Loire Feldzug im Forst: Jagen in Frankreich

Die 35 Männer sehen aus wie das letzte Aufgebot einer revolutionären Befreiungsarmee. Sie tragen verschlissene grüne Strickpullover und löchrige Regenjacken, bei manchen steckt ein Button am Revers: "J'aime la chasse", ich liebe die Jagd. "Ich will keinen sehen, der seine Waffe zu früh scharf macht", brüllt Jagdführer Serge die Männer vor dem alten Forsthaus an, während sie ihre Gewehre schultern. "Schießt nicht nach hinten, da könnte jemand sitzen".

Es ist Montag im Wald von Cheverny, und der Wind trägt von der Nationalstraße ein an- und abschwellendes Rauschen unter die kahlen Äste. Die Männer aus dem Dorf treffen sich zur chasse à tir, zur Pirsch. In 30 Jahre alten Schulbussen sind sie zum Treffpunkt geschaukelt worden. Bäcker mit Augenringen, rotbackige Winzer und rückenkranke Bauern - Männer, die das Jagen mehr lieben als ihre Frauen. Waffen werden geschultert, Flachmänner entsichert. Die Feuerkraft ist gewaltig.

Vier Kilometer weit können Gewehrkugeln fliegen, nicht immer bremst sie ein Baumstamm. Pro Jagdsaison werden in Frankreich angeblich 40 bis 60 Menschen erschossen. Solche Zahlen seien völlig übertrieben, versichern die Männer am Forsthaus, als sich die Karawane in Bewegung setzt. Einer humpelt. Er hatte seine Flinte an einen Baum gelehnt, bevor sie ins Gras fiel. Ein Schuss löste sich. Dumm gelaufen, aber was hilft es: Der Wald ist das letzte Vergnügungsviertel der Männer aus dem einsamen Landstrich der Sologne.

Die Dörfer veröden in dem stillen Landstrich zwischen Orléans und Vierzon, seit die Jugend in die Städte zieht. Erst schließen die Cafés, dann die Schulen, zuletzt machen die Kirchen dicht. Was bleibt, ist die Jagd: ein viriler Lebensstil, nicht bloß ein Sport. An ihm werden die Männer mit aller Kraft festhalten. Die meisten der Montagsjäger haben bei den Wahlen ihre Stimme der anarchischen Volksbewegung "Chasse Pêche Nature Tradition" (CPNT) gegeben. Bei den letzten Europawahlen errang diese Jäger- und Fischer-Partei sieben Prozent der französischen Stimmen. Durch das Unterholz von Cheverny bricht eine ihrer lärmigsten Ortsgruppen. "Alle Subventionen werden in die Städte gesteckt. Wir haben unser ländliches Leben: Das müssen wir verteidigen", schimpft der Metzger.

Die letzten Vorrechte des Kleinbürgertums sind in Gefahr. Lange durfte in Frankreich während der Saison jeder fast überall schießen. Jagd auch auf fremdem Boden war Gewohnheitsrecht geworden, nachdem Graf Mirabeau in der Revolution durchgesetzt hatte, dass alle Landbesitzer, nicht nur die Adligen, jagen durften. Frankreichs Grundbesitzer mussten sogar ihr Privatgelände an die kommunalen Jagdgenossenschaften verpachten. Naturliebende Eigentümer sahen mit an, wie Jäger auf ihrem Grund alles niederballerten, was flog, lief oder sich sonstwie rührte. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte entschied jedoch: Niemand kann gezwungen werden, die Jagd auf seinem Grund und Boden zu dulden. Das Urteil war ein Affront gegen die französische Jäger-Lobby, eine tödliche Bedrohung ihrer einzigen Freude.

Im Wald von Cheverny würden einige der Jäger am liebsten jeden Europarichter ins Visier nehmen. Nur einer bleibt ruhig. Der 53-jährige Guy, Winzer von Beruf, flüstert: "Das mit der Jagd wird sich verlieren. Mein Sohn interessiert sich nicht dafür. Ich bin froh, dass er wenigstens in den Weinbau eingestiegen ist." In den vergangenen 20 Jahren hat sich in Frankreich die Zahl der Jäger um eine Million verringert. Aber immer noch verschießen 1,5 Millionen Franzosen jedes Jahr 9000 Tonnen Blei. Doch während die Zahl der Weidmänner zurückging, stieg die Liebe vieler Franzosen zu ihren ballernden Bodentruppen. Jäger seien unverzichtbar, schreibt ein Soziologe. Frankreich fehle sonst ein kulturelles Bindeglied: zum Tier, zur Beute, zum Leben und zum Tod.

