten als Szeneviertel etabliert hat. Wenn die Gläubigen Sabbat feiern, nippen in hippen Bars schwule Pärchen an ihren Drinks. Im Marais treffen sich Welten, dabei war das Viertel nur ein marais, eine sumpfige Gemüseanbaufläche. Erst als es ab dem 12. Jahrhundert trocken gelegt wird, entwickelt sich das Areal. Karl V. lässt um 1360 eine neue Stadtmauer errichten, die das Marais einschließt, und baut dort seinen neuen Sitz, das Hôtel Saint-Pol.

Für zwei Jahrhunderte prägen Adelsleute das Quartiersleben und versuchen sich gegenseitig mit prachtvollen Gebäuden zu übertrumpfen. Doch unter Ludwig XIV. zieht die Aristokratie nach Versailles. Der Glanz des Quartiers verblasst, auch Haussmann lässt es fast unberührt. Im 19. Jahrhundert zogen immer mehr aus Osteuropa geflohene Juden in das Armeleuteviertel Marais. Als in den 1960er Jahren die Fassaden bröckeln und immer mehr alte Paläste abgerissen werden, schlägt Kulturminister André Malraux Alarm, gibt Geld für Renovierungsprogramme und stellt das Viertel unter Schutz. Das Quartier ist gerettet und heute lebendiger denn je.

Bastille - Das Dorf in der Hauptstadt

An der Bastille ist die Hauptstadt ein Dorf. Zumindest tagsüber. Dann spielen die Jungs aus der Umgebung im Cour du Panier Fleuri Fußball, und durch die enge Rue de Lappe schlendern nur wenige Passanten. Doch wenn es dunkel wird, wandelt sich das einstige Handwerker- und Arbeiterviertel: In der Rue de Lappe gehen viele Rollläden erst gegen Abend hoch. Das Gässchen beginnt dann bunt zu leuchten, die vielen Clubs und Bars öffnen ihre Türen, und immer mehr amüsierfreudiges Publikum strömt von der Place de la Bastille ins Viertel.

Weit weg ist dann der Geschichtsunterricht, Französische Revolution, Kapitel eins: 14. Juli 1789, Sturm auf die Bastille. Kein Wunder, Spuren dieses Fanals sind an der Place de la Bastille kaum noch zu finden, nur einige Pflastersteine erinnern an das in den Revolutionsjahren zerstörte Bastille-Gefängnis. Symbolisch aufgeladen ist der Platz jedoch bis heute. Zufriedene Bürger zelebrieren hier jedes Jahr in der Nacht auf den 14. Juli den Nationalfeiertag. Ansonsten machen unzufriedene ihrer Wut mit Demonstrationen Luft: Pariser sind berühmt für ihre Stürme der Entrüstung an der Place de la Bastille.

Quartier Latin - Zu teuer für Studenten

Studiert wird im Quartier Latin auch mal auf der Straße. Die beiden Amerikanerinnen vor "Shakespeare and Company" (siehe Fotostrecke)sind zwei der mehr als 300.000 Pariser Studenten, die das Viertel prägen. In der legendären Buchhandlung, die damals noch nicht in der Rue de la Bûcherie lag, verkehrten in den 1920er Jahren James Joyce und Schriftsteller der sogenannten lost generation wie Ernest Hemingway und F. Scott Fitzgerald. Heute macht die Studentenschaft einen eher aufstrebend optimistischen Eindruck. Vormittags wird in den Cafés diskutiert, später geht es über den Boul' Mich', den Boulevard Saint-Michel, zur Mittagspause in den Jardin du Luxembourg.

Das akademische Leben entwickelte sich schon im 13. Jahrhundert. Damals wurde das Sorbonne-Kolleg gegründet, wo die Theologiestudenten wohnen und sich ungestört mit den Thesen renommierter Dozenten wie Thomas von Aquin beschäftigten. Heute können sich nur noch wenige Studenten ein Zimmer im Quartier Latin leisten. Staatliche Institute mischen sich hier mit prestigeträchtigen Eliteunis wie der École Normale Supérieure. Deren Abgänger, darunter Georges Pompidou und Jean- Paul Sartre, haben auch einen Namen: les normaliens.

Saint-Germain-des-Prés - Der Klassiker

Der Ruf ist unzerstörbar. Saint-Germain-des-Prés ist das Viertel der Künstler, Schriftsteller und Intellektuellen, berühmt für seine legendären Cafés! Zwar gibt es hier reihenweise gute Lokale ohne große Geschichte, etwa die fast immer gut gefüllte "Bar du Marché" in der Rue de Buci. Um die Klassiker, das "Flore" am Boulevard Saint-Germain und "Les Deux Magots" gleich um die Ecke, kommt aber niemand herum. Das "Café de Flore" mochten schon Apollinaire und die Surrealisten, später waren es die Existenzialisten um Jean-Paul Sartre, noch später Stars wie Yves Montand, Roman Polanski, Brigitte Bardot. Und in "Les Deux Magots" an der Place Saint-Germain-des-Prés lernte Pablo Picasso seine Muse Dora Maar kennen.

Die große Vergangenheit hat das Viertel nicht zur Kopie seiner selbst gemacht, die Gegend wirkt nie museal. Aber durchaus arriviert. Die Studenten der École des Beaux-Arts skizzieren mittags in den Straßen rund um die Rue Saint-André des Arts Häuserfassaden, Verlagslektoren studieren Manuskripte, Buchhändler sortieren neue Ware ins Regal. Und bevor es abends auf die Vernissage geht, trifft man sich auf einen Snack beim Libanesen. Auch die Stars kommen noch immer, Frédéric Beigbeder etwa oder Karl Lagerfeld. Und natürlich sind ihre Bühnen das "Flore" und "Les Deux Magots".

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Autor:
Kathrin Sander