Côte d'Azur Frankreichs wohlklingenster Landstrich

"Gestatten: Jean, Jean Cocteau. Mein Name ist der Plural von Cocktail." Ob beim hundertjährigen Cognac in der Bar du Sube über dem Quai von Saint-Tropez oder beim Nachmittagstee im wenige Jahre jüngeren Negresco an der verkehrsumbrausten Promenade des Anglais in Nizza - es ist schwer, vom Personal die alten Anekdoten längst verstorbener Exzentriker nicht mitserviert zu bekommen. Très charmant - und doch Staubzucker, der das Image der Côte d'Azur manchmal eher grau als blau aussehen lässt.

Vor mehr als 200 Jahren entdeckten die hivernants, kränkelnde britische Winterfrischler, die Riviera zwischen Nizza und Cannes und blieben nach der beschwerlichen Anreise monatelang, ja oft lebenslang da - eine bahnbrechende Form des Reisens, die nicht nach Sehenswürdigkeiten und Bildung gierte, sondern ganz in der gesunden Lieblichkeit der Küstenlandschaft aufging. 1887 gelang dem Dichter Stephen Liégeard, wovon noch heute jeder Urlaubstexter träumt: der ultimative Slogan "Côte d'Azur", in dem magisch die Farbe des Meeres, das Blau der Romantik und der erotischen Liebessehnsucht zusammenspielt, wie sie Françoise Hardy in ihrem Chanson "L'heure bleue" besingt: C'est l'heure de l'attente quand on est amoureux attendre celui qu'on aime.

Im Goldenen Jahrhundert von 1860 bis 1970 musste tout le monde an der Küste der Zitronengärten und italienisch pittoresken Fischer- und Piratenstädtchen absteigen: Zarinnen und Generäle, Sänger und Kurtisanen, Tänzerinnen und Dichter, Hollywood-Stars und natürlich 007: "Die Côte d'Azur ist Bond-Territorium. Es ist definitiv eine der Gegenden, die er wie seine Westentasche kennt" (Pierce Brosnan). Dieser Reigen an Geld, müder Macht und Yacht-Prominenz hat eine einzigartige Kulisse an blühenden Parks und Villen, an Grandhotels und Uferpromenaden hinterlassen, deren optische Präsenz ewigen Frühling und nimmer endenden Wohlstand suggeriert.

Auf Zeitreise in eine Epoche virtuoser Selbstinszenierung gehen

Auch heute wird der Gast fast unweigerlich auf Zeitreise in eine Epoche virtuoser Selbstinszenierung geschickt: Wo auf der Welt kann man Domizile wie die marmorglatte Villa Kérylos durchstreifen, die sich ein sozialistischer Griechisch-Professor im Stil eines homerischen Hauses auf einer Meeresklippe in Beaulieu errichten ließ? Wo außer im Zitronenort Menton kann man in einem Standesamt heiraten, das ein homosexueller Künstler wie Jean Cocteau mit heitertiefgründigen Fresken ausgemalt hat? Wo kann man so stilvoll am Sandstrand eisgekühlten Pouilly-Fuissé schlürfen wie an der Baie de Pampelonne in Saint-Tropez?

"Für Neues ist an unseren zugebauten Küsten und überentdeckten villages perchés (Bergdörfern) nicht viel Platz:An der Côte d'Azur verändert sich die Welt langsamer als anderswo", meint denn auch die skeptische Marseiller Studentin Yvette, die durch die Flure der Villa Rothschild im besagten Beaulieu führt, in der eine jüdische Bankierstochter zwischen ihren Weltreisen einst Marie-Antoinette spielte. Wirklich? Heute sind die besten "Kunden" der Villa reiche Perser, die schiitische Hochzeiten in diesen Kulissen des Alten Europa feiern.

