Paris Primitive Kunst in Frankreich

Am Quai Branly reichen wenige Schritte, um Europa zu verlassen. Hinter einer riesigen Glaswand verstummen die Geräusche, die Großstadt verschwindet. Ein üppiger Garten umfängt den Besucher. Über 75.000 Pflanzen, Bambus, Schilf, Magnolien, Farne. Europa und die Götzen der westlichen Welt verflüchtigen sich. Mitten in diesem angedeuteten Urwald steht das rostrote Gebäude des Musée du Quai Branly, das Reich der fremden Götter. Die weißen, gewundenen Eingangsflure münden in dunkle Passagen, es wird schwarz um den Besucher, ein Neustart im Kopf: Das Eurozentrische, die gewohnten Sichtweisen sollen sich auflösen. Hier endet bekanntes Territorium.

Eine androgyne Holzfigur glotzt, hängebrüstig und bärtig mit geschnitztem Perlenschmuck, beinlos, ihr rechter Arm fehlt, der linke ist steil nach oben gestreckt. Ihre Augen schauen hohl, starren den Besucher an, dicke Lippen wölben sich. Die Statue stammt aus Mali, 10. bis 11. Jahrhundert, einst tanzten Stammeskrieger um sie herum.

Durch den dunklen Raum flirren australische Gesänge, das Dröhnen eines Didgeridoos, Buschtrommeln von links, afrikanische Beschwörungen von rechts. Der Besucher erlebt andere Welten, andere Zeiten, die Formeln einer fremden Ästhetik.

Ein Schwarz-Weiß-Film läuft auf einem Bildschirm, zeigt Initiationstänze aus Papua-Neuguinea: nackte Kinder, stampfende Männer unter Palmen. Die Kinder werden symbolisch umgebracht, ein Schnitt die Kehle entlang; es ist ein Ritual, die angedeutete Qual des Erwachsenwerdens. Ein Mann steht mit seinem Sohn vor den Szenen vom anderen Ende des Globus. "Papa, was machen die da?", fragt der Sohn. Der Vater wartet einen Moment, verfolgt den Film. "Die Kinder des Stammes werden groß", sagt er. "Sie werden nicht mehr bei den Müttern sein, sie werden von nun an jagen." Die Gesichter der Inselkinder sind bemalt wie Geisterfratzen, die Kleinen tragen Pfeile. Der französische Sohn schweigt.

Sein Vater nimmt ihn an der Hand, die beiden gehen weiter, vorbei an den Bildern und Glaubensmanifesten der Urvölker. Masken hängen an den Wänden, Steinphalli aus Thailand und schlangenköpfige Hunde mit drei Beinen posieren in Vitrinen, Körper aus Bambus, Visagen aus Holz, Blasinstrumente aus Mahagoniborke. Die Geschichten werden immer verrückter. Was hat die Welt alles zu erzählen? Vater und Sohn stehen vor Penisköchern und Schamanenfedern, vor Muschelmosaiken aus Guatemala und Puppen aus der Südsee, die bemalt sind wie kubistische Rätsel. Es wird wenig gesprochen. Doch das Schweigen ist ein anderes als in den großen Pariser Kunsttempeln. Es ist nicht das ehrfürchtige Bewundern großer Meister, sondern die Vielfalt, die hier sprachlos macht. Die grenzenlose Phantasie, mit der die Völker der Welt die Fragen des Daseins deuten und gedeutet haben.

Das Kuriosum unweit des Eifelturms

Die Eröffnung des Musée du Quai Branly im Juni 2006 ging wie ein Paukenschlag durch Paris. Die Stadt, die so stolz auf ihre namhaften Museen ist, den Louvre, das Centre Pompidou, bekam Nachwuchs, höchst eigenwilligen Nachwuchs. Denn dieses neue Museum schlug eine andere Richtung ein. Über 3500 Stücke aus einer Sammlung von 300.000 Objekten sind ausgestellt, sie stammen größtenteils aus dem Fundus des Musée de l'Homme und des Nationalmuseums für afrikanische und ozeanische Kunst. Jacques Kerchache, begeisterter Sammler und Kämpfer für die Anerkennung der außereuropäischen Kunst, wollte die Schätze dieses Genres Anfang der 1990er Jahre zunächst im Louvre unterbringen. Er engagierte sich, schrieb feurige Artikel in den Pariser Zeitungen, prägte den Begriff der arts premiers, der ersten Künste, um dem Begriff des Primitivismus etwas entgegenzusetzen.

Aber nein, doch nicht der Louvre! Der Louvre, das sind die heiligen Hallen von da Vinci, Delacroix, Raffael. Die Wilden wollte man hier nicht haben. Kerchache lernte Jacques Chirac kennen, Bürgermeister von Paris, später Staatspräsident, ein Freund fremder Kulturen und bald Befürworter des Projekts. 1996 wurde es angeschoben: ein neues, ein eigenes, ein ganz großes Museum für nichteuropäische Kunst. Es sollte zur Wallfahrtsstätte werden, eine Hommage an die arts premiers - modern, grandios, schillernd und mitten in Paris.

