Nachgeschenkt Der Schuss Unbelehrbarkeit

Als Provokation hat er es zunächst empfunden, sagt Jacques Couly. Nicht nur er, sondern die Mehrzahl der Winzer im mittleren Loire-Tal waren empört: Ausgerechnet ein Neuseeländer wollte der größten Weinnation der Welt zeigen, wie man Cabernet Franc erzeugt? Ungeheuerlich, unvorstellbar. Der Neuseeländer ist Sam Harrop, Master of Wine. 2005 begann er im Auftrag von Interloire, dem Dachverband der Loire-Winzer, seine Vorstellungen von einem Cabernet Franc zu vermitteln, der auch für andere Märkte als den einheimischen interessant sein sollte. Denn die Cabernets von der Loire galten als sehr eigenwillig.

Die Aufregung um Harrop war groß. Aber sie fiel in einen Zeitraum, in dem ohnehin der Haussegen schief hing in vielen Weingütern zwischen und um die Städte Tours und Saumur. Die jungen Winzer probten den Aufstand gegen ihre Väter und Großväter, die sich an Traditionen festklammerten, die zunehmend ihre Existenz bedrohten. Denn viele Cabernet Francs waren nur abgehärteten und daran gewöhnten Gaumen zumutbar. "Er schmeckte oft furchtbar, wie nasse Pappe", sagt Jacques Couly vom Weingut Couly-Dutheil. Während die Älteren es noch als nationale Pflicht ansahen, den oft sauren und herben Roten die Kehle hinunter zu befördern, lehnte die junge Generation den Schmerzenstrunk ab. Sie fand Gefallen an Weinen aus der Neuen Welt, ausstaffiert mit den Argumenten eines gefälligen Körpers und viel attraktiver als das spitze Gerippe des Cabernet Francs.

Endlose Diskussionen wurden in vielen Winzerfamilien ausgetragen. Immer wieder gab der Zeitpunkt der Traubenernte den Anlass für Streitigkeiten. Die alten Winzer wollten, wie immer, früh lesen lassen und kein Risiko eingehen, dass die Traubenmenge durch Frost oder Fäulnis geschädigt wird. Die nachrückende Generation wollte die Trauben möglichst lange reifen lassen. Dann nämlich verlieren die Cabernets ihre unangenehme, grüne Peperoni-Note. Ausgerechnet in dieser hitzigen Phase trat auch noch Sam Harrop auf den Plan, mit seiner Vision eines vermarktbaren Cabernets: Mehr Frucht sollte er haben und weniger harte, unreife Gerbstoffe.

Willkommen war Harrop nicht überall. "Er ist eine Modeerscheinung, die vorüberziehen wird", lehnte Pierre Breton von der Domaine Breton die Hilfe des Beraters von Anfang an ab. Breton hat schon immer gegen Konventionen gearbeitet. Schon 1993 begann er, seine Weine möglichst naturnah nach biologisch-dynamischen Richtlinien auszubauen. "Damals sagten die Leute, dass ich ein Träumer bin." Heute ist er einer der Stars des Cabernet Francs, seine Weine, wie der charakterstarke "Clos Sénéchal" von 2009 sind auch außerhalb Frankreichs gefragt.

"Es ist überall einfacher zu arbeiten als hier", sagt Sam Harrop, der auch in Portugal, Spanien und Südfrankreich Winzer berät. Nachhilfe für die Loire-Winzer, das hatte sich er sich einfacher vorgestellt. Der Schuss Unbelehrbarkeit, der als Element des französischen Naturells gilt, ist hier besonders ausgeprägt. Fährt man an der Loire entlang, sieht man Häuser, die in die Kalksteinfelsen gebaut worden sind. Wie Schwalbennester hängen sie da, manche so schief, als ob sie zu tief ins Glas geschaut hätten.

Weckruf im Weltkulturerbe

Das Val de Loire ist ein bezaubernder Ort, der im Jahr 2000 zum Weltkulturerbe erklärt worden ist. Er scheint so perfekt zu sein, dass seine Bewohner wenig Anlass sehen, etwas zu verändern. Hier tut sich die Gegenwart besonders schwer anzukommen. Aber jetzt wird das schlummernde Tal durchgerüttelt von aufgeschlossenen Winzern. Frédéric Mabileau zählt dazu, Gérard Vallée von der Domaine de la Cotelleraie, Arnaud Couly von Couly-Dutheil, Arnaud Lambert von der Domaine Saint de Just oder Charles Pain und Joël Taluau. Sie zählen zu den Winzern, die wieder mehr Respekt vor der Natur zeigen und sich Qualität mit viel Leidenschaft im Weinberg erarbeiten.