Denn hinter den Fassaden der Belle Époque hat sich alles verändert und genau das macht heute die morbide Spannung des Küstenstreifens aus. Die internationale Schicht, die einst den Luxus-Mythos schuf, begibt sich lieber in das Abenteuer Business, statt das Leben in Schönheit zu verträumen. Die Prominenz lässt sich alljährlich zum Filmfestival in Cannes sehen, englische Popstars erhalten nach wie vor ihre gesellschaftliche Champagnertaufe in Saint-Tropez, aber monatelang untertauchen, das tut man, wenn überhaupt noch, in einem Loft in New York oder auf einer Karibikinsel.Westlicher Zeitgeist, der es im Sinne von Sir Terence Conran vorzieht, Kaviar in einer umgebauten Garage zu zelebrieren, kann mit dem altmodisch ungebrochenen Luxus der Grandhotels, dieser Schlösser des 19. Jahrhunderts, wenig anfangen: unsophisticated, obsoleter französischer Pomp, viel zu wenig Hideaway. Längst entscheidet sich die weltweite Bademode nicht mehr an den liegestuhlbestückten Stränden zwischen Baie des Anges und Croisette ...

Doch zur Freude der Hoteliers, die in den vergangenen Jahrzehnten oft nicht wussten, wie sie ihre verstaubenden Hotelburgen füllen sollten und sie in Résidences umwandelten, sind längst neue dankbarere und ausgabefreudigere Nationen da: Japaner, Araber und allen voran les Russes, die an eine glorreiche Vergangenheit anknüpfen: ins Zarinnenbad Nizza mit seiner orthodoxen Nikolaus-Kathedrale starten täglich Charter von Moskau. Klar, dass sich die Paparazzi der Tageszeitung "Nice-Matin" auf die "barbarische" Opulenz der nouveaux riches einschießen, die nachts die Pelzboutiquen von Cannes und Nizza stürmen. Das Gros der Pauschalurlauber deckt sich derweilen spießig im Piroggenimbiss ein, der längst seinen Einzug an der Côte gehalten hat. Immerhin, hier tut sich Neues, und wenn sich an den Strandbars von La Californie oder Juan-les-Pins tätowierte britische Jugendliche aus dem Billigflieger mit jungen Slawinnen, die auf Schweizer Internaten Französisch büffeln, beschnüffeln, kann es spannend werden.

"Die Ausländer sind die einzige Mitgift, die das bis 1860 italienische Nizza in die Ehe mit Frankreich eingebracht hat", spottet der einheimische Dichter Max Gallo, selbst Sohn italienischer Immigranten. Internationalität ist bis heute das Lebenselixier dieser Region, in der ungewöhnlich viele Franzosen bereitwillig englisch sprechen und in der andererseits - schon aus Trotz gegen Paris - der nationalistische Front National überdurchschnittlich stark ist.

Einmalige Allianz zwischen Fels und Luxus

Raus aus dem Muff der Großstadtateliers: Ein Hauch Anti-Paris weht bis heute durch Frankreichs Vorzeigekunstlandschaft. Noch immer zehrt die Côte d'Azur vom jugendlichen, ja rebellischen Image moderner Malerei. Hier ist im blauen Licht des Midi Bahnbrechendes geschaffen worden: Picasso arbeitet in der Not der Nachkriegszeiten in Antibes mit lackbunten Bootsfarben, der zittrige Rollstuhlfahrer Renoir lässt sich im Olivenhain von Cagnes den Pinsel an die Hand binden, Matisse liebt das Fluidum des Südens und konzentriert sich doch auf japanisch- farbige Innenräume, und Chagall illustriert mit chassidischer Erzählfreude das Hohelied. Auch 40 Jahre nach ihrer Gründung becirct die Fondation Maeght am Ortsrand von Saint-Paul-de-Vence durch ihre futuristisch- luzide Konzeption - doch längst sind diese Meisterwerke auch Stationen einer bildungsbürgerlichen Pflichtreise geworden. Klassiker, die man anstaunt, wie man früher Rubens und Rembrandt seinen Tribut zollte. Selbst Nizzas "Junger Wilder" Yves Klein, der seine nackten Modelle sich in azurblauer Farbe wälzen ließ, ist längst ein Fall für das erfrischend aktuelle Museum MAMAC in seiner Heimatstadt. Würde ein Nachfolger im "geschlechtskorrekten" Heute mit ähnlichem Body-Painting auftreten, würde er genau den Skandal produzieren, der der künstlerisch saturierten Côte fehlt. Denn zu teuer, zu voll, auch im Hinterland zu etabliert, ist sie kein magischer Ort mehr, an dem sich junge Künstler reiben: eine Traum für Museumsbesucher, nicht für Kreative.