Es gab grünes Licht von den drei zuständigen Ministerien für Kultur, Finanzen und Bildung. Der Stararchitekt Jean Nouvel baute auf einem gut zwei Hektar großen Grundstück in bester Lage am südlichen Seine-Ufer. Die Pariser schauten skeptisch zu, als das Kuriosum unweit des Eiffelturms aus dem Boden wuchs. Auf 26 Pfeilern liegt der Gebäudekomplex, ein Schachtelgebilde, gesäumt von der 200 Meter langen Glaswand, die das dichte Grün des Gartens von der Großstadt trennt. Zur Seine hin hängen Ausstellungsboxen wie rote und gelbe Bauklötze an der Hauptgalerie. Einige Kritiker verglichen den Bau mit einem futuristischen Flugzeugträger, andere mit einem Metalldinosaurier. Le Figaro schrieb von einem "schwebenden Safe".

Landschaftsarchitekt Gilles Clément legte die 18.000 Quadratmeter große Pflanzenwelt rund um das Gebäude an, der Botaniker Patrick Blanc zog sie vertikal die Fassade hinauf. Eine Illusion der Wildnis - das Museum sollte sich jenseits aller Regeln entfalten. "Mit diesem Museum wird Frankreich seine Beziehung zur nichteuropäischen Welt verbessern", prophezeite Chirac und hob das neue Museum am Quai Branly mit diesem Satz über die Ebene der Kunst hinaus. Zur Eröffnung kamen Staatsgäste und Minister, sogar der damalige UN-Generalsekretär Kofi Annan erschien zum Festakt.

Da stand es also. Nach zehn Jahren Vorbereitung, vier Premier-, fünf Kulturministern und Kosten von über 230 Millionen Euro. Doch was war von diesem Museum zu halten, das sein Architekt Jean Nouvel als einen "Sakralbau für mysteriöse Objekte, Träger geheimer Ansichten, Zeugen zugleich alter wie lebendiger Zivilisationen" bezeichnete? Was man nicht wollte, war klar: Die 10.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche sollten kein Panoptikum exotischer Folklore sein. Eher schon eine Begegnungsstätte, ein interpretationsfreier Raum für neue Blicke auf fremde Ausdrucksformen, auf die Kunst überhaupt. Doch die Interpretationen des interpretationsfreien Raums waren kontrovers - und das MQB, wie die Pariser ihr Museum bald nur noch nannten, wurde zum Streitobjekt.

Ein afrikanisches Disneyland?

Das Magazin Paris Match lobte das MQB als "das einzige Stück Gegenwartsarchitektur von Interesse in einer Hauptstadt, die vom Mut verlassen ist". Andere erkannten darin eher ein afrikanisches Disneyland, ein Prestige-objekt Chiracs, der sich wie seine Vorgänger mit einem pompösen Bauwerk verewigen wollte. Kritiker mahnten, Frankreich klammere seine koloniale Vergangenheit einfach aus. Aus Australien wehte ebenfalls kühler Wind. Das Haus stehe für "regressive Museologie, eine Darbietung schlechten Geschmacks".

Der Kampf der Kulturen, der Westen gegen den Rest der Welt, war längst ein globales Thema - und das Museum traf einen entzündeten Nerv. Denn in seinem Untertitel will es ein Ort sein, "wo sich Kulturen zum Dialog treffen". Doch während die Pariser Feuilletons über den Gehalt dieser Worte stritten, geschah etwas Unerwartetes, etwas Herrliches. Die Menschen spazierten ins Museum, sahen - und waren schlichtweg begeistert von der fremden Kunst. Von den Masken und phantasievollen Malereien der Afrikaner, Asiaten und Ozeanier. Sie bewunderten die alten Teppiche der Berber, die aus der Bauhaus-Weberei stammen könnten. Die wundersamen Skulpturen, mystischen Formen und naiven Muster, die entstanden, lange bevor Giacometti, Picasso und Baselitz in Europa von und für Millionen angehimmelt wurden.

Die primitive Kunst der außereuropäischen Völker wurde dank des MQB auf einmal salonfähig, mehr noch, sie wurde gefeiert. Dabei hatten die Pariser und auch die großen Meister die fremde Kunst ja schon lange entdeckt. Henri Matisse etwa schätzte sie in seiner Pariser Zeit: "Ich kam oft in der Rue de Rennes an einem Laden mit exotischen Kuriositäten vorbei. Es gab dort eine Ecke mit kleinen Negerstatuen aus Holz. Sie richteten sich ganz nach dem Material, hatten erfundene Proportionen. Eines schönen Tages ging ich hinein, kaufte eine für fünfzig Francs und ging zu Gertrude Stein, Picasso kam dazu ..."