Das Resultat ist ein neuer Typus von Cabernet Franc, der seine Ruppigkeit gegen vornehme Eleganz eingetauscht hat. Weine wie Vallées "Le Vau Jaurmier", Lamberts "Le Clos Moleton" oder Mabileaus "Les Coutures", mit einer perfekten Balance zwischen Fruchttönen aus Kirschen und Cassis und einem feinen Säuregerüst, das nie Langeweile aufkommen lässt. "Die Welt weiß viel zu wenig von diesen tollen Weinen. Ihre Tannine sind ein delikates Parfüm", schwärmt Harrop, der die besten Cabernet Francs in eine Reihe stellt mit den großen Pinot Noirs, Barberas und Tempranillos.

Als weißes Pendant zum Cabernet Franc gilt die Chenin Blanc, eine Rebsorte, aus der an der Loire langlebige trockene Weißweine, animierende Schaumweine und überraschende Süßweine gewonnen werden. Vor allem aus der Appellation Vouvray kommen Chenin Blancs, die Ähnlichkeit aufweisen mit dem Riesling, dem Star unter den Weißweinen. Einer davon ist der "Clos la Lanterne" von Benoit Gautier aus dem Jahr 2009, der Aromen von Mandarine und Melone mit einer spielerischen Säure gekonnt verbindet.

Wie der Riesling ist der Chenin Blanc in der Lage, sein Terroir auszudrücken, klassische Vouvray-Bodentypen sind Lehmböden mit Kalkanteil und mit Feuerstein. Dieser Bodengeschmack findet sich in den Weinen häufig in einem aparten, leicht salzigen Finale, wie in dem trefflich gelungenen Chenin Blanc 2008 von Philippe Brisebarre. Ideale Lager- und Reifebedingungen finden die Chenin Blancs in den Tuffsteinkellern, die in die Flusshänge gebaut wurden. Hier reifen auch die Schaumweine der Domaine des Arbuisières, geführt von Bernard Fouquet, einem der Top-Winzer der Region. Bekannt für seine ausgezeichneten Schaumweine ist auch das Weingut Marc Brédif. Die Réserve Privée Brut Extrême eignet sich ausgezeichnet als Aperitif oder als Begleiter zu Austern.

Auch Sam Harrop hat sich inzwischen den Weißweinen der Loire zugewandt, nachdem er den Cabernet Franc mit einem kräftigen Anschwung auf einen guten Weg gebracht hat. Harrop engagiert sich seit kurzem bei der Groupe Blanc, die das Potential der Rebsorte Sauvignon Blanc herauskitzeln möchte. Auch wenn mancher Winzer ihn für entbehrlich hielt: Harrop hat dazu beigetragen, dass die in Tradition erstarrten Loire-Winzer sich wieder bewegen. "Ich habe erreicht, dass sie miteinander reden", sagt Harrop. Es sei eigentlich traurig, dass er an die Loire kommen musste. "Aber einer musste diese Blockade aus Traditionen aufbrechen."

Adressen und Bezugsquellen

Weingüter:

Couly-Dutheil,

Domaine Breton,

Frédéric Mabileau,

Domaine de la Cotelleraie,

Domaine Saint de Just,

Domaine Charles Pain,

Domaine Joël Taluau,

Benoit Gautier,

Vignoble Philippe Brisebarre, Vallée Chartier 37210 Vouvray, Telefon: 0033-247 52 63 07

Domaine des Arbuisières,

Domaine Marc Brédif,

Bezugsquellen in Deutschland:

Couly-Dutheil, ,

Domaine Pierre Breton, ,

Frédéric Mabileau, ,

Domaine de la Cotelleraie,

Domaine Saint de Just,

Domaine Marc Brédif,

Vignoble Philipp Brisebarre,

Domaine des Aubuisières, ,

Benoit Gautier,

Schlagworte:
Autor:
Rainer Schäfer