Wo steckt dann heute der élan vital, das ungebrochene blaue Leuchten der Côte d'Azur? Oder ist die älteste Tourismuslandschaft der Welt zur permanenten Nostalgieshow gekippt, in der der Tourismus seine eigene Geschichte besichtigt? Tatsache ist: Monaco hat die Kurve zur Moderne am besten gekriegt und in der Regenbogenpresse den verstädterten Badeorten Cannes, Nizza, ja Saint-Tropez den Rang abgelaufen. Ein Loft an der Condamine gilt in der Welt des Neuen Geldes als dynamisch. viel mehr als eine Villa in Cimiez - auch weil sich Monaco mit Formel 1 und Fußballteam ein modernes Image zu geben wusste, das die Idylle von Casino und Oper ergänzt und genauso viel Grimaldi-Glamour dosiert, wie es telegen statt zopfig wirkt.

Heißt das französische Gegenbeispiel dazu Sophia-Antipolis, die Wissenschafts- und Technologieschmiede? Unicampus und Silicon Valley mit Hunderten globalen Firmen auf dem knappen grünen Rasen bei Valbonne und Biot? Oder ist es doch das nahe am Kunstkitsch vorbeischrammende Saint-Paul-de-Vence, dessen mittelalterliches Zentrum fest in der Hand von Galerien und Boutiquen ist? Denn dort wird fast museal am Ortsrand das Einfachste gehegt: Unter Platanen treffen sich die Pétanque-Spieler auf der für Fremde gesperrten Boule-Bahn. Ist luxusfreie Normalität nicht das Seltenste an der Côte? Schwätzchen mit den Zitronenbauern von Menton, den letzten einheimischen Fischern, ja den lässigen flics, die in Bermudas die Strände entlangradeln, oder gar den allgegenwärtigen alten Damen mit penibel coiffiertem Pudel.

Meine liebsten Schauplätze einer bodenständigen Côte d'Azur sind die betörenden Märkte, die wie in Gilbert Bécauds Les Marchés de Provence "jeden Morgen nach Meer und Midi" duften. Antibes, Menton - hier wird unter einem Dach die geballte Palette französischer und italienischer Produkte angeboten: basilikumgrünes Pistou und olivenschwarze Tapenade, magentarote Ochsenherztomaten und mentongelbe Zitronen, Raviolibonbons und Rochenflügel. Spätestens seit Kochpapst Alain Ducasse, der als erster Chef in Paris und Monaco gleichzeitig Dreisternlokale führt, der Riviera ein begeistertes Kochbuch gewidmet hat, ist die Côte zur Schlüssellandschaft moderner cuisine française avanciert. Denn mit ihrer leichten Olivenöl- und Bittersalatküche liegt sie voll im mediterranen Trend, der längst Paris und die Gastro-Guides erreicht hat - eine inspirierendaktuelle Bereicherung der Grande Nation aus dem okzitanischen Süden.

Es hilft nichts: Wer die Côte d'Azur begreifen will, muss sich damit abfinden, Klischees zu genießen und glücklich über Luxus zu staunen. Ein ironischer Theaterblick hilft dabei mehr als eine prall gefüllte Scheckkarte. Denn ohne das Schauspiel des morbiden Luxus mit all seinen arroganten oder lässigen, komischen oder überforderten Darstellern wäre die Côte d'Azur ein austauschbares Stück Mittelmeer. Ein guter Tisch im Restaurant, ein Flirt auf einer mit Bougainvillea überblühten Bank hoch über der Bucht, der Duft eines Veilchenparfüms aus Grasse kann freilich ungemein helfen, die Sehnsucht und Sinnlichkeit, die aus dem glühend mediterranen Blau Yves Kleins spricht, an der Blauen Küste frisch zu erleben.

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Peter Peter