Heute wird für die außereuropäische Kunst viel Geld bezahlt. Eine schwarze Holzfigur aus Gabun wurde kürzlich für rund 250.000 Euro gehandelt, naive Schnitzereien aus Papua-Neuguinea kosten um 100.000 Euro. Das MQB ist zu einer Art Epizentrum des Markts für exotische Kunst geworden, Millionenschätze lagern hier. Regelmäßig finden Sonderschauen in den Ost- und Westgalerien statt, sie zeigen Grabskulpturen aus Vietnam, Ahnenfiguren aus Korea, Bildnisse von Regengottheiten am Kongofluss. Auch Zeitgenössisches ist präsent: "Der Traum des Possums", ein wildes, buntes Acrylgemälde aus der australischen Wüste, entstand 1991.

Oben im dritten Stock, im blütenblauen Oberhemd und im weißen Ledersessel, Blick auf Paris, sitzt Stéphane Martin, Chef und Vordenker des Museums. Martin philosophiert gern über die Kunst, aber er ist auch ein Stratege, einer, der weiß, dass ein Museum heute raffiniert sein muss, um Erfolg zu haben.

Kunst aus Kröten, Ameisen und Baumrinden

Er kann zufrieden sein. Bei den Besucherzahlen liegt das MQB an vierter Stelle in Paris, gleich hinter Louvre, Centre Pompidou und dem Musée d'Orsay. 1,5 Millionen Besucher kommen pro Jahr, viele nicht zum ersten Mal, manche schauen sogar regelmäßig vorbei. Die meisten sind Franzosen, nur zwanzig Prozent Touristen aus dem Ausland. Die Pariser haben ihre Skepsis gegenüber dem MQB längst abgelegt, jetzt sind sie stolz. Jedes Jahr erwirbt das Haus neue Exponate für zwei Millionen Euro, Kurioses und Zeitgenössisches, Holzfische von den Salomon-Inseln, sulawesische Fingermalereien aus Lehm.

Der Museumschef Martin hält nicht viel von all dem Gerede, von all der Politik um die fremde Kunst. "Wir haben keine bestimmte Botschaft. Wir wollen nicht in einem alten Korsett funktionieren, dem Besucher keine Deutungen aufzwingen." Er lehnt sich in seinem Sessel zurück, er kann freundlich lächeln, wirkt unaufgeregt. Ein Pariser Intellektueller der neuen Schule, leise, effektiv, scharfsinnig. "Denjenigen, die glauben, ein völkerkundlich orientiertes Museum müsse die wissenschaftliche Erkenntnis in den Vordergrund stellen, halten wir unser Haus entgegen." Ihm geht es in erster Linie um die Kunst. Hat sein Haus eine Aufgabe? Martin überlegt, fährt sich über seine Fastglatze. "Das Museum will vor allem Teil des Pariser Lebens sein, die Leute sollen ein- und ausgehen, verweilen, Stimmungen mitnehmen, sehen, entspannen. Ein gutes Museum ist wie ein Park."

Martin und sein Haus müssen viel bieten. Die Wahrnehmungsgewohnheiten haben sich verändert, kein Museum kann heute noch allein von Kunst hinter Glas leben. Daher spielen im MQB afrikanische Popcombos und Jazzbands, Autoren lesen aus ihren Werken, und an Themen-Soireen tanzen die Wodaabe aus Niger. Es gibt eine Bibliothek, Archive, Multimediasäle, eine Datenbank mit 700.000 Dokumenten, ein Gartencafé mit Nizza-Salat und gutem Wein, ein Shop mit Bildbänden, Amuletten und afrikanischen Gedichtsammlungen. Spätestens hier wird Ethno zum Kult, die Exotik zur Ware. Den Teufelsmasken und malerischen Träumereien nimmt das nicht ihren Zauber. Oben im Museum schweben sie in den dunklen Räumen, all die Bilder, Figuren und Köpfe, und sie erzählen stumm ihre Geschichten von anderen Ufern, Flüssen, Meeren und Wäldern.

An der Seine ist die Sonne längst untergegangen. Die letzten Besucher verweilen noch im Museum, oben im Westflügel, zweite Ebene. Sie stehen vor dem Bild einer Süßwasserschildkröte, 1963 mit Farbpigmenten auf Baumrinde gemalt. Besehen sich ein Bild der Aborigines, "Traum von der fliegenden Ameise", knallbunte Kringel, Kreise, Linien. Eine einzige Explosion der Phantasie. Was ist Kunst? Manchmal besteht Kunst aus Kröten, Ameisen und Baumrinden. Besteht aus Vielfalt, der Fremde, dem unerklärlichen Dunst der Welt. Vielleicht machen sich die Besucher mit diesem Gedanken im Kopf auf den Weg zurück nach Europa. Draußen brummt Paris.

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Autor:
Marc Bielefeld