Serge, der Jagdführer, hat seine Leute an der Waldschneise postiert. 23 schussbereite Jäger warten darauf, dass ihnen ein Hirsch vor die Büchse springt. Die restlichen 13 durchkämmen den Wald mit Hunden, um das Wild herauszutreiben. Stundenlang hecheln sie ihren Kötern hinterher, die alle paar Meter eine neue Spur aufnehmen. Es gibt Hunde, die der Wald so erregt, dass sie tagelang im Unterholz verschwinden. Zur Sicherheit empfiehlt die Fachzeitschrift Plaisirs de la chasse ("Jagdvergnügen") eine Funkverbindung: "Damit Sie Ihr Tier auch in zehn Kilometern Entfernung wiederfinden." Hier tragen die Hunde keine Sender am Hals, dafür neongelbe Streifen um den Bauch. Die Leuchtfarbe soll verhindern, dass Schützen sie an der Waldschneise für Frischlinge halten.

Guy, der Winzer, und Michel, der Landwirt im Ruhestand, stehen an einem Steinhaufen und diskutieren erhitzt: Sie haben braune Brocken zwischen den Steinen entdeckt. Michel: "Das ist Wildschweinscheiße!" Guy: "Ich würde sagen, Hunde". Michel: "Wildschwein, das sieht man doch!" Guy: "Gut. Du musst es wissen." Die Jäger meinen es ernst, bei jeder Spurensuche. Michels Hund bellt. "Halt die Klappe, Marseille!" Ein Jagdhorn hupt auf der anderen Waldseite. Das ist das Signal. Michel versteckt sich hinter seinem Stamm. Der 76-Jährige lädt drei Patronen. "Wer die erste danebensetzt, trifft mit den anderen auch nicht", keucht er. Er schwitzt, seine dicken Brillengläser laufen an, Wasser tropft auf den grünen Overall. "Früher machte es mir Spaß, mit den Hunden durch den Wald zu rennen." Inzwischen hat Michel Herzprobleme. "Jetzt stehe ich hier rum und muss schießen." Er grient: "Wissen Sie, ich bin ein bisschen taub und ein schlechter Schütze".

"Wir halten auf alles drauf, was sich bewegt"

Die Vögel zwitschern, die Zehen frieren, aber kein Hirsch springt in die Schneise. Nur ein Auto rollt den Waldweg entlang, der Fahrer muss alle Warnschilder ignoriert haben. "Wir halten auf alles drauf, was sich bewegt", brummelt Michel. "Zuerst auf die Umweltschützer, dann auf die Alten!" Ein Schuss fällt, Michel stupst seinen Nebenmann: "Was rufen die?" Draufgehalten, aber nichts getroffen. Die Jäger haben Codes vereinbart und posaunen sie mit den Jagdhörnern durch den Wald. Guy gräbt sich wieder ein. Er hat vor einem Baumstamm ein Versteck aus Ästen und Zweigen gebaut, dahinter kauert er jetzt, stundenlang.

Jeder Jäger lebt von der Hoffnung auf den nächsten Treffer. Ein geglückter Schuss lässt ihn die einsamen Tage vergessen, die er im Dornengestrüpp absaß, all die verregneten Montage, an denen er durchnässt und frierend aus dem Wald nach Hause kam, ohne einen Hirsch auch nur gesehen zu haben. Guy hat ein zartes Gesicht, feine Hände, viel zu fein für einen, der die meiste Zeit des Jahres im Freien verbringt. "Bei großen Tieren spürt man sofort, wenn sie kommen, dann vibriert die Erde." Guy flüstert, damit die Hirsche ihn nicht wahrnehmen."Vor zwei Wochen hatte ich eine Sau, aber leider schoss ich daneben."

Die Männer kauern, horchen in den Wald. Irgendwann zittert die Erde. Das Laub raschelt. Die Zweige biegen sich. Kino im Forst, Dolby-Surround im Kopf. Spinnen die Sinne, oder steht er wirklich in der Waldschneise? Guy schießt. Der Hirsch hat überlebt, anderes Getier liegt auf dem Grill. Mittagspause im Forsthaus Le Boqueteau. Andouillettes brutzeln über der Glut, mit Brät gefüllte Schweinedärme. Dazu gibt es Blutwürste, Wildschweinpastete und Salat. Hätte die Hütte Rauchmelder, die Feuerwehr wäre längst hier.

