Frankreich Pariser Bahnhof Gare de l'Est

Alle haben es eilig am Gare de l'Est. Schließlich ist der Bahnhof im zehnten Pariser Bezirk Dreh- und Angelpunkt für über 120.000 Reisende am Tag, die in Frankreichs Osten oder über die Grenzen in die Schweiz, Luxemburg und nach Deutschland strömen. Nur einer steht gedankenverloren mitten im Strom der Vorbeieilenden und blickt nach unten - auf eine Metall-Plakette, die im Boden der Tickethalle eingelassen ist. "Hätten Sie die beim Vorübergehen bemerkt", fragt Robert Viala. Der Chef des Pariser Ostbahnhofs pfeift gut gelaunt zwischen den Sätzen. Sein Schul-Deutsch ist nicht so eingerostet, wie er selbst befürchtet hatte. "Das ist unser historischer Punkt Zero", sagt der 43-Jährige. "Von hier aus fuhren 1849 die ersten Züge nach Straßburg".

Nicht ohne Grund hieß der Gare de l'Est früher Gare de Strasbourg. Die prunkvolle Westfassade des Bahnhofes, entworfen vom Architekten Francois-Alexandre Duquesney, spiegelt die ehemalige Hauptverbindung auch stilistisch wider. Auf der Giebelspitze thront eine steinerne Allegorie der Stadt Straßburg, die historische Uhr unter ihr wird flankiert von zwei Figuren: der weiblichen "Seine" und dem männlichen "Rhein".

Doch der Ostbahnhof blieb nicht nur Ausgangspunkt für Fahrten an malerische Städte entlang der beiden Flüsse. Am späten Nachmittag des 4.Oktobers 1883 brach hier der legendäre Orient Express mit einer vorgespannten Dampflok zu seiner Jungfernfahrt auf. Vorläufige Endstation für das berühmte Luxushotel auf Rädern war damals noch die Hafenstadt Giurgiu in Rumänien an der Donau. Erst ab 1888 führte die Strecke bis Konstantinopel, dem heutigen Istanbul.

Die Eröffnung der Supertrasse

Nicht nur spektakuläre Ereignisse der Eisenbahnhistorie nahmen ihren Anfang auf den Gleisen des Ostbahnhofs. Viala deutet vom "Punkt Zero" aus nach oben, auf ein 60 Quadratmeter großes Kunstwerk, das am Kopfende der Alsace-Halle hängt. "Das ist ein Geschenk des amerikanischen Malers Albert Herter", erklärt Viala. "Eine Abschiedsszene am Bahnhof, aber keine Gewöhnliche." Ein junger Soldat steht in einer offenen Wagentür. In der einen Hand die Blume am Gewehr, in der anderen Hand schwenkt er eine Kappe.

"Das ist Everit, der Sohn des Malers", sagt Viala. "Er verabschiedete sich 1914 von den Gleisen an die Front und kehrte nicht wieder. 1918 starb er im Département Aisne, nicht weit von Château-Thierry, im Nordosten Frankreichs." Neben dem Andenken an die gefallenen Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg finden sich auch Gedenktafeln für die vom Gare de l'Est aus nach Deutschland deportierten Juden und für die französischen Widerstandskämpfer in den Reihen der französischen Staatsbahn.

Kurz nach der Anbringung des monumentalen Gemäldes zwischen 1924 und 1931 wurde der Ostbahnhof wegen des wachsenden Eisenbahnverkehrs um das Doppelte erweitert. Der heutige Ostflügel entspricht in seiner Form dem historischen Westflügel. Den Beton veredelte man mit Naturstein aus dem Burgund. Die Giebelfigur an der Spitze der Fassade steht für die Stadt Verdun, die Figuren an der östlichen Uhr symbolisieren die Flüsse Marne und Maas.

