Paris Frankreichs grüne Gärten

Nicolas Sarkozy träumt von einem neuen Paris, einem grünen "Grand Paris", das nicht mehr zerfällt in Arm und Reich, in eine teure Innenstadt und eine triste Banlieue voller sozialer Brennpunkte. Er träumt vom Jahr 2030. Paris soll dann eine moderne, ökologische Hauptstadt sein, in der sich alle wohlfühlen. Und weil Sarkozy Präsident von Frankreich ist, hat er sich vorgenommen, seine Träume wahr werden zu lassen. Das hat Tradition bei den Regenten der Grande Nation.

Seit Jahrhunderten verewigen sich Könige, Kaiser und Staatsmänner regelmäßig mit großen Projekten in Paris. Ein Kontinuum dabei: Die Stadt soll grüner werden, neue Parks und Gärten sind gut fürs Renommee. Der Pionier des öffentlichen Pariser Parks war der Sonnenkönig. Bis zur Zeit Ludwigs XIV. waren die wenigen Grünflächen innerhalb der Stadtmauern für Klerus und Adel reserviert. Als der König den 28 Hektar großen Jardin des Tuileries im 17. Jahrhundert vom Gartengestalter André Le Nôtre zum französischen Bilderbuchpark voll Pracht und Symmetrie ummodellieren lässt, öffnet er ihn auch für die hon nêtes gens, die "anständigen Leute". Paris bekam seine Promeniermeile, die Tuilerien wurden schnell der Ort der Stadt, in dem der Bürger sich in seinen besten Kleidern zeigte. Die Pariser genossen das Grün, und Ludwig XIV. hatte ein Schmuckstück mehr, um das ihn andere europäische Höfe beneideten.

Doch die Pariser Parks sind nicht nur Prestigeprojekte der Herrschenden. Sie dienen auch dem Machterhalt. Das weiß Sarkozy, und das wusste Louis Napoléon, der ab 1848 mehr als zwanzig Jahre lang erst als Präsident, dann als Kaiser Frankreich und damit auch Paris regierte. Gärten machen die Bürger zufrieden. Und zufriedene Bürger bedeuten weniger Aufstände - seien es nun bürgerlich-liberale Revolutionen wie 1848 oder brennende Autos in der Banlieue wie 2005.

Louis Napoléon herrschte als Despot, die nötigen Mittel für seine Pläne aufzutreiben fiel ihm nicht schwer. Mitte des 19. Jahrhunderts beauftragte er den Pariser Präfekten Georges-Eugène Haussmann, zusammen mit Ingenieuren wie Jean-Charles Alphand zahlreiche Grünflächen umzugestalten. Öffentliche Parks entstanden nicht nur in den ehemaligen königlichen Jagdgebieten Bois de Boulogne und Bois de Vincennes, auch ein Landschaftsgarten im englischen Stil wurde angelegt: der Parc des Buttes-Chaumont im 19. Arrondissement.

Der Park bricht mit allen strengen Regeln französischer Gartenarchitektur. Es macht Spaß, dort zu schlendern, zu schauen, im Gras zu liegen und in die Sonne zu blinzeln oder einen der steilen Wege hinaufzulaufen. Eine hohe Brücke führt auf einen mächtigen Felsbrocken mit zerklüfteter Steilwand mitten in einem See. Auf dem Felsen thront ein Tempelchen mit schöner Aussicht. Wild und urwüchsig wirkt die Landschaft, dabei sind alle Wege geplant, die Felsen gebaut, die Natur gestaltet. Die Künstlichkeit ist gekonnt kaschiert, kaum ein Besucher bemerkt, dass er auf einem ehemaligen Gipssteinbruch spaziert.

Vom Ende des 18. Jahrhunderts an bis 1863 strömten hier Arbeiter in dunkle Schächte, um das wertvolle Material abzubauen. Haussmann überwachte den Umbau: Tausend Arbeiter, hundert Pferde und eine Menge Sprengstoff waren nötig, um aus dem Steinbruch ein Erholungsgebiet zu machen. 1867 wurde der Park eröffnet. Wer darauf achtet, erkennt noch heute einen alten Stolleneingang in der zwanzig Meter hohen Grotte mit den falschen Stalaktiten, in der ein wild - romantischer Wasserfall rauscht.

Sarkozy macht Haussmann Konkurrenz

Sarkozy hat die Stadt bislang noch nicht umgestaltet, aber er hat Visionen für einen Umbau, der Haussmanns Werk Konkurrenz machen könnte. Der Präsident rief einen Ideenwettbewerb unter Architekten und Stadtplanern aus. Die Besten der Branche sollten darüber nachdenken, wie das aus den Fugen geratene Paris saniert werden könnte. Zehn Finalisten präsentierten 2009 ihre Vorschläge, die das Bild der Stadt revolutionieren würden.

Der Franzose Antoine Grumbach und sein Team wollen Paris entlang der Seine bis ins rund 200 Kilometer entfernte Le Havre ausdehnen und dabei Natur, Landwirtschaft und urbane Flächen stärker miteinander verbinden. "Un Parc Ville Nature" nennt der Architekt sein Projekt. Das Pariser Architektenduo Sophie Denissof und Roland Castro stellt sich auf dem Fluss bei Vitry im Süden von Paris eine künstliche Geschäftsinsel vor. An allen Ecken und Enden sprießen dort Pflanzen aus den Hochhäusern, und am Boden ist keine Straße, dafür eine schon fast dschungelartige Parklandschaft zu sehen. Alle sind sich einig: Die Stadt muss grüner werden. An Ideen fehlt es nicht, nur weiß niemand, wie Sarkozys "Grand Paris" finanziert werden soll.