Schulter an Schulter sitzen die Jäger auf den Holzbänken. An den langen Tischen gibt es eine Regel: Jeder nimmt, jeder gibt. Guy hat seinen roten Touraine mitgebracht, Michel selbst gebrannten Schnaps. Birne und Pflaume - beides guter Stoff für blutrünstige Geschichten. Mit jedem Schluck wird die Beute größer. "Tausend Hasen haben wir damals an einem Nachmittag erstochen." Früher gingen die Jäger nach dem Mittagessen nicht mehr auf die Pirsch, sie waren zu betrunken. Heute müssen sie am Nachmittag jagen, um auszunüchtern. Gendarmen kontrollieren während der Saison die Eingänge der Wälder.

In Cheverny mutmaßt man, dass die frühere grüne Umweltministerin dahintersteckt. Als Mitglied der Anti-Jagdbewegung forderte sie, dass sich die Waidleute nach dem Essen einem Alkoholtest unterziehen sollen. Das war scharfe Munition gegen die Aktivisten der Jagd-Partei. Nie dürfte sich diese Politikerin ohne Bodyguards im Forst blicken lassen.

Während sich das Fußvolk der Jägerlobby im Wald abrackert, pflegen die Funktionäre das Tiere töten auf alte aristokratische Manier. Frédéric Herbet vertritt "Chasse Pêche Nature Tradition" im Nationalrat für Fauna und Flora und im Gemeinderat. Für Tierschützer muss der Unternehmer, dessen Manschetten exquisiten Pariser Geschmack verraten, die Inkarnation des Bösen sein. Neben Hirschen, Sauen und Füchsen schießt Herbet Vögel vom Himmel, wenn sie aus dem Norden Europas über Frankreich hinweg nach Afrika ziehen. Am liebsten räuchert er Dachshöhlen aus, um die Tiere mit einer Lanze aufzuspießen.

Für Herbet und die Jäger-Partei ist das Traditionspflege: "Das Töten eines Tieres ist doch nur ein kleiner Aspekt der Jagd, auf den sich die Journalisten immer konzentrieren." Am Abend erkundigt sich Herbet, ob das Rebhuhn mundet, das seine Frau in Rotweinsauce eingelegt hatte. Der Endvierziger ist ein charmanter Gastgeber. Besucher logieren in seinem Jagdhaus, das in Wahrheit ein Waldschlösschen mit Stallungen, einem Jagd-Butler und einem Anbau mit Jagdsaal ist; groß genug, dass man zwischen den ausgestopften Wildschweinen Hallenfußball spielen könnte. Viel Liebe steckt im Detail: Selbst noch vom Etikett des Parfumflacons im Bad röhrt ein Hirsch.

Die Herbets haben sich bei einer Hetzjagd kennen gelernt. Er war wegen der Hirsche gekommen, sie wegen der Pferde. Für das Wild interessierte sich die introvertierte Chirurgin damals noch nicht wirklich, es wurde en passant erlegt. "Wir haben hier schon immer Zugvögel gejagt", sagt Herbet und schenkt Rotwein nach. "In 80 Prozent der Fälle blieb die Vogelpopulation stabil, wir werden das mit einer Studie beweisen." Er schenkt Schnaps ein, dann beginnt er eine Wahlkampfrede aus dem Stegreif: "Es ist wichtig, dass die Jägerpartei die regionalen Machtzentren übernimmt. Morgen gehen Sie mit meiner Frau zur Hetzjagd." Halali, das war ein Befehl.

Die Herbets hetzen Hirsche mit der Équipage, der Jagdgesellschaft, von Cheverny. Die gepflegte chasse à courre, die Parforcejagd, findet mit 70 bissigen Hunden auf 600 Hektar Wald statt. Beides gehört dem Marquis von Vibraye - bei den Hunden ist das nicht zu übersehen, ihnen wurde ein großes V ins Fell rasiert. Die Kreuzung aus englischem Foxhound und französischen Poitevin arbeitet effizient. Trotzdem sollen im Wald noch 200 Hirsche leben. So viel Wild haben französische Könige einst während eines Nachmittags erlegt. Ludwig XV. zum Beispiel, sofern der Herzog von Luynes in seinen Erinnerungen nicht ein wenig übertreibt.

In der Petersburger Eremitage kann man eines der herrschaftlichen Jagdmesser besichtigen. Neben dem doppelten Monogramm des Königs wurde auf der Scheide der Satz eingraviert: "Ob bei der Jagd oder zu Tische, eine furchterregende Hand führt meine Klinge, sie schneidet den Tod in Stücke und lässt die Lebenden zittern." Ein Blutbad war die Regel, wenn der Souverän den Sattel bestieg. Heinrich IV. benötigte 184 Helfer für die Großwildjagd, er beschäftigte 137 Assistenten für die Wildschweinjagd und 97 Falkner. So viel Protz sollte die sozialen Unterschiede der französischen Kasten verschärfen. Wenn Frankreichs Aristokraten zur Jagd ausritten, hatte das gemeine Volk in Ehrfurcht zu erstarren.