In 2007 hielt das Zeitalter des Hochgeschwindigkeitsverkehrs Einzug im Ostbahnhof. "Ein wichtiges Jahr für den Ostbahnhof", sagt Viala. Fast 100 Millionen Euro seien damals investiert worden, um den in jenen Tagen noch etwas tristen Bahnhof für den Empfang der deutschen und französischen Schnellzüge zu renovieren. Vor allem der zentrale Bereich zwischen Alsace- und Saint-Martin-Halle wurde aufgemotzt. Eine silbern-glänzende Glaskuppel ziert jetzt die Decke unter den mittlerweile acht Metro-Rolltreppen und bringt Tageslicht in die Bahnhofshalle. 150 neue Flachbild-Monitore geben Auskunft über Anschlusszüge, es gibt extra audiovisuelle Terminals für Behinderte, mehr Parkplätze und außerdem rund 2300 Quadratmeter zusätzlichen Platz für edle Geschäfte.

Die Eröffnung der neuen grenzüberschreitenden Supertrasse gründet auf einem Joint-Venture mit der Deutschen Bahn. Seit drei Jahren läuft der für den französischen Bahnverkehr umgerüstete ICE 3 nach rund vier Stunden Fahrt aus Frankfurt in den Gare de l'Est ein - umgekehrt fahren die Schnell-Züge der Franzosen bis ins tiefste Deutschland. "Wir haben sogar zwei Kameras, die mit dem Bahnhof in Frankfurt verbunden sind", sagt Viala, dessen Lieblingsstadt in Deutschland "Schwäbisch Hall" ist. Oder wie er es ausspricht "Schwäbisch Ol".

Miniatur-Bahnhof im Kellergewölbe

Der 43-jährige Viala hat schon zu Beginn seiner Karriere Erfahrungen mit Schnellzügen gesammelt. Nach dem Studium der Politischen Wissenschaften in Paris arbeitete er zunächst für zwei Jahre in Portugal. "Damals sollte ich untersuchen, ob es eine Möglichkeit gibt, einen schnellen TGW zwischen Porto und Lissabon zu bauen, doch das war damals zu teuer. Voilà, und heute gibt es dort immer noch keinen Schnellzug". Viala pfeift.

Seit 1992 arbeitet er mittlerweile für die französische Staatsbahn SNCF. Natürlich kennt er alle Orte im Ostbahnhof, auch solche, zu denen kein Reisender Zutritt hat. Den Miniatur-Bahnhof im Kellergeschoss des Pariser Ostbahnhofs zum Beispiel. Dieser Ort ist so skurril, es könnte dem finnischen Regisseur Aki Kaurismäki als Inspiration für eine neue Filmkulisse dienen.

"Das ist unique", sagt Robert Viala. "Wie sagt man auf Deutsch? Das gibt es nur bei uns! Passen Sie auf ihren Kopf auf." Der Chef des Pariser Ostbahnhofs krabbelt unter der selbst für einen geübten Limbo-Tänzer niedrige Absperrung hindurch auf die Innenseite der Modeleisenbahn. Dass er dabei seinen Nadelstreifen-Anzug mit dem Staub des Linoleum-Bodens beschmutzen könnte, scheint ihn nicht zu stören. "Das hier ist keine Spielzeug-Eisenbahn", sagt er und deutet auf einen Schalterkasten. " Die Züge hier fahren nach dem gleichen komplexen Strom-, Signal- und Steuerungssystemen wie die Echten bei uns oben."

Die Modeleisenbahn gehört zum Büro des Eisenbahn-Vereins Afac oder wenn man einen Zungenbrecher riskieren möchte, der "l'Association Française des Amis des Chemins de Fer", die seit 1929 im unterirdischen Teil des Ostbahnhofs ihren Hauptsitz hat. "Wie viele Mitglieder haben wir gerade in Paris?", fragt Viala die einzige Bürokraft eine Frau Mitte vierzig, die hier im gelben Licht der Neonröhren Akten verwaltet und Vereinsmitglieder empfängt - wenn denn mal jemand vorbei kommt. "350 sind es ungefähr noch". Blicken lassen hat heute sich bislang nur einer, ein Mann um die 70 in einem beigefarbenen Flanellanzug. "Das sind unsere wirklichen Spezialisten hier", sagt Viala und lacht. "Die Bahn ist ihre Verlobte."

Autor:
Bettina Hensel