Frankreich Geheimnisvolle Hochprovence

Zum fulminanten Schluss richtet die Natur den Mörder: Ein Blitz schlägt den Flüchtenden am Eingang zu den Clues de Barles von der Mobylette. Fini. Im Todessturz poltert die Trommel zu Boden, deren dumpfer Klang zumindest im Roman "Les Courriers de la mort" das Erkennungszeichen des Täters war. Es tritt auf Monsieur le Commissaire Laviolette: Bevor das Corpus delicti in den reißenden Bès rollt, greift er zu.Womit der ebenso rundliche wie renitente Kommissar den Beweis in der Hand hält und ein Verdacht zur Gewissheit wird: Der Mörder war immer der Dorflehrer. Das Motiv? Rache, Hass, Gier, mithin Gefühle so archaisch und unzähmbar wie die Natur der Hochprovence.

Die D900A schraubt sich durch quittengelbe Pappelwälder hoch nach Barles. Ein paar enge Kehren später mischen vom Wind schütter gerüttelte Eichen Rostrot unter das Gelb. Aus dem bunt gescheckten Pelz des Herbstwalds lugen plötzlich rabenschwarze, nackte Hänge. Kurz vor dem Dorf, das die Grenze zwischen Südalpen und Provence markiert, rücken die Felsen bedrohlich eng an den Asphalt: Bienvenue in den Clues de Barles. "Ich fahre gern zu den Tatorten meiner Verbrechen", sagt Pierre Magnan an der Stelle, wo der Dorflehrer von Barles in "Les Couriers de la mort" zu Fall kam. Eine gute Stunde dauerte die Fahrt von Forcalquier bis in die Schlucht am Massif des Monges.Auf dem Beifahrersitz summte der 84-Jährige Bach-Kantaten: "Bach ist die einzige Musik, die mich erfüllt". Nummer 140 ist Magnans Lieblingswerk.

In den Clues de Barles gibt das Amok laufende Wasser den Ton an. Mit Gebrüll kracht der Bès vom Fuß der 2739 Meter hohen Roche Close auf das Nadelöhr der Clues zu. Fast so, als wolle der Stein dem Gebirgsbach zuvorkommen, stürzen vom Himmel die geriffelten Felsenwände auf den Bès herab. Durch einen blassblauen Schlitz über unseren Köpfen meißelt sich die Sonne in das gotisch anmutende Faltengewand der Schlucht. Ein Auto rollt im Schritttempo vorbei. Ungläubig schaut der Fahrer dem Greis mit dem markanten, sonnengegerbten Gesicht hinterher, zögernd, ob er aussteigen soll.

Pierre Magnan ist kein Unbekannter in den Dörfern des Départements Alpes-de-Haute-Provence. Montags streift der Schriftsteller über den Markt von Forcalquier und hält anschließend im Café "Le Bourguet" so etwas wie eine öffentliche Sprechstunde. Die Lesungen im benachbarten Banon verursachen regelmäßig einen Menschenauflauf. Als Magnan das letzte Mal angekündigt war, gingen 1004 Bücher über die Theke der "Librairie Le Bleuet" seines Freundes Joël Gattefossé.

In jeder freien Minute sucht Magnan die Einsamkeit der Hochprovence. Eine am Ortsrand von Mane entdeckte Ruine lieferte die Kulisse für "Das ermordete Haus". Ein Briefkasten am Friedhofstor von Barles gab den Anstoß für die in Schönschrift verfasste Morddrohung in "Les Couriers de la mort". Das Château de Sauvan der Gebrüder Allibert, mit denen Magnan jahrzehntelange Freundschaft verbindet, rückt ins Zentrum von "La Folie Forcalquier".

Mit dem schlohweißen Schopf und den wasserblauen Augen ist Magnan eine Altersschönheit, die auffällt unter den von Wind und Wetter gegerbten Gesichtern des Départements Alpes-de-Haute-Provence. "Basses-Alpes", unterbricht Magnan freundlich. Basses-Alpes hieß das Département zwischen Lure-Gebirge, Verdon-Schlucht, Route Napoléon und Ubaye-Tal früher. Weil aber das Zauberwort Provence in jedem noch so prätentiösen Namen fremdenverkehrsförderlich wirkt, erfanden smarte Tourismusmanager das etwas künstliche "Alpes-de-Haute-Provence".

Magnan kam 1922, damit Lichtjahre vor der touristischen Entdeckung der menschenleeren Hochprovence in Manosque zur Welt. In der mit 21.000 Einwohnern größten (!) Stadt des Départements lernt der Jugendliche Jean Giono kennen. Der verschlossene Einzelgänger und literarische Autodidakt avanciert im Nu zum literarischen Vorbild des 16-Jährigen. Von Giono übernimmt Magan das Sujet aller weiteren schriftstellerischen Versuche: die Hochprovence. Auf dem Dachboden der Großeltern in der Altstadt von Manosque entsteht ein erster Roman. "L'Aube insolite" findet 1946 bei Kritik und Lesern halbwegs Wohlgefallen. Drei weitere Bücher werden Misserfolge. Der Verleger rät zu einem Résistance-Roman, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg sind heroische Widerstandsgeschichten Garant für einen Publikumserfolg.