Auch die Hatz von Cheverny hat ihre soziale Struktur. Vorneweg der Hirsch, getrieben von der Hundemeute, dahinter die Pferde, auf denen in traditioneller Jagduniform der moderne Geldadel sitzt. Neben der Familie des Marquis jagen in der Équipage vor allem Anwälte, Unternehmer und Banker. In gebührendem Abstand folgen die Jagdhelfer den Herrschaften mit Geländewagen. Ganz am Ende das Proletariat, jagdbegeisterte Dorfbewohner, die in ihren kleinen Renaults und Peugeots der Gesellschaft hinterher rasen. Im Kofferraum haben sie Rotwein und Picknickkörbe verstaut. Denn eine Hetzjagd, die kann dauern. Deshalb lautet die wichtigste Regel einer chasse à courre: Wer einen Hirsch zu Tode hetzen will, der darf ihn nicht verlieren.

Kluge Hirsche legen Finten. Sie suchen sich schwächere Artgenossen oder Jungtiere, um diese vor die Meute zu treiben. Das verwirrt die Hunde, und wenn es sie zu sehr verwirrt, dann wird es peinlich. Nichts ist schlimmer für einen Hetzjäger als eine planlos durch den Wald jagende Hundemeute. Die Jäger sagen dann, der Hirsch hatte eine faire Chance. Heute hat er keine, er ist schon nach drei Stunden am Ende. Vor Erschöpfung hängt ihm die Zunge aus dem Maul. Er sucht Wasser, um das Fieber zu drücken, das in seinem Körper brennt, und findet einen Weiher. Ein paar Köter stürzen sich mit ihm hinein, der Rest steht brüllend am Ufer. Der Hirsch kämpft. Immer wenn ihm die Meute zu nah kommt, richtet er seine letzte Verteidigungslinie auf: Ein spitzes Geweih gegen die gierigen Mäuler. Ein Ruderboot wird in den See gelassen. Der Piqueur muss zu seinem Opfer gerudert werden. Er trägt das Jagdmesser für den tödlichen Stich.

Vielleicht hätte der Hirsch mit einem Ausbruchsversuch ans Nordufer noch eine Chance. Aber sein Körper glüht, deshalb bleibt er im brusttiefen Wasser stehen. 35 lange Minuten schafft er es, den Piqueur abzuschütteln, 35 Minuten voller Todesangst. Warum muss es ein Messer sein, warum streckt ihn niemand mit einem gezielten Schuss nieder? Tradition, sagt die feine Jagdgesellschaft am Ufer. Sie feuert den Piqueur an: Der rammt das Messer dorthin, wo er das Herz vermutet. Wenigstens scheint er erfahren, der Hirsch hört schon nach zwei Stichen auf zu zucken. Dann zieht der Piqueur das Tier ans Ufer. Das Geweih ist am Ruderboot verkeilt und schleppt den leblosen Körper mit. Hundezähne schlagen hinein. Die Sonne bricht durch die Baumkronen und taut den überfrorenen Boden auf. Das Fleisch dampft. Laurent, der Piqueur, schneidet dem Hirsch einen Lauf ab. Vielleicht überreicht er ihn dem Marquis, vielleicht schenkt er ihn einer schönen Frau.

Die Jäger blasen in ihre Hörner, das Publikum beißt in seine Baguettes: Wildschweinpastete auf Cornichons, dazu ein Schluck 1998er Château de Vaugelas. Dann packt jemand das Geweih, zieht die Haut nach hinten weg. Nach gerade mal einer Minute ist der Fleischberg in 70 Hundemägen verschwunden. Ein alter Mann hat einen Herzinfarkt. Der Notarzt kommt und rettet ihn. Es ist wie bei Maupassant: "Ich liebe die Jagd leidenschaftlich; und das blutende Tier, das Blut auf dem Fell, das Blut auf meinen Händen ziehen mir mein Herz zusammen und lassen mich ohnmächtig werden." Vom Hirsch liegen nur noch Knochengerippe im Laub, begraben unter welken Blättern. Und seine strammen Schenkel, die man vorher beiseite gelegt hat. An einem hängt eine Plastikschlaufe mit einer fünfstelligen Nummer. Dieser hier bekommt die 10.009.

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Autor:
Ralf Eibl