Ein Mann, der noch die Mittel hatte, seine Träume wahr werden zu lassen, war François Mitterrand. In den 1980er Jahren setzte er seine Marken in den verschiedensten Ecken der Stadt. Zu seinen grands projets zählen nicht nur Gebäude wie die Bibliothèque Nationale de France und die Bastille- Oper, sondern auch der jüngste Pariser Park, der mit 35 Hektar zugleich einer der größten ist: der Parc de la Villette. Er entstand auf dem Gelände der "Cité du Sang", der Blutstadt.

Hier am nordöstlichen Zipfel von Paris gab es seit Haussmanns Stadterneuerung einen riesigen Tiermarkt und Schlachthof. Rund 23.000 Schafe und 5000 Rinder wurden um 1900 täglich geschlachtet. Das letzte Tier sprang 1974 über die Klinge. Schon unter Valéry Giscard d'Estaing begann die Umgestaltung des Areals, doch dessen Pläne verwarf Mitterrand nach seinem Amtsantritt 1981. Er initiierte eine neue Ausschreibung, die der in Lausanne geborene Architekt Bernard Tschumi gewann. Seine Aufgabe war es, Grünflächen um Gebäude wie die "Cité de la Musique " und das aus der Bauruine einer Fleischverkaufshalle entstandene Wissenschaftsmuseum her um zu gestalten. Tschumi entwarf einen Park, der nicht durch Geometrie oder artifizielle Natürlichkeit beeindruckt, sondern durch seine überraschende Vielfalt.

In den großen Park baute der Schweizer kleine, in sich geschlossene Bereiche: Abenteuerspielplätze für Kinder, einen Spiegelgarten für (Selbst-)Verliebte, einen pädagogischen Pflanzengarten mit kostenlosen Rundgängen für Hobbygärtner. Und überall streute er ins Grün knallrote folies, Verrücktheiten, ein, kleine Würfelgebäude mit ganz unterschiedlichem Inhalt: Mal dienen sie als Ausstellungsfläche, mal als Eingang zu einem alten U-Boot der französischen Marine. Der Park funktioniert, die alte Regel greift noch immer: Ein Nachmittag im Grünen macht die Menschen zufrieden.

Beim Géode-Kino, einer spiegelnden Riesenkugel, feiern Künstler ihre neue Ausstellung. Hundert Meter weiter posiert eine Hochzeitsgesellschaft für das Gruppenfoto, um die Ecke stählen starke, sonnengebräunte Männer ihre Muskeln am Reck. Trommeln dröhnen aus einem schattigen Wäldchen, am Wochenende treffen sich hier Musiker aus ganz Paris. Ein afrikanisches Orchester rasselt, trommelt und singt sich in Ekstase. Einer der schwarzen Musiker sagt, er komme hierher, um nicht verrückt zu werden. Um den Kopf frei zu bekommen nach der anstrengenden Arbeitswoche. "Und das geht gut hier, mitten in der Natur." Sagt es und steht in einem durchkomponierten städtischen Park.

Die Tuilerien, Buttes-Chaumont, La Villette: all das sind Peanuts gegen die Projekte, die Sarkozy vorschweben. Ihm geht es um die Metropole der Zukunft, um einen neuen Lebensstil. Man kann das unbescheiden nennen oder visionär. Fest steht, dass der Präsident über die eigene Amtszeit hinausdenkt und sich damit von einigen seiner Vorgänger abhebt. Ob die Entwürfe seines "Grand Paris" jemals Realität werden, ist zurzeit ungewiss. Der Präsident, so heißt es, wolle es vorerst bei einer Ideensammlung belassen. Die Pariser müssen sich also zunächst mit dem Grün der Gegenwart begnügen und wählen dafür auch ungewöhnliche Orte.

Eines der schönsten Erholungsgebiete in der Stadt gehört den Toten: der Friedhof Père Lachaise, angelegt unter Napoleon Bonaparte im Jahre 1804. Nach und nach kam auf dem 44 Hektar großen Areal mit rund 69 000 Gräbern eine illustre Gesellschaft der Toten zusammen: Balzac, Chopin, Delacroix, Haussmann, Modigliani, Piaf, Wilde, sie alle liegen hier begraben. Es sind noch Plätze frei, zwei Quadratmeter kosten heute 11 533 Euro. Das Geld sichert den Ruheplatz bis in alle Ewigkeit, und wer ihn wählt, kann sicher sein, dass um die Toten her um Leben ist. Kinder toben und suchen Kastanien, amerikanische Touristen ver sammeln sich vor dem Grab von Doors- Frontmann Jim Morrison, Rentner treffen sich zum Schwatz, Filmteams wuseln zwischen den Wegen umher. Der Traum vom altehrwürdig steinernen Paris, das zugleich grün, friedlich und lebendig ist - auf diesem Friedhof hat er sich im Kleinen erfüllt.

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Autor:
Jonas Morgenthaler