Als überzeugter Pazifist lehnt Magnan ab. Die Verweigerung kommt einem selbst auferlegten Publikationsverbot gleich. Radikalpazifistische Standpunkte und vermeintlich unpolitische Themen wie die dramatische Schwere der Hochprovence sind im Frankreich der späten vierziger Jahre suspekt. Magnan verzichtet auf weitere Versuche, ein Buch zu veröffentlichen. Vorerst.

Um Geld zu verdienen, nimmt der verhinderte Schriftsteller im Raum Paris eine Anstellung bei einer Firma für Kühlsysteme an. Das tägliche Pendeln mit dem Vorortzug von Bueil nach Paris nutzt er, um zu schreiben. Vor dem Abteilfenster rauscht die Île-de-France vorbei, im Kopf hat der junge Angestellte die Hochprovence: "Ich könnte niemals einen Roman schreiben, der in Rio spielt, sondern nur einen, der in den Basses-Alpes beheimatet ist". Also schreibt er auf der Hinfahrt über den Herdenabtrieb im Oktober, bei dem sich tausende Schafe durch die Clues de Barles zwängen. Abends auf dem Rückweg dann über den Duft der Schnapsdestillerien, deren magerer Rauch kerzengerade im Winterhimmel steht.

Als nach knapp 30 Jahren die betriebsbedingte Kündigung ausgesprochen wird, ist Pierre Magnan 54. Die Rücklagen reichen für den Kauf eines halb zerfallenen Gehöfts mit Pigeonnier und 5000 Quadratmeter Land im von Landflucht gebeutelten Pays de Forcalquier. Es ist die Zeit, in der Giono von einer ganzen Lesergeneration wiederentdeckt und die Provence literatursalonfähig wird.

"Verbrechen sind ein Vorwand, um Stimmung einzufangen"

"Ich musste bei meiner Rückkehr in die Basses-Alpes Geld verdienen und beschloss, einen Roman über Digne zu schreiben. Krimis verkauften sich schon damals gut. Folglich zieht sich eine Blutspur durch "Le Sang des Artrides" (deutscher Titel: "Das Zimmer hinter dem Spiegel"). In dem 1977 veröffentlichten Sittenbild von Digne streckt ein Oberschüler die Liebhaber seiner verwitweten Mutter mit inzestuösem Furor nieder. Seine Waffe ist eine Steinschleuder. Als Geschosse dienen handverlesene Kiesel aus der Bléone, an deren Ufer Digne sich ausbreitet. Nur einer vermag die menschlichen Abgründe im bourgeoisen Mief der Präfekturstadt auszuloten: Kommissar Laviolette, den eine Strafversetzung (bitte, einen Vorgesetzten nennt man nicht ungestraft "Tante Louise") schnurstracks dahin verbracht hat, wo es ihm ohnehin am besten gefällt. In die Hochprovence eben.

In Digne war man trotz Laviolettes Liebesbekenntnis zum schmucklosen Städtchen nicht begeistert. Magnan beschönigt nichts. Nicht die "tödlichen" Winter, die alles Leben in der Stadt erstarren lassen. Nicht den Umstand, dass Godard-Filme in Digne nur selten in den Kinosaal kommen. Nicht die jämmerliche Mittelmäßigkeit, die auch die "schlecht eingestellten Lautsprecher" am Pankratius-Tag schwerlich überdröhnen. Es kam, wie es kommen musste: In Paris erhält "Le Sang des Artrides" 1978 den Prix du Quai des Orfèvres für den besten Krimi des Jahres.

Sechs Jahre darauf erscheint "La Maison assassinée" ("Das ermordete Haus"), dessen Geschichte auf eine Erzählung aus dem Mund von Magnans Großmutter zurückgeht. Nur der Vollmond ist Zeuge, als in einer Poststation über dem Durance-Tal die Familie des Fuhrhalters Monge bestialisch niedergemetzelt wird. Die mit Imkerhauben vermummten Täter übersehen in der Wiege den erst wenige Monate alten Säugling. Oder wurde Séraphin bewusst verschont?

Die Zeit heilt bei Magnan keine Wunden. 23 Jahre später kehrt Séraphin Monge aus den Schützengräben des Ersten Weltkriegs in die Hochprovence zurück. Ein Unversehrter unter den gueules cassées, den Kriegsentstellten, die Frankreich traumatisieren. Der gut aussehende Hüne trägt das elterliche Haus Stein für Stein ab. Mit drei Schuldscheinen glaubt er eine Spur zu finden. Falsch. Wie schon im "Zimmer hinter dem Spiegel" gibt es kein Entrinnen, sondern nur Verstrickung in Schuld. Ausgerechnet die Töchter der mutmaßlichen Mörder buhlen um den getriebenen Séraphin. "La Maison assassinée" wird Magnans bislang größter Erfolg. Der Roman über das Grauen, das aus der Idylle kommt, erscheint auch auf Englisch, Italienisch, Spanisch, Griechisch, auf Norwegisch, Schwedisch, Dänisch, als erstes Magnan-Buch auf Deutsch und wird verfilmt.

Auf der Höhe seines Ruhms sorgt Magnan, von dessen Büchern allein in Frankreich 2,8 Millionen verkauft worden sind, für einen literarischen Skandal. Dazu reicht ihm ein Satz zu bester Sendezeit in der prominenten Literatursendung "Exlibris": "Ich bin ein Autor mittlerer Intelligenz, der für Menschen mittlerer Intelligenz schreibt". TF1-Moderator Patrick Poivre d'Arvor versuchte abzuwiegeln. Der ebenfalls geladene Paul Auster zog es vor, kein Wort zu verstehen. Zwei anwesende Prix Goncourt-Preisträger gaben sich verschnupft.

"Ich benenne die Dinge so, wie sie sind", kommentiert Magnan den Fernsehauftritt beim Bummel durch die Altstadt von Sisteron. Défense d'uriner mahnen Schilder in den Andrônes, den Tunnelgassen der vieille ville. Es riecht nach feuchten Wänden, vor sich hin schmurgelnden Tripes d'Agneau, in abgelegenen Winkeln auch danach, dass die Schilder wenig Beachtung finden. Wolken verhängen die Zitadelle, die ungeschlacht über dem Bauch von Sisteron thront.

Kurzum, so sieht ein Szenario nach Magnans Geschmack aus. Und so nimmt das Drama in "Le secret des Andrônes" ("Tod unter der Glyzinie") seinen Lauf. Ein Sturz vom Wehrturm der Festungsanlage, die einst die Provence zum Dauphiné verriegelte, gibt den Auftakt zu einer halsbrecherischen Mordserie. Eine um die andere werden die Dienstmädchen von Rogeraine Gobert zu Tode gestürzt. Das Motiv spürt Kommissar Laviolette unter den verknoteten Ästen einer Glyzinie auf, die sich aus der Enge der Altstadt ans Licht windet: Habgier. Die Methode: Heimtücke. Einen langen Herbst geht das Morden, bis der Fall blutig gelöst wird. Als Laviolette zum Abschied einem Opfer Blumen aufs Grab legt, braust der Dezemberwind durch die schneeschweren Bäume.

Magnans Hochprovence ist keine heitere Urlaubslandschaft, sondern eine beklemmende Bühne für die menschliche Tragödie. Helden wie Opfern ist kein heiter-besoffenes Vergessen mit einem Glas Rosé unter der Platane vergönnt. La Montagnère, der eisige Nordwind, und der Nebel über der Durance bescheren düstere Herbstabende, die nach einem Glas Génépi verlangen. Oft ist nur der Vollmond Zeuge. In seinem fahlen Schein greift der Täter zu Blausäure oder Kieselstein. Niemals zum Revolver. Kühl berechnende Gangster sind Magnans Sache nicht. Die Täter sind vielmehr Getriebene, die in der Stille eines verschwiegenen Tals eines Tages den Grad zum Wahn überschreiten. Jahrelang leben sie inmitten der Trüffelsucher, Schäfer und Honoratioren, bevor das Morden so unausweichlich beginnt, wie der Winter die Hochprovence jedes Jahr in eine Landschaft von fast gewalttätiger Schönheit verwandelt.

Warum oft beides zusammenfällt? "Verbrechen sind für mich nur ein Vorwand, um eine Stimmung einzufangen, eine Abenddämmerung, ein Morgengrauen über der kargen, einsamen, tragischen Landschaft", gesteht Magnan.

High Noon à la provençale in Banon. Punkt zwölf rumpelt aus den Eichenwäldern eine Blecharmada klappriger Renault-Kastenwagen und japanischer Pickups zum Aperitif vor die Terrasse des "Hôtel des Voyageurs". In "Laviolette auf Trüffelsuche" spielt die Tiefkühltruhe des Etablissements eine grausige Rolle ... Unser Ziel aber ist die "Librairie Le Bleuet" auf der anderen Seite des Platzes. Der Banon-Krimi steht zusammen mit allen anderen lieferbaren Magnan-Titeln im Regal.

"Wissen Sie, an was ich denke, wenn ich all die Bücher sehe, die ich geschrieben habe?", fragt Magnan beim Blättern. Ich muss passen. "Nun, ich denke an die Bäume".

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Autor:
Klaus Simon